Migrationskrise in Spanien 2020

Kanaren in Not: Kaum Urlauber, viele Migranten - Clash im Regenbogenland

  • vonStefan Wieczorek
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Kanarische Inseln voller Krisen: 20.000 Migranten aus Afrika treffen auf prekäre Corona-Wirtschaftslage. Spanien bleibt ratlos, Hilfswerke lindern die Not. Gedanken eines einsamen Urlaubers.

  • Die kanarischen Inseln sind tief im Krisen-Sumpf: Corona stellt den Tourismus kalt, tausende Migranten kommen.
  • In Maspalomas auf der Ferieninsel Gran Canaria erleben die wenigen Urlauber eine seltsame Stimmung.
  • Bewohner sprechen von einer „Invasion“. Flüchtlingshelfer aber entgegnen: Die Afrikaner sind in schwerer Not.

Update, 10. Dezember: Im folgenden Text steht, dass Spaniens Innenministerium es ausschließt, afrikanische Migranten von den Kanaren aufs Festland zu bringen. Unter der Woche jedoch wurden Bilder publik, die zeigen, dass am Brückenwochenende zum 8. Dezember offenbar doch mehrere hundert Afrikaner von den Ferieninseln nach Granada oder Alicante flogen. Die Umstände dieses Transports sind bisher unklar. Spaniens Rechte und Polizeigewerkschaft SUP üben daher scharfe Kritik an der Regierung.

Maspalomas - Als am 1. Dezember über Maspalomas der Regenbogen erschien, war es über den Kanaren dann doch ein froher Farbklecks. Für Urlauber vor allem, die zumindest in den Restferien auf Sonne hofften. Aber Bewohner des Ortes auf Gran Canaria tröstete die bunte Wölbung höchstens für einen Moment. Zu tief im Sumpf der Krisen stecken die Ferieninseln ganz im Süden von Spanien. Wirtschaftlich sowieso angeschlagen, rang die Coronavirus-Pandemie die wichtigen Zweige Tourismus und Gastronomie nieder. Hinzu kommt die explodierende Anzahl afrikanischer Migranten. Einen Clash der Krisen erleben die Kanaren.

Kanarische InselnSpanische autonome Gemeinschaft
Fläche7.493 km²
Bevölkerung2,153 Millionen (2019)
HauptstädteLas Palmas de Gran Canaria, Santa Cruz de Tenerife

Kanaren in Not: Kaum Urlauber, viele Migranten - Afrikaner in Maspalomas

Gewöhnlich ist der Dezember in Maspalomas eine keineswegs triste Zeit. Auf das fröhliche Treiben vor Weihnachten schwören im Ferienort am südlichen Zipfel der kanarischen Insel Touristen aus ganz Europa. Vor allem für LGBTI-Reisende in Spanien ist er das Mekka.

Nun aber hält man auf Gran Canaria vergeblich Ausschau nach Gruppen, die sich heiße Blicke zuwerfen. Große, gutgebaute Männer durchziehen derweil Maspalomas, ihre Haut dunkel, ihre Gesichter unter der Maske nicht gerade im Flirt-Modus: Afrikaner, die in diesen Tagen im Flüchtlingsboot die Insel erreichten. Nun prägen sie das Regenbogenland – ob man sich auf den Ferieninseln umschaut oder in der internationalen Presse.

Erst nach Ankunft erfahren die meisten Migranten, in welch prekärer Lage sich Spaniens südlichste Region befindet: An knapp 30 Prozent Arbeitslosigkeit nagen die Kanaren – unter jungen Kanariern liegt der Wert bei traurigen 62 Prozent! Weitere 20 Prozent rettet die temporäre Arbeitslosigkeit Erte. Armut, sogar Hungersnöte, steigen unter Einheimischen der kanarischen Inseln. Besserung ist nicht in Sicht. Vielmehr lassen leere Hotels und Lokale in der Zone der Traumurlaube dunkle Wolken aufkommen statt Regenbögen.

„Anders als in den letzten Jahren kommen jetzt nicht Menschen an, die ihr Leben verbessern wollen, sondern die schlicht keine Mittel zum Überleben haben.“ 

Ignacio Gutiérrez, Direktor von Cruz Blanca, Stiftung für Migrantenhilfe.

Kanaren in Not: Statt Urlauber Migranten-Flut - Madrid räumt „Schandfleck“

Für 20.000 Afrikaner – 14.000 nur in den letzten zwei Monaten – wurden die Südinseln 2020 zum neuen Zuhause, oder zumindest zum vorübergehenden. Die geballte Krise der kanarischen Inseln spürten die Ankömmlinge zuletzt in Arguineguín, zehn Autominuten von Maspalomas entfernt.

Tausende Migranten sammelten sich auf einer Hafenmole zu einem chaotischen Lager zusammen. Humanitäre Bedingungen Fehlanzeige, von verzweifelter Nothilfe des Roten Kreuzes abgesehen. Erst nach Wochen der Unzumutbarkeit löste Spaniens Regierung den „Schandfleck“ auf und mietete leere Hotels für mehrere tausend Afrikaner an. Nun entstehen in Eile – von Tag zu Tag legen Boote an – Flüchtlingscamps, die größten zwei auf Teneriffa. Auf das Festland gebracht werden die Migranten nicht – das ordnete Madrid an und schaffte so ein in Spanien nie dagewesenes Projekt mit Aufnahmecamps auf den drei großen Kanaren-Inseln.

Kanaren in Not: Kaum Urlauber, viele Migranten - „Invasion“ aus Afrika?

Zurück nach Maspalomas. Für eine seltsame Stimmung sorgt der geschilderte Hintergrund hier im bunten Urlaubsort auf der Kanaren-Ferieninsel. Durchaus lockt der leere Strand wenn schon nicht zu Party, dann zum Erholen. Aber ständig laufen die afrikanischen Grüppchen vorbei. In eine Bar für einen Plausch setzen sie sich nicht. Schweigend, oder miteinander in afrikanischem Slang plaudernd, bleiben sie unter sich. Wie sie wohl ticken? Was bringen sie mit, hier nach Europa?

Das fragt sich in Maspalomas etwa der einsame LGBTI-Tourist, der davon gelesen hat, dass homosexuelle Menschen wie er in vielen Zonen Afrikas um ihr Leben fürchten müssen. Wie viel wissen die Subsahara-Migranten von unserer westlichen Lebensart? Wieviel davon sind sie bereit, auch zu akzeptieren?

Kanaren in Not: Statt Urlauber Migranten-Flut - Clash im Regenbogenland

Nein, in rechte Vorbehalte will man nicht verfallen. Und humanitäre Hilfe für Bedürftige steht an erster Stelle – sowieso. Doch das mulmige Gefühl bleibt. Eine richtige Begegnung mit den Fremden aus Afrika würde es vielleicht lindern, aber dazu reicht der kurze Kanaren-Urlaub nicht. Und die Lage ist spürbar zu brisant. Unverhofftes Verständnis erhalten wir von María Sánchez (Name von Redaktion geändert), der Kellnerin in unserem Hotel. Auch sie mag Afrika und seine Menschen. Aber sie traue sich nicht mehr alleine zum Strand, wie sie es im Herbst doch so gern tut. Mehrfach fällt das Wort „Invasion“.

Kanaren in Not: Kaum Urlauber, viele Migranten - „Invasion“ aus Afrika?

Vor allem Migranten aus dem Maghreb beunruhigten die 40-Jährige aus Gran Canaria. Später erfahren wir, dass Gerüchte von einer bewussten Invasion der Kanaren durch extremistische Gruppen umgehen. Bestätigt werden sie nicht im Gespräch mit Ignacio Gutiérrez, Direktor von Cruz Blanca. Die franziskanische Stiftung betreibt auf der kanarischen Insel zwei Aufnahmezentren – eines davon nur für Frauen, die Opfer des Menschenhandels wurden. „Die meisten Afrikaner, die wir aufnehmen, wollen hier nicht bleiben, sondern nach Frankreich weiter“, sagt Gutiérrez.

Ob Maghreb, Mali oder Senegal, Mann oder Frau, so gut wie alle Migranten, mit denen er spreche, seien „Menschen in extremen Situationen“, sagt der Flüchtlingshelfer. Schon lange seien die Kanaren ein Ziel für Auswanderer aus Afrika, nun sei aber etwas neu. „Anders als in den letzten Jahren kommen jetzt nicht Menschen an, die ihr Leben verbessern wollen, sondern die schlicht keine Mittel zum Überleben haben.“ Eindeutig habe die Corona-Krise die tiefe Depression ausgelöst. Fischer oder Bauern in vielen Teilen Afrikas habe die Pandemie ruiniert.

Kanaren in Not: Wenig Urlauber - Clash im Regenbogenland

Kanaren in Migrationskrise: Das Flüchtlingsboot, das nicht kam

Cruz Blanca sorge auf der kanarischen Insel neben Unterkunft für Integrationsmaßnahmen wie Sprachunterricht, Rechtsberatung, soziale Workshops. Schwierig sei all dies inmitten des Krisen-Clashs auf den Kanaren. Zu Ausbrüchen von Gewalt oder Kriminalität kam es auf den Ferieninseln zum Glück bisher nicht. Was dem Flüchtlingshelfer aber vor allem Sorge mache, seien die vielen auseinandergerissenen Familien. Eine solche stellten wir im Artikel über Edosa Enagbomna aus Murcia vor, den Migranten, der ein Bootsunglück überlebte.

Gutiérrez, der Flüchtlingshelfer von den Kanaren, berichtet: „Gerade haben wir eine Frau mit einem Kind bei uns. Sie kam aus Afrika im Flüchtlingsboot an und wartete auf das nächste Boot. Auf diesem sollte ihr Mann kommen, sie hatten sich verabredet. Doch er kam nicht. Das Boot kenterte, der Mann starb.“ Ob der Afrikaner am Horizont der Hoffnung wohl noch den Regenbogen erblickte?

Rubriklistenbild: © Johannes Manecke

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