Spanien, Pamplona: Außer diesem Mann ist niemand mehr auf der Straße. Auch Spanien ruft wegen der Corona-Krise den Alarmzustand aus. Foto: dpa

Corona und das Gesundheitssystem

Madrid - sk. Die Virologin Marga del Val zählt zu den renommierten Wissenschaftlern in der Biomedizi...

Madrid - sk. Die Virologin Marga del Val zählt zu den renommierten Wissenschaftlern in der Biomedizin in Spanien. Die Forscherin am Zentrum für Molekularbiologie Severo Ochoa hat in den Sozialen Netzwerken und auf Webseiten von Universitäten einen offenen Brief veröffentlicht, in dem sie aus biomedizinischer Sicht Stellung zu den Schutzmaßnahmen gegen die Ausbreitung des Coronavirus nimmt. Die CBN veröffentlicht den Text in Auszügen. In voller Länge kann man ihn auf der Webseite der Complutense-Universität lesen: https://quimicas.ucm.es/noticias/texto-sobre-el-coronavirus-de-margarita-del-val-virologa-e-inmunologa „Ich verstehe euer Erstaunen und ich teile eure Meinung, dass nicht erklärt wird, warum solche ungewöhnlichen Maßnahmen getroffen werden. Ich verstehe auch nicht warum. Ich will die Maßnahmen vorneweg erstmal für alle die erklären, die meinen Text nicht bis zum Ende lesen werden. Kurzum, diese Maßnahmen werden nicht nur getroffen, um den Einzelnen von uns zu schützen, sondern um die Schwachen und diejenigen zu schützen, die sie behandeln. Damit das medizinische Personal nicht überlastet wird oder gar massenhaft erkrankt und uns weiter heilen kann. Ich verstehe auch, dass man die Bevölkerung nicht alarmieren will, um zu vermeiden, dass viele Personen unnötigerweise einen Arzt aufsuchen. Trotzdem vermisse ich wie ihr eine Erklärung für solch drastische Maßnahmen. Diese Punkte tragen aber meiner Meinung nach zu einem besseren Verständnis bei: Erstens, die Sterblichkeit scheint über der der Grippe zu liegen, aber die Risikogruppe ist ähnlich und wenn man „von so etwas wie einer Grippe“ spricht, liegt am nicht so daneben. Eine Grippe ist aber nicht so banal, wie wir oft glauben. Jedes Jahr sterben 6.300 Spanier daran und 30.000 werden in Krankenhäusern behandelt. Sie ist gefährlich für Personen mit bestimmten Vorerkrankungen und für die ältere Bevölkerung. Auf individueller Ebene sollte muss man sich nicht allzu viele Sorgen über das Coronavirus machen. ABER: auf gesellschaftlicher Ebene sieht das ganz anders aus. Es ist ein neues Virus und die Wissenschaft weiß wenig über ihn. Deswegen fallen Prognosen schwer.  Wir haben kein antivirales Medikament und keinen Impfstoff, gegen Grippe haben wir Impfstoffe, sicherlich verbesserungsfähige, aber wir haben welche. Diesem Virus steht unser Immunsystem vollkommen schutzlos gegenüber. Und es ist viel ansteckender als die Grippe. Theoretisch und ohne Isolierung, Quarantäne oder andere Schutzmaßnahmen könnte sich 100 Prozent der Bevölkerung innerhalb weniger Monate infizieren, wovon im schlimmsten aller Fälle 20 bis 25 Prozent Symptome zeigen würden. Die Grippe nimmt ein Prozent des Gesundheitssystems in Anspruch. Eine unkontrollierte Ausbreitung des Coronavirus aber würde unser Gesundheitssystem nicht verkraften, auch die 17 Prozent wie in China wäre eine Zahl an Patienten, die es nicht absorbieren könnte. Deswegen sind Quarantänen und jede Art von Maßnahmen wichtig, mit denen die Geschwindigkeit der Ausbreitung verlangsamt wird, denn wir werden uns fast alle infizieren. Wir müssen alle Zeit gewinnen, die nur möglich ist. Zeit, die wir brauchen, um ein Mittel oder einen Impfstoff zu entwickeln. Zeit und etwas Glück, damit es im Sommer zurückgeht oder vielleicht gar wie das Sars komplett verschwindet. Vor allem brauchen wir aber Zeit, damit die Gesundheitsversorgung keinen Kollaps erleidet. Denn es ist eine Krankheit, die mit medizinischer Behandlung viel weniger schädlich und tödlich ist als ohne sie. In Wuhan lag die Sterblichkeit zwischen acht bis 30-mal höher als in anderen Provinzen Chinas und der Grund dafür war der Mangel an Ressourcen. In Hubei kamen sie auf eine Rate von 1.200 Fällen auf eine Million Einwohner, und es mussten 16 Krankenhäuser binnen weniger Tage eingerichtet werden. In Italien haben wir gesehen, dass sich die Zahl der Angesteckten fast jede Woche verzehnfacht. Man muss nur mal hochrechnen und dann kann man sich leicht ausmalen, was für Folgen das am Ende dieses Monats haben würde, wenn wir keine Maßnahmen ergreifen würden. Deswegen muss man diesen Maßnahmen der Eingrenzung, Quarantäne und Isolation Folgen leisten, die die medizinischen Behörden empfehlen. Außerdem muss man vernünftig sein und sich selbst in der Pflege seiner sozialen Kontakte beschränken. Es geht nicht nur darum, ob ich mich anstecke oder nicht, sondern ob ich andere Personen anstecken könnte oder nicht. Seid euch bewusst, es ist eine Epidemie. Von Veranstaltungen oder nicht notwendigen Reisen sollten wir absehen, weil wir mit vielen Leuten in Kontakt kommen und viele Leute mit uns. Deswegen sollte man etwa die Schließung der Firma oder das Home Office nicht nutzen, um Besuche zu machen, sich mit Freunden zu treffen oder schnell einen kleinen Einkauf zu erledigen. Die Firma schickt nämlich keinen gesunden Mitarbeiter nach Hause, um ihn zu schützen, sondern damit er nicht zu einem Vehikel wird, das vielleicht über ein paar Ansteckungen hinweg kranke oder schwache Personen in den Tod schicken könnte. Es liegt in unseren – bitte stets gewaschenen – Händen, die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen."

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