Mutant auf Reisen

Corona-Mutation aus Spanien: Urlauber verbreiteten 20A.EU1 in Europa

  • vonAnne Götzinger
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Eine im Juni erstmals in Spanien aufgetretene Mutation des Coronavirus hat sich inzwischen in ganz Europa verbreitet. Begünstigt wurde das durch die gelockerten Reisebestimmungen im Sommer.

  • Forscher haben eine Variante des Coronavirus identifiziert, die als Erstes in Spanien aufgetreten ist.
  • Mittlerweile gehen 80 Prozent aller Covid-19-Erkrankungen in Spanien auf die neue Variante 20A.EU1 zurück.
  • Durch gelockerte Reisebestimmungen im Sommer konnte sich 20A.EU1 in ganz Europa ausbreiten.

Sars-CoV-2 – wohl jeder weiß inzwischen, was sich hinter diesem kryptischen Namen verbirgt. Doch das Coronavirus, das seit Anfang 2020 unser Leben verändert hat, ist kein starres Gebilde, es verändert sich auch selbst. Allein in Europa sind hunderte Varianten des Coronavirus im Umlauf, die sich alle durch kleine Mutationen in ihrem Erbgut voneinander unterscheiden.

Doch eine Variante übertrifft sie alle und ist mittlerweile für viele Covid-19-Infektionen in Europa verantwortlich: 20A.EU1. Die Mutante soll ausgerechnet in Spanien, konkret in der Region Aragón, im Juni zum ersten Mal aufgetreten sein und sich dann durch die gelockerten Reisebeschränkungen im Sommer in ganz Europa verbreitet haben. Selbst in Hongkong und Neuseeland ist die Variante inzwischen angekommen.

Wissenschaftler in Spanien und der Schweiz haben die Coronavirus-Mutation 20A.EU1 identifiziert.

Forscher des spanischen Konsortiums SeqCovid sowie der Universität Basel und der ETH Zürich in Basel haben in den vergangenen Monaten Virusgenomsequenzen von Covid-19-Patienten aus ganz Europa analysiert und verglichen, um die Entwicklung und Verbreitung des mutierten Erregers nachzuvollziehen. In Spanien arbeiteten die Wissenschaftler des Konsortiums SeqCovid mit Daten, die ihnen rund 30 Krankenhäuser aus dem ganzen Land übermittelten. Ihre Ergebnisse haben die Wissenschaftler jetzt in einen Vorab-Bericht auf dem Server für medizinische Veröffentlichungen MedRxiv publiziert.

Coronavirus-Mutation aus Spanien: Inzwischen in zwölf europäischen Ländern verbreitet

„In Spanien gingen im September 80 Prozent der Infektionen auf diese Variante zurück, und auch in anderen Ländern Europas ist sie immer verbreiteter“, erklärt Iñaki Comas, Coautor der Studie und Leiter des Konsortiums SeqCovid. Aufgetreten sei 20A.EU1 vor allem in Großbritannien und Irland, aber auch 30 bis 40 Prozent aller Covid-19-Erkrankungen in der Schweiz, den Niederlanden und in Frankreich gehen auf die Mutante zurück. Identifiziert wurde sie außerdem auch in Deutschland, Belgien, Italien, Lettland, Norwegen und Schweden, wenn auch in geringerem Maße.

Wie genau und warum die Variante 20A.EU1 in Spanien aufgetreten ist, konnten die Wissenschaftler indes nicht eindeutig klären. „Die Tatsache, dass die Grenzen bis Juni geschlossen waren, legt nahe, dass die Mutation bereits mit geringer Häufigkeit in Aragón zirkulierte“, sagt Comas, der vor einigen Monaten seine Forschungen über Tuberkulose unterbrochen hat, um bei der Studie über die Evolution von Sars-CoV-2 in Spanien mitzuarbeiten. „Nichtsdestotrotz haben wir keine Proben aus den Monaten Mai/Juni, die uns erlauben, dies zu überprüfen, deshalb können wir auch eine Einschleppung nicht komplett ausschließen.“

Mehr Gewissheit herrscht hingegen über den Ausgangspunkt und wie sich 20A.EU1 dann weiter in Spanien ausgebreitet hat. „Wir wissen, dass die Fälle in Aragón mit einem Ausbruch zwischen Landarbeitern im Juni zusammenhängen, die in der Obsternte beschäftigt waren, und das Virus dann in Aragón und Katalonien weiterverbreitet haben“, berichtet der 41-jährige Forscher. Dieses „Superspreader-Ereignis“ habe es diesem Genotyp erlaubt, sich schnell lokal und im restlichen Spanien auszubreiten.

Forscht in Valencia über die Coronavirus-Mutation aus Spanien: Iñaki Comas vom CSIC.

Viele stellen sich das Coronavirus wie eine runde Krone vor – daher auch sein Name. Noch treffender aber wäre ein zu einer Kugel geformter Fußballschuh mit Stollen. Denn genau hier, an den Spikes des Schuhs ist es, wo das Virus zu seiner Variante mutiert ist. „20A.EU1 ist durch Mutationen gekennzeichnet, die Aminosäuren in den Spike-, Nukleokapsid- und ORF14-Proteinen des Virus modifizieren“, heißt es in der spanisch-schweizerischen Studie.

Coronavirus-Mutation aus Spanien: Sind entwickelte Impfstoffe wirksam?

Derzeit gebe es jedoch keine Anhaltspunkte, dass die Veränderungen im Genom des Coronavirus den Verlauf der Pandemie entscheidend beeinflusst hätten. „Es ist wichtig festzuhalten, dass es derzeit keinen Hinweis darauf gibt, dass die Verbreitung der neuen Variante auf einer Mutation beruht, die die Übertragung erhöht oder den Krankheitsverlauf beeinflusst“, betont Dr. Emma Hodcroft, Genomische Epidemiologin an der Universität Basel und Hauptautorin der Studie.

Ob die Veränderungen des Coronavirus die Wirksamkeit der ersehnten Impfstoffe beeinflussen könnte, wird derzeit heiß diskutiert. Immerhin zielt die Mehrheit der in aller Welt entwickelten Vakzinen auf eben genau die Stollen des Virus ab. Ihre „Schablone“ ist die nicht mutierte Bauanleitung für das Spike-Protein im ursprünglichen „D-Stamm“ des Virus. Mittlerweile entfällt ein Großteil der identifizierten Sars-CoV-2-Genome aber auf den durch Mutation entstandenen „G-Stamm“.

Die meisten Wissenschaftler geben diesbezüglich Entwarnung. So sei es sogar möglich, „dass eine Mutation das Coronavirus empfindlicher gegen Impfstoffe machen könnte“, berichtet etwa das Wissenschaftsmagazin „Spektrum“. Das zumindest sei das Resultat einer Studie, die das Team des US-Virologen David Montefiori im Juli auf medRxiv veröffentlichte. „Darin erhielten Mäuse, Affen und Menschen experimentelle RNA-Impfstoffe, darunter einen, der vom Arzneimittelhersteller Pfizer in New York City entwickelt wird. Wie sich zeigte, blockierten die Antikörper, die die Impfungen hervorriefen, mutierte G-Viren wirksamer als die Viren mit dem ursprünglichen D-Stamm“, schreibt „Spektrum“.

Auch die „Deutsche Apotheker Zeitung“ beruft sich in einem Artikel vom 20. Oktober auf eine neue in „npj Vaccines“ veröffentlichte Studie, in der Forscher für ihre Versuche mit Frettchen australische Virus-Isolate mit oder ohne die betreffende Mutation verwendeten. „Ein Vergleich der Neutralisationstiter der Virus-Isolate ergab, dass die D614G-Mutation nach der Impfung nur einen geringen Einfluss auf die Neutralisationseffizienz hatte.“

Die in Spanien aufgetretene Mutation hat also das ursprüngliche Coronavirus verändert, doch sie verändert – zumindest momentan – nicht den Kampf gegen die Pandemie. Dennoch sei es wichtig, das Aufkommen neuer Varianten wie 20A.EU1 genau zu beobachten, betonen die Forschenden. „Nur durch die Sequenzierung des viralen Genoms können wir neue Sars-CoV-2-Varianten identifizieren, wenn sie auftauchen, und ihre Ausbreitung innerhalb und zwischen den Ländern überwachen“, betont Prof. Dr. Richard Neher von der Universität Basel, einer der Co-Autoren der Studie. „Die Anzahl der Sequenzen, die wir haben, ist von Land zu Land sehr unterschiedlich. Um aufkommende Varianten früher identifizieren zu können, müssen wir Sars-CoV-2 in ganz Europa schneller und systematischer sequenzieren.“

Das Thema Mutation hat in den vergangenen Tagen zusätzlich Aktualität erlangt, nachdem Dänemark angeordnet hat, rund 15 Millionen Nerze in Farmen notzuschlachten, weil sich zwölf Menschen bei den Tieren mit der Virusmutation „Cluster 5“ angesteckt hatten. Das berichtet echo24.de*. Auch in Spanien gibt es solche Nerzfarmen.

Mutation aus Spanien breitet sich in Europa aus: Wirksamkeit der Reiseregelungen überdenken

Auswirkungen könnten die Resultate außerdem auf weitere Maßnahmen zur Eindämmung der Coronavirus-Pandemie haben. Denn die Analyse der sommerlichen Sars-CoV-2-Prävalenz in Spanien und der Reisedaten zeigt, dass diese Faktoren erklären können, wie sich 20A.EU1 so erfolgreich ausgebreitet hat. Spaniens relativ hohe Fallzahlen und Beliebtheit als Urlaubsziel haben eine Vielzahl an Übertragungen auf neue Länder ermöglicht. Manche infizierte Touristen hätten durch riskantes Verhalten nach der Rückkehr größere Ausbrüchen begünstigt.

Die Autoren der spanisch-schweizerischen Studie empfehlen daher eine Evaluation der Wirksamkeit von Grenzkontrollen und Reisebeschränkungen zur Eindämmung von Sars-CoV-2 während des vergangenen Sommers. „Langfristige Grenzschließungen und strenge Reisebeschränkungen sind weder durchführbar noch wünschenswert“, erklärt Hodcroft, „aber anhand der Ausbreitung von 20A.EU1 scheint klar zu sein, dass die getroffenen Maßnahmen oft nicht ausreichten, um die Weiterverbreitung der neuen Variante zu stoppen. Nachdem die Länder hart daran gearbeitet haben, die Zahl der Sars-CoV-2-Infektionen auf ein niedriges Niveau zu senken, müssen sie bessere Wege finden sich zu ‚öffnen‘, ohne einen Anstieg der Fälle zu riskieren.“

Biologe und SeqCovid-Leiter Iñaki Comas aus Valencia zieht ebenfalls seine Schlüsse aus der Studie: „Es verdeutlicht die Wichtigkeit, Ausbrüche frühzeitig zu stoppen“, meint der Wissenschaftler. „Wir haben darin versagt, die verwundbarsten Personen zu schützen, und das hat uns alle nur noch verwundbarer gemacht.“ *echo24.de ist Teil des Ippen-Digital-Netzwerks.

Rubriklistenbild: © CSIC

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