franco und juan carlos
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Prinz Juan Carlos an der Seite von Diktator Francisco Franco.

Wie Juan Carlos I König von Spanien wurde

Der Ziehsohn des Diktators: Vom König von Francos Gnaden zur Gallionsfigur der spanischen Demokratie

  • vonMarco Schicker
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Seit seiner Krönung 1975 prägte Juan Carlos Spaniens junge Demokratie und das Bild der Borbonen-Monarchie. Durch Dienst am Staat und Skandale. Dabei sah es erst gar nicht danach aus, dass er je einen Thron besteigen würde. 2014 dankte König Juan Carlos zugunsten seines Sohnes Felipe VI. vom Thron und als Staatsoberhaupt ab. Seit 2019 verzichtet er auf öffentliche Auftritte, 2020 sagte sich sein Sohn von dessen Erbe los. Der heute 82-jährige, gesundheitlich schwer angeschlagene Ex-Monarch, lebt abgeschirmt vor Öffentlichkeit und Coronavirus. Ein Rückblick auf eine bewegte Jugend.

  • Juan Carlos Lebensweg führte vom Exil ins Gewahrsam bei Franco und über den Jet-Set.
  • Diktator Franco hoffte, Juan Carlos würde sein Werk als Nachfolger fortsetzen.
  • Putschversuch in Spanien 1981 war wichtigste Bewährungsprobe des jungen Königs.

Madrid - Als Juan Carlos am 5. Januar 1938 im römischen Exil geboren wurde, sah es überhaupt nicht danach aus, dass der kleine Bourbonen-Anjou-Prinz jemals König von Spanien werden würde. Die Geschichte und seine eigene Familie sprachen dagegen. Sein Großvater, Alfonso XIII., wurde 1931 durch die Zweite Republik entthront, und während Juan Carlos in den Windeln lag, lag die Republik in ihren letzten Zügen gegen die Putschisten Francos.

Seltene Bilddokumente aus der Jugend des Prinzen Juan Carlos:

Franco machte keine Anstalten, wieder eine Monarchie zuzulassen. 1941 rang er Alfonso Wochen vor dessen Tod einen offiziellen Thronverzicht ab. Im Gegenzug erhielt der Adel Garantien wie die Unantastbarkeit seiner Besitztümer – vorausgesetzt, die Blaublüter stellten Francos Alleinherrschaft nicht in Frage. Für die Bourbonen hieß das Exil. Zunächst Mussolinis Italien, dann die Schweiz, zuletzt Estoril in Portugal. Juan Carlos wurde im Familienkreis unterrichtet, die Nanny war Französin, seine Mutter Britin, seine Großmutter Deutsche (sein Urgroßvater mütterlicherseits war Kaiser Wilhelm II.) Er wuchs in Internaten auf, etwa im schweizerischen Fribourg.

Der Vater, Don Juan de Borbón, Conde de Barcelona, bat aus dem Exil heraus sogar bei Hitler um Hilfe, um in Spanien wieder eine Monarchie zu installieren. Mit Manifesten und Geheimabsprachen mit den Alliierten versuchte Don Juan dann die aus seiner Sicht gottgewollte Ordnung wiederherzustellen. Damit katapultierte er sich bei Franco ins Abseits.

Der Diktator regelte die Nachfolge auf seine Weise. Er „adoptierte“ Juan Carlos mit dem Hintergedanken, über die Installation eines Königs eine Dynastie von seinen Gnaden zu etablieren. Und so machte er Don Juan ein Angebot, das dieser nicht ablehnen konnte: Die Rückkehr der Monarchie nach seinem Tode gegen die Auslieferung des Sohnes.

Ausbildung in Internaten, Militärakademien und beim Jetset

Mit zehn Jahren betrat Juan Carlos erstmals spanischen Boden. Franco ließ ihn abgeschirmt in San Sebastián und Madrid in Internaten ausbilden. „Sie errichteten eine Schule (Las Jarillas) für mich, wir waren acht Kinder. Am Wochenende kamen die Familien der anderen, ich blieb allein“, erinnert sich Juan Carlos in einem Interview 2016. Seine Lehrer rekrutierten sich aus Angehörigen des erzkatholischen Opus Dei, seine Mitschüler stammten aus den einflussreichsten Familien des Regimes.

An die Treffen mit Franco erinnert sich Juan Carlos folgendermaßen: „Franco beobachtete mich ständig, ich versuchte, natürlich zu wirken. Er sprach wenig mit mir, wir haben uns auch unterhalten, gelacht, mit mir war er offener als mit anderen.“ Später schickte man ihn in die Militärschulen, zum Heer nach Zaragoza, zur Marine in Pontevedra und den Luftstreitkräften in San Javier. „Erst in der Militärakademie lernte ich wirklich Leute kennen, aus allen Teilen und Schichten“. Und erst im Studium „sah ich auch, dass es Menschen gab, die für und die gegen das Regime waren“, sagt Juan Carlos.

Die Ferien verbrachte er anfänglich bei der Familie in Portugal, aber immer öfter auch im aristokratischen Jetset, wo er wohl nichts anbrennen ließ. Juan Carlos lebte in zwei surrealen Welten: In Spanien die strenge, nationalkatholische Erziehung, dort das Schnuppern einer freien Welt. Seinen Kreisen blieb Juan Carlos’ verhaftet. Beide lassen Rückschlüsse auf sein späteres Verhalten zu: Sowohl sein Bekenntnis zur Demokratie als auch seine oftmals lächerlichen Eskapaden als „Lebemann“.

Der tragische Tod von Bruder Alfonsito

1956 starb Juan Carlos’ kleinerer Bruder Alfonsito mit 14 Jahren bei einem tragischen Unfall mit einer Pistole in Portugal, wobei Juan Carlos anwesend war. Das traumatische Erlebnis liefert bis heute Stoff für finstere Legenden. 1962 heiratete Juan Carlos Sofía, die Tochter der Königin von Griechenland und Dänemark und verfestigte die Bande der europäischen Königshäuser. Denn Sofías Familie ist über die Linie Hannover-Braunschweig eng mit den Thronen in Preußen, Britannien und sogar mit dem Zarenreich verbandelt. Über die Battenbergs sind beider Vorfahren sogar Verwandte, beider Stammbäume bilden also letztlich einen Kreis.

1969 dann, Juan Carlos war 30 Jahre alt, wurde die Nachfolge Francos offiziell verkündet. Der Prinz würde als König und Staatsoberhaupt nach dem Tode Francos inthronisiert. Aber das war noch nicht das Ende der Geschichte, denn 1972 heiratete Francos Enkelin, Carmen Martínez-Bordiú, Juan Carlos’ Onkel, Alfonso de Borbón, in der Hoffnung, ein Königshaus Borbón-Franco schaffen zu können. Legitimisten der extremen Rechten sehen deren Nachkommen noch heute als die wahren Erben des Bourbonen-Thrones an. Doch Carmens Schachzug kam zu spät. Franco vertraute darauf, Juan Carlos ausreichend geformt zu haben, damit dieser sein politisches Erbe antrete.

1974 arbeitete Juan Carlos bereits einige Monate als Praktikanten-Staatschef und ersetzte den schwer erkrankten Diktator zumindest intern. Am 20. November 1975 wurde Franco für tot erklärt, am 22. November Don Juan Carlos durch das „Parlament“ zum König ernannt, einige Tage später auch gekrönt. Eine seiner ersten Amtshandlungen war die Schaffung eines neuen Titels, des Duque de Franco, für dessen Tochter. Alles hatte seinen Preis.

Juan Carlos übergibt Krone und Amt als Staatschef 2014 an seinen Sohn, Felipe VI.

Vom Retter zur Last der Demokratie

Die Bourbonen, in der Geschichte dreimal abgesetzt, saßen wieder auf dem Thron. Aber am Ruder waren sie nicht mehr. Seine Feuertaufe als Demokrat und seine endgültige Emanzipation vom Ziehvater wider Willen erlebte König Juan Carlos am 23. Februar 1981, dem Tag des Staatsstreiches, als das Parlament überfallen wurde und dort Schüsse fielen. Juan Carlos verteidigte nach wilden Stunden der Ungewissheit öffentlich die Verfassung und erstickte so den Putsch einiger Militärs und hinter ihnen stehender revanchistischer Kräfte, die zunächst behaupteten, der König sei auf ihrer Seite.

Das war er nicht. Allerdings kursieren bis heute Theorien, die Bourbonen hätten den Putsch selbst inszeniert, um ihre Stellung in der Demokratie zu sichern. Die nächsten Jahrzehnte blieben von Skandalen geprägt: dubiose Geldgeschenke aus Saudi-Arabien, Geldkoffer in der Schweiz, diverse Affären, Großwildjagd in Afrika, ein Schwiegersohn im Gefängnis und eine deutsche Geliebte, die Teil der Geschäfte Juan Carlos wurde. Für Spaniens Demokratie war Juan Carlos nur noch ein Amt ohne großen Einfluss, eine Staffage, und wurde immer mehr zu einer Last.

  • Marco Schicker
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