Zwei Krankenschwestern mit Atemschutzmasken transportieren einen Kranken auf einer Liege.
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Verheerende weltweite Pandemie, auch für Spanien: Spanische Grippe.

Pandemien der Vergangenheit

Vorläufer von Corona: Epidemien und Pandemien in Geschichte von Spanien

  • vonAnne Thesing
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Aus lokalen Krankheiten wurden auch früher globale Katastrophen: Wie in der Geschichte Spaniens Epidemien und Pandemien schon lange vor dem Coronavirus wüteten.

  • Mit der wachsenden Vernetzung der Welt im 19. Jahrhundert reisten auch Krankheiten mit. 
  • Gelbfieber, Cholera oder die Spanische Grippe breiteten sich grenzübergreifend aus.
  • Armut und Krankheit führten im Arbeitermilieu in Spanien zu humanen Katastrophen.
  • Quarantäne und Hygienemaßnahmen: Vieles erinnert an die Coronavirus-Krise.

Alicante- Es ist wieder einmal passiert. In den vergangenen Monaten hat uns das Coronavirus gezeigt, wie klein unsere Welt ist und wie ein zunächst lokales Problem in rasender Geschwindigkeit zu einem globalen werden kann. Mit unfassbar schlimmen Folgen. Eine völlig neue Situation, für jeden von uns. Und doch nur Teil einer Entwicklung, die schon seit Hunderten von Jahren in mehr oder weniger großen Abständen immer wieder Menschen auf dem ganzen Planeten dahinrafft. „Es gibt keine lokalen Gesundheitsprobleme mehr“, sagt Josep Bernabeu, Doktor der Medizin und Professor für Wissenschaftsgeschichte an der Universität Alicante, in einem schon zu Anfang der Coronavirus-Pandemie geführten CN-Interview. „Die Probleme sind längst global.“ Und das nicht erst seit Covid-19. Unsere Generation ist längst nicht die erste, die mit eine sanitären Herausforderung dieser Größenordnung konfrontiert wurde. Das zeigt zum Beispiel ein Rückblick in die vergangenen zwei Jahrhundert der Geschichte Spaniens.

Zwar begannen schon spätestens mit Beginn des Schiffsverkehrs  Krankheiten, die jahrhundertelang lokal begrenzt waren, die Welt zu erobern. Doch einen weiteren großen Entwicklungssprung gab es mit der Industrialisierung und den zunehmenden internationalen Handelsbeziehungen im 19. Jahrhundert. Nicht nur Waren und Personen, auch Krankheiten reisten auf den Schiffen mit – so auch nach Spanien. In einem Moment, in dem schon die miserablen sozialen Bedingungen, unter denen die Mehrheit der Bürger in den unverhältnismäßig schnell wachsenden Städten lebte, die Verbreitung endemischer, also hier beheimateter Krankheiten, förderte. Umso größer war die Chance für eingeschleppte Epidemien, bei der geschwächten Bevölkerung Fuß zu fassen.

So zum Beispiel das durch eine Stechmücke übertragene Gelbfieber. Seine Ursprünge liegen wahrscheinlich in Zentralafrika. Durch den Schiffsverkehr gelangte die Virus-Erkrankung, die bis zum Leber-Nierenversagen führen kann, bereits im 15. Jahrhundert nach Südamerika. In den folgenden Jahrhunderten kam es auch in Europa zu Epidemien. Spanien war im 19. Jahrhundert mit Ausbrüchen in verschiedenen Städten betroffen, bis 1870 erlagen der Krankheit hier circa 150.000 Personen.

In Alicante forderte das Gelbfieber im Jahr 1804 bei einer Gesamtbevölkerung von knapp 14.000 Personen 2.472 Menschenleben, 9.443 erkrankten. Die Einwohner durften ihre Stadt nicht mehr verlassen, der Hafen wurde geschlossen, auch die Zahl der Ärzte sank durch Erkrankungen und Todesfälle. Einige verschrieben Ölwickel, andere das Trinken von Meerwasser, Häuser von Infizierten wurden ausgeräuchert.

„Die Kranken wurden in improvisierten Lazaretten in Quarantäne gehalten, die Leichen in Massengräbern beerdigt“, schreibt der Kulturverein „Alicante Vivo“ in einem Internetbeitrag.  Die Angst vor der Ansteckung sei so groß gewesen, dass die Gesunden sich weigerten, den Kranken beizustehen, weshalb Häftlinge zur Krankenpflege verdonnert wurden.

Cholera erreicht Spanien

Dabei war das Gelbfieber nur eine Krankheit von vielen, die Spanien im 19. und 20. Jahrhundert heimsuchten. Die Cholera zum Beispiel war zwar keine Weltneuheit, aber neu war ihre Reise aus dem beheimateten Indien in den Rest der Welt. „Eingangstor war 1823 Konstantinopel“, sagt Bernabeu. Zehn Jahre später hatte sich die zur Pandemie gewachsene Krankheit im gesamten Mittelmeerraum ausgebreitet und schaffte es bis nach Amerika. In Spanien waren 1833 Vigo und Barcelona die ersten betroffenen Städte, weitere folgten.

Röntgenbilder für die leichtere Diagnose gab es damals noch nicht.

„Generell wuchsen die Städte in dieser Zeit unter verheerenden Bedingungen“, erklärt der Alicantiner Professor. „Als die Cholera ankam, wirkte sie wie eine Zündschnur im Pulverfass.“ Ein unausgereiftes Kanalisationssystem und hohe sommerliche Temperaturen arbeiteten der bakteriellen Infektionskrankheit zu, die über verunreinigtes Trinkwasser oder infizierte Nahrung übertragen wird und extremen Durchfall sowie starkes Erbrechen verursacht.

Der Erreger der Cholera, den Robert Koch 1884 entdeckte, war noch nicht bekannt. Man versuchte die Ausbreitung durch Seuchenschutz-Sperrgürtel, Quarantänen und Verbesserung der hygienischen Bedingungen, zum Beispiel tägliche Säuberung der Straßen, einzudämmen.  Fast wie bei Sars-CoV-2, möchte man meinen. Allerdings gab es seinerzeit auch weniger vernünftige Methoden. Eine davon führte im Juli 1834 in Madrid zur sogenannten „Mönchs-Schlachtung“, da man die Geistlichen beschuldigte, das Wasser vergiftet zu haben. Angst und Panik führte zu allgemeinem Misstrauen.

Auf vielen Friedhöfen ließ man die Familiengräber offen und schloss sie erst, wenn sie voll mit Angehörigen waren, schreibt der Historiker Peral Pacheco in „El cólera y los cementerios en el siglo XIX“. Patrouillen wurden eingesetzt, um die „frischen“ Leichen direkt aus den Straßen zu entfernen. Wurde anfangs noch eine Messe für die Toten gehalten, „erschien der Pfarrer manchmal nur noch vor der Kirche und segnete all die Toten, die sich auf dem Platz angehäuft hatten“, beschreibt die Zeitung „La Opinión“ die Situation im 1854 befallenen A Coruña. Insgesamt durchlebte Spanien im 19. Jahrhundert vier Epidemien, 800.000 Personen verloren ihr Leben durch die Cholera.

Pandemie der Spanischen Grippe

Nur gut 60 Jahre später traf eine weitere Pandemie die Welt – und das mit bis dahin nie dagewesener Wucht. Auch wenn es anfangs nicht so dramatisch aussah. „Die Ärzte haben in Madrid die Existenz einer grippeartigen Epidemie festgestellt, sehr verbreitet, aber zum Glück mit leichtem Verlauf“, schreibt die Zeitung „ABC“ am 22. Mai 1918. Eine optimistische Voraussage, die sich zwar so nicht bewahrheiten sollte – in Spanien starben in den drei Wellen 1918 und 1919 über 200.000 Menschen an der sogenannten Spanischen Grippe, weltweit waren es mindestens 27 bis 50 Millionen Tote –, die aber trotzdem historischen Wert hat, da sie überhaupt in der Presse abgedruckt wurde.

Spanien war nicht etwa der Ausgangspunkt der Spanischen Grippe“, sagt Josep Bernabeu. „Aber da das Land im Ersten Weltkrieg neutral war, gab es keine Zensur und die Epidemie wurde von den Medien thematisiert.“ In anderen Ländern wurde sie dagegen unter den Tisch gekehrt, um nicht das Durchhaltevermögen von Bevölkerung und Soldaten zu schwächen. Weshalb der Eindruck entstand, dass das im Vergleich zu anderen Staaten im Grunde relativ „leicht“ betroffene Spanien der Haupt-Infektionsherd war. So übernahm zum Beispiel die Nachrichtenagentur Reuters Ende Mai 1918 die Nachricht aus Spanien mit der Meldung: „Eine seltsame Krankheitsform von epidemischem Charakter ist in Madrid aufgetreten.“

Woher die Spanische Grippe tatsächlich kam, ist bis heute nicht eindeutig geklärt. Zu den Verdächtigen zählt Kansas, andere siedeln den Ursprung in China an, was uns direkt wieder an Covid-19 denken lässt. Wie auch immer: Wie heute das Coronavirus reiste auch damals das Virus der Spanischen Grippe um die Welt, ein Drittel der damaligen Weltbevölkerung soll sich angesteckt haben.  Die Kriegsumstände – von überfüllten Lagern über schlechte Ernährung bis zu katastrophaler Hygiene – lieferten die besten Voraussetzungen für die Influenza-Pandemie.

„Genau die gleiche Situation wie 1918 wird so nicht mehr passieren“, versicherte Silke Buda, Grippe-Expertin des Robert-Koch-Instituts, vor zwei Jahren. Damals seien die Umstände anders gewesen, die Lebensbedingungen schlechter. Zudem hätten viele zusätzlich bereits an anderen Krankheiten gelitten.

Zum Beispiel an der Tuberkulose, die ein Spiegelbild der sozialen Missstände im Spanien des 19. Jahrhunderts war. „Sie war an Armut, Hunger und Unterernährung gebunden“, sagt Bernabeu, der sie neben Malaria und Lepra zu den wichtigsten Beispielen für endemische Armutskrankheiten in Spanien zählt. Krankheiten, die also schon lange in Spanien bekannt waren, die aber, wie die „importierten“ Krankheiten auch, unter den neuen sozialen Umständen aufblühten. So traf die Tuberkulose mit 80 Prozent besonders die oft auf engstem, dreckigstem Raum zusammenlebende und schaffende Arbeiterklasse. In den Städten des 19. und 20. Jahrhunderts wurde die Lungenkrankheit ein chronisches Phänomen.

Tuberkulose traf Madrid am härtesten

Noch 1951, also schon lange nachdem Robert Koch im Jahr 1882 das auslösende Bakterium entdeckt hatte, lag die Sterberate an Tuberkulose in Spanien bei 100 Toten pro 100.000 Einwohnern. Am schwersten traf es, wie auch heute beim Coronavirus,  die Hauptstadt Madrid. Kein Wunder, war ihre Bevölkerungszahl doch allein zwischen 1856 und 1909 um 126 Prozent von 271.000 auf über 613.000 Personen angestiegen.

Die Mehrheit der Betroffenen lebte unter ärmlichsten Verhältnissen, ohne Lüftung, natürliches Licht und fließendes Wasser, schreibt María del Carmen Palao in einem historischen Abriss über die Tuberkulose in Spanien. Ein Zimmer wurde von mindestens einer Familie bewohnt, die Toilette wurde von allen Bewohnern geteilt. „Die Wahrscheinlichkeit zu sterben, war bei den benachteiligten Bevölkerungsgruppen sehr viel höher“, bestätigt Bernabeu.

Entdecker des Tuberkelbazillus: Robert Koch, 1882.

Was nicht nur für die Tuberkulose galt. Von sich aus den höllischen Kreislauf zwischen Armut und Krankheit zu durchbrechen, war fast unmöglich. Unterernährung schwächte das Immunsystem und machte anfällig für Krankheiten. Kranke wiederum konnten nicht mehr ihrem Beruf nachgehen. „So wurden die Krankheiten auch zu einer Bremse für die wirtschaftliche, soziale und intellektuelle Entwicklung des Landes“, sagt Josep Bernabeu.

Fortschritte in Medizin und Gesellschaft

Wenn die Kranken von sich aus nicht dem Kreislauf entfliehen konnten, musste Hilfe von außen kommen. Ein Meilenstein bei der Bekämpfung waren die Antibiotika, allerdings musste dafür auf die 1940er bis 50er Jahre gewartet werden. „Im 19. Jahrhundert konzentrierten sich die Verwaltungen vor allem darauf, die von außen kommende Gefahr einzugrenzen, zum Beispiel durch Quarantäne und Kontrolle des Schiffsverkehrs“, sagt Bernabeu.

Dazu kam die unzureichende medizinische Bildung. „Zu Beginn des 19. Jahrhunderts behandelte der Arzt die Kranken, ohne sich die Hände zu waschen, sogar nachdem er Wunden an verschiedenen Patienten behandelt hatte. Er wusste einfach nichts über Keime“, schreibt der Allgemeinmediziner Enrique de la Figuera von Wichmann in einer Studie über die häufigsten Krankheiten Spaniens zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Erst ab der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts habe sich ein Wandel vollzogen. „Die Medizin wurde zu einem Beruf, der auf einem wissenschaftlichen Studium basierte.“

Zu Anfang des 20. Jahrhunderts begann die spanische Gesundheitspolitik endlich, sich auch auf die sozialen Umstände, die hinter vielen Krankheiten steckten, zu konzentrieren. Besonders in der zweiten Republik, also ab 1931, wurde das Gesundheits- und Bildungssystem einer umfassenden Reform unterzogen. Hygiene-Infrastruktur, Wohnsituation und Wasserversorgung wurden verbessert, es gab Lebensmittelkontrollen und Gesundheitsbildung.

„Manchmal reichte es schon, den Frauen, die sich in der Familie traditionell um Gesundheitsangelegenheiten kümmerten, hygienische Lebensgewohnheiten, wie etwa das tägliche Lüften, näherzubringen“, sagt Josep Bernabeu. Zwischen den 1920er und 1960er Jahren sei es gelungen, die Armutskrankheiten in Europa zu kontrollieren und auszurotten, zu den Maßnahmen im Gesundheitssystem kamen Fortschritte bei Antibiotika und Impfungen. Und: „Man verbesserte die Lebensbedingungen der Menschen“, sagt Bernabeu.

Epidemien und Armut

Was in vielen anderen Teilen der Welt bis heute nicht gelungen ist. „Man muss das Lebensumfeld der Menschen verändern“, zum Beispiel durch „sauberes Trinkwasser, Toiletten und Schulen“ – diese jüngsten in der „Mainpost“ veröffentlichten Forderungen des Präsidenten der deutschen Lepra- und Tuberkulosehilfe, Burkard Kömm, zur Bekämpfung der Armutskrankheiten oder sogenannten „vernachlässigten Tropenkrankheiten“ erinnern uns Europäer an längst vergangene Zeiten. Doch laut Weltgesundheitsorganisation WHO sind auch heute noch rund eine Milliarde Menschen von Armutskrankheiten betroffen.

Masken werden nicht erst seit Corona als Schutz empfohlen.

Tuberkulose zum Beispiel ist nach wie vor die tödlichste Infektionskrankheit der Welt, an der 2017 rund 1,5 Millionen Menschen starben. Zwei Drittel der Neuinfektionen wurden in Indien, Indonesien, China, Pakistan, Bangladesh, Nigeria, Südafrika und auf den Philippinen registriert. An Cholera erkranken nach Angaben der WHO jedes Jahr 2,9 Millionen Menschen, 95.000 kommen ums Leben. Betroffen sind vor allem Zentralafrika und Indien, Zentralamerika und Asien. „Es ist eine Schande, dass es diese Krankheit überhaupt noch gibt“, sagte Julie Hall von der Förderung der Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften 2017 gegenüber der Presse.

Anders als bei Cholera und Co. hat das Coronavirus jetzt auch die am weitesten entwickelten Industrienationen mitten ins Herz getroffen. Covid-19  ist keine Armutskrankheit, was allerdings nicht heißt, dass die armen Länder der Welt von ihr verschont bleiben. Ganz im Gegenteil. Wenn es sie trifft, dann umso stärker. Auf die Frage, wie beispielsweise die Gesundheitssysteme in Afrika für die Pandemie gerüstet sind, sagte Wirtschaftswissenschaftler Robert Kappel in einem Interview mit „ZDF heute“: „Es gibt kaum Beatmungsgeräte und Ärzte, keine Masken und in vielen Orten nicht einmal Krankenhäuser. Dort gibt es nur kleine Krankenstationen, die Menschen gerade mit dem Allernötigsten versorgen können.“ Immer lauter werden die Forderungen, auch die ärmsten Länder vor Infektionskrankheiten wie Corona zu schützen, statt nur vor der eigenen Haustür zu kehren.

„Leider geben wir den globalen Gesundheitsproblemen keine globalen Antworten“, sagt auch Bernabeu. „Wir am meisten entwickelten Länder sorgen uns nur darum, dass bei uns keine Probleme ankommen.“

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