Coronavirus Spanien

Proben für eine „neue Normalität“ nach Covid-19

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Wird Social Distancing zur neuen Norm in der Gesellschaft?
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Kinder zuerst, dann Sportler und Friseure? Spaniens Regierung studiert, wie man ein Land gefahrlos aus der Quarantäne befreit. Doch zunächst muss man zuverlässige Zahlen haben. Die Polizei konkretisiert derweil die Geldbußen.

  • Keine Statistik ohne Test: Einheitlich Zählweise angeordnet
  • Kinder, Sport, Friseur: Vorbereitungen für die Übergangsphase
  • 10.000 Euro für die Grillwurst: Bußgeldgatalog konkretisiert

Madrid - Zunächst die gute Nachricht. Rund 78.000 Menschen in Spanien - von denen man wusste, dass sie es hatten - haben das Coronavirus überwunden. Der Ansteig bei Neuinfektionen binnen 24 Stunden scheint sich bei rund drei Prozent einzupendeln, ein Zuwachs der vor allem aufgrund von deutlich mehr Tests sichtbar wird. Spanien registrierte am Montag insgesamt 195.944 Coronavirus-Fälle.


Die Todesfälle in Spanien wurden mit 20.453 angegeben. Der Zuwachs sank zuletzt auf rund 400 neue Tote innerhalb von 24 Stunden, gleichzeitig wurden ältere Angaben korrigiert. Zu den Toten der letzten Tage zählt auch der Chefarzt der Madrider Klinik Infanta Cristina. Jeder fünfte Infizierte stammt aus dem Gesundheits- oder Sicherheitssektor.

Einheitliche Zählweise

Im staatlichen Amtsblatt (BOE) erschienen am Donnerstag nochmals ausführliche Richtlinien für eine einheitliche Zählweise der Covid-19-Fälle durch die Autonomen Regionen, nachdem mehrere ihre eigenen Interpretationen entwickelten. Danach sollen dem Gesundheitsministerium als Coronavirus-Todesopfer nur jene Verstorbenen gemeldet werden, die zumindest einmal (Schnelltest oder PCR) positiv getestet wurden.

Katalonien und andere Autonome Regionen hatten in den letzten Tagen insgesamt 11.500 nicht in der Statistik genannte Tote addiert, die, laut Angaben, auf dem Totenschein Covid-19-kompatible Symptome aufwiesen. Die Informationen bezog man sowohl von Bestattungsunternehmen als auch von Betreuungspersonal der Altersresidenten, mitunter sogar von Angehörigen und Nachbarn, die in ihren Wohnungen verstorbene, einsame alte Menschen identifizierten.

Auch die Infiziertenzahlen haben streng nach Tests protokolliert zu werden, unabhängig davon, ob die Person Symptome aufweist oder nicht. Damit fallen natürlich sehr viele aus dem Raster, die sich mit Symptomen z.B. telefonisch bei den Corona-Hotlines meldeten, aber wegen des leichten Verlaufs einfach in häuslicher Quarantäne blieben. So lange sie nicht getestet wurden, kommen sie nicht in die Statistik.

Gesundheitsminister Salvador Illá ist sich bewusst, dass die Statistik nicht die tatsächlichen Ausmaße der Epidemie spiegelt, will aber auch keine Vermutungen zu Dunkelziffern anstellen. Einige Virologen sprechen davon, dass die angegebenen Todesopfer rund 40% der tatsächlich an und mit Coronavirus Verstorbenen spiegeln, die Infiziertenzahlen indes weniger als 10%, also 2-3 Millionen Spanier infiziert oder infiziert gewesen sein könnten. Die Hochrechnung basiert auf der Umrechnung der wahrscheinlichen Mortalitätsrate von 0,5 bis 1,5% der Infizierten. Der Leiter des Krisenstabes, Fernando Simón sagte am Freitag das Naheliegende: „Die wirklichen Ausmaße der Epidemie werden wir erst kennen, wenn sie vorbei ist.“

Das Gesundheitsministerium besteht darauf, dass man nur über standardisierte und beweissichere Statistik sich überhaupt einer annähernden Erfassung nähern könne. Der Schlüssel ist die Erhöhung der Testdichte, bei der Spanien mitterweile - und nach langer Verzögerung - auf einem guten Weg sei. Minister Illá berichtet davon, dass in Spanien mittlerweile täglich 40.000 PCR-Tests durchgeführt werden, insgesamt bisher 930.000. Das sei auch der Grund, warum die Zahl der Infizierten noch immer verhältnismässig stark ansteige. China hatte übrigens gestern die Zahl der in Wuhan am Coronavirus Verstorbenen um 50 Prozent nach oben korrigiert, ohne dass man wisse, wie dort nun gezählt werde.

Vorbereitung für den Übergang

Auch wenn der Alarmzustand aller Voraussicht nach durch Regierungschef und Parlament am 22. April bis zum 11. Mai verlängert werden wird, tritt, so der Gesundheitsminister, das Land "in die Phase des Übergang in die Normalität ein". Die "neue Normalität" konkretisierte Regierungschef Sánchez, denn ein einfaches Zurück zu alten Gewohnheiten werde es nicht geben können. Vor allem über kontrollierten Ausgang für Kinder wird intensiv nachgedacht und ein Schritt-für-Schritt-Plan erforscht wie und unter welchen Bedingungen Branchen und Personengruppen aus der Quarantäne entlassen werden können. So sollen sportliche Aktivitäten im Freien, zeitlich und räumlich limitiert mit als erste Punkte auf der Liste erscheinen sowie auch die Öffnung kleiner Geschäfte, die nicht lebensnotwendige Waren und Dienstleistungen anbieten - bei Beachtung eines strikten Sicherheitskatalogs.

Dabei studiert man erfolgreich scheinende Modelle anderer Länder und kündigte an, dass die Aufhebung der Maßnahmen regional versetzt stattfinden werden. Ob es damit schon vor oder erst nach dem 11. Mai begonnen werde wird, ist weiter offen.

Aus Sicht von Minister Illá sei "die Lektion, die wir lernen müssen, die Stärkung unseres Gesundheitssystems". Das beträfe sowohl die Intensivmedizin (Bettenzahlen), Katastrophenpläne für Unvorhergesehenes "aber auch die Erstversorgung über niedergelassene und Hausärzte, die gleichmäßig für die gesamte Bevölkerung gewährleistet werden müsse". Diese sei es nämlich, die in Notfällen wie Epidemien schnell viel testen und Patienten fachgerecht behandeln oder verteilen könne, ohne dass Hospitäler und UCIs überrannt werden.

Regierungschef Sánchez versucht derzeit die im Parlament vertretenen Parteien von einem Pakt zum wirtschaftlichen und sozialen Wiederaufbau zu überzeugen, für den er breite parlamentarische Zustimmung sucht. Mit mehreren Kleinparteien und Ciudadanos hat er bereits gesprochen, letztere seien zu ernsthaften Verhandlungen bereit. Ein Treffen mit der PP steht noch aus, Parteichef Casado ließ sich lange bitten. Mit Vox wird Sánchez nicht sprechen, er forderte die Partei lediglich auf, sich an die Gesetze zu halten und "aufzuhören systematisch Fake-News und Hasspropaganda zu verbreiten". Mit Letzterer befasst sich bereits die Staatsanwaltschaft.

Bußgeldkatalog für Ungehorsam

Die Nationalpolizei hat den Bußgeldkatalog für Verstöße gegen Maßnahmen des Alarmzustandes konkretisiert. Dazu gilt: Im Wiederholgungsfall verdoppelt sich die Summe, es können auch mehrere Bußen addiert werden (z.B. ungerechtfertigtes Spazierengehen + Weigerung der Identifizierung + respektloses Verhalten den Sicherheitskräften gegenüber) usw. - Mehrfache Übertretungen oder sehr schwere Verstöße können zudem zur Verhaftung führen. Die Bußgelder werden vom jeweiligen lokalen Regierungsbüro verhängt, Zahlungsfrist sind 30 Tage, wer binnen 14 Tage zahlt, muss nur 50% abdrücken, wer zwischen 14 und 30 Tagen zahlt, bekommt 20% Rabatt.

Als Richtlinien gelten:

- Nicht autorisierter Ausgang = 601 Euro

- Wer erwischt wird und sich nicht ausweisen kann oder will = 700 Euro

- Wiederholte Verstöße = 1.200 Euro

- Unerlaubte Fahrt an Zweitresidenzen = 1.500 Euro

- Unbotmäßiges Verhalten an Orten mit vielen Personen (Supermärkte etc.) = 2.000 Euro

- Widerstand gegen die Staatsgewalt (in soweit nicht strafrechtlich relevant) = 3.000 Euro

- Teilnahme oder Organisation von Zusammenkünften vieler Personen (Grillabende in Gemeinschaftseinrichtungen, private Fiestas usw.) = 10.500 Euro.

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