Spaniens Gesundheitsminister und der Chef des Krisenstabes sprechen vor einer Karte an einem Rednerpult zur Presse.
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Tag für Tag versuchen Spaniens Gesundheitsminister Salvador Illa und Fernando Simón, Chef des sanitären Krisenstabes der Regierung, Klarheit über die Coronavirus-Lage zu verschaffen.

Covid-19 in Spanien

Coronavirus Spanien aktuell: Reale Gefahr oder alles nur Panikmache? + Updates

  • vonMarco Schicker
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  • Stephan Kippes
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Wie ernst ist die Lage um Corona in Spanien wirklich? Wissenschaftler und Mediziner an vorderster Front gegen Covid-19 in Spanien geben Auskunft. Regierungschef Sánchez kündigt neue Maßnahmen an. + Updates.

  • Starker Anstieg der positiven Coronavirus-Tests in Spanien, der Einlieferungen in Krankenhäuser und der Todesfälle hält an.
  • Blindflug ohne Tests: Höhere Testdichte erfasst die geographischen, zeitlichen und demographischen Tendenzen, weniger den Status der Erkrankten.
  • Mangel an Strategie und Ressourcen sowie inkonsequentes Handeln der Behörden verschlimmern laut Fachleuten die Lage.
  • "Leben mit dem Virus" bedeutet auch Anpassung des Gesundheitswesens, der Schulen und der Gewohnheiten.

Update, Sonntag, 30. August: 20.25 Uhr: Impfungen gegen Covid in Spanien schon ab Dezember? Spaniens Gesundheitsminister im Interview und weitere Aktualisierungen zur Entwicklung des Coronavirus in Spanien.

Coronavirus Spanien aktuell:

Update, Samstag, 29. August, 7.00 Uhr: Das spanische Gesundheitsministerium hat am Freitag 3.829 neue positive Coronavirus-Tests für die vergangenen 24 Stunden registriert, rund 50 mehr als am Tag zuvor. Weitere 9.779 positive PCR-Tests der Vortage wurden in die Statistik aufgenommen. 1.153 Fälle der letzten 24 Stunden stammen aus Madrid, 730 aus dem Baskenland, 401 aus Andalusien, 185 aus Aragón, die Region Valencia verzeichnet 128, Murcia 39. 129 Todesfälle durch Covid-19 wurden in den vergangenen sieben Tage registriert, die offizielle Gesamtzahl liegt damit für Spanien bei 29.011 Corona-Toten.

Ein deutlich verlässlicherer Indikator für die Tendenz der Corona-Pandemie als die PCR-Tests sind die Daten über die Hospitalisationen: In den vergangenen sieben Tagen mussten 1.693 Menschen neu wegen Covid-19 in Krankenhäuser eingeliefert werden, davon 503 in Madrid und 254 in Andalusien. 129 Personen kamen in der abgelaufenen Woche auf die Intensivstationen, das sind - bei stationärer wie intensivmedizinischer Behandlung - in etwa vier mal so viel wie Ende Juni.

Nach einem Intermezzo vor Gerichten hat jetzt auch die Region Madrid die Maßgaben zur Einschränkung des Nachtlebens und des erweiterten Rauchverbots im öffentlichen Raum übernommen.

Zur Lage Coronavirus an der Costa Blanca.

Zur Lage Coronavirus in Andalusien.

Zur Lage des Coronavirus in der Region Murcia.

Spanien testet Impfstoff - Grippeimpfung wird vorgezogen - Regeln für Schulstart - 1.610 neue Covid-Patienten in einer Woche

Update, Freitag, 28. August, 17.30 Uhr: Die spanische Zulassungsstelle Aemps hat die erste klinische Studie (Phase 2 von 3) für einen Impfstoff gegen Covid-19 genehmigt. 590 gesunde Freiwillige - davon 190 in Spanien - in der Mehrheit zwischen 18 und 55 Jahren sowie eine besonders beobachtete Gruppe ab 65 Jahren, werden in Deutschland, Belgien und Spanien auf das Präparat der belgischen Firma Janssen, Tochter des Konzerns Johnson & Johnson getestet werden. Vorteile bei der Belieferung mit einem möglichen zugelassenen Impfstoff bringt die Teilnahme an der Studie Spanien aber nicht, "Spanien ist dennoch stolz, seinen Beitrag zu leisten", so Gesundheitsminister Salvador Illa auf einer Pressekonferenz am Freitag.

Illa will zudem die Impfkampagne zur kommenden Grippesaison. so weit es medizinisch sinnvoll ist, vorziehen und eine Durchimpfung von 75 Prozent bei Menschen über 65 Jahren und medizinischen Personal erreichen sowie 60 Prozent bei Schwangeren und Personen mit erschwerenden Vorerkrankungen. Damit soll vermieden werden, dass Menschen gleichzeitig oder kurz hintereinander durch die Grippe und Covid-19 geschwächt und gefährdert werden.

Für den umstrittenen und durch Mangel an Koordination von vielen Eltern und Lehrern gefürchteten Schulstart in Spanien am 7. September hat die Regierung in Madrid jetzt Rahmenbedingungen vorgelegt, deren Umsetzung allerdings die Landeseregierung konkretisieren und garantieren müssen.

In den vergangenen 7 Tagen wurden in Spanien 1.610 Personen wegen Covid-19 neu in Krankenhäuser zur stationären Behandlung eingewiesen. Das ist das Vierfache der Zahl von Mitte Juni und das Doppelte seit Ende Juli...

Coronavirus Spanien aktuell

Update, Donnerstag, 27. August, 9:00 Uhr: 7.296 neue positive PCR-Tests auf das Coronavirus hat das Gesundheitsministerium am Mittwoch in die Statistik aufgenommen, 3.900 davon sollen auf die letzten 24 Stunden fallen, allein 1.500 auf Madrid. Zudem wurden 47 Todesfälle Covid-19 zugeordnet. Derzeit liegen 5.903 Menschen in Spanien wegen der Krankheit im Krankenhaus, 700 davon auf Intensivstationen.

Um einen verlässlicheren Trend als die reinen PCR-Tests abzulesen: Am Mittwoch wurden 590 Menschen entlassen, die wegen des Coronavirus in Spaniens Hospitälern stationär behandelt werden mussten, aber 922 wurden neu eingeliefert. Landesweit sind derzeit 5,5 Prozent der Krankenhausbetten mit Covid-Patienten belegt, in Madrid liegt die Rate bei 13 Prozent. Die Hauptstadt-Region stellte am Mittwoch auch fast die Hälfte der neuen Fälle bei den PCR-Tests, der Zusammenhang zwischen Anzahl der positiven Tests und der Zahl der Erkrankten ist also statistisch sichtbar.

Doch auch Regionen wie Valencia lieferten neue Nach-Notstand-Rekorde mit über 800 neuen, positiven Tests im Register an eine Tag, auch wenn nicht alle vom selben Tag waren. Asturien ist derzeit die Region in Spanien mit der geringsten Infektionsrate (40 pro 100.000 in zwei Wochen), in Aragón waren es über 400.

Die Region Murcia hat derweil als erste Region 60 der 2.000 von Regierungschef Sánchez bereitgestellten Militärs als Viren-Verfolger angefordert.

Update, 26. August, 8.30 Uhr: Der Tourismusbeauftragte der deutschen Bundesregierung, Thomas Bareiß, hat am Dienstag im deutschen Nachrichtenkanal ntv angedeutet, dass die Reisewarnung zwar nicht für ganz Spanien, aber zumindest für Mallorca und die Balearean bald aufgehoben werden könnte. "Die Zahlen gehen wieder zurück. Das heißt, wenn wir in den nächsten Tag vielleicht auch vom RKI das grüne Licht bekommen, dass damit dann das Reisen auf Mallorca auch wieder möglich ist." (Anmerkung: Das Reisen ist auch jetzt möglich, allerdings auf eigenes Risiko und die Reisveranstalter richten sich nach den Reisewarnungen des Auswärtigen Amtes, daher ist das Angebot an Flügen sehr gering). Wie für alle anderen Regionen gelte die Schwelle von 50 Neuinfektionen pro 100.000 über sieben Tage als entscheidend. Spanien liegt insgesamt derzeit über 150.

2.415 neue positive PCR-Tests auf das Coronavirus binnen 24 Stunden in Spanien bestätigen die Tendenz der vergangenen Woche. Insgesamt wurden am Dienstag 7.117 Coronavirus-Fälle mit Nachmeldungen von Tests der Vortage in die Statistik aufgenommen. Mit 1.900 Neueinweisungen in Kliniken binnen einer Woche hat sich das Aufkommen an Covid-19-Fällen gegenüber dem Juni bereits wieder verdreifacht.

Die spanische Regierung hat sich 31 Millionen Impfdosen über eine zentrale Vereinbarung der EU über den Kauf von 300 Millionen (+100 Mio. Option) mit dem britischen Pharma-Hersteller AstraZeneca gesichert sowie eine Opotion auf weitere 10 Millionen. Voraussetzung für den Start der Lieferung ist die Zulassung eines wirksamen und sicheren Impfstoffes durch die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA), die aber nicht vor Frühjahr 2021 wahrscheinlich ist.

Spaniens Regierungschef im TV: Kein neuer totaler Lockdown, aber ernste Lage, Regionen können Notstand verhängen, 2.000 Militärs als Viren-Jäger

Update, 25. August, 14.30 Uhr: Ministerpräsident Pedro Sánchez hat die Entwicklung der Corona-Pandemie als „besorgniserregend“ bezeichnet. Der Regierungschef trat nach der ersten Kabinettssitzung nach der Sommerpause vor die Presse und stimmte das Land darauf ein, abermals mit einer gemeinsamen Anstrengung die Fallkurve umzubiegen.

Einen nationalen Notstand oder eine Quarantäne schloss Pedro Sánchez aus, da die Corona-Pandemie in Spanien sich nicht homogen entwickle, also in den verschiedenen Regionen unterschiedlich verlaufe. Auch lasse sich die aktuelle Coronavirus-Krise nicht mit den Zuständen im Frühjahr vergleichen, als es galt die Krankenhäuser in Spanien vor dem Kollaps zu retten. Das Gesundheitswesen stünde jetzt viel besser da und die Entwicklung des Virus habe man besser unter Kontrolle. Seit vergangenen Freitag habe man in Spanien 80.000 Menschen auf das Coronavirus getestet, womit der Regierungspräsident zum Teil die hohen Fallzahlen in einigen Regionen erklärte.

„Wir dürfen nicht zulassen, dass uns das Virus abermals uns in allen Bereichen dominiert und die Angst uns paralysiert“, sagte Ministerpräsident Pedro Sánchez. Mit „großer Vorsicht“ - also „alerta“ - aber auch Gelassenheit - „serenidad" - ,meinte Sánchez mehrmals, müssten die Spanier der Bedrohung begegnen.

Sánchez sicherte aber jedem Regionalpräsidenten die Unterstützung der Zentralregierung zu, falls vor Ort beziehungsweise in der Region drastische Maßnahmen ergriffen und etwa ein Notstand verhängt werden müsste. „Notstand heißt nicht Quarantäne. Es gibt verschiedene Arten des Notstands“, sagte Pedro Sánchez. Ferner stellte er den Regionen 2.000 Virusfahnder des Militärs zur Verfügung. Der Regierungschef kündigte auch die schnelle Einführung der Corona-App in allen Regionen an.

Pedro Sánchez erteilte den Rufen eine Absage, die angesichts der steigenden Fallzahlen eine Rückkehr zum „Oberbefehl“ der Zentralregierung forderten. Die Coronavirus-Krise in Spanien bleibt damit zum großen Teil eine Angelegenheit der Regionen. Der Ministerpräsident appellierte stattdessen an die Einheit der verschiedenen Verwaltungen und sprach sich für eine Stärkung der Institutionen aus. So bat er die Parteien, Konflikte beizulegen und den einzigen Feind zu bekämpfen, den es derzeit gebe. „Das ist das Virus“, sagte Sánchez. Mehrmals sprach er davon, mit "institutionellen Einheit und individueller Verantwortung" der Bedrohung zu begegnen.

Mit Blick auf den Schulanfang versprach Sánchez allen Eltern „Covid-freie Zentren“ und brach eine Lanze für den Präsenzunterricht, der „mit aller Normalität" verlaufen muss. Darauf arbeiteten die Regierung und Regionen seit Monaten hin. „Die Türen der Schulen müssen sich öffnen“, sagte Sánchez.

Update, 24. August, 17:54 Uhr: In den vergangenen zwei Wochen akkumulierte Spanien 166,2 positive PCR-Tests auf das Coronavirus pro 100.000 Einwohner, acht mehr als in den 14 Tagen zuvor. In den vergangenen 24 Stunden kamen 2.060 Fälle hinzu, 40.427 wurden in den letzten sieben Tagen in die Statistik aufgenommen. Für die letzten 7 Tage werden 96 Covid-19-Todesfälle angegeben, 22 weniger als in der Vorwoche. 1.294 Menschen mussten in den letzten 7 Tagen in Krankenhäusern neu stationär aufgenommen werden, 74 davon auf Intensivstationen, etwas mehr als in der Vorwoche. Zur Einordnung der Zahlen lesen Sie bitte den Haupttext unter diesem Update.

Die Region Murcia hat die Zahl der sozialen Kontakte per Dekret auf sechs Personen beschränkt, Katalonien auf zehn. Die Region Madrid ruft ihre Bewohner auf, "auf vermeidbare Sozialkontakte zu verzichten". Die Regierungen der Regionen Baskenland und Balearen sprechen jetzt offiziell davon, in der "zweiten Welle zu sein". In Candeleda, Provinz Ávila, Region Castilla y León, stieg die Zahl der Infizierten in einem einzigen Altersheim auf 84 Personen.

Viele scheinen diese Bilder schon vergessen zu haben: Auf der Intensivstation des Hospital del Mar in Barcelona im April 2020.

Erstmeldung, 24. August, 17.00 Uhr: Madrid - "Wir hätten nicht gedacht, dass wir diese Werte vor dem Herbst erreichen", erklärt Fernando Simón, Leiter des sanitären Krisenstabes der spanischen Regierung vorige Woche, als er die aktuellen Zahlen positiver Coronavirus-Tests für Spanien verkündet: 3.650 Neuinfizierte an einem Tag waren es am Mittwoch, 19. August. Es sind die schlimmsten Zahlen in ganz Europa, im Durchschnitt der letzten 14 Tage waren es in Spanien 152 Coronavirus-Fälle auf 100.000 Einwohner, drei Mal so viel wie in Frankreich. Eine aktuelle Studie der Uni Murcia sagt bereits wieder fürchterliche Szenarien voraus, wenn nicht schnell gehandelt würde. Was ist dran?

Wie steht es um Spanien und seinen Kampf gegen die zweite Welle des Coronavirus? Fachleute antworten

Die Zeitung „El País“ hat in der Vorwoche Experten befragt, solche, die in den Laboren der Forschungsinstitute, in den Intensivstationen und Krankenhäusern mit dem Virus und dessen Auswirkungen zu tun und zu kämpfen haben. Allen wurden die gleichen drei Fragen gestellt: Wie steht es in Spanien um das Coronavirus? Was ist falsch gelaufen? Was muss geschehen, um die Lage unter Kontrolle zu bekommen?

Zusammenfassung der Erkenntnisse der spanischen Fachleute zur Coronavirus-Lage in Spanien:

  • Mehr Tests bedeuten mehr Detektionen, auch von asymptomatischen Fällen. Das ist gewollt, weil man auf diese Weise ein genaueres Bild von der Verbreitung des Virus in der Bevölkerung erhält. Das ist die Voraussetzung, um überhaupt Strategien erarbeiten zu können.
  • Es geht bei den vielen Tests nicht in erster Linie um die Aufspürung von Kranken, sondern um Infizierte und damit Kenntnis über die Kapazität der Übertragung, geographisch und demographisch und auch chronologisch. Das Aufzeigen einer Tendenz ist wichtiger als die absolute Richtigkeit der Messungen. Steigt die Zahl der Ansteckungen, steigt zwangsläufig auch der Bedarf an Krankenhausbetten und steigen notgedrungen auch die Zahl der Toten, wenn auch aufgrund der veränderten Altersstruktur und besserer Prävention nicht in dem Maße wie bei der ersten Welle.
  • Auch asymptomatische Virenträger sind ansteckend, gefährden also Risikogruppen, wenn ihr Ansteckungspotential nicht durch Verfolgung und Eindämmung verkleinert wird. Hier fehlt es in Spanien noch immer an einem adäquat ausgestatteten System.
  • Es ist richtig, dass das Durchschnittsalter der positiv Getesteten stark gesunken ist. Das liegt an der höheren Mobilität nach dem Notstand (Reisen, Arbeitsaufnahme etc.), vor allem aber daran, dass diese Gruppe während des Coronavirus-Notstandes in Spanien gar nicht gezielt getestet werden konnte, aber auch daran, dass sich die jungen Leute oft nicht an die Hygienevorschriften halten.
  • Daraus folgt, dass die Zahl der Hospitalisierungen und schweren Verläufe im Verhältnis zu den positiven Tests ebenfalls gesunken ist, aber: Die absolute Zahl der stationären Behandlung auf Krankenhäusern wegen Covid-19 bedingter Erkrankungen, die Zahl der schweren Verläufe und die Todesfälle steigen wieder und haben sich von Juli bis August vervielfacht, z. B. von 17 Toten binnen 7 Tagen auf 121 in der vorletzten Woche.
  • In einigen Teilen Spaniens ist die Verbreitung über Infektionsherde zu einer allgemeinen Verbreitung geworden, also wieder außer Kontrolle geraten oder steht kurz davor. Wird diese Tendenz nicht bekämpft, riskiert man erneut, dass die Krankenhäuser ihre Kapazitätsgrenzen erreichen. Ohne eine wirkliche Isolation der positiven Fälle, wird die Epidemie nicht eingedämmt.
  • Spanien muss seine Gesundheitszentren aufrüsten, mehr Viren-Verfolger einsetzen, die Zählweise harmonisieren, gezielte Verhaltensregeln für alle sozialen Bereiche formulieren und kohärente Gegenmaßnahmen bei Ausbrüchen umsetzen. Dazu sind weder ein neuer Notstand, noch eine zentrale Regierungsgewalt notwendig, aber klare Absprachen zwischen Madrid und den Regionen in den zentralen Punkten, die das Nach-Notstands-Gesetz ohnehin vorsieht.
  • Spanien braucht eine unabhängige nationale Behörde samt wissenschaftlichem Institut zur Bekämpfung von Epidemien, mit weitgehenden Vollmachten.
  • Möglichst gute Durchimpfung vor Grippewelle wird angeraten.

Für Spanien führt kein Weg daran vorbei: Coronavirus aufspüren, Infektionsherde isolieren, Infizierte unter Quarantäne stellen

Tag für Tag versuchen Spaniens Gesundheitsminister Salvador Illa und Fernando Simón, Chef des sanitären Krisenstabes der Regierung, Klarheit über die Coronavirus-Lage zu verschaffen.

"Die Zahlen der letzten Wochen sind beunruhigend, noch beunruhigender aber ist das Fehlen einer Strategie", kritisiert Miguel Hernán, Professor für Epidemologie der Uni Harvard. "Das Wiederaufleben der Epidemie bedroht aufs Neue das Gesundheitssystem und kann dazu führen, dass auch die Wirtschaftstätigkeit zurückgefahren werden muss. Hier darf es aber kein Entweder Oder geben: öffentliches Gesundheitswesen und eine gesunde Wirtschaft gehen Hand in Hand." Es sei noch "Zeit, eine neue Quarantäne oder die Schließung der Schulen zu vermeiden, wenn man koordiniert vorgeht", so Hernán. "Es braucht quantitative Indikatoren, eine öffentliche und transparente Erfassung, die zu harmonisierten Maßnahmen führen. Dazu braucht Spanien aber eine kraftvolle nationale Institution. Es kann nicht sein, dass die meisten Experten am Gesundheitsministerium gebunden sind und in den autonomen Gemeinschaften die Kapazitäten fehlen."

"Der schnelle Anstieg der Fälle in den letzten Wochen ist beunruhigend. Die Verbreitung beschleunigt sich immer mehr und die Erfassung kommt nicht hinterher. Wir wollten zu schnell in die Normalität zurück", resümiert Magda Campins, Chef der Abteilung für Präventivmedizin des Hospital Vall d’Hebron in Barcelona, das eines der am stärksten belasteten während der ersten Coronavirus-Welle in Spanien war. Auch sie sieht einen "Mangel an Detektion, aber auch, dass ein Teil der Bevölkerung die Sicherheitsmaßnahmen nicht respektiert hat", als Ursachen an. Campins plädiert für noch mehr Tests, vor allem da, wo Infektionsherde auftauchen, um den für schwere Verläufe anfälligen Teil der Bevölkerung besser zu schützen.

"Die Situation bezüglich des Coronavirus ist in einigen Regionen Spaniens sehr besorgniserregend"

Antoni Trilla, Chef der Präventionsmedizin am Hospital Clínic in Barcelona sieht das Problem der Ausbreitung in der inkonsequenten Bekämpfung: "Wir müssen auf der Strategie bestehen, detektierte Fälle schnell auf deren Kontakte zu analysieren, dann zu isolieren und unter tatsächliche Quarantäne zu stellen".

Rafael Cantón, Leiter des mikrobiologischen Instituts am Hospital Ramón y Cajal in Madrid fürchtet, dass "Spanien in die allgemeine Verbreitung des Virus" eintritt, die Anstiegsrate und die Zahl der Herde wiesen darauf hin. Spanien sei "geselliger" als viele andere Länder, erklärt er die hohen Zahlen im Vergleich z. B. zu Deutschland. "Dank der vielen PCR-Tests haben wir heute eine genauere Radiografie der Lage. Doch nur mit effizienten Eindämmungsmaßnahmen erreicht man auch, dass asymptomatische Fälle nicht für andere zur Gefahr werden." Auch Cantón appelliert "an die Jüngsten, dass sie ihre Wichtigkeit beim Kampf gegen das Virus verstehen, denn sie sorgen zur Zeit vor allem für den Anstieg bei der Übertragung."

"Wir sind sehr spät dran mit der Anpassung der Schulen an die neue Situation", kritisiert Jesús Rodríguez Baño, Chefarzt für Anteckende Krankheiten am Hospital Virgen de la Macarena in Sevilla. Und: "Die Situation ist in einigen Regionen sehr besorgniserregend. Wir beobachten nicht nur mehr Einlieferungen ins Krankenhaus, sondern auch wieder mehr Covid-Symptome bei Menschen, die nicht getestet waren. Das bedeutet, dass die Ausbreitung teils schon unkontrolliert verläuft. Und das bedeutet: In Kürze werden auch wieder die anfälligsten Gruppen betroffen sein."

"Es gibt eine allgemeine Verbreitung des Virus, nicht nur Infektionsherde. Spanien ist in einer Phase, in der die Einlieferungen in Krankenhäuser und auf Intensivstationen wieder steigt und auch die Todesfälle mehr werden. Es wäre entscheidend, dass die Rate der positiven PCR-Tests auf unter fünf Prozent sinkt", so Juan Armengol, Präisdent der Gesellschaft für Notfallmedizin in Spanien (Semes). Er plädiert für eine Einschränkung der sozialen Kontakte bis zu einem Impfstoff und für eine gründliche Impfkampagne vor der Grippesaison, um zu vermeiden, dass dafür anfällige Bevölkerungsgruppen zusätzlich geschwächt und so zur leichteren Beute für Covid-19 werden.

Armut macht anfälliger: Soziale Ungerechtigkeit in Spanien als Virenschleuder

Pere Godoy, Präsident der Spanischen Epidemologischen Gesellschaft sorgt sich, dass „die soziale Ungleichheit Isolation und Quarantänen erschweren“. Daher würden Menschen, die aufgrund ihrer sozialen Situation dazu gezwungen sind auf kleinem Raum mit mehreren Personen zu leben oder zu arbeiten, benachteiligt beim Schutz vor dem Virus. Sie sind „genau dort, wo die allgemeine Verbreitung des Virus wieder Fahrt aufnimmt.“ Wie die anderen Experten betont er die Wichtigkeit der Fähigkeit des Gesundheitswesens Zahlen und Verbreitung zu kennen und sich dabei auf ein einheitliches System landesweit verlassen zu können. Große Sorgen macht ihm der Schulstart am 7. September in Spanien. Denn es komme nicht nur darauf an „die Abstände in den Klassenzimmern einzuhalten, sondern auch in den Gängen, an den Ein- und Ausgängen, in den Bussen.“

"Die Situation ist sehr beängstigend", sagt Ricard Ferrer, Präsident der Gesellschaft für Intensivmedizin, Semicyuc. "Es gibt schon wieder hunderte Patienten auf den Intensivstationen." Wie es zu der zweiten Welle kam? "Als die Deeskalation begann, war das Virus noch zu aktiv, außerdem sind wir ein Volk der Nähe. Vor allem die jungen Menschen, die monatelang voneinander isoliert waren, haben daher Probleme verursacht." "Wir müssen die Infektionsketten aufspüren und durchtrennen. Die jetzige Situation können wir uns in Spanien nicht erlauben. Es ist undenkbar, dass sich die Krankenhäuser wieder nur den Coronavirus-Patienten widmen müssen". Auch dieser Experte sieht den gleichen Weg wie seine Kollegen: Massiv testen und notfalls konsequent isolieren.

Für Pedro Alonso, Professor für Öffentliches Gesundheitswesen an der Universidad de Barcelona und Leiter des Anti-Malaria-Programmes der WHO besteht das "Problem vor allem auch in dem Fehlen transparenter Daten und in der Qualität der Daten". Dennoch sei ablesbar, "dass die Fallzahlen nach oben gehen. Das Land steht wieder vor einer enormen Herausforderung. Niemand hat dafür ein Rezept oder eine ideale Strategie. Daher müssen wir die besten Spezialisten in technischen Kommissionen vereinen und mit den Behörden vernetzen. Es braucht einen Konsens - und Solidarität."

PCR-Tests als Antennen in die Wirklichkeit

Die Antwort, nein, eher der Reflex auf die unübersichtliche Informationsflut, die zum Teil auch Schuld der chaotischen Kommunikation der Regierung(en) ist, ist oft Simplifizierung und Negation. Zahllose Neu-Virologen, Coronavirus-Experten, Intensivmediziner und Soziologen, die während dieser Pandemie in Windeseile ihre Approbationen an der Facebook- und Youtube-Uni gemacht haben, argumentieren, dass die im Vergleich zum März und April jetzt massenhaft in Spanien vorgenommen PCR-Tests auf das Coronavirus ein falsches Bild ergeben würden.. Sie seien unzuverlässig, da das reine Auffinden von Coronavirus-DNA-Spuren weder etwas über die Ansteckungsfähigkeit des Probanden verrate, noch eine Aussage über die mögliche Schwere des Verlaufs treffen würden.

Etliche Tests würden zudem schlicht Falsches angeben. Die verschwindend geringe Sterberate und die relativ geringe Zahl von Hospitalisierungen seien ein weiterer Beleg für eine Farce. Bis dato unbekannte Doktoren und fachfremde Titelträger nicken dazu in Online-Wahrheitskommissionen weise ihre unmaskierten Häupter. Rufen zum Widerstand auf. Wogegen eigentlich, gegen die Gesundheit? Sie haben Aufmerksamkeit. Das ist ihr Ziel. Und haben sie nicht Recht? Würde man nicht ständig auf das Thermometer schauen, wäre es in Spanien schließlich auch nicht so furchtbar heiß...

Wissenschaft ist ein fortlaufender Prozess und kann sich seine Folgerungen nicht aussuchen - Leugnung und Halbwissen bremsen das Virus nicht

Fakten und wirkliche Experten in Spanien widerlegen diese Thesen eigentlich logisch und ohne jede Panikmache, denn sie berufen sich auf Empirisches und deren Einordnung nach wissenschaftlichen Kriterien. Wissenschaftler können sich nicht einfach eine Weltverschwörung konstruieren, weil ihnen der simple Umstand nicht gefällt, dass wir gegenüber einem lächerlich klein scheinenden Virus hilflos oder weil sie der Beschränkungen ihres sozialen Lebens müde geworden sind.

Wissenschaftliche Thesen sind zudem anfechtbarer, weil Wissenschaft auf immer neuen Erkenntnissen aufbaut, Fragen stellt, Altes verwirft, Neues findet und begründen muss, anstatt Losungen wie in Stein gemeißelt auf Transparente malen zu können. Eine dieser neuen Lesarten für das Publikum: Natürlich ist ein positiver Coronavirus-Test in Spanien heute nicht gleichbedeutend mit einem solchen im März. Damals fanden diese praktisch nur auf den Stationen der Krankenhäuser statt, bei Leuten, die teils schon schwere Symptome zeigten. Aber das Virus ist da und es tötet immer noch und wieder mehr als im Juni oder Juli und die Leugnung dieser Tatsache lässt das Virus nicht verschwinden.

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