Coronavirus breitet sich unkontrolliert aus

Coronavirus in Spanien außer Kontrolle: Droht bald die Ausgehsperre?

  • vonStephan Kippes
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Die Corona-Neuinfektionen in Spanien hören nicht auf zu steigen. Mehrere Regionen fordern die Ausgehsperre. Derweil wurde eine Variante von Sars-CoV-2 entdeckt.

  • Das Coronavirus breitet sich unkontrolliert aus: Zwei Regionen fordern Ausgehsperre
  • Niedrige Inzidenz in Valencia: Auslastung mit Covid-19 Patienten in Hospitälern aber bedenklich
  • Variante von Sars-CoV-2 entdeckt: Maßnahmen im Sommer konnten Virus nicht stoppen

Update, 6. November: Das Gesundheitsministerium gibt den aktuellen Stand der Coronavirus-Pandemie am Donnerstag bekannt:

  • Neuinfektionen in Spanien am Donnerstag: 9.606 (Gesamt: 1.306.316), davon 663 in Andalusien, 123 in Valencia, 80 in Murcia und 82 auf den Balearen. Die Höchststände verzeichnen Madrid 2.075, Katalonien 1.238, Baskenland 1.214 und Aragón 1.030
  • Inzidenz 100.000 Einwohner 14-/7-Tage: Spanien 527,30/233, Andalusien 540,85/229,31, Valencia 258,61/102,36, Murcia 642,95/276,59, Balearen 243,95/114,4
  • Auslastung Krankenhäuser mit Covid-19 Patienten in stationäre Behandlung: Spanien 20.281, Auslastung 16,35 % Intensivstation (UCI) 2.802 Auslastung 29,20 % Einweisung/Entlassung 2.421/2.339; Andalusien 3.277, Auslastung 19,38 % Intensivstation (UCI) 434 Auslastung 26,30 % Einweisung/Entlassung 450/433; Valencia 1.467, Auslastung 12,87 % Intensivstation 235 Auslastung 22,62 %,Einweisung/Entlassung 171/160; Murcia 591, Auslastung 14 % Intensivstation (UCI) 94 Auslastung 20,09% Einweisung/Entlassung 77/70; Balearen 269, Auslastung 8,04 %, Intensivstation (UCI) 52 Auslastung 18,25 % Einweisung/Entlassung 29/24.
  • Sterbefälle mit Covid-19 in sieben Tagen: Spanien 1002, Andalusien 158, Valencia 60, Murcia 53, Balearen 5.
  • Ausführlichere Informationen finden Sie in unserem Artikel Coronavirus Spanien aktuell

Madrid - Erst kam die Sperrstunde, dann riegelten sich die Regionen gegen das Coronavirus ab und nun steuert Spanien mit dem Zwischenstopp „Endstation Gastgewerbe“ scheinbar geradewegs auf den Hausarrest zu. Einige Regionen wie Kastilien und León und Asturien arbeiten darauf hin und fordern die Regierung auf, „Verantwortung“ zu übernehmen und eine Ausgangssperre zu verhängen, wie sie bereits in Großbritannien oder Frankreich gilt. Dafür müsste aber die Notstandsregelung überarbeitet und dem Parlament vorgelegt werden – ein Schritt, vor dem die Regierung Pedro Sánchez sich scheut. Nichtsdestotrotz steht das Thema zur Debatte.

Coronavirus Spanien: Regionen überschlagen sich mit Coronamaßnahmen

Dabei liegen Maßnahmen wie die Abriegelungen der Regionen und die Sperrstunde ab 23 beziehungsweise 24 Uhr gerademal eine Woche zurück. Richtig Wirkung können sie noch nicht entfaltet haben. Valencias Ministerpräsident Ximo Puig warnte davor, sich mit Coronavirus-Maßnahmen zu „überschlagen“ und „zwanghaft“ welche zu erlassen. „Das entspricht nicht der Seriosität und Ernsthaftigkeit, mit der wir Bürgern jetzt begegnen müssen“, sagte er. Trotzdem kündigt er an, am Freitag weitere Gemeinden mit hohen Infektionszahlen abzuriegeln und weitere Auflagen für soziale Treffen zu erlassen.

Auch Gesundheitsminister Salvador Illa verlangt Aufschub. Manche Regionalregierungen scheinen sich von stark steigenden Fallzahlen mitreißen zu lassen. Murcia macht ab Samstag das Gastgewerbe komplett zu, auch Asturien und Kastilien León schließen alle Bars und Restaurants, Navarra, Melilla und Katalonien haben es bereits getan. Nun bleibt wenig, was noch zu verschärfen oder verbieten ist, um das Virus einzudämmen.

Nicht nur Neuinfektionen, Inzidenzen, Krankenhausauslastungen und Covid-19-Tote gehören zu den Faktoren, die es bei der Coronavirus-Pandemie zu berücksichtigen gilt. Während am Wochenende in Krankenhäusern Hunderte Covid-19-Patienten litten und starben, flogen in mehreren Städten in Spanien auf den Straßen Steine und Eier und es brannten Container. Dieses Phänomen der Straßenkrawalle gehört jetzt auch zu dieser Gesundheitskrise, denn die Vorbehalte gegen die Einschränkungen von Bürgerrechten werden sich vielleicht auf verschiedene Arten äußern, abreißen werden sie in Spanien nicht mehr. Das medizinische Personal protestierte bereits, das Gastgewerbe auch und im Tourismussektor brodelt es längst. Die Regierung muss wieder gleichzeitig das Gesundheitswesen schützen und dabei verhindern, die Wirtschaft ganz zu ruinieren und das Volk noch weiter in Armut und Arbeitslosigkeit zu treiben. Zufriedene Gesichter wird man bei der Aufgabe nicht sehen – und zwar in keinem Sektor.

In Spanien nimmt der Widerstand gegen Maßnahmen zur Eindämmung von Corona zu.

Derweil breitet sich das Coronavirus weiter in Spanien unkontrolliert aus. Es befällt wieder Seniorenresidenzen und bringt Kliniken und Krankenhäuser an den Rand ihrer Kapazitäten. Auch in der Region Valencia. Trotzdem steht das valencianische Gesundheitswesen im Vergleich zu den anderen Regionen Spaniens gut da, mit einer Auslastung von 13,02 Prozent von Covid-19 Patienten in stationärer Behandlung und 21,91 Prozent auf den Intensivstationen.

Diese Zahlen spiegeln jedoch nicht die großen regionalen Unterschiede wider. Das Hospital General in Valencia dient den Abendnachrichten als Paradebeispiel der Kliniken, die auf Überlastung zusteuern. Auch in Elda und Orihuela haben die Hospitäler zu kämpfen. Und das, obwohl keine Region auf dem spanischen Festland eine 14-Tage-Inzidenz von 262,52 wie Valencia vorweisen kann (die sieben-Tage-Inzidenz ist bei 104,56). Da liegt Murcia mit 604,59 viel näher am schlechten Spanienschnitt von 528,75.

Coronavirus in Andalusien: Besorgniserregende Entwicklung

Die Entwicklung nimmt besorgniserregende Ausmaße in Andalusien an, wo am Mittwoch 563 Neuinfektionen registriert wurden. Die Gesamtzahl der Fälle in Andalusien steigt auf 152.590 und die 14-Tage-Inzidenz von Neuinfizierten liegt bei 547,46 – oder nach der in Deutschland üblichen Sieben-Tage-Inzidenz bei 243,77 Neuinfektionen unter 100.000 Einwohnern. Derweil liegt die Auslastung der andalusischen Krankenhäuser mit 3.222 Covid-19-Patienten bei 19,11 Prozent, 433 müssen auf Intensivstationen (UCI) behandelt werden. Auch in Murcia steuert die Auslastung der UCIs auf 21 Prozent zu, die Auslastung der Krankenhäuser mit Covid-19-Patienten liegt bei 14,04 Prozent.

Die Wissenschaft trübt ebenfalls die Hoffnungen auf ein baldiges Ende der Epidemie. Wie Forscher der Universität Basel festgestellt haben, entstand im Sommer unter den Landarbeitern Kataloniens oder Aragóns eine Mutation des Coronavirus. Mit der Öffnung der Grenzen verbreitete sich die Variante 20A.EU1 in anderen Ländern Europas, vor allem in Großbritannien.

Noch nicht bekannt ist, ob und wie sich die Wandlungsfähigkeit von Sars-CoV-2 auf die Entwicklung eines Impfstoffs auswirkt. In den Coronavirus-Krisengebieten in Zentralspanien und im Nordosten käme diese Variante in 80 Prozent der Virussequenzen vor. 20A.EU1 gilt auch nicht als einzige Variante, die in Europa ihr Unwesen treibt. Womit die Wissenschaft zum Schluss kommt, dass die Maßnahmen im Sommer nicht ausreichten, um die Verbreitung des Virus und neuer Varianten zu stoppen.

Rubriklistenbild: © Eduardo Sanz /dpa

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