Impfstoff gegen Covid-19

„Eine Lösung kann nur 100 Prozent wissenschaftlich sein“: Forscher zwischen winzigen Viren und globalen Interessen

+
Ein durch die Finanzkrise geschwächtes Team am CSIC-Institut sucht fieberhaft nach einem Impfstoff.
  • schließen

Weltweit suchen Forscher fieberhaft nach einem Impfstoff gegen das Coronavirus. Auch Wissenschaftler in Spanien beginnen mit Tierversuchen und verfolgen mehrere Ansätze. Ein Überblick über Trends und Hindernisse in Spanien und weltweit.

  • Forschungen an bewährten Impfstoffen und neuen Ansätzen.
  • Experten bremsen: Keine kurzfristigen Lösungen in Sicht.
  • Hürden für die Wissenschaft: Profitsucht, nationale Alleingänge, Geldmangel.
  • Verschwörungstheorien: Bill Gates als neues Feindbild.
  • Schnellere Linderung: Remdesivir in aller Munde.

Madrid - Die Weltgesundheitsorganisation WHO führt derzeit 76 Teams auf einer Liste, die nach einem Impfstoff gegen das Coronavirus forschen. Die spanischen wollen ihren Beitrag dazu leisten, wissen aber, dass sie nicht nur spät dran sind, sondern auch mit bescheidenen Mitteln agieren müssen, trotz der 30 Millionen Euro, die die Regierung für die Impfstoffforschung locker gemacht hat. In der Welt der Pharma ist das ein Trinkgeld.

Der spanische Wissenschaftsminister Pedro Duque (links) und CSIC-Forschungsleiter Esteban

WHO hat 76 Forscherteams für Impfstoffe auf dem Zettel

Am spanischen Nationalen Zentrum für Biotechnologie (CSIC) beginnen in der Woche ab 4. Mai die ersten Tierversuche an einem Impfstoff, teilt das Wissenschaftsministerium unter Leitung des Ex-Astronauten Pedro Duque mit. Der Minister relativiert sogleich: Es handelt sich um einen „experimentellen Protoypen in einer Frühphase der Entwicklung, eine Variante des Vaccinia, das man erfolgreich in den 70er Jahren bei der Ausmerzung der Pocken einsetzte.“ Dem abgeschwächten Vaccinia-Virus (VACV) hat man die genetische Information von Sars-Cov-2 beigebracht und hofft, durch die Gabe an Mäusen eine „Immunantwort“ mit möglichst wenig Risiken zu erhalten.

Die deutsche Tagesschau zu ersten klinischen Tests in Deutschland:

Von den 76 Teams, die die WHO auf dem Zettel hat, befinden sich bereits fünf in der Erprobung an Menschen. Allerdings immernoch in einer experimentellen Phase und noch weit von klinischen Tests oder gar Zulassungsverfahren entfernt. Jedes Land muss neben der wissenschaftlichen Herausforderung noch landes-, besser gesagt systemspezifische Schwierigkeiten überwinden. In den USA mangelt es an wissenschaftlichem Austausch, weil die Geldgeber der großen privaten Institute sich Milliardengeschäfte durch die Patentierung versprechen und deshalb eifersüchtig ihre Forschungsfortschritte geheimhalten. So verfügt das Land zwar weltweit über die meisten und besten Wissenschaftler, die aber oft in abgeschotteten Teams agieren müssen.

Spanische Forscherteams kaputt gespart

Aus ökonomischer, aber mehr noch aus strategischer Überlegung setzt auch China weitgehend auf einen Alleingang, einen nationalen. Vorwürfe des US-Präsidenten, China hätte das Virus im Labor entwickelt und womöglich absichtlich gestreut, sind für eine Kooperationsbereitschaft nicht hilfreich. Doch auch die allmächtige chinesische Staatspartei sorgt dafür, dass die Welt keine Transparenz über den Forschungstand im Reich der Mitte bekommt. Sollte China tatsächlich als erstes einen verlässlichen Impfstoff entwickeln, würde das der Verursachertheorie neue Nahrung und China tatsächlich eine große Macht geben.

Beim CSIC in Spanien ist die Lage anders. Das Forscherteam um Mariano Esteban ist zwar international vernetzt und arbeitete noch bis 2008 mit 18 Wissenschaftlern, die wurden wegen der Einsparungen in Folge der Finanzkrise auf acht zusammengespart. Dabei hat die Gruppe weltweit für Furore gesorgt mit Meilensteinen gegen Ebola, Zika und vor allem das Chikungunya-Fieber sowie gegen HIV, wo man mit Kollegen aus anderen Ländern bereits Tests für Impstoffe an Menschen durchführt.

Das Virus zum Suizid verführen

Ein anderes Team am gleichen Institut, um die Virologen Isabel Sola und Luis Enjuanes, versucht es mit einer Mutation am Sars-CoV-2. „Unser Projekt basiert direkt auf dem Krankheitserreger, wir benutzen eine Technologie, die auf experimentellem Niveau bereits bei Sars und Mers funkionierte“, erklären die Forscher in „El País“. Sie wollen das Coronavirus zum Selbstmord verführen. „Das Virus kann sich teilen, aber nicht streuen, das heißt, es kann nicht von einer Zelle in eine andere gelangen“. Doch auch hier muss man erst wieder alte Forschungsergebnisse reaktivieren. „Sars verschwand einfach“ und so wurden auch die Mittel für die Forschung daran gestrichen.

Kleiner Feind mit großer Wirkung: Visualisierung des Coronavirus.

Neben der genetischen Manipulation des Virus, der Variation anderer Impfstoffe, der Kombination von Wirkstoffen bei der Behandlung, ist vor allem viel Grundlagenforschung nötig. So beschäftigen sich mehrere Wissenschaftsteams auf der Welt damit, das Profil von Sars-CoV-2 als Teil der anderen rund zwei Dutzend Coronaviren zu schärfen.

Man hofft dabei sogar darauf, auf Mutationen zu stoßen, denn so würde das Virus sich praktisch outen und Informationen über seinen Aufbau und vor allem seine Angriffstaktiken offenlegen. Dazu braucht es: Tests, Tests, Tests. Weitere Forschungen gehen dem biochemischen Mechanismus des Übersprungs von Tier auf Mensch auf die Spur, sowohl virologisch, aber auch mit dem Hintergedanken, künftig schneller auf solche Zoonosen reagieren zu können.

Internationale Kooperation als Schlüssel

Laut den WHO-Daten sind die Arbeiten des US-Biotech-Unternehmens Moderna derzeit am weitesten fortgeschritten. Am 16. März begann man dort bereits mit Tests an gesunden Freiwilligen. Die Moderna-Versuchsreihe ist Teil des CEPI-Netzwerkes mit neun Projekten, finanziert durch die Regierungen Indiens, Norwegens, die Bill & Melinda Gates-Stiftung, das Weltwirtschaftsforum und den 1936 in Großbritannien gegründeten Wellcome Trust. 1,8 Milliarden Euro hat CEPI als Budget für eine Impfstoffentwicklung angesetzt und die Teams tauschen ihre Ergebnisse untereinander aus.

Erste Testreihe an gesunden Patienten durch BioNTech (Pfizer) in Deutschland:

Wissenschaft im Fadenkreuz der Verschwörungstheorien

Ihr technischer Leiter ist übrigens ein Spanier, Juan Andrés. Er schätzt auf Nachfrage von „El País“ ein, dass wir „mindestens noch ein Jahr“ auf eine Impfung warten müssen, die diesen Namen nach Wirksamkeit und Sicherheit verdient. Doch eines ist schon jetzt klar, „die Lösung“ gegen den winzigen Feind mit der großen Wirkung, „wird 100 Prozent wissenschaftlich basiert sein“, resümiert der CSIC-Forschungsleiter Mariano Esteban.

Dass er das im 21. Jahrhundert überhaupt noch betonen muss, liegt nicht nur an einem US-Präsidenten Trump, der meint, dass die Gabe von Desinfektionsmitteln womöglich die Lösung sei, sondern auch daran, dass der Name Bill Gates sich bei Verschwörungsgläubigen als neues Feindbild festgesetzt hat. Er sei Teil jener abstrusen neuen Weltordnung, die uns alle, wenn schon nicht umbringen, dann doch wenigstens total kontrollieren oder zur Impfung zwingen wolle.

Neuer Buhmann Bill Gates

Ganz abgesehen davon, dass wir ohne Impfstoffe diese Debatte gar nicht führen könnten, weil uns die einfache Grippe und ihre Varianten längst ausgelöscht hätten, hat die Gates-Stiftung tatsächlich nur Böses getan: In Asien und Afrika hat sie drei der gefährlichsten Kinderkrankheiten fast ausgerottet und unterstützt mit 37 Milliarden Euro und weiteren 32 Milliarden anderer Milliardäre wie Warren Buffett nicht nur die Forschungen zu AIDS, Tuberkulose und Malaria sowie der Bereitstellung von Impfstoffen gegen Kinderlähmung, Diphtherie, Keuchhusten, Masern und Gelbfieber. Sie sorgt auch dafür, dass in armen Ländern alle Zugang dazu bekommen. Dass sie sich dazu der Netzwerke von WHO, UNICEF und anderer weltweit agierender Organisationen bedient, wird als Beleg für ihr Streben nach „Weltherrschaft“ herangezogen.

Geringschätzung des öffentlichen Sektors

Dass es des Engagements von Milliardären bedarf, um uns nun auch vor Covid-19 zu retten, ist des Nachdenkens wert. Aber man kann das kaum den Milliardären vorzuwerfen, sondern den von den Bürgern gewählten Regierungen, die der medizinischen Forschung und der öffentlichen Gesundheitsversorgung einen so geringen Stellenwert eingeräumt haben, dass selbst Industrieländer durch das Coronavirus sehr schnell an die Grenze ihrer Kapazitäten gerieten und ganze Volkswirtschaften ins Schwanken bringen.

Natürlich ist Pharma auf Profit orientiert, den Rahmen dafür setzt aber die Politik und die wird in Demokratien noch immer von den Wählern bestimmt. Und zwar an den Wahlurnen und nicht in den Kommentarspalten von Facebook. Warum es für viele keinen Mittelweg zwischen gesunder Skepsis gegenüber Big Pharma und dem totalen Abgleiten in irrationale Verschwörungshteorien bis hin zur Leugnung der Existenz von Viren ingesamt, zu geben scheint, ist dann aber kein Problem mehr der Biomedizin, sondern eher der Bildung und Psychologie.

Entlastung für die Intensivstationen: Wundermittel Remdesivir?

Bereits mit Beginn der Coronavirus-Pandemie kursierten Namen von Wirkstoffen, die zwar keinen Schutz vor Covid-19, aber eine Milderung der Symptome und einen verbesserten Genesungsverlauf vesprechen sollten. Nach Hydroxychloroquin, Lopinavir/Ritonavir und Chloroquin sowie Kombinationen weiterer antiviraler Medikamente in Kombinationen, ist seit Tagen Remdesivir in aller Munde.

Forscher des US-Instituts National Institute for Allergy and Infectious Diseases (NIAID) präsentierten am 29. April „vielversprechende Ergebnisse“, bei denen Remdesivir die Genesungsdauer von Covid-19-Patienten um rund ein Drittel verkürzen solle. 1.063 Patienten in 68 Krankenhäusern waren in die Studie involviert, die Hälfte davon in einer Kontrollgruppe, also mit Placebo behandelt. Jene, die den Wirkstoff erhielten, konnten im Schnitt nach elf Tagen das Krankenhaus verlassen, die anderen brauchten 15 Tage. Die Sterberaten lagen bei 8 und 11,6 Prozent.

Oberster Virologe der USA bekam Maulkorb

Deutsche Forscher wie das Klinikum der TU München führen ebenfalls Testreihen mit Remdesivir durch, zeigen sich aber reservierter. Zu wenig wisse man über Neben- und Wechselwirkungen. Es zeichnet sich aber ab, dass der möglichst frühe Einsatz schwere Verläufe mildern und verkürzen könne. Nun wartet man auf die Veröffentlichung der vollständigen NIAID-Studie. Das Institut leitet übrigens Anthony Fauci, der gerade als Berater aus dem Krisenstab des US-Präsidenten gefeuert wurde, weil dessen Forschung und Meinung der „Expertise“ des US-Präsidenten Trump widersprachen. Gleichzeitig hat man ihm einen juristischen Maulkorb verpasst.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare