ein alter Krankenwagen kämpft sich durch eine verschneite Strasse von Madrid.
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Das Militär in Spanien hat während des Unwetters Filomena sogar museal anmutendes Gerät eingesetzt, um die Krankenhäuser zu erreichen.

Covid-19 in Spanien

Coronavirus in Spanien: Pandemie außer Kontrolle, 464 Covid-Tote in 24 Stunden + Links, Daten, Updates

  • vonMarco Schicker
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  • Stephan Kippes
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Die „dritte Welle“ des Coronavirus tobt - so wie in Europa - auch in Spanien und stellt die vorherigen allmählich in den Schatten. Spaniens Regionen passen ihre Restriktionen an, aber der Gewöhnungseffekt verleitet zum Schlendrian. Experten und mehrere Regionen fordern häuslichen Lockdown, Mediziner warnen vor einem Kollaps des Gesundheitssystems, doch Madrid zuckt mit den Schultern. Spaniens Covid-Impfkampagne steckt in der Startphase fest.

Update, 24. Januar: Die neuesten Zahlen und Entwicklungen zum Coronavirus in Spanien gibt es in diesem neuen Ticker-Artikel.

Update, 21. Januar: Im Kampf gegen die Corona-Pandemie versuchen die 27 EU-Staaten, das Impfen zu beschleunigen und die gefürchteten neuen Virusvarianten einzudämmen. Bei einem Videogipfel am Donnerstagabend prüften die Staats- und Regierungschefs mögliche weitere Auflagen für nicht-notwendige Reisen, vor allem um hochansteckende Virusformen wie die aus Großbritannien und Südafrika fernzuhalten. Bürger und Wirtschaft könnten also neue Hindernisse bei Reisen und Transporten in Europa ins Haus stehen. Dabei hofften einige EU-Urlaubsländer wie Griechenland, Spanien oder Portugal, die Voraussetzungen für mehr Bewegungsfreiheit im Sommer zu schaffen: Sie warben für einen europäischen Corona-Impfpass, der einfacheres Reisen ermöglichen könnte. Beim Videogipfel zeichnete sich aber ab, dass der Impfpass zunächst nur ein medizinisches Dokument sein solle und kein Reisedokument.

Update, 21. Januar: Spanien verzeichnet an einem Tag 44.000 Neuinfektionen - ein neuer trauriger Rekord. Die 14-Tages-Inzidenz erreicht am Donnerstag den Stand von 795,65 in Spanien. Sechs Regionen in Spanien verzeichnen einen Wert von über 1.000 Neuinfektionen bei 100.000 Einwohnern in einem Zeitraum von zwei Wochen: Extremadura 1467,53, Murcia 1.286,90, Valencia 1.166,18, Kastilien León 1.142,34 Kastilien La Mancha 1.140,61 und La Rioja 1.134,79. Binnen einer Woche mussten 6.715 Patienten mit Covid-19 in Spaniens Krankenhäusern eingewiesen werden, 532 davon in Intensivstationen. Derzeit liegen insgesamt 26.542 Menschen mit Covid-19 in den Krankenhäusern, das entspricht der Einwohnerzahl einer Kleinstadt. In jedem fünften Krankenhausbett liegt ein Covid-Patient, das Coronavirus nimmt über 36 Prozent der zur Verfügung stehenden Intensivstationen in Beschlag, in Valencia sogar 57,5 Prozent und in La Rioja 60. Nur am gestrigen Donnerstag mussten 1.100 mehr in Krankenhäuser eingewiesen werden als Gesundgeschriebene sie verlassen konnten. 404 Menschen mit Covid-19 sind an einem Tag gestorben. Schlimm geht Covid-19 in Murcia um, vergangene Woche mussten 61 Patienten in der kleinen Region in die Intensivstation, im riesigen Andalusien waren es 53. Über 50 UCI-Neueinweisungen verzeichnen sonst noch Valencia mit 68 und Galicien mit 96. Jeder dritte Test in Valencia ist positiv, jeder fünfte in Murcia und Andalusien.

Update, 20. Januar, 18 Uhr: Das spanische Gesundheitsministerium meldet für vergangenen 24 Stunden 464 Covid-bedingte Todesfälle, 60 mehr als am Tag zuvor. Die 14-Tage-Inzidenz erreichte am Mittwoch landesweit 736, die Region Valencia erreichte 1.075 Fälle pro 100.000 Einwohner und ist damit eine von sechs Autonomen Gemeinschaften über 1.000. Am höchsten ist die Inzidenz in der Extremadura mit über 1.400 Fällen, am niedrigsten in Asturien mit 350, immer noch 150 Fälle über der Schwelle der „extrem hohen Gefährdung“.

Weitere Entwicklungen in den Printausgaben der Costa Nachrichten ab Mittwoch (CCN/CSN) und Donnerstag (CBN) an den Kiosken.

Coronavirus in Spanien und Europa: Daten vom 19. Januar 2021

Update, 20. Januar:

  • Inzidenz je 100.000 Einwohner in Spanien binnen 14 Tagen am 19. Januar (Vergleich 13. und 5. Januar): Andalusien 645 (356, 155), Balearen 678 (613, 531), Kanarische Inseln 179 (155, 127), Castilla y León 971 (539, 223), Madrid 804 (628, 408), Murcia 1.140 (713, 274), Valencia 984 (610, 364).
  • In ganz Spanien betrug die Inzidenz am 19. Januar 714 gegenüber 493 am 13. und 296 am 5. Januar. Der europäische Vergleich: In Deutschland betrug die 14-Tage Inzidenz am 19. Januar 319 (321, 310), in der Schweiz 499 (536, 558), Frankreich 381 (347, 270), Niederlande 529 (622, 761), Österreich 300 (335, 320), Großbritannien 1.080 (1.172, 960).
  • Der Anteil der positiven Tests betrug in Spanien per 16. Januar 17,2 Prozent gegenüber 18,2 Prozent am 9. Januar und 14,1 am 3. Januar. Die Regionen Valencia und Castilla La Mancha weisen landesweit am 16. Januar mit über 33 Prozent mit großem Abstand den höchsten Anteil positiver Covid-Tests aus. In Murcia und Andalusien beträgt dieser Anteil rund 20 Prozent.
  • Die Covid-Todesfälle beliefen sich binnen sieben Tagen per 19. Januar auf 952, am 13. Januar lag die Zahl der Toten pro Woche noch bei 735, wobei allein am Dienstag, 19. Januar 404 Covid-Tote für die letzten 24 Stunden in die Statistik einflossen. In der abgelaufenen Woche meldete Valencia mit 215 die meisten Covid-Toten (zuvor 197, vor zwei Wochen 203), gefolgt von Andalusien 137 (106, 75).
  • In den letzten sieben Tagen mussten (Stand 19.1.) 5.663 Menschen in Spanien wegen Covid neu in Krankenhäuser eingeliefert werden, in der Woche davor waren es 3.732. Davon kamen 464 (zuvor 310) auf Intensivstationen., sind also tendentiell in lebensbedrohlichem, kritischen Zustand. Insgesamt werden derzeit 24.185 (vor einer Woche 19.236) Personen stationär behandelt, davon 3.416 auf den UCIs.
  • Die Auslastung der Intensivstationen durch Covid-Patienten in Spanien beträgt landesweit am 19. Januar 33,7 Prozent, (am 13. Januar waren es 28 Prozent, am 20.12. 12 Prozent), am höchsten ist sie in Valencia mit über 53,8 Prozent am 19. Januar, 52,3 Prozent ein Tag zuvor sowie 45 Prozent vor einer Woche. Auch in Katalonien und La Rioja mit über 46 Prozent, auf den Balearen und in der Region Madrid sind die Belegungen der Intensivstationen mit über 42 Prozent im kritischen Bereich.
  • Die statstische Übersterblichkeit in Spanien wurde vom Nationalen Statistikinstitut (INE) für 2020 mit über 80.600 angegeben. So viele Menschen sindd mehr gestorben als im langjährigen Mittel, der Großteil davon wegen Covid-19. Eine genaue Erklärung der Übersterblichkeit in Spanien 2020.
  • Wichtige Links zum Coronavirus in Spanien:
  • Wer aktuelle Corona-Zahlen aus seiner spanischen Gemeinde sucht, wird hier für Andalusien unter „informe diario“ hier für Murcia und hier für Valencia fündig, die wichtigsten Corona-Fallzahlen aus den Gemeinden entlang der Costa Blanca haben wir hier für Sie in einer Tabelle zusammengefasst.
  • Alles Weitere zur Lage und den Corona-Restriktionen in den Regionen:
    in der Region Valencia (Costa Blanca), Region Murcia (Costa Cálida), Andalusien (Costa del Sol etc.).
  • Informationen zur Covid-Impfung für Ausländer in Spanien.
    Informationen zu den veränderten Reiseregeln von und nach Spanien.
  • Quelle: Ministerio de Sanidad.

Update, 19. Januar: Die obigen Zahlen zeigen einen massiven Anstieg der Inzidenz und der Auslastung der Krankenhäuser an. Spanien gehört nun wieder zu den Ländern mit den schlechtesten Werten in Europa. "Das spanische Gesundheitssystem wird diese Welle nicht bewältigen können", warnt am Montag, 18. Januar, María José Campillo, vom Dachverband der Gewerkschaften des Gesundheitswesens, CESM. "Sie können in den Krankenhäusern Betten aufstellen, wo sie wollen, aber es fehlt an Fachkräften, die sie betreuen. Das vorhandene Personal ist erschöpft. Wir brauchen einen neuen Hausarrest oder wir sehen uns wieder mit Bildern wie aus dem ersten Notstand konfrontiert."

Auch Álvaro Castellanos, Vizepräsident der Spanischen Gesellschaft für Intensivmedizin (SEMICYUC) spricht von "dem realen Risiko eines Kollapes, seit Ende Dezember nehmen die Einlieferungen exponentiell zu." Deren Worte werden sowohl durch die Belegungszahlen untermauert wie auch durch Nachrichten, dass Cafeterias, Kapellen und normale Stationen in Intensiv- oder Isolierstationen für Covid-Patienten umgewandelt und Feldlazarette belegt werden. Besonders dramatisch ist die Lage in der Region Valencia, in Katalonien, La Rioja, den beiden Kastilien, auf den Balearen und in Teilen der Region Madrid.

Fernando Simón, Leiter des sanitären Krisenstabes, sieht eine leichte Verlangsamung des seit Tagen sprunghaften Anstiegs der Inzidenz und meint: „Es sieht so aus als kommen wir langsam zur Spitze der neuen Welle“. Andere Experten sehen diese Spitze erst Ende Januar. Wie berichtet (siehe Update vom 16. Januar), fordern immer mehr Regionen von der Zentralregierung mehr Kompetenzen zur Ausweitung der abendlichen Ausgangssperren bis hin zum häuslichen Einschluss. Eine interterritoriale Konferenz am Mittwoch, 20. Januar, solle dies koordinieren, allerdings bräuchte es eine Neudefinition des laufenden Notstandsgesetzes, eine Erweiterung, die Regierungschef Sánchez zwar vornehmen könnte, die das Parlament aber bestätigen müsste. Einige Regionen, voran Kastilien und León überschreiten schon jetzt seine Kompetenzen und sieht sich dabei mit Gerichten konfrontiert. Auch andere Regionen wie Andalusien reizen ihren Handlungsspielraum bereits bis zum rechtlich zulässigen Maximum aus, Valencia, das derzeit zu den „Katastrophen-Gebieten“ in Spanien gehört, hat für den heutigen Dienstag weitere Verschärfung vorgesehen. Ein Update finden Sie hier.

Update, 18. Januar: Übersterblichkeit in Spanien: Covid-19 hat 2020 eine Stadt wie Benidorm ausgelöscht

Update, 16. Januar: Der Druck auf die Regierung von Ministerpräsident Pedro Sánchez wächst, abermals einen landesweiten Hausarrest zu verhängen. Am Freitag hat Spanien 40.197 Neuinfizierte mit dem Coronavirus binnen 24 Stunden erfasst. Ein weiterer, trauriger Rekord, zu dem gesellt sich eine 14-Tages-Inzidenz von 575 Fällen bei den Neuinfektionen umgerechnet auf 100.000 Einwohnern. Der Ministerpräsident von Murcia, Fernando López Miras, klagt, dass die spanische Regierung mit keiner Maßnahme auf die Hiobsbotschaft reagiert hätte. Die Vorsitzende der Ciudadanos, Inés Arrimadas, hat der Zentralregierung die Stimmen ihrer zehn Abgeordneten angeboten, um das Notstandsdekret entsprechend zu ändern und die Möglichkeit einer einschneidenden, aber intelligenteren Einschränkung der Bewegungfreiheit – also ein Hausarrest oder Ausgehverbot - aufzunehmen.

Das Gesundheitsministerium unter Leitung von Salvador Illa hält dies derzeit nicht für notwendig, noch bestünde Spielraum, um im Rahmen des bestehenden Notstandsdekrets Maßnahmen zu ergreifen, um die Mobilität und sozialen Kontakte der Bürger einzuschränken, mit dem Ziel, die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen und damit die Krankenhäuser zu entlasten. Am Mittwoch kommen die die Ministerpräsidenten der Regionen und der Vertreter der Zentralregierung erneut zu einer Videokonferenz zusammen. Derweil steigen die Fallzahlen und die Inzidenzen, die Politiker verkünden Handlungsbedarf, während bereits ergriffene Maßnahmen kaum mehr beachtet werden, da sie mehrere Tage brauchen, um überhaupt einen bemerkbaren Einfluss auf die Entwicklung der Pandemie nehmen zu können. In Andalusien liegt die 14-Tagesinzidenz am Freitag bei 464, am Vortag waren es 403. Valencia verzeichnete am Freitag eine Inzidenz von 760, am Donnerstag meldete die Region noch 668 und Murcia kommt inzwischen auf 889, am Donnerstag lag die Inzidenz bei 761.

Update, 15. Januar: Spanien verzeichnet am Donnerstagabend eine 14-Tages-Inzidenz von 523, was einen klaren Anstieg im Vergleich zu den 493 vom Vortag bedeutet. Die 14-Tages-Inzidenzen gemessen an 100.000 Einwohnern erreichen in Andalusien 403, in Valencia 668 und in Murcia 761. Die Auslastung der Krankenhäuser mit Covid-19-Patienten erreicht in Spanien 15,14 Prozent, die der Intensivstationen (UCI) 28,46 Prozent. Am Anschlag sind die UCIs in Valencia mit einer Auslastung von 47,54 Prozent, der höchste Wert in Spanien. Während die Region Madrid die Sperrstunde auf 23 Uhr vorverlegt und die Gastronomie um 22 Uhr dichtmacht, ersuchen die Regierungschefs der Regionen Andalusien, Galicien, Kastilien-León und La Rioja die Bevölkerung, freiwillig in den Hausarrest zu gehen.

Erstmeldung 14. Januar: Madrid/Sevilla/Valencia - „Wir ließen es uns zu Weihnachten wohl besser gehen als wir sollten“. Der Chef des Sanitären Krisenstabes der spanischen Regierung, Fernando Simón, erklärte Anfang der Woche wie immer nüchtern und klar, aber auch resigniert erscheinend, warum die Corona-Zahlen in Spanien wieder so dramatisch steigen. Daher „werden wir einige harte Wochen vor uns haben“. Formeln, die schon zur Routine geworden sind. Laut Simón sind auch nicht die ansteckenderen Mutationen Schuld an dem Anstieg, „sondern nur unser Verhalten“. Es hat ein Gewöhnungseffekt eingesetzt, der Mensch nimmt fast zwangsläufig hin, was er scheinbar nicht ändern kann.

Auch Gesundheitsminister Salvador Illa referiert fast gleichgültig scheinend, dass „Spanien ja nun wisse, wie man die Kurve gebogen bekommt“, daher sei auch keine häusliche Quarantäne nötig, obwohl angesichts der Zahlen (siehe Liste weiter unten) immer mehr Experten dringend dazu raten.

Mediziner warnen: Dritte Welle Coronavirus in Spanien wird heftig

„Wir werden schlimmere Zahlen haben als in der zweiten Welle. Zwar verläuft der Anstieg der Zahl der Intensivpatienten stufenweiser als zuvor, was uns mehr Vorbereitungszeit gibt, aber die absoluten Zahlen werden am Ende höher liegen“, prognostiziert einer, der es wirklich wissen muss: Ricard Ferrer, Chefarzt der Abteilung für Intensivmedizin am Hospital Vall d’Hebron in Barcelona und gleichzeitig Präsident der Spanischen Gesellschaft für Intensivmedizin.

Und Daniel López-Acuña, ehemaliger Direktor der Weltgesundheitsorganisation (WHO) für Notfallsituationen, spricht in „El País“ von einer „sehr schlechten Situation, die sich noch weiter verschlechtert, auch wenn das durch die laxen Maßnahmen zu Weihnachten zu erwarten war. Es gab enorme Übertragungen und in ein paar Wochen werden wir das in den Krankenhäusern zu spüren bekommen“, so Acuña, der erst für den 30. Januar oder später mit der höchsten Inzidenz rechnet und zwei Wochen darauf mit der Spitze in den Hospitälern.

Alte Menschen, vor allem jene in Heimen, leiden wieder am stärksten unter dem Coronavirus in Spanien.

Die zwar warnenden, aber beileibe nicht alarmierenden Anmerkungen von Gesundheitsminister Salvador Illa nehmen sich gegen die Darstellungen der Fachleute fast verniedlichend aus. Der Minister sieht sich ohnehin mit wachsenden Vorwürfen konfrontiert, er sei nur noch halb bei der Corona-Sache, seit ihn sein PSOE-Parteichef, Premier Pedro Sánchez, zum Spitzenkandidaten für die Regionalwahlen in Katalonien gemacht hat. Der Minister erklärte zwar, „ich bin zu 101 Prozent mit der Coronavirus-Pandemie befasst“, was sich auch nicht ändern werde, „bis die Wahlkampagne in Katalonien anläuft“.

Die rechte Opposition kauft ihm das aber nicht ab und dreht den Spieß um, wie sie es gerade braucht. Forderten PP und Vox bis dato regelmäßig den Rücktritt eines aus ihrer Sicht stets überforderten Ministers, verlangen sie nun, er solle auf seine Ambitionen in Katalonien verzichten und „seinen Job machen“. Den gleichen Job, für den er zuvor noch unfähig gewesen sein soll.

Dritte Welle kommt in Fahrt: Corona-Zahlen in Spanien heben ab

Die Zahlen der „dritten Welle“ sind schon jetzt dramatisch, auch wenn der klinische Höhepunkt der „Festtagsinfektionen“ erst für Mitte Februar erwartet wird. Eigentlich wäre hier kein Platz für Politikerstreit. Die Dynamik der Entwicklungen in Spanien – wie übrigens in vielen Teilen Europas – hat das Potential, die erste und zweite Welle in einigen Regionen hinsichtlich Krankenhausbelegung und Todesfälle noch in den Schatten zu stellen. So hat sich die 14-Tage-Inzidenz binnen eines Monats landesweit mehr als verdreifacht, die Zahl der stationären Patienten stieg seit Weihnachten um 64, jene der Intensivpatienten um 40 Prozent.

Am Dienstag, 12. Januar, meldet das Gesundheitsministerium schon wieder über 400 Tote binnen 24 Stunden (mehr aktuelle Zahlen siehe Liste), vor Weihnachten war diese Zahl über mehrere Wochen zweistellig. Die meisten Menschen starben in der letzten Woche in der Region Valencia (189), Andalusien mit mehr als doppelt so vielen Einwohnern meldete im gleichen Zeitraum „nur“ 60 Tote und ein Drittel der 14-Tage-Inzidenz.

Kein Entkommen vor Corona: Ausbreitung des Virus in Spanien asymetrisch, aber flächendeckend

Allerdings hat Spanien lernen müssen, dass keine Region vor den „Wellen“ oder vor Corona insgesamt sicher ist. Das Virus sucht sich neben den Gelegenheiten auch die passende Zeit, um über die Menschen herzufallen. So dürfte klar sein, dass diese dritte Welle ganz Spanien früher oder später hart treffen wird. Die Auslastung der Intensivstationen in Madrid lag am 11. Januar bei 35 Prozent, die Krankenhäuser in Zentralspanien werden zudem noch mit massenweisen Unfallopfern aufgrund der Schneeglätte belastet.

Das Unwetter Filomena hatte die tückische Eigenschaft, es erst kräftig schneien, dann kurz antauen und danach nochmals stark gefrieren zu lassen. Umstände, mit denen die in Winterunbill meist ungeübten Spanier notorisch überfordert wurden. Knochenbrüche im Dutzend waren die Folge und damit die Bindung von viel Personal. Patienten konnten nicht mehr entlassen werden, einige, aber auch Spenderblut und Medikamente, wurden mit Allrad-Wagen transportiert, wenn überhaupt.

Krankenhäuser in Spanien müssen schon wieder wegen Corona improvisieren

Mit über 40 Prozent Auslastung allein mit Covid-Patienten erreichten die UCIs in Katalonien, auf den Balearen und in der Region Valencia bereits wieder kritische Werte, wohlgemerkt noch vor dem erwarteten Höhepunkt der neuen Welle. Was diese dritte Welle so gefährlich macht, an einem Beispiel: Die Region Valencia liefert derzeit mit 33 Prozent den höchsten Anteil positiver Tests in ganz Spanien, was auf eine baldige Zunahme der Hospitalisierungen hinweist.

Dabei sind viele Spitäler schon jetzt am Anschlag: Die Krankenhäuser entlang der Costa Blanca beginnen bereits zu improvisieren: Das Hospital in Elche wandelte die Hauskapelle zur Krankenstation um, OP-Säle in Orihuela werden zu Intensivstationen und Torrevieja verwandelt „normale“ Stationen zu Isolier- und Reservestationen für die steigenden Covid-Fälle. In Valencia werden sogar die Zeltlazarette wieder aktiviert. Das alles hatten wir schon einmal in der ersten Infektionswelle – aber auf ihrem Höhepunkt.

Spätestens mit der zweiten Welle konnte man zudem ein mediales und wohl auch menschliches Phänomen beobachten. Die Menschen starben wegen Covid, ohne dass davon über die reine Zahl hinaus noch viel Notiz genommen wurde. Denn die Patienten haben das Pech, dann vermehrt zu sterben, wenn die jeweilige „Welle“ der Infektionen bereits wieder am Abklingen ist und Medien wie Politik daher positive Nachrichten verbreiten wollen.

Corona-Restriktionen: Maßnahmen werden angepasst und kommen immer zu spät

Nicht nur bei der emotionalen Verarbeitung der Pandemie, der Kommunikation der Zahlen und den Phrasen der Politiker hat ein Gewohnheitseffekt eingesetzt, der zu gefährlichem Schlendrian verleitet. Denn bei den Restriktionen üben sich Regionen und Gemeinden mittlerweile häufig in Routine. Die Autonomen Gemeinschaften justieren die Einschränkungen (Links in der Liste oben) gemäß der vorliegenden Zahlen, womit sie naturgemäß immer zu spät kommen. So schließen die Balearen jetzt einmal wieder die Gastronomie, in anderen Regionen wie den Kastiliens wird sie auf die Terrassen und „To Go“ beschränkt. Valencia hat die Zeitfenster verengt, die Sperrstunden und Ausgangssperren ausgeweitet, um private Partys zu verhindern, den Leuten das Feierabendbier zu verleiden, den Gastronomen das Geschäft aber nicht ganz abzudrehen.

Die Branche leidet neben dem nun bald ein Jahr andauernden Umsatzeinbruch vor allem durch die völlige Ungewissheit. Mal dürfen sie ein bisschen mehr öffnen, dann müssen sie von heute auf morgen wieder schließen, planen kann so kein Mensch, auch kein noch so ausgebuffter Wirt. Auf Mallorca demonstrieren die Wirte mal wieder mit Protesttransparenten, in Alicante bereiten sie eine Schadensersatzklage gegen die Landesregierung vor. Es wäre ehrlicher und epidemiologisch sinnvoller, die Lokale alle zu schließen und Angestellte und Eigner auf ein Grundeinkommen zu setzen bis das Gröbste überstanden ist.

Häuslicher Lockdwon in Spanien steht nicht zu befürchten

Angesichts des steilen Anstiegs der Zahlen fragen sich die Spanier, ob ein erneuter häuslicher Einschluss und ein Lockdown wie im März 2020 zu befürchten steht. Leisten kann sich das Land den nach ökonomischen Kriterien nicht. Die Frage bleibt, wie hoch eine Zivilisation den Preis für ein Menschenleben ansetzt, aber auch, wie konsequent sie dann formulierte Ziele umsetzt.

Die dritte Corona-Welle und das Unwetter Filomena hat die Impfkampagne in Spanien gegen Covid-19 eingebremst. Mitte Januar erhielten noch nicht einmal ein Prozent der Bevölkerung die erste Dosis.

Valencias Regionalchef Ximo Puig warnte diese Woche erneut vor „bulos“, also bösartigen Gerüchten und Fakenews er hätte den Einschluss seiner Bürger schon geplant. Das darf er gar nicht, für eine häusliche Quarantäne bräuchte es einen erweiterten Notstand von Seiten des Regierungschefs. Die regionalen Kompetenzen sind auf das Absperren von Gemeinden, kleinstenfalls Stadtvierteln begrenzt.

Filomena und Krankenhausüberlastung bremsen Spaniens Covid-Impfkampagne

Die Impfkampagne ist in Spanien hingegen immer noch in der Anlaufphase und noch lange davon entfernt, der Pandemie Paroli bieten zu können. Bis Montag hatten 406.000 Personen in Spanien ihre erste Dosis erhalten, also noch unter einem Prozent der Gesamtbevölkerung. Begonnen hatte die Kampagne am 27. Dezember. Würden die Impfungen in diesem Tempo weitergehen, würde es rund zwei Jahre dauern, bis die Durchimpfung die erwünschten 70 Prozent erreichte.

Das Schneechaos in Madrid hatte zudem die Landung von Impfdosen verzögert, die nun vom Airport von Vitoria im Baskenland auf dem Straßenweg zu den Verteilzentren in der Hauptstadt transportiert werden müssen. Tagelang waren zudem Hospitäler und Gesundheitszentren in Spaniens Zentralregion von der Außenwelt weitgehend für Impfkundschaft abgeschlossen.

Die nächste Hürde ist die Umsetzung der Impfung selbst, so wurde im Schnitt bisher nur rund die Hälfte der ausgelieferten Impfdosen in den Regionen verabreicht, weil Personal und dezentrale Lagerlogistik begrenzt und ausgelastet sind und man lieber die vitale zweite Impfdosis auf Reserve hält. Die Impfung wird im Wesentlichen vom gleichen Gesundheitspersonal umgesetzt, das seit März bereits an und über der physischen und psychischen Belastungsgrenze arbeitet.

Höhere Liefermengen und neu zugelassene Impfstoffe sollen in den nächsten Monaten die Impffrequenz erhöhen. Die Hoffnung ist, dass der entlastende Effekt durch die Immunisierung Spanien wie ganz Europa zumindest den Sommer rettet und so etwas Ähnliches wie ein normales Leben ermöglicht. Bis dahin steht dem Land aber eine sehr schwere Zeit bevor.

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