Coronavirus-Demos in Spanien

Covid-19 weckt Töpfe: Chronik der schlagenden Proteste in Spanien

  • vonStefan Wieczorek
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In der Coronavirus-Krise in Spanien protestieren tausende Menschen mit Töpfen gegen die Regierung von Pedro Sánchez. Vor Covid-19 erklangen solche Demos unter Rajoy, Zapatero und Aznar. Was 2020 neu am Topf-Protest ist.

  • Topf-Proteste gegen Regierung von Pedro Sánchez hallen in Covid-19-Krise durch die Straßen.
  • Die Art des Protests stammt aus Südamerika und begleitete Spanien in verschiedenen Krisen.
  • Warum in Coronavirus ausgerechnet Spaniens rechte Hand zum Topf und Löffel greift.

Madrid - Klong, klong. Tack, tack. Ding, ding. Ganz schön fies ist es - als Unbeteiligter -, in einen Protest mit auf Töpfe schlagende Menschen zu geraten, wie in der Coronavirus-Krise in Spanien. Von Balkonen, auf Straßen, aber auch vor Häusern der Regierungspolitiker sorgten tausende Töpfe für den gespenstischen Krach. Kein schönes Erlebnis für die Politikerkinder. Aber kein neuer Krach fürs Land. Wie ein roter Faden zieht sich das Topfschlagen durch die jüngere Geschichte Spaniens. Gegen Aznar klapperten 2003 die metallenen Gefäße, später gegen Zapatero und Rajoy.

Unter Pedro Sánchez (PSOE) und Covid-19 bricht die Rebellion der Töpfe mit eigenen Konventionen. So tief ins Privatleben hoher Politiker drangen sie in Spanien noch nie vor. 2020 gehen sie zudem mit einer nationalistischen Welle einher. Ein Meer aus spanischen Nationalflaggen begleitet die Topf-Proteste. Am lautesten erklingen die auf Metall schlagenden Löffel in Vierteln der reichen Konservativen, wie das Barrio de Salamanca in Madrid. Also nicht unbedingt in Händen des einfachen Volkes, das sozusagen noch in der eigenen Küche kocht.

Ein Demonstrant schlägt auf einen Topfdeckel während eines Protests gegen die spanische Regierung .

Vor Covid-19: Töpfe als demütige Stimme des einfachen Volkes

Die Ursprünge dieser Art Protest mit Löffel und Topf liegen in Südamerika. In den 70er und 80er Jahren schlugen damit Frauen und Kinder, später Arbeitslose und Gewerkschaftler gegen prekäre Situationen des Volkes an. In Chile traf es 1971 die marxistische Linksregierung von Salvador Allende, 1983 die rechte Militärdiktatur von Augusto Pinochet. In Argentinien erhoben in den 80ern Bürger die demütige Stimme der Küchenutensilien. Zwar mischte sich immer auch Ideologie in die Proteste. Doch das Kennzeichen des Topf-Protests ist eigentlich das Fehlen einer politischen Agenda.

Nicht für, sondern gegen etwas protestiert der Mensch, der im Haus zum ersten Objekt greift, das Lärm macht. Gegen schädliche Politik, gegen fatale Entscheidungen der Regierung. Das Topfschlagen ist in seinem Wesen ein spontaner Protest des Volkes, das sich hintergangen, der Freiheit beraubt oder gefährdet fühlt. Oft gehen „caceroladas“ mit Boykotts oder Sitzblockaden einher. Vor Jahren nannte der heutige Vizepräsident Pablo Iglesias solche Proteste „demokratischer Sirup". Bei den Protesten vor seinem Haus in der Covid-19-Krise schlug ihm diese Aussage nun selbst entgegen (siehe Tweet oben).

Vor Coronavirus-Krise organisierte Spaniens Vizepräsident Topf-Proteste

Lange vor dem Coronavirus war der Chef der linksalternativen Partei Podemos selbst Anführer solcher Proteste. Iglesias und seine Partei entstammen direkt der „15-M"-Bewegung - benannt nach dem Großprotest am 15. Mai 2011 in Madrid -, die angesichts der schweren Wirtschaftskrise die politische Landschaft verändern wollte. Direkte Demokratie, Orientierung am Bürger statt an der Macht, Ende der PP- und PSOE-Dominanz und Transparenz als Bekämpfung der Korruption forderten damals tausende empörte Spanier - und ließen dafür regelmäßig ihre Töpfe erklingen.

Neun Jahre vor Covid-19 lag Spanien brach. Vom konservativen José María Aznar (PP) in die Immobilienblase, vom Sozialisten José Luis Rodríguez Zapatero (PSOE) in die Finanzkrise geführt. Millionen Spanier wurden arbeitslos - ein Trauma, das wegen des drohenden Wirtschaftskollapses durch das Coronavirus in viele Köpfe zurückkehrt. Auch die Topf-Proteste von 2012, nun gegen Mariano Rajoy (PP), sind wieder aktuell. Die Regierung kürzte in der finanziellen Not Mittel für öffentliche Dienstleistungen. Auch deshalb stieß das Gesundheitswesen in der Coronavirus-Krise so fatal an seine Grenzen.

Nach Coronavirus-Ansprache: Topf-Demo gegen König Felipe VI.

Wegen Rajoys Schere hallten dem PP-Mann tausende Töpfe in ganz Spanien entgegen, immer wieder auch bei Zwangsräumungen von Wohnungen wegen unbezahlbarer Hypotheken. Doch „caceroladas“ trafen Rajoy später noch aus einem anderen Grund: 2017 in Katalonien, als die territoriale Krise sich zuspitzte. Die Separatisten beschlossen in Barcelona das Referendum zur Abspaltung von Spanien. Dagegen ging Madrid mit ganzer verfassungsrechtlicher Härte vor. Nun fühlten sich tausende Katalanen in den Schwitzkasten genommen und griffen jeden Abend auf Balkonen zu ihren Töpfen.

Vor Covid-19 erklangen die Topf-Proteste auf Balkonen in der Katalonien-Krise.

Ein Konzert der Töpfe erhielt noch Spaniens König Felipe VI. 2019 bei seinem Besuch in Katalonien. Am 18. März 2020, bereits unter Covid-19, klopften gegen ihn Balkone in ganz Spanien (Video unten). In seiner Ansprache zum Coronavirus hatte der Monarch es verfehlt, das Land zu einen. Per Whatsapp verabredeten sich Tausende zu einer „cacerolada por la república", Topf-Demonstration für die Republik. Frisch war da noch die Ausgangssperre. Schnell wurde der Applaus für die Arbeiter im Gesundheitswesen jedoch wichtiger als die Topf-Proteste gegen den untergetauchten König.

In Covid-19-Krise greift Spaniens rechte Hand zum schlagenden Löffel

Doch ehe sich das Coronavirus versah, waren die Töpfe in Spanien wieder da. Im Mai 2020 klapperten sie lauter und lauter - auf den Balkonen, dann auf der Straße, bis zu den Häusern von Pablo Iglesias und Co. Nun ausdrücklich von rechten Gruppen wie der Partei Vox befeuert, erreichte der Widerstand gegen die linke Regierung von Pedro Sánchez im Auto-Protest in Madrid am 23. Mai seinen Höhepunkt. Erstmals in der Geschichte sind die Topf-Klänge geschmückt mit spanischen Nationalsymbolen. Die rechte Hand Spaniens hat in der Krisenlage von Covid-19 sozusagen zum schlagenden Löffel gegriffen.

Doch um den Topf-Protest der „neuen Normalität“ zu verstehen, reicht nicht die Einteilung in Rechts- und Links-Muster. Die Spanier, die jetzt auf ihre Metallutensilien hämmern, tun das - auch wenn es Vox in die Karten spielt - nicht nur aus Ideologie. Die Regierung von Pedro Sánchez beging in der Pandemie schwere Fehler. Lange ignorierte sie die Covid-19-Gefahr, lange blieb sie dem Gesundheitswesen - und Altersheimen - notwendige Hilfen schuldig. Schwerfällig und undurchsichtig wirkt die 23-köpfige Regierung, die teuerste aller Zeiten, im krisengeplagten Spanien.

Pedro Sánchez und Pablo Iglesias (rechts) gründeten Anfang 2020 teure Koalitionsregierung.

17 Jahre vor Coronavirus: Tausende schlagen gegen Aznar und Irak-Krieg auf Töpfe

Das führt in der Pandemie zu Angst und Wut unter vielen Menschen. Zwar ist vor allem im Edelviertel Salamanca aus der „cacerolada“ eine Bewegung entstanden. Aber Topfschlagen hört man unter Covid-19 auch in Vierteln und Orten, die nicht nur Reiche und Konservative bewohnen. Im vornehmen Galapagar galt der Topf-Protest dem dort wohnenden Vizepräsidenten Pablo Iglesias, der in den Augen vieler längst kein Kämpfer für die sozial Schwachen mehr ist. Mit seiner Villa bei Madrid sei er selbst Teil der von ihm angeprangerten „Kaste“ der Politiker, die aus ihrem Amt private Nutzen schöpfen, meinen Kritiker.

Viel Genugtuung wegen alter Gefechte und Wunden ist dabei, wenn in der Coronavirus-Krise rechte Regierungskritiker zu Mitteln wie den Töpfen greifen, die eigentlich eher linke Volksbewegungen für sich beanspruchen. Die Wurzel dieser Genugtuung liegt nicht einmal nur bei Iglesias und seiner Protestbewegung, sondern viel tiefer - auch bei der ersten großen „cacerolada“ in Spanien. 2003 schlugen sich tausende mit Töpfen bewaffnete Spanier gegen die Regierung die Seele aus dem Leib. Sie protestierten so gegen Aznars (PP) Außenpolitik und sein schicksalhaftes Ja zum Irak-Krieg.

Mit Sars-CoV-2 habe die Regierung Menschen auf dem Gewissen, meinen rechte Kritiker

Bald sollten die Töpfe wieder erklingen. 193 Menschen waren gestorben, 2.000, teils schwer, verletzt, am 11. März 2004, als die Antwort auf Aznars Kriegspolitik ein islamistischer Anschlag in Madrid war. Skandalös war die Antwort der Regierung darauf, kurz vor der Parlamentswahl. Die baskische Terrororganisation ETA sei schuldig, meldete die PP. Ein Aufschrei aus metallenen Gefäßen ertönte in Spanien. Die üble Lüge stürzte Aznar - und machte Zapatero (PSOE) zum Präsidenten. Dass jetzt die „Rechte" in Spanien ausgerechnet zum Topf greift, ist auch dieser nie vergessenen Geschichte geschuldet.

Denn damals, wie nun in der Coronavirus-Krise, betraf das Verhalten der Regierung nicht in erster Linie Wirtschaft oder Territorium, sondern Menschenleben. Rund 28.700 Spanier starben bisher an Sars-CoV-2. Die Regierung von heute, Sánchez und Iglesias, hätten diese Menschen auf dem Gewissen - wie Aznar damals die Opfer von Madrid. So denken nicht wenige. Vor allem Spanier, die sich der PP zugehörig fühlen, und so Aznars alte Schuld im Hinterkopf mittragen, dürfte das betreffen. Nun, „dank“ Sars-CoV-2 haben also auch die alten Gegner Blut an den Händen. Und die Töpfe erklingen.

In einem Altersheim in Alicante gab es bisher 15 Tote im Zusammenhang mit der Coronavirus-Krise.

Bringt Coronavirus rechte „15-M“-Bewegung? Vox hofft, Soziologen zweifeln

Wohin geht nach Covid-19 in Spanien der Weg der neuen Topf-Proteste? Sie sei der Beginn eines „neuen 15-M“, nun aber rechtsorientiert, hoffen Vox-Politiker und Sympathisanten. Das bezweifeln jedoch Soziologen und Politikwissenschaftler. Dazu seien die „caceroladas“ gegen Pedro Sánchez nicht transversal genug, ihnen fehle also die Überwindung ideologischer Grenzen, meint etwa Manuel Jiménez von der Uni Pablo de Olavide in Sevilla. Laut der Zeitung „El País“ hingegen sind es für eine Massenbewegung zu wenige Menschen, die protestieren. Die Topfschlag-Demos 2020 seien „mehr Lärm als Menschen“.

Auf künstlerische Weise stellt die chilenisch-französische Musikerin Ana Tijoux im Videoclip „Cacerolazo“ die Protest-Töpfe dar.

Rubriklistenbild: © Stefan Wieczorek

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