Spanische Flagge mit schwarzer Schleife hängt auf einem Balkon in Alicante.
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In der Coronavirus-Krise versehen Spanier die Flagge mit einer schwarzen Schleife.

Proteste gegen Regierung

Flagge zeigen gegen Corona: Spaniens nationale Farben und ihre Geschichte

  • vonStefan Wieczorek
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In der Covid-19-Krise ist Spaniens Nationalflagge wieder „in“ - mit einer schwarzen Schleife für Opfer des Coronavirus. Nun tragen sie aber rechte Regierungskritiker zur Schau. Die Geschichte der Flagge, die am 28. Mai 1785 eingeführt wurde.

  • Unter Covid-19 nutzen Spanier Flagge im Protest gegen Krisenmanagement von Pedro Sánchez.
  • Spaniens Flagge wurde im 18. Jahrhundert eingeführt, um Verwechslungen auf See zu vermeiden.
  • Alte Konflikte und Symbole: Farbe Lila für alternatives, Rot-Gold-Rot für starkes Spanien.

Madrid - Das rot-goldgelb-rote Bändchen durfte nicht fehlen. Direkt in die Kamera hielt es Javier Ortega Smith, an der Hand mit dem Daumen nach oben. Der Generalsekretär der rechten Partei Vox teilte das Foto auf Twitter aus dem Krankenhaus, in das ihn gefährliche Folgen der Ansteckung mit dem Coronavirus befördert hatten: Blutgerinnsel in Beinen und Lunge. Wie ein Amulett trägt Ortega die kleine „Rojigualda" auf dem Bild. Als signalisiere er: Haltet an Spaniens Farben fest, dann überlebt ihr die Pandemie. Was schon in der Katalonien-Krise wirkte, mobilisiert auch unter Covid-19 viele Spanier.

Eine Sache sind ja die Flaggen mit der schwarzen Schleife für Covid-19-Opfer auf den Balkonen. Aber das riesige Banner beim Protest gegen das Coronavirus-Krisenmanagement der Regierung von Pedro Sánchez (Tweet oben) geht vielen Spaniern zu weit, vor allem denen, die andere Flaggen bevorzugen: Flaggen ihrer Regionen - Katalonien, Baskenland, Valencia, Galicien - oder gleich die dreifarbige Version der Zweiten Republik. Die Flagge - wie die nationale Identität - ist in Spanien ein ständiger Konfliktfaktor. Zu viel Unliebsames - Ausschweifungen der Monarchie und Unterdrückung durch die Diktatur - assoziieren Kritiker der „Rot-Goldgelben“ mit den spanischen Nationalsymbolen.

Unter Covid-19 flammt in Spanien der Nationalismus wieder auf

Vor allem die „Überbetonung durch Nationalisten“ im 20. Jahrhundert habe sie geschädigt, teilt der spanische Flaggenkundler José Manuel Erbez mit. Noch lange nach der Diktatur galt jemand, der ein Armband mit spanischer Flagge trug, als „Facha“, Rechtsradikaler. „Erst der Sport trug dazu bei, dass sich das legte", sagt Erbez. Spaniens große Erfolge im Fußball 2008 bis 2012 etwa brachten die Farben zum Strahlen. Doch schnell war es damit vorbei. Der Separatismus führte selbst einige Nationalkicker dazu, sich von Spaniens Flagge zu distanzieren. Den Rest gab ihr die Korruption der flaggentreuen Volkspartei PP.

Erste Flagge Spaniens von 1785 im Schiffahrtsmuseum in Madrid.

In den Jahren vor Vox und Covid-19 schien sich Spaniens Bindung an traditionelle Symbole aufzulösen. Höchstens als „Patriot der Demokratie“ könne er sich bezeichnen, sagte etwa der Chef der linken Protestpartei Podemos, Pablo Iglesias - heute zweiter spanischer Vizepräsident. Die Nationalfarben geißelte er schon mal als Insignien der von ihm bekämpften Übel: soziale Ungerechtigkeit, Korruption, Demokratiefeindlichkeit. Klar, dass er damit die Jungen mehr anspricht, als mit dem „Blut und Gold der spanischen Eroberer“. Auf die Weise wurde Generationen von Spaniern die Bedeutung der Flagge „Rojigualda“ eingetrichtert.

König Carlos III. wählte eine Flagge ohne Königsfarbe

Dabei hat diese Deutung der Flagge nichts mit ihrem Ursprung zu tun. „Sie entstand im Grunde zufällig“, sagt Flaggenkundler Erbez. Es war das Jahr 1785, als König Carlos III. vor einer Tafel mit zwölf Flaggenentwürfen grübelte. Wiederholt war seine Flotte in Schlachten geraten, nur weil es die weiße Flagge des Königshauses Bourbon trug. Dieses regierte zugleich mehrere Länder. „Es konnte jedoch sein, dass Frankreich im Krieg gegen England war, Spanien aber nicht“, erklärt Erbez. Da sich die Flaggen der Bourbonen nur im kaum sichtbaren Wappen unterschieden, kam es auf See zu folgenschweren Verwechslungen.

Also beauftragte Carlos III. den Marineminister mit einem neuen Banner – einem, das gut sichtbar die spanische Marine auszeichnen würde. Der Minister stellte zwölf Entwürfe zusammen (Video oben). Der König überlegte – und wählte Nummer eins: die heutige „Rojigualda“. „Ein Kreuz im Stil Skandinaviens wäre auch möglich gewesen“, erzählt Erbez. Beachtenswert, dass Carlos III. das Weiß, die Farbe des Königshauses, komplett aussparte. Und stattdessen eine Farbkombination wählte, die neben einer visuellen auch eine nationale Strahlkraft besaß. „Rot war die Farbe, die Kastilien und Aragón gemeinsam hatten.“

Fake auf Gemälden: Spanier lange ohne Bezug zu Flagge

Von Aragón übernahm der König zudem die Verbindung mit Gelb – bis heute Kennzeichen Kataloniens – von Kastilien das Wappen. Dass Carlos III. die Einheit Spaniens ausdrücken wollte, legt auch das Dekret vom 28. Mai nahe, in dem er bereits von einer „Nationalflagge“ spricht. Davon war das neue Banner freilich noch weit entfernt. Weder Bodentruppen noch das Volk waren mit der „Rojigualda“ verbunden - auch wenn Anachronismen auf späteren Gemälden, mit wehenden Spanien-Flaggen, anderes nahelegen. Zum Zeichen einer nationalen Bewegung wurde die Flagge erstmals im Unabhängigkeitskrieg 1808 bis 1814 – allerdings in Kombination mit vielen anderen Bannern.

Nun das Coronavirus - In fast jeder Krise spaltet die Flagge die Spanier.

Erst die Erklärung der „Rojigualda“ zur Flagge aller spanischen Streitkräfte unter Isabel II. bedeutete 1843 die Einsetzung als Flagge der Nation. Doch diese Nation war nicht vollends überzeugt – zumindest nicht der Teil, der der Krone abgeneigt war. Angeregt durch die Franzosen, sahen die Republikaner lieber eine dreifarbige Flagge wehen. Nicht mit ganz neuen Farben allerdings, dafür aber mit einer dritten: morado. Der Ursprung dieser dunkelvioletten Maulbeerfarbe ist in diesem Zusammenhang bis heute umstritten. Angenommen wird, dass ein Banner der Comuneros, der Aufständischen in Kastilien 1520, als Vorbild diente.

Spanien in Belfast: Republik-Flagge als Traum von freiem, demokratischen Land.

Republik mit Wappen der Revolution, Franco verbannte die Farbe Lila

Historisch bestätigt ist nur ein morado-farbener Löwe, allerdings in einem Königswappen: von León. Dieser Löwe inspirierte später die 1932 entstandene „Flagge der Hispanität“ mit drei violetten Kreuzen. „Bedeutung hatte die Farbe auch im Religiösen.“ Als Bild für Übergang und Verwandlung ist sie bis heute die Farbe der Semana Santa. Wie auch immer – die spanische „Tricolor“, eine Kombination aus den traditionellen Farben mit einer neuen, wertet Erbez als „Versuch einer Versöhnung“. Wohlgemerkt mit dem Unterschied zum französischen Vorbild, das die Farbe Weiß des Königs bis heute bewahrte (siehe Video unten).

„Die Flagge trifft noch besser die Harmonie eines großen Spaniens“, formulierte die spanische Verfassung von 1931, die die „Tricolor“ zur Staatsflagge erklärte. Zum Wappen wurde das von der 1868er Revolution – mit den Symbolen Kastiliens, Leóns, Navarras, Aragóns und Granadas zwischen dem vom „Plus Ultra“ umschlungenen Herkules-Säulen. Quasi das heutige Wappen Spaniens. Es folgte ein steiniger Weg: Die wankende Republik, der Putsch der Nationalisten, der blutige Bürgerkrieg. Unter Franco verschwand das Morado von der Flagge und mit ihm der Traum von einem neuen, demokratischen Spanien.

Strafen wegen Flaggen: Viele Spanier erinnert das an Diktatur

Ein schwarzer Adler nach Vorbild der Katholischen Könige, Reyes Católicos, wachte fortan von der Flagge über „das eine“ Spanien. Und dies tat er von jeder Ecke aus. Die Flagge wurde zum bestimmenden, fast religiösen Element. Wurde sie beim Fronleichnamszug nicht gehisst, hagelte es Strafen. Nicht wenige schrecken noch heute auf, wenn eine Musikkapelle bei der Semana Santa die spanische Hymne anstimmt. Oder wenn Rathäuser für die Nichteinhaltung das Gesetzes von 1981 bestraft werden: „Die Flagge von Spanien muss im Außenbereich wehen und eine prominente Stelle im Inneren besetzen.“

Bei der Semana Santa erklingt Spaniens Nationalhymne immer wieder.

Dass die Flagge nach der Diktatur die Transición - den Übergang in die Demokratie - überdauerte, erstaunt aus heutiger Sicht. Das neue Wappen knüpfte zwar an die Republik 1931 an – fällt aber, nicht nur Seefahrern, im Allgemeinen weniger ins Auge als die Farben. „Die Flagge war eines der meistdiskutierten Themen“, erzählt Erbez. Dass die Politiker auf Kontinuität setzten, lag nicht zuletzt an der Furcht vor einem neuen Bürgerkrieg. Entscheidend für die Bewahrung der Flagge war die Zustimmung der Linken. Zwar wollten sie die Flagge nicht, doch fürs Einlenken wurde die kommunistische Partei wieder erlaubt.

Konflikte um Flagge: Europäische Union könnte helfen

„In der Praxis haben die Linken sie nie anerkannt“, sagt Erbez. Und mit ihnen viele Spanier, die offen über eine zweite Transición mit neuer Flagge debattieren. Ein Schritt dahin ist getan - durch den Aufschwung einer linken Protestbewegung, die heute Spanien mitregiert: Podemos. 2014 wählten die neuen Linken für ihre alternativen Vision von Spanien nicht zufällig eine altbekannte Farbe: den Lila-Ton Morado (Tweet unten: Irene Montero, Vizechefin von Podemos). Republik, Gleichberechtigung, Feminismus. All das, was in Spanien jahrzehntelang auf der Strecke blieb, scheint sich in der verlorenen Farbe der Flagge zu vereinen.

Statt der Rückkehr zu alten Farben fordern andere eine ganz neue Flagge. 2019 schrieb Philologe Ángel Pajin, Spanien brauche eine Flagge, die alle Regionen repräsentiere . „Eher wird die Republik wieder eingeführt", meint Flaggenexperte Erbez. Sind bei all den Konflikten Flaggen überhaupt nötig? „Der Mensch braucht eine Beziehung zu einem Kollektiv – und er braucht dafür sichtbare Elemente.“ Eine positive Rolle für Spanien spiele Europa. „Die Zugehörigkeit zu etwas Größerem kann den Identitätskonflikt überwinden.“ Voraussetzung sei aber eine EU „von unten nach oben“, die auch regionale und nationale Identitäten berücksichtigt.

Coronavirus oder Nationalismus: Pandemien ringen, Olympia pausiert

Dass mehrere Flaggen in ein Herz passen, bestätigen in Spanien die weniger lauten Stimmen. Wie die des katalanischen Schwimmstars Mireia Belmonte. „Ich glaube, es ist kompatibel, Katalane und Spanier zu sein“, sagte die Goldmedaillengewinnerin, die wegen der Covid-19-Krise erst 2021 bei den Olympischen Spielen für Spanien antritt. Indes ringen die Pandemien miteinander. Welche wird am Ende stärker sein: Die des Nationalismus, der Menschen in immer größere Flaggen festwickelt? Oder die des winzigen Virus Sars-CoV-2, das - ob Republikaner oder Monarchist - allen dieselbe Flagge um die Nase band.

Masken am Mund: Flagge der Coronavirus-Zeit auf der ganzen Welt.
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