Ein Polizist mit Mundschutz steht vor einem Anwesen.
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Die Corona-Krise trifft in Spanien Polizisten und Seniorenresidenzen hart.

Kinder dürfen an die frische Luft

Spanien bleibt dicht: Regierung verlängert Notstand bis 10. Mai

  • vonStephan Kippes
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Madrid traut dem Frieden an der Corona-Front noch nicht. Die Situation entschärft sich zwar langsam, doch es fehlen flächendeckende Tests.

  • Sánchez verlängert Ausgehsperre bis 10 Mai, aber lässt Kinder raus.
  • Tragödie in Altenheim in Alicante mit 15 Toten an einem Tag.
  • Lockerungen erst ab Mai in Sicht.

Die Menschen in Spanien können seit fünf Wochen nicht mehr aus dem Haus. Fast vier Millionen stecken in der Kurzarbeit, Unternehmen und Geschäfte mit Publikumsverkehr, die keine Lebensmittel verkaufen, haben seit Mitte März geschlossen. Vor diesem Szenario hat Ministerpräsident Pedro Sánchez angekündigt, das am 26. April auslaufende Notstandsdekret abermals um zwei Wochen bis einschließlich 9. Mai zu verlängern.

Nur die Kinder unter zwölf Jahren dürfen ab Montag, April, 27. April, wieder an die frische Luft – unter bestimmten Auflagen, auf die der Regierungschef noch nicht näher eingegangen ist. Wie diese Bedingungen aussehen, dürfte in den kommenden Tagen das Expertenkomitee unter Leitung von Umweltministerin Teresa Ribera bekanntgeben. “Es ist nur eine kleine Erleichterung”, sagte Ministerpräsident Pedro Sánchez. Kinder werden nur eine begrenzte Zeit, unter Aufsicht und strengen Vorsichtsmaßnahmen nach draußen dürfen. Damit gibt die Regierung dem Druck aus der Bevölkerung nach, da die Kinder bisher wahrscheinlich am härtesten von der Ausgehsperre betroffen und unter ihr gelitten haben.

Notstandsdekret: Lockerungen der Ausgangssperre nur schrittweise erst ab Mai

Die Lockerungen der Ausgehsperre sollen im Mai schrittweise erfolgen. Diesbezüglich will die Regierung stufenweise und mit großer Vorsicht vorgehen und im Falle von Fehlern oder Rückschlägen wieder umdisponieren. “Im Mai werden wir langsam den Weg in die Normalität beschreiten, Wir werden die Ausgehsperre vorsichtig und schrittweise aufheben. Wenn wir das geringsten Risiko bemerken, werden wir wieder stoppen. Wir werden Sicherheitsmaßnahmen in allen Haushalten und auch in den Arbeitsstätten erhöhen”, sagte Sánchez. Der Ministerpräsident kündigte auch an, die Preise für Atemschutzmasken und Desinfektionsgel zu beschränken.

Über drei Monate nach dem ersten Covid-19-Opfer in Valencia am 13. Februar hat das Gesundheitsministerium am Sonntag 20.453 Todesopfer, 195.944 Infizierte und 77.357 Gesundgeschriebene erfasst. Binnen 24 Stunden verloren 410 Menschen ihr Leben, der niedrigste Stand bisher im April.

Covid-19 in Seniorenresidenzen: 15 Tote in Alicante

Covid-19 wütet in Seniorenresidenzen weiter. Mehr als die Hälfte der an Covid-19 gestorbenen Patienten stammen aus Residenzen. Am Freitag erst beklagte die Seniorenresidenz Domus VI in Alicante 15 Todesopfer. Das privat betriebene Zentrum steht inzwischen unter der Verwaltung der Landesregierung Valencia. Allein an der Costa Blanca starben bereits 119 Bewohner von Seniorenresidenzen, 62 in der Anlage des gleichen Betreibers in Alcoy im Hinterland von Dénia.

Über die Kinder hinaus wollte die der Präsident die Zügeln des Notstandsdekrets noch nicht lockern, selbst den Sommerurlaub im Inland hielt der Präsident für noch nicht gesichert. Mit der Hoffnung auf Mai ließ er die Spanier zurück. “Wir haben die härtesten Momente mit Opferbereitschaft, Widerstand und Siegeswillen überstanden. Was wir erreicht haben, reicht aber noch nicht und ist zerbrechlich. Das können wir keinem Risiko aussetzen. Wir müssen noch etwas weiter kommen, bevor wir die Phase der Lockerung beginnen können”, sagte Sánchez.

Der jüngsten Umfrage des Instituts 40db im Auftrag der Zeitung “El País” zufolge, zeigten sich 58,5 Prozent der Spanien im Zeitraum vom 14. bis 16. April als sehr besorgt und 38 Prozent als ziemlich besorgt wegen der Corona-Pandemie. 59,3 Prozent der Spanier sprechen sich dafür aus, das strenge Ausgehverbot bestehen zu lassen, auch wenn in der Folge die Wirtschaft darunter leidet und Arbeitsplätze verloren gehen. Nur 21,9 Prozent befürwortet eine Lockerung der Auflagen, um die Wirtschaft anzukurbeln und nimmt dafür eine Ausbreitung des Virus in Kauf.

Am Sonntag konferierte Sánchez mit den Ministerpräsidenten der Autonomen Regionen. Da traten unter anderem die Vertreter von Valencia und Andalusien durchaus für Lockerungen ein. Andalusien und Murcia verzeichnen die geringen Ansteckungsraten mit 110 und 133 pro 100.000 Einwohner, Valencia kommt auf 199. Sánchez kündigte auch an, ab Mai das Notstandsdekret und seine Auflagen den Gegebenheiten vor Ort anzupassen und dabei den Grad der Ansteckungen sowie die Lage in den Krankenhäusern zu berücksichtigen.

Corona-Krise: Regierung hat spät reagiert

In der 40db-Umfrage kommt die Regierung nicht gut weg, 84,7 Prozent glaubt, Madrid habe spät auf die sanitäre Krise reagiert, 54 Prozent schreibt der Regierung mehr Fehlentscheidungen als richtige Maßnahmen zu und 44 Prozent glaubt, dass Spanien dieser Krise schlechter entgegenstellt als andere Länder. Trotzdem schiebt die Bevölkerung der Regierung nicht die Schuld zu. Wäre die PP an der Macht, hätte sie genauso gehandelt, glaubt 32 Prozent, schlechter meint 30 Prozent.

Die Regierung wird in den kommenden Tagen weiter die Tests ausweiten müssen. Sánchez nahm n der Ansprache Bezug auf die sechs Kriterien der Weltgesundheitsorganisation, die auf der Grundlage einer flächendeckenden und zuverlässigen Erfassung der Ausbreitungsgrades der Epidemie und der Immunität in der Bevölkerung beruhen.

Das Militär hat 750 Soldaten auf Abruf des Gesundheitsministeriums abgestellt, die in Zweier-Gruppen durch Spanien ziehen und in 50 Provinzen und in etwa 32.0000 Haushalten die Personen mit Schnell- und PCR-Tests darauf testen sollen, ob sie das Coronavirus in sich tragen. Diese Makrostudie unter Leitung des Instituts Carlos III soll Aufschluss über den Grad der Ansteckung in der Bevölkerung bringen. Die Operation Zendal - in Hommage an die Krankenschwester, die mit Doktor Francisco Balmis zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Pockenimpfung in die spanischen Kolonien in Amerika brachte - wickelt das Militär nur ab, falls das Gesundheitsministerium weiterhin kein geeignetes Personal findet oder aus den Kliniken abstellen kann.

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