Covid Test im Labor
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24 biomedizinische Institute Spaniens beteiligen sich an erstem großen Feldtest.

Coronavirus in Spanien

Doch keine Grippe: Daten von Biomedizin-Institut belegen Ausnahmesituation durch Covid-19 

  • vonMarco Schicker
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Bis 25. April starben in Spanien fast 30.000 Menschen mehr als im statistischen Mittel der vergangenen Jahre. Doch weniger als die Hälfte davon taucht in der Covid-19-Statistik auf. In drei Regionen starben mehr als doppelt so viel Menschen wie in normalen Zeiten.

Madrid - Das biomedizinische Instituto de Salud Carlos III in Madrid, dem regionalen Madrider Gesundheitsministerium unterstellt, betreibt das landesweite System MoMo (Monitorización de la Mortalidad), das sich der statstischen Auswertung der Todesfälle widmet und Zugang zu allen Registern hat, also neben den Krankenhäusern auch zu Meldeämtern, forensischen Instituten und Bestattungsunternehmen.

MoMo registrierte vom 1. März bis 10. April 24.000 oder fast 50% mehr Tote in Spanien, als nach dem langfristigen Mittel erwartbar waren. Vom 17. März bis 25. April sind es fast 30.000. In dem mathematischen Modell werden auch die Grippewellen, das Wetter, Kontaminationswerte und andere äußere Faktoren mitgerechnet, um möglichst genaue Prognosen erstellen zu können. 15.800 des sogenannten mortalen Überhanges bis 10. April kann man sich mittlerweile erklären, sie tauchen auch in der offiziellen Coronavirus-Statistik des Gesundheitsministeriums auf.

8.200 Todesfälle aber nicht, die dennoch keiner anderen Todesursache eindeutig zugeordnet werden können. Die Diagnosen, die in den Akten der Behörden, die die Totenscheine ausstellen, hinterlegt sind und von Ärzten stammen, legen den Verdacht nahe, dass viele davon auch wegen Covid-19 gestorben sind, ob nun durch dessen primäre Wirkung oder die Verstärkung vorhandener Krankheitsbilder sei dahingestellt - ohne das Virus würden die meisten noch leben. Da sie aber nicht getestet oder obduziert wurden, kamen sie nicht in die zentrale Statistik.

Enorme Unterschiede zwischen den Regionen

Die Fallzahlen des MoMo sind regional extrem unterschiedlich. Die Region Madrid hat den langfristigen Jahresschnitt um 196% überboten, hier starben von 1. März bis 10. April 10.406 Menschen mehr, nur 5.972 gehen offiziell auf Covid-19. In Castilla-La Mancha sind es 156% und 3.563 Tote mehr, in Castilla y León 156%, in Navarra 77%, in La Rioja 61%, in Katalonien 38% und 2.921 Tote mehr, wobei hier als einziger Region mehr Covid-19-Tote gemeldet wurden als es statistischen Überhang gibt, nämlich 3.231. Die Comunidad Valenciana registrierte 1.045 Tote mehr als im langfristigen Mittel, das sind 20%, Andalusien lediglich 7% und Murcia nur 3%. In beiden Regionen, vor allem aber Andalusien wegen seiner Größe, spricht man bereits von einer "Anomalie", im posistiven Sinne. Die gesamte Datensammlung ist öffentlich einsehbar.

Die Grafik zeigt den „Exzess“ (rote Linie) gegenüber den erwarteten Todesfällen (blauer Berg) in Spanien an.

Einige Regionen begannen vor zwei Wochen damit, nicht nur getestete Personen an das Gesundheitsministerium als Covid-Opfer zu melden, sondern auch solche, wo die Symptome einen erhöhten Verdacht erweckten. Gesundheitsminister Salvador Illa musste daraufhin die Notbremse ziehen und per Dekret die Zählweise vereinheitlichen. Ihm ist bewusst, dass seine Statistik von Anfang nicht alle Todesfälle abbilden konnte, doch interessiert ihn vor allem die Tendenz. Und die lässt sich nur bei gleicher Zählweise feststellen.

„Kollateral-Tote" durch Coronavirus

Außerdem machte MoMo eine interessante Feststellung: Unter den statistischen "Mehr"-Toten sind auch etliche mit anderen Krankheitsbildern als Covid-19. Das kann mit der Überlastung des Gesundheitswesens und daher nicht adäquaten Behandlung anderer Erkrankter zusammenhängen oder auch damit, dass mehrere Kranke sich nicht in Krankenhäuser begaben, aus Angst vor Ansteckung oder sogar abgewimmelt wurden. Covid-Kollateraltote sozusagen und ein Hinweis darauf, wie sehr am und teilweise über dem Limit das spanische Gesundheitswesen war.

Die wichtigste Schlussfolgerung der statistischen Auswertung des Systems MoMo aber: Es handelt sich bei Covid-19 eben nicht um "das gleiche" oder "so etwas" wie eine Grippe, - allein schon die Mathematik schließt das aus - sondern eine Virus-Pandemie, der das Gesundheitswesen und die Gesellschaft in weiten Teilen hilflos gegenüberstehen. Das Institut Carlos III will es weiter genau wissen. Es ist eine der 24 Einrichtungen des Landes, die PCR-Tests durchführen und leitet auch das Projekt Seroprevalencia, den ersten koordinierten Feldtest an 90.000 Bürgern, der als wissenschaftlicher Schlüssel für die Ausgangstür aus dem Alarmzustand dienen soll.

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