Vox ruft zu Demonstrationen auf

Protest gegen Coronavirus-Maßnahmen: Spaniens Konservative gehen auf die Straße

  • vonStephan Kippes
    schließen

Tausende Spanier aus dem konservativen und rechten Spektrum haben bei Anti-Corona-Demos am Wochenende den Rücktritt von Ministerpräsident Pedro Sánchez gefordert. Der aber blieb gelassen.

  • Konservative und Anhänger der Rechtspopulisten von Vox protestieren in ganz Spanien gegen die Coronavirus-Maßnahmen der Regierung.
  • Demonstranten werfen der Pedro Sánchez vor, mit den Maßnahmen gegen das Coronavirus Spanien in den Ruin zu treiben.
  • Der Auto-Karawanen-Protest in Madrid provoziert ellenlange Staus .

Madrid - Tausende Menschen haben bei Kundgebungen in ganz Spanien gegen die Anti-Coronavirus-Maßnahmen den Rücktritt des sozialistischen Ministerpräsidenten Pedro Sánchez gefordert. In Madrid und vielen anderen Städten des Landes folgten die Demonstranten am Samstag mehrheitlich in Privatfahrzeugen dem Aufruf der rechtspopulistischen Partei Vox. Nach Schätzung der Behörden waren es circa 15.000 Menschen in rund 6.000 Autos und auf Motorrädern, die allein in der Hauptstadt demonstrierten. „Massenprotest gegen eine gescheiterte Regierung“, titelte die konservative Zeitung „ABC“ am Sonntag auf Seite eins .

Coronavirus: Spanien protestiert gegen Ausgehbeschränkungen

Die linksliberale Presse beurteilte den Auto-Protest gegen Maßnahmen der Regierung gegen das Coronavirus, der insbesondere in Madrid in einem gigantischen Stau mündete und in vielen anderen Provinz-Hauptstädten eher und wenn überhaupt an einen Sieg der Fußballnationalmannschaft erinnerte, natürlich aus einem anderen Blickwinkel: „Die Bilder muteten an wie eine Demonstration für die unbeschränkte Verbrennung fossiler Brennstoffe“, schrieb die Zeitung „El País“.

Wenn die Rechtspopulisten von Vox eine Rückkehr zu den „normalen“ Zuständen aus der Zeit vor Sars-CoV-2 anstrebten, dann gelang ihnen das zumindest teilweise. Die Abgaswerte in Madrid dürften astronomische Werte erreicht haben. In der Calle Serrano ging vor lauter Autos wirklich gar nichts mehr. Laufende Motoren bei 30 Grad im Schatten - für alle Teilnehmer mit Ausnahme der Cabriolet-Fraktion muss der Ausdruck ihrer patriotischen Gefühle eine schweißtreibende Anstrengung gewesen sein. „Das ist beeindruckend, so etwas hat man seit dem Sieg der Weltmeisterschaft nicht mehr gesehen. Die Leute sind in den Straßen und machen auf bürgerliche Weise und üben mit viel Freude ihr Recht auf Protest aus“, sagte Vox-Sprecher Iván Espinosa de los Monteros.

Tausende haben bei Kundgebungen in Madrid und ganz Spanien den Rücktritt des sozialistischen Ministerpräsidenten Sánchez gefordert.

Überall wurden spanische Fahnen geschwenkt und Slogans wie „Freiheit, Freiheit, Freiheit!“ und „Rücktritt Sánchez!“ skandiert. Es gab laute Hupkonzerte und viele riefen immer wieder „Viva España“. Man scheute sich nicht einmal davor zurück, mit dem Evergreen „Libertad“ von Nino Bravo den Protest zu beschallen.

Coronavirus und Demonstrationen: Mindestabstand gilt trotzdem

Der Regierungschef Pedro Sánchez (PSOE) reagierte gelassen: „Ich habe wenig zu sagen dazu. Demonstrieren ist ein verfassungsmäßiges Recht.“ Sánchez betonte aber, die Demonstranten müssten immer die zur Eindämmung der Pandemie beschlossenen Auflagen einhalten. Am Tag der Proteste verkündete Sánchez weitere Lockerungen des Notstandsdekrets wie etwa die Öffnung des Grenzen im Juli, mit der die Rückkehr des internationalen Tourismus eingeleitet werden soll.

Vox, die drittstärkste Fraktion im spanischen Parlament, wirft der linken Regierung vor, mit den strikten Regeln und Verboten zur Eindämmung von Covid-19 mittels des Notstands-Dekrets und des Deeskalations-Plans Spanien wirtschaftlich „in den Ruin“ zu treiben und außerdem die Freiheiten der knapp 47 Millionen Bürger illegal einzuschränken. Diese Vorwürfe erhebt auch die größte Oppositionspartei, die konservative Partido Popular (PP), die ihre Anhänger aber nicht zur Teilnahme an der Kundgebung aufrief. PP-Vizesekretärin Ana Beltrán sagte aber, man unterstütze friedliche Proteste gegen die Regierung, „weil die Menschen es satt haben“.

Coronavirus und Enschränkung von Rechten: Vox fordert Freiheiten zurück

Madrid war das Epizentrum der Proteste. Hunderte Autos und Motorräder, aber auch viele Demonstranten, die zu Fuß unterwegs waren und die Corona-Abstandsregeln nicht einhielten beziehungsweise einhalten konnten, füllten das Zentrum der Hauptstadt. Mehrere wichtige Straßen wurden nach Medienschätzungen über eine Distanz von rund zwei Kilometern blockiert. An der Spitze der Demo fuhr Vox-Chef Santiago Abascal mit Parteikollegen im offenen Bus. „Wir werden unsere Freiheit wieder erlangen!“, rief Abascal in einer Rede. Proteste, wenn auch kleineren Ausmaßes, gab es unter anderem auch in Metropolen wie Barcelona, Sevilla und Valencia.

Den Erfolg oder Misserfolg der Protestkundgebung einzuschätzen fällt aufgrund dieser Premiere schwer und wäre vielleicht auch unfair. Von einem Aufstand der "normalen Leute" oder des Mittelstands in ganz Spanien kann aber diesmal sicherlich keine Rede sein. Außerhalb Madrids erreichten die Teilnehmerzahlen in vielen Städten nicht mehr als 100 Personen. Selbst das erzkonservative Bürgertum, das Vox ja mobilisieren wollte, dürfte manche Bilder wie faschistische Franco-Grüße etwa in Marbella bei aller in einem demokratischen Gesellschaft wichtigen und berechtigten Kritik an der linken Regierung von Sozialisten und Podemos eher befremdet haben.

Coronavirus: Eine Woche mit weniger als 100 Covid-19-Opfer binnen 24 Stunden

Mit mehr als 235.000 Infektionsfällen und über 28.600 Toten ist Spanien eines der von der Pandemie am schwersten betroffenen Länder der Welt. Seit Mitte März gelten im Rahmen eines mehrfach vom Parlament verlängerten Alarmzustandes strenge Ausgehbeschränkungen und Regelungen, die erst seit kurzer Zeit schrittweise gelockert werden. Sánchez betonte mehrfach, wegen dieser Maßnahmen würden die Zahlen seit Wochen immer weiter nach unten gehen. So verzeichnet das Gesundheitsministerium seit einer Woche weniger als 100 Covid-19-Opfer binnen 24 Stunden - was immer noch zu viele sind, aber im Vergleich mit dem Höchstständen um die 900 und darüber Ende März und Anfang April durchaus als ein Erfolg in dieser Misere verbucht werden kann. Nimmt man die jüngsten Daten vom Samstag zur Grundlage, verzeichnet Spanien binnen 24 Stunden 361 Coronavirus-Infizierte und 48 Covid-19-Opfer. Das Gesundheitsministerium vermeldet insgesamt 235.290 Infizierte und 28.678 Opfer seit Ausbruch der Pandemie.

Rubriklistenbild: © Jesús Hellín/EUROPA PRESS/dpa

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare