Polizisten kontrollieren Autofahrer in Madrid.
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Neues Foto, altes Spiel: Wieder riegelt die Polizei in Madrid Straßen ab, um eine neue Coronavirus-Quarantäne durchzusetzen.

Covid-19 in Madrid

Madrid: Coronavirus außer Kontrolle - Armee rückt an + Updates

  • vonMarco Schicker
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Madrid hat die Kontrolle über das Coronavirus verloren. Nun sollen acht weitere Viertel unter Quarantäne. Die spanische Armee eilt zu Hilfe. Die Einigkeit zwischen Zentral- und Regionalregierung währte nicht lange. Proteste werden unterdrückt.

Update, Donnerstag, 1. Oktober 2020: Madrids Landeschefin Díaz Ayuso weigert sich, eine ministerielle Anordnung zum Coronavirus umzusetzen. Spaniens Regierung hat ihr ein Ultimatum gestellt.

Weitere Entwicklungen Coronavirus Madrid und Spanien.

Update, 27. September, 16:30 Uhr: Spaniens Gesundheitsminister Salvador Illa hat die Maßnahmen der Region Madrid zur Eindämmung der Coronavirus-Pandemie als nicht ausreichend kritisiert und indirekt ein Ultimatum gestellt. Nur die Ausweitung der Einschränkungen auf die gesamte Region Madrid und deren Verschärfung könne jetzt noch helfen. "Man muss auf die Wissenschaft hören, - die Politik darf erst an zweiter Stelle kommen", sagte Illa auf einer Pressekonferenz am Samstag in Barcelona. "Für die Bewohner besteht ein ernsthaftes Risiko und auch für die Bewohner der angrenzenden Regionen".

Im Vergleich zu anderen spanischen Regionen habe Madrid nicht ausreichend getan, um die zweite Welle zu bremsen. Die Inzidenz sei in fast der gesamten Region über 700 Infizierte pro 100.000 Einwohner binnen 14 Tagen mit steigender Tendenz und die Auslastung bzw. teilweise Überlastung der Krankenhäuser und Intensivstationen besorgniserregend. Erste Einheiten der Armee haben bereits - vorfristig, geplant war ab Montag - mit Desinfektionsarbeiten und logistischer Unterstützung in Madrid begonnen.

Proteste in Madrids Arbeitervierteln:

Die gemeinsame Arbeitsgruppe zwischen Zentral- und Regionalregierung scheint indes nach ihrer ersten Sitzung bereits vor dem Aus zu stehen. Der Sprecher der Grupo Covid trat noch am Freitag zurück, kurz nachdem Madrids Regionalpräsidentin Isabel Díaz Ayuso die Ausweitung der Teilquarantäne auf acht weitere Gesundheitsbezirke (jetzt 45 von 286 Gesundheitszonen mit rund 1 Millionen der rund 6,6 Millionen Einwohner) verkündete.

Salvador Illa hatte bereits zu Ende des Notstandes in Spanien im Mai angekündigt, im Fall der Fälle regional wieder die Zentralgewalt über das Gesundheitswesen zu übernehmen, wenn die Infektionen ausarten. Sollte Ayuso allerdings keinen Notstand beantragen, bliebe der Zentralregierung nur die Verhängung des Verfassungsartikels 155, um die Kompetenzen der Regionalregierung in die Zentralgewalt zu nehmen. Mehrere Politiker und Kommentatoren fordern dies bereits.

Sánchez´ Koalitionspartner, Podemos, fordert zudem die Untersuchung von Vorfällen übertriebener Polizeigewalt beim Einsatz gegen Demonstranten, die gegen Ayusos Politik protestierten. Der Polizeieinsatz stehe im krassen Gegensatz zur polizeilichen Zurückhaltung bei den Topschlagen-Demos in den Reichenvierteln Madrids im Mai sowie den Manifestationen von Corona-Leugnern. Vor allem im Arbeiterviertel Vallecas demonstrierten am Wochenende tausende gegen die aus ihrer Sicht diskriminierende Politik Ayusos. "Weniger Fahnen, mehr öffentliche Gesundheit", so eine der Forderungen.

Erstmeldung, 25. September: Madrid - Wie sehr Madrid die Kontrolle über das Coronavirus entglitten sein muss, belegen die Hektik und die martialischen Mittel, mit denen Regional- und Zentralregierung jetzt versuchen, die Lage wieder in den Griff zu bekommen. Acht weitere Viertel gehen in Quarantäne, die Armee rückt an.

"Es kommen harte Wochen und wir müssen mit aller Entschlossenheit vorgehen, um die Lage in der Region Madrid wieder unter Kontrolle zu bekommen." Spaniens Gesundheitsminister Salvador Illa kündigte nach einer Sitzung der Koordinierungsgruppe am Donnerstag an, ab Montag bis zu 7.500 Soldaten in Madrid einsetzen zu können und zu wollen. 220 hatte Madrids Regionalpräsidentin Isabel Díaz Ayuso angefordert. Man ist sich also in der Einschätzung der Lage einig, aber offensichtlich lange nicht in der Wahl der Gegenmittel.

"Die Situation in Madrid ist schlecht. Jedes Szenario ist denkbar. Wir können eine Ausweitung der Quarantäne oder neue Maßnahmen nicht ausschließen", lautet die gemeinsame Erklärung der gemischten Gruppe von Experten, sowie Vertretern der Regional- und Zentralregierung und Gesundheitsminister Salvador Illa.

Coronavirus in Madrid außer Kontrolle: Jetzt kommt das Militär

Die Soldaten sollen in Madrid bei der Desinfektion, der Virenverfolgung und der Logistik helfen. Die Zentralregierung bietet zudem die Testressourcen des staatlichen Institutes Carlos III. an, Verstärkung bei medizinischem Personal und beim Aufbau von Behelfskrankenhäusern oder -stationen, um die Hospitäler, deren Intensivstationen in Madrid bereits wieder bald am Anschlag sind, bei den PCR-Tests zu entlasten.

Zentralregierung will Quarantäne für ganz Madrid - Ayuso verschont Edel-Viertel

Am Freitag, 25. September, fallen zwei wichtige Entscheidungen für Madrid. Das Oberlandesgericht muss über die Rechtmäßigkeit der Teilquarantäne über 37 Madrider Gesundheitsbezirke befinden und: Landesministerpräsidentin Isabel Díaz Ayuso wird eine Ausdehnung des Lockdowns auf weitere Viertel verkünden. Außerdem wird ins Auge gefasst, die bisher in den Quarantäne-Vierteln geltende Sperrstunde in der Gastronomie um 22 Uhr - was für spanische Verhältnisse extrem früh ist - auf die gesamte Region Madrid auszuweiten.

„Wir sind Ayusos Geiseln“. Proteste gegen die Madrider Landesregierung und ihre chaotische Corona-Politik. Die Manifestationen dürfen nicht wie Demos aussehen, denn die sind verboten.

Doch auch hier haben Madrid Region und Madrid Zentralregierung unterschiedliche Vorstellungen: Die Regierung Sánchez fleht Ayuso regelrecht an, Maßnahmen "für die gesamte Region Madrid zu treffen", diese will aber - so der aktuelle Stand am Freitagmittag - nur acht weitere Gesundheitsbezirke in die Quarantäne schicken und stellt sich damit direkt gegen die Empfehlungen der gemischten Arbeitsgruppe. "Aus Rücksicht auf ihre Wähler-Klientel, die in den Reichenvierteln wohnt", wie die Opposition in Madrid scharf kritisiert.

Minister sauer: Wird Ayuso entmachtet?

Auch Gesundheitsminister Illa hat die Entscheidung von Ayuso am Freitag öffentlich kritisiert. Wenn "jedes Szenario denkbar" ist, steht allerdings auch die Notstandsdeklaration seitens der Zentralregierung über Madrid im Raum, was die Kompetenzen der Regionalregierung in Fragen Mobilität, Polizeigewalt, Bildung und Gesundheit auf die Zentralregierung übertragen würde. Medizinisch wäre das das vernünftigste Szenario, politisch würde es jede Menge Porzellan zerschlagen, Ayuso wäre dann de facto entmachtet.

Experten: Bars zu, Parks auf - Lösung für ganz Madrid muss her

Doch was ist jetzt wichtiger? Seit 1. August wurden in Madrid über 100.000 positive Coronavirus-Tests analysiert (Aktuelles zur Lage Coronavirus in Spanien aktuell), derzeit liegen in der Hauptstadt und der umliegenden Region 3.215 Menschen wegen Covid-19 in den Krankenhäusern. Doch die Einschätzung der Experten legt nahe, neben den bisherigen 37, zumindest die weiteren 16 Gesundheitsbezirke in den partiellen Lockdown zu schicken, wo die Infektions-Inzidenz ebenfalls bei über 1.000 Infizierten über 100.000 Menschen binnen der letzten 14 Tage liegt. Andere Experten fordern längst den totalen Lockdwon, denn: 85 Prozent der Arbeitnehmer aus den limitierten Bezirken fahren zur Arbeit in oder durch Viertel, die noch nicht unter Quarantäne stehen. Sie halten die Teil-Restriktionen in Madrid für nicht umsetzbar, da sie weder kontrollierbar, noch effektiv seien.

Zweite Coronavirus-Welle in Madrid: Wieder auf dem Rücken der gleichen

Der Sprecher der Gesellschaft der Mitarbeiter des öffentlichen Gesundheitswesens, Ildefonso Hernández, ist sauer, dass das Zögern der Politik nun wieder dazu führe, dass die Eskalation auf dem Rücken der schon seit März gebeutelten Mitarbeiter in den Madrider Krankenhäusern und Gesundheitszentren ausgetragen wird. "Man hätte viel früher mit Restriktionen anfangen müssen, es gibt kaum noch Viertel mit weniger als 300 Infizierten pro 100.000 Einwohnern, daher braucht die Region eine Ausweitung der Maßnahmen."

Und vor allem die richtigen Maßnahmen: So versteht kein Virologe, warum Madrid die Parks in den am meisten betroffenen Zonen schließen ließ, die Gastronomie aber weiter arbeiten lässt. Das Ansteckungsrisiko in einem Restaurant, auch mit reduziertem Publikum, sei um ein Vielfaches höher als in einem Park, selbst wenn der gut besucht sei. Zudem ließe sich der Zugang zu Parks viel einfacher kontrollieren, als die Belegung der tausenden Lokale in Madrid, so die Kritik.

Wachsende Unruhe in Madrid: Demos verboten oder von Polizei aufgelöst

Eine für Samstag angekündigte Demo von Corona-Leugnern wurde abgesagt, Proteste von linken Gruppen, aber auch einfachen Nachbarschaftsvereinigungen, die die Quarantäne ausgewählter Viertel in Madrid als soziale Diskriminierung betrachten, wurden zum Teil rüde niedergeknüppelt. "Wir sind die Geiseln von Ayuso" hieß es bei spontanten Protesten in den betroffenen Viertel am Freitag.

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