Wirtschaftskrise in Spanien

Nissan macht Fabriken dicht: 25.000 Arbeitsplätze in Katalonien in Gefahr

  • vonMarco Schicker
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Der japanische Autohersteller Nissan schließt seine Werke in Katalonien und übergibt die anderen Produktionsstätten an Renault. Zigtausende Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel.

  • Nissan schließt oder verkauft seine Produktionsstätten in Spanien.
  • 3.000 Arbeitsplätze gehen direkt verloren, über 20.000 sind in akuter Gefahr.
  • Automobilindustrie ist weltweit unter Druck: Nissan überlässt Europa Renault.

Barcelona - Die Krise rollte vom Band: Die Gerüchte über eine Schließung des Nissan-Standortes in Katalonien rumorten schon eine Weile, seit 4. Mai befindet sich die Belegschaft im Nissan-Werk in Barcelona im Streik, seit Mitte Mai drohte das Management ganz offen mit der Schließung. Die Coronavirus-Krise war nur das Tüpfelchen auf dem I einer globalen Strategie.

Nissan schließt Werke in Barcelona: 25.000 Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel

Am Donnerstag, 28. Mai, überbrachte das Nissan-Management den Gewerkschaftsvertretern und der Regionalregierung von Katalonien die Entscheidung aus Japan. Kurz und knapp: Drei Werke in und um Barcelona werden „definitiv“ dicht gemacht, die Standorte in Kantabrien und Ávila gehen an Renault. Nissan verlässt damit Spanien. Bis Dezember 2020 werden damit 3.000 Menschen in der katalanischen Hauptstadt Barcelona arbeitslos, weitere 20.000 Arbeitsplätze bei Dienstleistern und Zulieferern in ganz Spanien stehen auf dem Spiel.

Erste Proteste an den Nissan-Werken in Barcelona nach Bekanntwerden des Beschlusses zur Schließung:

Nissans Rückzug aus Spanien soll Profite für Aktionäre retten

Betroffen sind die Produktionsstätten im Zollfreigebiet, der Zona Franca an Barcelonas Hafen, Montcada i Reixac sowie Sant Andreu, dazu Lager und Logistikzentren. Die Werke in Ávila und Los Corrales in Kantabrien gehen an Renault über. Dahinter steckt eine globale Allianz der Konzerne, Renault, Nissan und Mitsubishi - die untereinander wirtschaftlich verbunden sind, um den Einbruch am Fahrzeugmarkt aufzufangen. Die drei Autohersteller teilen sich den Markt auf, wobei Renault den Zugriff auf Europa bekam. Ziel ist es, durch Synergien und den Verzicht auf zerstörerischen Wettbewerb 40 Prozent der vor Corona geplanten Investitionskosten einzusparen, um so schneller in die Gewinnzone zurückkehren zu können.

Mitarbeiter von Nissan in Barcelona protestieren gegen die Werksschließung des japanischen Autokonzerns in Spanien.

Gewerkschaften hatte Rettungsplan mit E-Autos: Investieren billiger als Schließung

Gewerkschaften und die Generalitat, Kataloniens Regionalregierung, hatten bis zuletzt gehofft, das Management des Autobauers von einer Restrukturierung überzeugen zu können. Eine Arbeitsgruppe hatte zusammen mit dem Management der Nissan Motor Ibérica einen „Überlebensplan“ ausgearbeitet, der aber nur eine Skizze blieb: Eine neue Produktionslinie für Elektroautos hätte den Konzern rund 300 Millionen Euro Investitionen gekostet, während die Stilllegung mit Sozialplänen und Liquidierung sich auf mindestens eine Milliarde Euro belaufen würde. „Die Fabrik in Barcelona trägt strategischen Charakter, Barcelona und Spanien als Standort aufgeben, bedeutet, die EU aufzugeben, mit einem Markt von über 500 Millionen Menschen“, hieß es verzweifelt aus der Regionalregierung.

Doch die Rechnung hat man ohne den Wirt, sprich die Konzernstrategen von Nissan in Japan gemacht. Denn dort kämpft man nicht erst seit der Coronavirus-Krise mit Überkapazitäten in Europa und schwächelnden Absätzen, was auch auf die Modellpolitik zurückzuführen sei, wie Branchenexperten betonen. Das Coronavirus hat jetzt nur den Deckel drauf gemacht. Ein Schicksal, das sich in den nächsten Monaten öfter wiederholen wird, EU-Hilfspakete hin oder her. Die Konzerne nutzten die Krise, um zunächst die Arbeitskosten über Freistellungen wie die ERTE-Modelle auf den Staat abzuwälzen und sich dann durch Schließungen nicht mehr effizienter Werke ganz zu entledigen.

Gewerkschaften kündigen weitere Proteste an - Spanischer Staat hält sich zurück

Die Gewerkschaftskonföderation UGT spricht von „einer Schande, was Nissan in Barcelona angerichtet hat“. Sie seien gekommen, „um uns zu sagen, was wir schon wussten, sie ließen uns nicht reden, nicht einmal eine Frage stellen“, so die UGT-Vertreterin bei Nissan Gisela Macedo. Sie will nun eine Mitarbeiterversammlung abhalten, „ich weiß nicht, was dann passiert“.

Die Gewissheit, dass ihr Arbeitsplatz endgültig verloren geht, ließ am Donnerstag die Emotionen bei den Arbeitern hoch gehen. Gruppen von Arbeitern blockierten die Straßen rund um das Werksgelände, setzten Autoreifen in Brand und lieferten sich Scharmützel mit der anrückenden Polizei. Als nächstes denken Aktivisten über eine Menschenkette um das Betriebsgelände und sogar über eine Besetzung nach sowie „weitere Aktionen, über die wir jetzt noch nichts sagen wollen“, so die Gewerkschafterin.

Das Nissan-Werk in Barcelona, Zona Franca, schließt zum Dezember 2020 endgültig, nach 40 Jahren.

100 Jahre Automobilgeschichte zu Ende

Das Nissan-Werk in Barcelona war einer der ersten großen Konzerne, die nach der Demokratisierung des Landes massiv in Spanien investierte. 1980 siedelte sich Nissan in der extra für solche Investitionen geschaffenen Freihandelszone Barcelona an und übernahm dabei das Traditionsunternehmen Motor Ibérica, das unter anderem LKWs und Traktoren der Marke Ebro produzierte. „Damit gehen in Katalonien auch 100 Jahre Automobilgeschichte zu Ende“, beklagt die Gewerkschaft UGT.

Dass die Coronavirus-Krise zur Schließung von vielen Unternehmen in Spanien führen wird, war allen klar. Geräuschlos geben schon täglich kleine Selbständige ihr Geschäft auf, sperren mittelständische Unternehmen zu, öffnet die Bar an der Ecke nicht mehr. Im Falle einer Fabrik wie Nissan in Barcelona wird indes eine Kettenreaktion in Gang gesetzt. Die Gewerkschaftskonföderation CC.OO., die größte des Landes, beklagt, dass Spanien „das einzige Land in Europa“ sei, das keine Subventions-Strategie habe, um Autohersteller im Lande zu halten.

Rubriklistenbild: © CC.OO./Consorci Zona Franca

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