Zwei Männer sitzen in Barcelona hinter einer weihnachtlich geschmückten Fensterscheibe in einem Kaffeehaus.
+
Abwarten und im kleinen Kreise Espresso trinken, so das Motto dieser beiden Katalanen aus der Risikogruppe, vielleicht auch ganz Spaniens.

Covid-19 Spanien

Coronavirus in Spanien aktuell: „Bleiben Sie an Weihnachten zu Hause!“ + Updates

  • vonMarco Schicker
    schließen

Nach Wochen des Abwärtstrends steigen die Coronavirus-Fallzahlen in Spanien in mehreren Regionen wieder deutlich. Die Politik warnt vor Kontrollverlust an Weihnachten, schaut aber mit Euphorie auf die nahenden Covid-Impfungen. Regionen verschärfen die Restriktionen zu Weihnachten. Spanien verhängt Flugverbot von und nach Großbritannien.

Balearen, Madrid und Valencia wieder zu „positiv“ - Coronavirus vollzieht Brexit

Update, 21. Dezember, 18.30 Uhr: Während die aktuellen Corona-Zahlen für Spanien (siehe Liste weiter unten) ein sehr gemischtes Bild liefern, wird die Lage in anderen Ländern dramatisch. Großbritannien ist - rechtzeitig zum Brexit-Termin - wegen einer unkontrolliert grassierenden Coronavirus-Mutation isoliert, nach einigem Zögern verhängte auch Spanien ein Flugverbot von und nach Großbritannien. Die Zahlen in Deutschland schießen mancherorts durch die Decke, in einigen Regionen spricht man schon vom "sächsichen Bergamo".

Dagegen nehmen sich die Schwankungen in Spanien fast niedlich aus - zumal die Zahl der Covid-Toten auf unter 100 am Tag (im Schnitt) gesunken ist. Madrid erlebt den erwarteten Brückentags-Rückschlag, die Menschen werden wohl nicht schlauer, die Balearen holen die zweite Welle nach und in Valencia ist jeder 6. Test positiv, hier weiß noch keiner, wohin die Reise die nächsten Tage geht. Damit sie für die Wenigsten in die Intensivstation oder auf den Friedhof geht, haben viele Regionen ihre Weihnachtsregeln verschärft. Hier der Überblick für die Weihnachtsregeln in Valencia, Murcia, Andalusien sowie die wichtigsten Infos über Reisen von und nach Spanien aus dem Ausland, per Flug und Auto.

An der Ausgangslage hat sich nichts geändert: Zu Weihnachten zu Hause bleiben, die Füße still und die weitergefasste Familie fernhalten und dann auf die Covid-Impfungen warten. Das lässt noch immer genügend Spielraum für eine besinnliche Weihnachtszeit.

Aktuelle Coronavirus-Daten für Spanien und Europa per 21. Dezember

  • Inzidenz in Spanien je 100.000 Einwohner binnen 14 Tagen am 21. Dezember (Vergleich 16. und 9. Dezember): Andalusien 139 (136 171), Balearen 407 (307, 227), Kanarische Inseln 134 (124, 93), Castilla y León 162 (180, 22), Madrid 301 (248, 191), Murcia 141 (142, 148), Valencia 276 (239, 194).
  • In ganz Spanien betrug die Inzidenz am 21. Dezember 225 gegenüber 201 am 16. und 252 am 2. Dezember. Im europäischen Vergleich: In Deutschland betrug sie am 21. Dezember 394 (9. Dezember: 310), Frankreich 270 (233), Niederlande 734 (430), Polen 391 (504), Österreich 411 (446), Italien 372 (501), Großbritannien 476 (317).
  • Der Anteil der positiven an allen Tests betrug in Spanien am 18. Dezember (aktuellste verfügbare Daten) 7,9 gegenüber 8,1 Prozent am 13. Dezember, wobei die regionalen Unterschiede zwischen 5 Prozent (Katalonien) und 16 Prozent (Valencia) schwanken.
  • Die Covid-bedingten Todesfälle beliefen sich binnen sieben Tagen per 21. Dezember auf 565, gegenüber 811 und 700 in den Vorwochen. In Andalusien waren es 75 binnen 7 Tagen, Murcia verzeichnet 19 (Vorwoche 24) und Valencia 65 (zuvor 120).
  • Spaniens Intensivstationen sind zu 20 Prozent (21,2) ausgelastet, knapp jeder zehnte stationäre Krankenhauspatient in Spanien ist derzeit wegen Covid eingewiesen.

Update, 18. Dezember: Angesichts der steigenden Corona-Zahlen hat unter anderem die valencianische Landesregierung die Auflagen noch einmal verschärft. Auch die ursprünglich geplanten Lockerungen über Weihnachten, etwa bei der Reisefreiheit, sind davon betroffen.

Erstmeldung, 17. Dezember: Die spanische Regierung steht vor einem Dilemma: Politiker wollen dem Volk nach Monaten der Ungewissheiten und Opfer endlich Hoffnung auf Erlösung durch Impfung gegen Covid-19 machen, sehen aber gleichzeitig auf beunruhigende Zahlen: Nach fünf Wochen Abwärtstrend steigt die Inzidenz in Spanien seit vier Meldetagen in Folge wieder und überschritt am Mittwoch, 16. Dezember, die Marke von 200/100.000 Einwohnern binnen 14 Tagen. Sie bleibt damit nach Irland (80) die niedrigste in Europa.

Spaniens Regierung: Regionen sollen Regeln für Weihnachten selbst nachjustieren

Doch: Mehrere Regionen, neben Madrid, Baskenland und Kastilien La Mancha, nun auch die Balearen und die Comunidad Valenciana, gehören wieder zum Kreis der Gebiete mit „extremem Risiko“, also auch Regionen, die relativ glimpflich durch die „zweite Welle“ kamen. Das Gesundheitsministerium fordert die Regionen auf, ihre Regeln für die Weihnachtsfeiertage anzupassen, Valencia, zum Beispiel, fasst die Reduzierung der Festgesellschaften auf sechs statt zehn Personen ins Auge, mehrere Regionen stellen die Reisefreiheit zum Besuch von „Familie und Angehörigen“ an einigen Tagen zwischen 24. Dezember und 6. Januar gänzlich in Frage und werden Verschärfungen in den kommenden Tagen bekannt geben. Experten gehen noch weiter: Weihnachten sollte nur mit den Menschen gefeiert werden, die im gleichen Haushalt leben. Regierungschef Pedro Sánchez warnte am Mittwoch im Parlament davor, „das schwer Erreichte jetzt über Bord zu werfen.“

Während die Zahlen den Briten und Deutschen wenig Manövrierraum außerhalb eines harten Lockdowns lassen, läuft Spanien Gefahr, übermütig zu werden. Das Land hat die zweite Welle sozusagen zu schnell überwunden und geht nun Gefahr, in eine dritte zu schlittern, während andere Länder von der zweiten direkt in die Impfkampagne starten könnten.

Die aktuellen Coronavirus-Daten für Spanien per 16. Dezember:

  • Inzidenz je 100.000 Einwohner binnen 14 Tagen am 16. Dezember (in Klammern Vergleichswerte vom 9. und 2. 12.): Andalusien 136 (171, 271), Balearen 307 (227, 198), Kanarische Inseln 124 (93, 80), Castilla y León 180 (224, 358), Madrid 248 (191, 226), Murcia 142 (148, 222), Valencia 239 (194, 243).
  • In ganz Spanien betrug die Inzidenz am 16. Dezember 201, gegenüber 193 am 9. und 252 am 2. Dezember. Im europäischen Vergleich: In Deutschland betrug sie am 15. Dezember 243 (9. Dezember: 310), Frankreich 235 (233), Niederlande 522 (430), Polen 381 (504), Österreich 446, Italien 421 (501), Großbritannien 360 (317).
  • Der Anteil der positiven an allen Tests betrug in Spanien am 15. Dezember 8,1 gegenüber 7,6 Prozent am 9. Dezember, wobei die regionalen Unterschiede zwischen 5 Prozent (Katalonien) und 13 Prozent (Kanaren) schwanken.
  • Die Covid-bedingten Todesfälle beliefen sich in Spanien binnen sieben Tagen per 16. Dezember auf 811 gegenüber 700 in der Vorwoche und 1.051 vor zwei Wochen. In Andalusien waren es 100 binnen 7 Tagen, Murcia verzeichnet 24 (Vorwoche 9) und Valencia 112 (zuvor 61, 106).
  • Spaniens Intensivstationen sind zu 21,2 (23,3) ausgelastet, jeder zehnte stationäre Krankenhauspatient in Spanien ist derzeit wegen Covid eingewiesen.

Zahlen in Spanien steigen: Dritte Welle oder kleine Achterbahn?

Spanien stellt sich die Frage, ob die dritte Welle womöglich nicht erst nach, sondern schon zu Weihnachten über das Land rollt. "Das festzustellen, dafür ist es noch zu früh, eine Tendenz ist noch nicht ablesbar", erklärt der Epidemiologe Pedro Gullón in "El País". Zum Einen, weil einige Nachzügler wie die Balearen den Landesschnitt beeinflussen, zum anderen, da man einen Rückfall, der auf dem Brückenwochenende des Verfassungstages beruhen könnte, erst "in den nächsten Tagen" messen können wird. Doch auch in der Comunidad Valenciana steigen die Inzidenz-Zahlen in einem Maße an (über 40 auf 227 binnen zwei Wochen), die beunruhigen. Valencia lag seit dem Frühjahr nicht mehr über dem nationalen Schnitt. Hingegen schlagen sich Andalusien und Murcia, schwer von der zweiten Welle heimgesucht, derzeit beachtlich.

Angst vor Madrilenen, die an die Küsten strömen könnten

Entsprechend nervös wird die regionale Politik. Valencias Landeschef Ximo Puig forderte vom spanischen Innenminister Fernando Grande-Marlaska "Kontrollen und Garantien für die regionale Schließung", in der sich Valencia seit dem 30. Oktober befindet. Puig fürchtet, dass die weihnachtliche Öffnung, mit der sich zwischen 24. und 26. sowie 31. Dezember und 1. Januar Familien und Angehörige überregional besuchen dürfen, von vielen Madrilenen und anderen Inlandsspaniern genutzt wird, um in ihre Ferienwohnungen an den Küsten auszubüchsen. Die Verantwortung liege hier beim Innenminister, denn die Regionen hätten "weder die Kräfte, noch die Zuständigkeiten", um Autobahnen und Nationalstraßen effektiv zu kontrollieren.

Während die Spanier über die Regeln zu Weihnachten feilschen, startet in Deutschland der harte Lockdown, - mit fast 1.000 Corona-Toten an einem Tag.

Den außerordentlichen Anstieg der Corona-Fälle in den vergangenen Tagen sieht Puig noch gelassen: "Wenn wir alle verantwortlich handeln, werden keine neuen Maßnahmen nötig sein". Dazu gehöre auch, dass "uns klar sein muss, dass diese Weihnachten anders sein werden". In Andalusien und Murcia, die ganz ähnliche Restriktionen zu Weihnachten ansetzen wie Valencia, hält man sich die kommenden Tage offen, um eventuell nachzujustieren.

Das Mantra "Bleiben Sie zu Hause!", das Spaniens Gesundheitsminister Salvador Illa in einem TV-Interview fast flehentlich in die Kameras spricht, richtet sich indes nicht nur an die Spanier, sondern auch an die ausländischen Freunde Spaniens, die mit dem Gedanken spielen, Weihnachtsferien in Spanien unter Palmen zu verbringen. Das ist ausdrücklich nicht erwünscht und mehr noch, es ist per geltendem Recht nicht erlaubt, - ob es nun durch Kontrollen stringent durchsetzbar ist oder nicht, ändert daran nichts.

Studie: Fast jeder zehnte Spanier hatte schon Corona

Derweil gab das staatliche Forschungsinstitut Carlos III. die Ergebnisse der vierten Phase einer umfassenden Feldstudie zur Prävalenz des Coronavirus (ENE-Covid) bekannt. Danach hätten 9,9 Prozent der Bevölkerung, 4,6 Millionen Spanier das Coronavirus bereits in sich gehabt. Im Unterschied zu den täglichen PCR-Tests, die Basis für die Fallzahlenerhebung sind, misst ENE-Covid die Präsenz von Antikörpern und das anhand Alter und Region repräsentativ ausgewählter Bevölkerungsgruppen und rechnet das Ergebnis dann statistisch hoch.

Die spanische Regierung bestätigt: Die Covid-Impfkampagne beginnt im Januar.

Folgerungen: Seit Juni haben mindestens genauso viele Menschen das Virus abgefasst wie in der ersten Welle. Die "Durchseuchung" der Bevölkerung schwankt regional stark, zwischen vier und sechs Prozent in Valencia, Balearen, Galicien, Südandalusien; um die 12 Prozent in Katalonien und 17 bis knapp 19 Prozent in Madrid und Kastilien La Mancha. Die Erhebungen weisen zudem daraufhin, dass zwischen 7 und 14 Prozent der Infizierten ihre Immunisierung binnen Monaten verlieren.

Es ist wie ein Sack Flöhe hüten: Spaniens Gesundheitsminister versucht die 17 Regionen bei den Regeln für Weihnachten auf eine Linie zu bringen.

Die gute Nachricht zum Schluss: Auch wenn Virologen und vor allem die Angestellten des Gesundheitswesens vor Versprechungen und Weissagungen hinsichtlich der Erlösung durch Impfung abraten, kann Spaniens Gesundheitsminister Salvador Illa seine Euphorie kaum bremsen. Die EU-Medikamentenzulassung soll schon am 21. Dezember erfolgen und am 4. und 5. Januar, also mit den Heiligen Drei Königen, werden in Spanien die ersten Lieferungen des BioNTech/Pfizer-Impfstoffes erwartet, zwei Millionen Dosen. Die Immunität, so belehrt der staatliche Obervirologe Fernando Simón, setze indes "erst eine Woche nach Gabe der zweiten Dosis ein".

Coronavirus Spanien: Aussichten für 2021

Gesundheitsminister Illa ist schon viel weiter: "Ich schätze, dass am Ende des Sommers 70 Prozent der Spanier geimpft sein werden", sagte er in einem Interview gegenüber der Agentur EFE. "Wir stehen jetzt vor dem Anfang vom Ende", so Illa, "der Pandemie", fügte er wohlweislich hinzu. "Nach dem Sommer wird nicht alles vorbei sein, aber die Welt sieht dann schon ganz anders aus". Denn eine Normalisierung im touristisch geprägten Spanien hängt auch von der Durchimpfung im "Rest" der Welt ab, die vor 2022 nicht gegeben sein wird. Für Weihnachten rät er darum umso mehr zu Geduld "und Selbstbeschränkung. Feiern Sie Weihnachten, aber bleiben Sie zu Hause, reduzieren Sie die sozialen Kontakte auf die Personen, die ihnen am wichtigsten sind - und jene, die in diesem Jahr vielleicht am längsten allein waren."

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare