Eine Familie geht mit Badeuntensilien und Masken am Strand in Spanien entlang.
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Spanien, Coronavirus, zweite Welle: 4.580 neue Infizierte an einem Wochenende.

Kein Urlaub von Covid-19

Spanien: Zweite Coronavirus-Welle - Tausende neue Covid-19 Fälle sowie Infektionsherde + + + UPDATES

  • vonMarco Schicker
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Wird es bald zum Notstand light kommen? In Spanien ist die Coronavirus-Pandemie wieder auf dem Vormarsch, wenn auch weniger tödlich. Die spanische Regierung versucht Kontrolle und Gelassenheit auszustrahlen und will irgendwie durch den Sommer kommen. Und dann?

  • Großbritannien verhängt eine 14-tägige Quarantäne über alle Reisenden aus Spanien, Deutschland rät von Reisen in einige Regionen Spaniens ab. Fälle in Madrid steigen wieder stark an, Maskenpflicht auch dort.
  • Neue Coronavirus Hot Spots sind Aragón und Katalonien, Landesweit über 300 Infektionsherde, einige auch an der Costa Blanca.
  • Regierung Spaniens drängt auf Koordination der Covid-19-Regeln und Gegenmaßnahmen mit den Regionen und ermahnt Bevölkerung.
  • Ausrufung eines neuen Alarmzustandes in Spanien, wenn auch mit abgemilderten Maßnahmen sanitär eigentlich geboten, aber politisch, ökonomisch und psychologisch nicht durchsetzbar.

Update, Freitag, 31. Juli: Die aktuellen Entwicklungen zum Coronavirus in Spanien in unserem neuen Ticker-Artikel.

Update, Donnerstag, 30. Juli, 9:15 Uhr: Das spanische Gesundheitsministerium meldete am Mittwochabend, 29. Juli, 1.153 neue Coronavirus-Infektionen binnen 24 Stunden. Das ist der höchste Wert seit 1. Mai. Auch hier gilt wieder, dass rund 60 Prozent der Fälle asymptomatisch sind, wenn auch nicht minder ansteckend. Der überwiegende Teil der Neuinfektionen fällt wiederum auf die Regionen Aragón und Katalonien. In Madrid wurden im Laufe der letzten Tage über 20 Personen wegen Covid-19 auf Intensivstationen eingeliefert. In der spanischen Hauptstadt gilt seit heute absolute Maskenpflicht wie im Rest des Landes (außer Kanaren) sowie eine Begrenzung von Gruppenbildungen auf maximal zehn Personen.

Der britische Gesundheitsminister Matt Hancock hat angedeutet, dass seine Regierung prüft, ob man die obligatorische 14-Tage-Quarantäne für alle, die aus Spanien nach Großbritannien reisen, durch entsprechende Tests verkürzen könne. Ein Protokoll dafür werde gerade erarbeitet, für die nächsten Tage sei aber noch nicht mit einer Entscheidung zu rechnen.

Derweil hat die spanische Außenministerin Arancha González Laya in einem Interview mit Radio Euskadi „Verständnis“ für die Maßnahmen der Länder gegenüber Spanien bekundet, aber auch durchklingen lassen, dass man Spanien nicht wegen seiner besonders gründlichen und transparenten Darstellung der Infektionszahlen bestrafen solle. Sie sagte, dass „Spanien ein sicheres Land" sei, das Ausland aber eher nur die Gesamtzahl der Infizierten sehe, wo doch die Lage regional sehr unterschiedlich sei.

Update, Mittwoch, 29. Juli, 10.55 Uhr: Das spanische Gesundheitsministerium meldete am Dienstagabend, 28. Juli, 905 neue Coronavirus-Infektionen binnen 24 Stunden. In den Fokus rückt, neben Katalonien und Aragón, einmal mehr die Hauptstadt Madrid, wo sich die Neuinfektionen binnen einer Woche um über 400 Prozent erhöht haben, von 296 in der zweiten auf 1.381 positive Tests in der dritten Juliwoche. Erst aufgrund dieser Zahlen wurde die Landesministerpräsidentin Isabel Díaz Ayuso, PP, aktiv und schloss sich dem Rest Spaniens und dessen allgemeiner Maskenpflicht an, die ab Donnerstag, 30. Juli, in Kraft tritt.

Gleichzeitig verkündete sie Einschränkung für die Gastronomie, so dürfen Bars nur noch maximal bis 1.30 Uhr öffnen und die maximale Gruppengröße wird auf zehn Personen beschränkt. Die Ankündigung von Díaz Ayuso an einem "serologischen Pass" zu arbeiten, den jene erhalten sollen, die die Krankheit überwunden haben, kann hingegen als Aktionismus bewertet werden, die WHO hatte die Unzuverlässigkeit solcher Gesundheitspässe bereits nachgewiesen und rät von diesen ab.

Auch an der Costa Blanca steigt die Zahl der Coronavirus-Fälle wieder schneller.

Deutschland erlässt partielle, Österreich allgemeine Reisewarnung für Spanien

Update, Dienstag, 28. Juli, 11.05 Uhr: Deutschland hat am Dienstag, 28. Juli, eine Reisewarnung für drei Autonome Regionen in Spanien erlassen. Das Auswärtige Amt rät auf seiner Webseite bezüglich Spanien: "von nicht notwendigen, touristischen Reisen in die autonomen Gemeinschaften Aragón, Katalonien und Navarra aufgrund erneut hoher Infektionszahlen und örtlicher Absperrungen ab."

Außerdem weist das Auswärtige Amt in Berlin auf die "weiterhin bestehenden Einschränkungen im internationalen Luft- und Reiseverkehr und Beeinträchtigungen des öffentlichen Lebens" hin, die sich auf ganz Spanien auswirken können. Die "Lagen können sich schnell verändern und entwickeln", man empfiehlt die Nachrichten zu verfolgen (also CBN lesen und da nicht nur die Überschriften!). Eine kategorische Reisewarnung für Spanien, aus der eventuell die Möglichkeit zur kostenfreien Stornierung* einer gebuchten Reise resultieren könnte, gibt das AA aber nicht, wie merkur.de* berichtet.

Österreich stuft bereits seit 10. Juli Spanien als Land mit "hohem Sicherheitsrisiko" (Stufe 4 von 6) "im Zusammenhang mit der Ausbreitung des Coronavirus (COVID-19)" ein. Und fügt hinzu: "Von nicht unbedingt notwendigen Reisen wird daher abgeraten." Die Schweiz gibt ihren Bürgern allgemeine Vorsichtsratschläge, das Eidgenössische Departement für Auswärtige Angelegenheiten (EDA) hat derzeit aber keine spezifische Warnung für Spanien parat.

Über 6.000 neue Coronavirus-Infektionen in Spanien an einem Wochenende

UPDATE, Montag, 27. Juli, 19:30 Uhr: 6.361 neue Coronavirus-Fälle meldet das spanische Gesundheitsministerium für den Nachweiszeitraum von Freitag, 24. Juli, bis Montag, 27. Juli, 855 allein für die letzten 24 Stunden. Der Leiter des Sanitären Krisenstabes der Regierung, Fernando Simón, stellte die Zahlen am Montag, späten Nachmittag vor und erläuterte, dass rund 60 Prozent der Fälle ohne Symptome bleiben, wohl aber ansteckend. "Die Lage ist so, dass man sich nicht zu Hause einschließen muss. Aber man muss verstehen, dass wenn wir uns draußen bewegen, jeder von uns die Pflicht hat, das Risiko einer Ansteckung so gering wie möglich zu halten".

Anzahl positiver PCR-Tests seit 23. Juni bis 26. Juli 2020 in Spanien. Die Tendenz ist deutlich erkennbar.

Laut Simón gab es in der letzten Woche sechs Covid-19-Tote. Die geringere statistische Sterberate - die deutlich unter jener in Italien, Großbritannien oder Frankreich sei - hänge auch mit der hohen Anzahl der Tests zusammen. Dennoch steigen in einigen spanischen Regionen die Einlieferungen in Krankenhäuser und auch Intensivstationen wieder spürbar, wenn auch nicht in einem beunruhigenden Maße, 118 Einlieferungen waren es z.B. in Aragón. "Das Virus ist nicht gleichmäßig verbreitet, das wird es auch nicht sein", so Simón, der aufgrund der Daten schlussfolgerte, dass sich "das Virus nicht völlig unkontrolliert im Land ausbreite", aber "auch nicht weit davon entfernt sei". Über Flüge habe man bis dato 195 Coronavirus-Infektionen bei 140 Flügen detektiert, die meisten aus den USA und Südamerika kommend, aber auch einige aus Deutschland und anderen europäischen Ländern.

Katalonien sieht sich vor neuer Quarantäne

Fernando Simón, Leiter des sanitären Einsatzstabes des Gesundheitsministeriums, liefert die noch fragilen Zahlen zum Coronavirus in Spanien.

Quim Torra, Landesministerpräsident von Katalonien hat eine dramatische Ansage gemacht, die mit der wachsamen, aber panikfreien Einschätzung Simóns kollidiert. Laut Torra hätte Katalonien nun zehn Tage vor sich, in den sich entscheide, ob es zu einem erneuten Lockdown wie im März kommen müsse. Er bat die Bevölkerung inständig, sich an die Vorgaben zu halten. Wie sich herausstellte, verlagert sich der „Sauftourismus" und die nächtlichen Partys aus den von Amts wegen geschlossenen Etablissements auf Straßen und Plätze, - was nicht nur Experten wenig überrascht.

WHO lobt Spanien - Spanien ist selbstkritischer

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat das Monitoring des Coronavirus in Spanien als "sehr genau" qualifiziert, während das spanische Gesundheitsministerium selbst einräumt, dass die Zahl der Corona-Detektive vor allem in Ballungszentren wie Madrid viel zu niedrig und das System der medizinischen Erstversorgung als erster Verteidigungslinie gegen Covid-19 nicht überall zufriedenstellend sei.

Regionen wie Valencia führen Bußgeldkataloge für Verstöße gegen die Coronavirus-Regeln ein.

Quarantäne bei Einreise aus Spanien nach Großbritannien - Gibraltar ausgenommen - Madrid kämpft um Ausnahmen mit "sicherem Korridor"

Die Einführung einer Quarantäne für alle Reisende aus Spanien nach Großbritannien hat im Tourismussektor Spaniens für herbe Enttäuschung gesorgt. Viele Tourismusunternehmer, wie in Benidorm, sehen die Saison verloren. Das Außenministerium in Madrid kümmert sich um Schadensbegrenzung und versucht die Haupt-Touristen-Regionen: Kanarische Inseln, Balearen, Andalusien und Comunidad Valencia als "sicheren Korridor" anzupreisen und London zu einer Ausnahme zu bewegen. Mit wenig Aussicht auf Erfolg. Absurder Treppenwitz am Rande: Die britsche Exklave Gibraltar ist übrigens von der Quarantäne bei der Einreise auf die britischen Inselns ausgenommen, wenn die Reisenden erklären, die letzten zwei Wochen vor der Einreise nicht auf spanischem Territorium gewesen zu sein.

UPDATE, Sonntag, 26. Juli, 12:30 Uhr: Großbritannien hat über Einreisende aus Spanien eine Quarantäne von 14 Tagen verhängt. Zur Begründung wurden die massiven Anstiege an Neuinfektionen mit dem Coronavirus und über 300 Infektionsherde in Spanien genannt.

Die Maßnahme ist seit Sonntag, 26. Juli, in Kraft. Bei Nichteinhaltung drohen Strafen bis zu 1.000 Euro. Daraufhin teilten mehrere Fluggesellschaften, unter anderem TUI, mit, ihre Flüge von Großbritannien nach Spanien einzustellen oder stark zu reduzieren. Kalt erwischt werden von der Maßnahme ihrer Regierung auch zigtausende brititsche Touristen, die bereits in Spanien Urlaub machen und nun bei der Rückkehr 14 Tage in Quarantäne müssen.

Großbritannien verhängt Quarantäne über Reisende aus Spanien

Auch für die spanische Tourismusindustrie ist die Maßnahme ein weiterer herber Schlag, die Hotel-Vereinigung Hosbec in Valencia spricht von einem „Todesstoß“, die Reiseveranstalter und Airlines auf der Insel wie die Hotels an den spanischen Küsten sehen sich nun mit massiven Stornierungsforderungen konfrontiert. Dabei startete die „Luftbrücke“ der großen Anbieter erst am 10. Juli.

Norwegen fordert seine Bürger auf, "nicht notwendige Reisen nach Spanien" zu unterlassen, Frankreich verbietet seinen Bürgern die Reise in die Provinzen Lérida und Huesca in Katalonien, Belgien hat ebenfalls eine Reisewarung für mehrere spanische Provinzen ausgesprochen.

UPDATE, 25. Juli, 11 Uhr: In 30 von 52 spanischen Provinzen steigen derzeit die Zahlen der aktiven Coronavirus-Fälle an. Die Zahl der registrierten Neuinfektionen liegt heute etwa sechs mal so hoch wie zum Ende des Notstandes am 21. Juni. In Katalonien, Aragón und auf den Balearen sprechen die Virologen bereits nicht mehr von Rückfällen, sondern von einer allgemeinen Ausbreitung. In der vergangenen Woche verzeichnete Spanien täglich zwischen 650 und 1.000 Neuinfektionen mit Coronavirus.

Allerdings ist diese Erkenntnis vor allem eine Folge der zahlreicheren Tests. Die Covid-19-Fälle sind nun viel besser erfasst, auch bei leichten und asymptomatischen Verläufen. Dennoch ist die Testdichte in Spanien noch gering, zum Vergleich: In Deutschland gibt es einen Corona-"Agenten" pro 4.000 Einwohnern, in Spanien einen pro 10.000, die Infektionsherde aufspüren, Infektionsketten nachverfolgen und so die Cluster isolieren können.

In sechs Autonomen Regionen Spaniens wurden die Nachtlokale mittlerweile geschlossen, die - neben Familienfesten - als Hauptansteckungsquelle identifiziert wurden. Mehrere Regionen und Orte wurden isoliert oder in der Deeskalation zurückgestuft, darunter Lérida in Katalonien, Totana in Murcia, Zaragoza in Aragón. Einige Landesministerpräsidenten fordern bereits wieder zentralstaatliche Maßnahmen, um der zweiten Welle Herr zu werden, bevor sie zum Tsunami wird.

Frankreich und Belgien haben teilweise Reisewarnungen für bestimmte Regionen in Spanien ausgesprochen.

Die Kapazitäten in Krankenhäusern und Intensivstationen in Spanien sind derzeit ausreichend und auch besser vorbereitet als im März, sie verzeichnen derzeit einen leichten Anstieg von Einlieferungen wegen Covid-19.

Infektionszahlen in Spanien stellen klar: Das Coronavirus ist wieder auf dem Vormarsch

Update, 24. Juli, 9:30 Uhr: Am Donnerstag, 23. Juli, meldete das spanische Gesundheitsministerium 971 neue Coronavirus-Fälle binnen 24 Stunden, 240 mehr als am Tag zuvor und der höchste Anstieg seit 8. Mai. "Man kann von der zweiten Welle sprechen", räumt nun auch María José Sierra ein, Co-Direktorin des Sanitären Krisenstabes CCAES, ein.

Die meisten neuen Fälle gibt es wieder in Aragón und Katalonien (415 bzw. 182), doch auch Madrid legt wieder zu mit 102 positiv auf Sars-CoV-2 Getesteten an einem Tag. Allein in einem Viertel der Hauptstadt Navarras, Pamplona, waren es am Mittwoch 132 und am Donnerstag 66. Das Durchschnittsalter der Neuinfizierten in Spanien liegt zwischen 44 und 48 Jahren.

Derzeit zählt das Gesundheitsministerium in Spanien 281 aktive Covid-19 Infektionsherde, 57 mehr als am Mittwoch. Hauptansteckungsquellen seien nach wie vor Familientreffen und das Nachtleben, mittlerweile haben sechs Autonome Regionen Sanktionen bei den Öffnungszeiten gegen Bars und Diskotheken verhängt. Am radikalsten trifft es die Gemeinde Totana in Murcia, die wegen eines massiven Infektionsherdes per Dekret in Phase 1 des Deeskalationsplanes zurückgestuft wurde, was bedeutet, dass die Bewohner bis auf einmal Sport oder Spazieren am Tag wieder zu Hause zu bleiben haben, wenn sie nicht Lebensnotwendiges besorgen müssen.

Update, 23. Juli, 9:30 Uhr: Am Mittwoch, 22. Juli, meldet das spanische Gesundheitsministerium 730 neue Fälle mit Coronavirus binnen 24 Stunden, 201 mehr als am Tag zuvor. Das ist eine der höchsten Zahlen seit dem Ende des Notstandes in Spanien am 21. Juni. Für die letzten sieben Tage werden 12 Covid-19-Todesfälle angegeben. Die meisten neuen Fälle kommen aus Aragón (309), Navarra (132), Madrid (70) sowie Katalonien mit 58. In Andalusien waren es laut Behörden binnen 24 Stunden 29 neue Coronavirus-Infektionen, in Valencia 26, in Murcia 20. Landesweit wird derzeit von 224 Infektionsherden gesprochen (23 mehr als vor zwei Tagen). 

Erstmeldung 21. Juli / Madrid - Das spanische Gesundheitsministerium hat am Montag 4.581 neue Coronavirus-Fälle im Erfassungszeitraum Freitag bis Sonntag (17. bis 19. Juli) gemeldet, also ein Schnitt von rund 1.500 Infektionen in Spanien täglich, 685 waren es in den 24 Stunden von Sonntag auf Montag. Das sind Werte wie Anfang März, kurz bevor alles zusammenbrach. Gleichzeitig notierte das Ministerium in ganz Spanien 201 aktive Infektionsherde, mit jeweils zwischen vier bis mehreren hundert Personen, insgesamt knapp 2.300.

Angesichts dieser Zahlen - die sich durch Meldungen in den letzten Tagen von immer neuen Infektionsherden bereits andeuteten - kann man nicht mehr von Einzelfällen sprechen, sondern von der Tatsache, dass das Coronavirus in Spanien wieder auf dem Vormarsch ist. Die zweite Covid-19-Welle ist da. Die Fakten sprechen, abseits medialer Überhitzung, eine klare Sprache: Durch die Mobilität der Urlaubszeit breitet sich das Virus unkontrollierbar aus. Die hohe Zahl an asymptomatischen Verläufen verhindert zudem eine Früherkennung außerhalb von PCR-Tests.

„Wir stellen seit drei Wochen eine aufsteigende Tendenz bei den Neuinfektionen fest, in dieser Zeit haben sich die Infektionszahlen verdreifacht. Rund 70 Prozent sind asymptomatisch und 65 Prozent aller Neuinfektionen wurden in Katalonien und Aragón registriert“, erklärt María José Sierra, Co-Direktorin des Sanitären Notfallzentrums CCAES.

Sehr wenige Todesfälle unter neuen Coronavirus-Fällen in Spanien - aber das kann sich ändern

Die gute Nachricht: Die Zahl der Todesfälle durch Sars-CoV-2 ist im Moment niedrig, im Vergleich zur ersten Welle sogar marginal. Neun Covid-19-Tote meldet Spanien für die letzten sieben Tage, offiziell sind es jetzt 28.422 insgesamt, eine Zahl zwischen 40.000 und 60.000 ist aufgrund des statistischen Sterbeexzesses (also dem Mehr an Toten gegenüber dem langfristigen Mittel, einschließlich Grippewellen usw., das in Spanien zwischen März und Juni rund 50.000 Tote ausweist als sonst), näher an der Wirklichkeit.

Spaniens Gesundheitsminister Salvador Illa bei seinem täglichen Coronavirus-Update.

Die derzeit geringe Todeszahl in Spanien hängt vor allem damit zusammen, dass durch das veränderte Verhalten Dank der Lockerungen sich mehr junge Menschen anstecken, die seltener zur Risikogruppe gehören und - so bitter das klingt - die anfälligsten Menschen bereits wegen des Coronavirus gestorben sind. Es bedeutet aber auch, dass Menschen ohne Symptome, so sie nicht aufgespürt und in Quarantäne gesteckt werden, andere Infizieren, auch Alte und Kranke. Was das Bild in Kürze wieder dramatisch ändern könnte. In der letzten Woche mussten nur 237 Menschen wegen Covid-19 in Krankenhäusern behandelt werden, davon 15 auf Intensivstationen.

Regionale Verteilung der neuen Coronavirus-Fälle in Spanien - zu wenige Tester

Von den 685 Neuinfektionen in Spanien in den letzten 24 Stunden fallen 325 auf die Region Aragón, 80 auf Katalonien, 78 auf das Baskenland, auf Rang 4 folgt bereits die Comunidad Valenciana (also auch die Costa Blanca) mit 43 neuen Coronavirus-Fällen binnen 24 Stunden, 30 gehen auf Navarra, 19 auf Murcia. Madrid, vormals Epizentrum der spanischen Tragödie im März, April und Mai meldet hingegen nur 13 neue Fälle: "Klar, weil alle an die Küste geflohen sind", lautet der mediale Konsens.

Experten warnen, dass Spanien rund dreimal mehr Coronavirus-Agenten bräuchte, also ausgebildetes Personal mit Tests, die wie Profiler aus der Kriminalistik die Kontakte der Neuinfizierten verfolgen, um die Ausbrüche erfassen und so eingrenzen zu können. Doch wie soll man das seriös machen, wenn sich diejenigen vielleicht nicht am Strand, aber in der Warteschlange davor oder in der Eisdiele daneben angesteckt haben.

Anti-Corona-Regeln in Spanien: Gerichte entscheiden, nicht mehr Politiker

Die Reaktionen auf die neue Infektionswelle in Spanien schwanken zwischen Pragmatismus, Panik und höherem Unfug: Die katalanische Landesregierung stellte den Landkreis Lérida teilweise unter Quarantäne und "bittet" die Menschen, zu Hause zu bleiben, nur für das Nötigste das Haus zu verlassen. Denn zunächst stellte ein Gericht klar, dass die Landespolitiker ohne zentralen Notstand keine rechtliche Handhabe für eine verbindliche Quarantäne haben.

Wir stellen seit drei Wochen eine aufsteigende Tendenz bei den Neuinfektionen fest.

Spanisches Gesundheitsministerium am 20. Juli 2020

Ähnlich sieht es in den beiden anderen Coronavirus-Hotspots in Katalonien aus: Hospitalet de Llobregat und mehrere Bezirke von Barcelona. Auch hier startet man Aufrufe an die Vernunft der Menschen. Im Hochsommer. Immerhin fanden sich dann doch Gerichte, die Lokalschließungen und Abriegelungen von Gemeinden als zulässig erachteten, eine häusliche Quarantäne für Menschen, die nicht infiziert sind, fällt aber nach wie vor nicht in die Hoheit der Regionen.

Bis auf Madrid und Kanaren haben alle anderen spanischen Regionen - eine prinzipielle Maskenpflicht verhängt. Die Maskenpflicht gilt auch in Valencia, Andalusien, auf den Balearen und in Murcia. In einigen Urlaubsregionen wie auf Mallorca, aber auch im Norden der Costa Blanca (Gandía) wurden Lokale geschlossen, vor allem Nachtclubs, Diskotheken und Bars, Einrichtungen, die sich als die effizientesten Verbreitungsherde für das Virus herausstellten.

Einheitliche Maßnahmen in Spanien nur über Notstand möglich

Was Spanien fehlt, ist jedoch eine einheitliche Handlungsanweisung, eine Zentralgewalt. Die gäbe es aber nur, wenn die Regierung wieder den Alarmzustand ausruft, was man, natürlich nicht zuletzt, mit dem Verweis auf die wirtschaftlichen Auswirkungen vermeiden will, aber womöglich politisch derzeit auch schwer durchsetzen könnte. Allerdings hieße die Ausrufung des Alarmzustandes nicht automatisch die gleiche radikale Quarantäne wie die 100 Tage seit dem 14. März. Ein Notstand light wäre für Spanien denkbar, um eine zentrale Steuerung und Beobachtung der Entwicklung zu erreichen und punktuell, dann aber effizient und konsequent durchzugreifen.

Doch selbst das scheint politisch derzeit nicht machbar, zumal Regierungschef Sánchez seit vier Tagen beim EU-Gipfel in Brüssel weilt, um abzuwarten, welche Hilfen ihm die Europäische Union für den Schaden der ersten Coronavirus-Welle in Spanien zugesteht.

Was sagt der Gesundheitsminister? Minister Salvador Illa sendet unterschiedliche Signale. Vor ein paar Tagen sprach er davon, dass man mittlerweile wieder "von einer allgemeinen Ausbreitung" des Virus ausgehen muss, doch am Montag sprach er wieder nur von zwar vielen aber "überwiegend kontrollierten Infektionsherden". Jene in Katalonien und Aragón machten ihm am meisten Sorgen, "die Bevölkerung muss die Vorsichtsmaßnahmen ausdehnen". Also auch er bittet nur.

Keine Angst, aber Respekt: Was passiert, wenn Corona auf die "normale" Grippe trifft?

"Die von den Autonomen Regionen angeordneten Maßnahmen sind genau zu erfüllen", so der Gesundheitsminister, der in seinem Ministerium den Kollegen in den Ländern Tipps und Tricks übermittelt, aber keine Macht hat, Maßnahmen anzuweisen. Doch zwischen den Zeilen hat der Minister angedeutet: "Wir brauchen einige Tage, um die Entwicklungen in Aragón und Katalonien zu beobachten und zu bewerten, die uns heute besondere Sorgen machen", man wisse bereits, dass es "die Familienfeiern, Feste mit Freunden und Treffen in Bars und Lokalen sind", wo die meisten Infektionen stattfinden. "Wir wollen zur Vorsicht aufrufen, man muss keine Angst vor dem Virus haben, aber man sollte den Respekt davor nicht verlieren."

Wir sind die Welle: Coronavirus in Spanien wie das Erdbeben von Lissabon 1755

Auch wenn es nervt: Die Einhaltung der allgemeinen Maskenpflicht in Spanien ist essentiell für ein Einbremsen des Coronavirus.

Und dieser Respekt sollte bei den Spaniern - und eigentlich auch bei den Besuchern des Landes - gehörig groß sein, angesichts dessen, was Spanien durchlitten hat und was ihm im Herbst oder Winter bevorstehen könnte, wenn junge, asymptomatische Urlaubsrückkehrer ihre Eltern und Großeltern anstecken und dazu noch eine "gewöhnliche" Grippewelle käme. Einen zweiten Lockdown kann sich Spanien nicht leisten, weder gesundheitlich, noch wirtschaftlich und auch nicht emotional.

Die führende spanische Tageszeitung "El País" bemühte vor ein paar Tagen das schwere Erdbeben von Lissabon 1755, um ihren Lesern die Lage zu erklären: Erst kam das Beben, dann das Feuer, dann zog sich das Meer zurück und alles war ruhig. Als der Tsunami über die Menschen brach, merkten sie es erst, als es zu spät war. So ähnlich sei es mit dem Coronavirus und der zweiten Welle. Mit einem entscheidenden Unterschied: Der Mensch hat Einfluss auf die Welle, denn er ist die Welle. Also: Maske auf, Abstand halten, Hände wasche - auch wenn es unendlich nervt! *merkur.de ist Teil des Ippen-Digital-Netzwerks.

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