Toreros als Künstler

Coronavirus und Stierkampf: Spaniens Regierung gibt Toreros Hilfen durch die Hintertür

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Mehr als 200 Stiere in Spanien haben bisher ihr Leben der Covid-19-Krise zu verdanken. Keine Stiertreiben, kein rituelles Gemetzel in den Arenen. Doch anstatt die Gelegenheit bei den Hörnern zu packen, der blutrünstigen Tradition ein Ende zu setzen, subventioniert die Regierung die Stierkämpfer durch die Hintertür.

  • Stierkämpfer und ihre Helfer haben als Kulturangestellte Anrecht auf Hilfen im Coronavirus-Notstand.
  • Züchter werden Stiere nicht los, Veranstalter erleiden Totalausfälle.
  • Massiver Rückgang: Spanien ist in der Frage der Zukunft der „Tradition“ der Stierkämpfe gespalten.

Madrid - Selbst die linke Regierung aus PSOE und Podemos, letztere erklärte Feinde des Spektakels, trauten sich bislang nicht, dem Stierkampf den Hahn abzudrehen. Dahinter steht eine starke Lobby und große Industrie.

Gewissensbisse bei Podemos: Stierkämpfe als Kulturveranstaltungen eingestuft

Zwar hat es die Regierung in ihren Notstandsgesetzen unterlassen, die Toreros beim Namen zu nennen, doch auch sie werden im Real Decreto 17/2020 genauso behandelt wie Musiker, selbständige Schauspieler oder Maler, sie werden also als Künstler eingestuft und gehören daher zu einem Sektor, der gesetzlich in der Coronavirus-Krise „geschützt und gefördert“ werden soll.

Das widerspricht zwar dem Regierungsprogramm von PSOE und vor allem Podemos, die sich verpflichtet hatte, ein Tierschutzgesetz auszuarbeiten, das „mit dem Stierkampf nicht kompatibel sein wird“, doch im Moment bleibt es beim Status Quo. Und rein rechtlich handelt es sich um Kulturveranstaltungen, die jetzt nicht stattfinden können. Regierungschef Sánchez hatte sowohl von der Opposition gefordert als auch selbst versprochen, die Coronavirus-Krise nicht zu „politisieren". Insofern handelt zumindest er konsequent.

Proteste gegen die Stiertreiben bei den Sanfermines 2019 in Bilbao:

Die nationale Vereinigung Unión Nacional de Picadores y Badarilleros Españoles (UNPBE), also der Handlanger der Matadores, hat in einem Schreiben an ihre Mitglieder darüber informiert, dass sie die Hilfen der Regierung für Selbständige beantragen könnten. Dazu müssten sie ihre wirtschaftlichen Aktivitäten von 2019 einreichen, um zu belegen, dass sie ins Sozialsystem eingezahlt haben und diese Daten mit der Einstellung ihrer Aktivitäten 2020 gegenüberstellen. Sie könnten so bis zu vier Monate zwischen 740 und 2.000 Euro monatlich kassieren.

Pacma protestiert gegen die „Förderung“ der Stierkämpfer:

Stierkampf-Lobby rechnet mit 200 Millionen Euro Ausfall

Die spanische Stierkampfszene beziffert ihre Verluste wegen des Notstandes der Coronavirus-Krise auf bis zu 200 Millionen Euro. Das ergibt sich aus den Einnahmeverlusten der Zuchtbetriebe, dem Ausfall etlicher Fiestas, bei denen Stierkämpfe nach wie vor als traditionelle Zugnummern abgehalten werden. Die Züchter müssen derzeit nicht nur auf den Verkauf ihrer Stiere verzichten, - die Aufzucht bis auf „Kampfgewicht“ kostet rund 3.500 Euro pro Tier - sondern sie auch weiter durchfüttern, was pro Tag rund 1,50 Euro pro Tier koste. 200.000 Kampfstiere stehen auf den Weiden Andalusiens, der Extremadura und den anderen Zuchtregionen. 30 Millionen Euro hätten allein die Züchter bisher durch Coronavirus verloren. Dass diese Zugang zu den Agrar-Hilfen verlangen, versteht sich von selbst.

Plaza de Toros de la Maestranza: So leer sähen Tierschützer die Stierkampfarena von Sevilla gern immer.

Corrida ohne Publikum abgehalten - Forderungen für Stierkämpfe in „neuer Normalität“

Im Unterschied zum professionellen Fußball, wo die Tickets für das Stadion nur 15 Prozent der Einnahmen der Vereine repräsentieren, hängen die Toreros und Veranstalter der Stierkämpfe zu 85 Prozent von zahlendem Publikum ab. Corridas hinter verschlossenen Toren und ohne Publikum seien daher keine Alternativen. Versucht wurde es trotzdem. Die Tierschützer von Pacma zeigten bei der Landesregierung von Castilla y León Stierkampf ohne Publikum in Tamames in der Provinz Salamanca an, der am 8. und 9. Mai stattfand. Über die Event-Plattform Eventbrite verkaufte man die Zugänge zur Videoübertragung für 3,30 Euro. Unabhängig davon, dass die Umweltschützer von Pacma, wie viele Spanier, den Stierkampf gänzlich ablehnen, würde bei solchen inoffiziellen Veranstaltungen nicht einmal die Erfüllung der gesetzlichen Minimalanforderungen, wie ein Tierarzt usw. kontrolliert werden können.

Die Lobby hat weitere Forderungen an die Regierung für die „neue Normalität“ nach Covid-19: Die Mehrwersteuer auf die Eintrittskarten sollte gesenkt werden, es direkte Subventionen geben, um die Tauromaquia am Leben zu erhalten. Zumal, so die Toreros mit dem Ende der Stierkämpfe auch die entsprechenden traditionellen Stierrassen aussterben würden, das Land 1,5 Milliarden Euro jährlich an Wertschöpfung und seine kulturelle Identität verlieren, so die Union der Toreros.

Spanien in Frage der Stierkämpfe gespalten: 50 Prozent weniger in zehn Jahren

Spanien ist und bleibt bei der Frage, ob man die rituelle Tiertötung endlich abschaffen solle, tief gespalten. Grob gesagt, in einen traditionellen und einen europäischen Teil. Dabei scheinen die Tage der Corridas bald gezählt. In vier Jahren bis 2019 besuchten 500.000 Menschen weniger in Spanien Stierkämpfe und in den vergangenen zehn Jahren hat sich die Zahl der Events halbiert. 2019 verzeichneten die Corridas und andere Stiertreiben allerdings noch immer 3,1 Millionen Besucher, nicht wenige davon übrigens ausländische Touristen. Katalonien und die Balearen erlebten 2016 und 2019 einen Rückfall, als die dortigen Stierkampf-Verbote jeweils vom Verfassungsgericht gekippt wurden. Die Begründung: Als Kulturerbe sei der Stierkampf von der Spanischen Verfassung geschützt, ein Verbot daher Entscheidung des Staats, nicht der Länder. Die Plaza de Toros in Barcelona wurde trotzdem zum Shopping-Center, ihr Dach in eine Restaurant-Landschaft konvertiert.

Es geht auch anders: Die Plaza de Toros von Barcelona ist ein Shopping- und Gastronomie-Zentrum geworden.

In der Region Valencia ist die Lage ambivalent. Während auf Dorffesten die Bous al carrer weiter tief verwurzelt sind, wo Stiere durch die Straßen gejagt, teils mit Fackeln bestückt, um dann auf der Plaza de Toros feierlich gemetzelt zu werden, versuchte sich die PSOE in Alicante an einem Verbot und wollte die Stierkampfarena zur Konzertarena umfunktionieren. Das misslang. Die PP übernahm die Macht und zumindest für die Hogueras-Fiestas werden auch dort wieder Stiere getötet. Nur Corona hält die Toreros noch auf.

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