Die Kaiserin ohne Kleid

Stefan Wieczorek - Elche. Wie viele Tränen sind vergossen, worden von Bräuten, Kommunionkindern, der...

Stefan Wieczorek - Elche. Wie viele Tränen sind vergossen, worden von Bräuten, Kommunionkindern, deren weiße Kleider im Schrank bleiben, weil ihre ersehnten Feste wegen des Coronavirus ausfallen? Vielmehr sind es, zählt man die Stadt mit, die selbiges Schicksal beweint. Elche, die Palmenstadt, kleidet sich immer am Palmsonntag in eine bezaubernde Kluft aus weißen Wedeln. Palmas blancas nennt man sie, gebleicht durch eine uralte Technik, und kunstvoll in fantasievollste Formen geflochten. Am 5. April, Palmsonntag diesen Jahres, sollten sie wieder die ganze Stadt zum Strahlen bringen und auch, wie gehabt, dem Papst in Rom und dem König in Madrid in die Hand gereicht werden. Doch daraus wird nichts. Das süß duftende Kleid der Königin der Palmen bleibt im Schrank. Keine Wedel in allen Größen und Formen. Auch keine Processó de la Burreta, die Prozession mit dem Eselchen, das Jesus zum Auftakt der Semana Santa in die Stadt trägt. Erst Picudo, nun Corona Eine Tragödie ist es nicht nur fürs Elcher Herz – auch für den Geldbeutel. Schließlich hängt für einige Familienunternehmen alles am Palmsonntag. Ein verzweifeltes SOS sandten die Palmengärtner-Vereine Apelx und Volem Palmerar an das Bistum und die Landesregierung. Ihre Bitte: Den Palmsonntag auf einen späteren Termin 2020 zu legen. Wie die Fallas von Valencia, die man notgedrungen von März auf Juli schob. Organisatorisch wäre das möglich. Doch seitens der Kirche lehnte Papst Franziskus eine Verlegung von Ostern bereits ab. Bürgermeister Carlos González (PSOE), der den Betroffenen immerhin Unterstützung versprach, hält ihren Antrag zumindest für „verfrüht“. Erst wenn eine „globale Analyse“ der Coronavirus-Schäden für den Palmensektor gemacht werden könne, werde man überlegen, wie sie zu lindern seien. In ihrem Brief sprechen die Palmerers von einem „Schock“, vor allem für fünf prägende Familien – Serrano, Margallón, Soto, Nano und Moisés –, die fast 100 Prozent ihrer Einkünfte aus der Palma blanca bezögen. Doch auch viele andere Familien und Unternehmen seien mit dem Elcher Palmsonntag verwoben. Das Coronavirus treffe mit dem Palmengewerbe nun einen Sektor, dem bereits eine altbekannte Plage schwer zusetzt. Der Palmrüssler – eine faule Frucht der maßlosen Küstenbebauung – sorgt bis heute für große Verluste und teure Pflegemaßnahmen. Doch für letzteres fehlen zusehends die Ressourcen. Lorbeerkränze statt Pflege Bereits kurz vor der Pandemie kritisierte der Palmensektor, dass die Rathäuser von Elche oder Orihuela lieber ihr Image mit den Palmen pflegten, als die Palmen selbst, denen nach und nach die Gärtner ausgingen. Eine geregelte Ausbildung für Palmereros gibt es immer noch nicht. Der Dattelverkauf – durchaus ein vielversprechendes Geschäft – erfolge nur „beiläufig“. In Form von großen Lorbeerkränzen legten einst die Mauren die Palmerales von Elche und Orihuela an. Der ausgefallene Palmsonntag rüttelt an diesen Kronen erneut. Passend zur Semana Santa also, in der die Wedel einen König ohne Lorbeerkranz begrüßen.

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