Mann geht mit Atemmaske entlang
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Spanien unternimmt am Sonntag den ersten Schritt zurück in die Normalität.

Corona-Feldstudie in Spanien

Kleine Schritte nach vorne: Kinder in Spanien dürfen wieder aus dem Haus

  • vonStephan Kippes
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Morgen dürfen die Kinder wieder ins Freie. Doch eine wissenschaftliche Grundlage fehlt trotz guter Zahlen. Am Montag beginnt die große Corona-Feldstudie.

  • Quarantäne gelockert: KInder dürfen ab Sonntag aus dem Haus.
  • Zum zweiten Mal unter 400: Neueste Zahlen machen Hoffnung.
  • Große Corona-Feldstudie: Ab Montag geht es los.

Madrid - Morgen ist es soweit. Rund 7,5 Millionen Kinder dürfen am Sonntag erstmals seit Beginn der Ausgehsperre Mitte März wieder an die frische Luft. Die erste Lockerung des Notstandsdekrets für Minderjährige unter 14 Jahren läuft nach der Einser-Regel des Gesundheitsministers Salvador Illa ab – mit einem Erwachsenen aus dem gleichen Haushalt, eine Stunde und einen Kilometer im Umkreis der Wohnung. Es ist die erste große Feuerprobe der Regierung auf dem Weg aus der Quarantäne zurück in die Normalität.

Corona-Feuerprobe für Spanien ohne wissenschaftliche Grundlage

Allerdings kann Spanien dabei nicht auf die Ergebnisse der seit Wochen groß angekündigten Feldstudie an 60.000 Spaniern zurückgreifen, die einen territorialen und anteiligen Überblick über die Ausbreitung, Immunität und den Grad der asymptomatischen Überträger des Virus bieten soll. Diese Schnelltests in 36.000 Haushalten sollen nach vielen Rückschlägen und Engpässen am Montag beginnen, die Ergebnisse dürften allerdings nicht vor Mitte Juni vorliegen.

Coronavirus-Ausgangssperre: Uni-Studie aus Elche belegt negativen Folgen der Quarantäne für Kinder

Wohl erwiesen scheinen die negativen Folgen der langen Ausgehsperre für Kinder, die über 40 Tage nicht mehr aus ihren Wohnungen kommen. Laut einer Studie der Universität Miguel Hernández in Elche stellten die Eltern von 431 Kindern erhöhte Konzentrationsschwäche (69 Prozent), mehr Langeweile (49 Prozent) und größere Hibbeligkeit (45 Prozent) bei ihren Zöglingen fest. Inwieweit die geplagte Volksseele die Diplomatie für sich entdeckte und zu Übertreibung neigte, konnte natürlich nicht festgestellt werden. Allerdings bestätigte die Studie nur, wovon Kinderärzte und Psychologen seit Tagen warnen. Die Quarantäne und die Umstände machen die Kinder nervöser (44 Prozent), streitlustiger (40 Prozent), unselbstständiger (36 Prozent) und sorgenvoller (27 Prozent). Ein Viertel der Kinder aß mehr und fürchtete sich, alleine zu schlafen. 23 Prozent hatten Angst, sich mit Covid-19 zu infizieren, 23 Prozent weinten häufiger.

Vor der Coronakrise verbrachten nur 15 Prozent der Kinder zwischen drei und 18 Jahren pro Tag mehr als 90 Minuten vor dem Fernseher, Computer, dem Smartphone oder Smartpad, während der Quarantäne stieg der Anteil auf 73 Prozent, - natürlich auch wegen des Online-Unterrichts. Sportliche Aktivitäten gingen laut der Unistudie aus Elche stark zurück. Hinzu kommt ein Nebenaspekt: Architekten schlagen ob der schlimmen Entgleisungen bei der Stadtentwicklung die Hände über den Kopf zusammen. Gerade in den Städten leben viele junge Familien in dunklen Schachteln, die den Namen Wohnung nicht verdienen. Daher freut sich morgen das ganze Land Spanien mit den Kinder. Hoffentlich spielt auch das Wetter etwas mit.

Die aktuellen Zahlen tun das wohl. Spanien hat zum zweiten Tag in Folge weniger als 400 Tote binnen 24 Stunden erfasst. Seit gestern sind 378 Personen an Covid-19 verstorben, elf mehr als am Vortag. Damit steigt die Gesamtzahl auf 22.902. Die mit PCR-Test als positiv getesteten Personen liegt mit 2.944 wieder deutlich unter den neuen 3.353 Gesundgeschriebenen. Damit verzeichnet Spanien insgesamt 223.759 Infizierte 95.708 Gesundgeschriebene.

Coronavirus: Große Feldstudie nicht mehr so wichtig für Regierung

Was das Gesundheitsministerium als eine als unerlässlich geltende Feldstudie verkaufte, genießt nun keine allzu große Priorität mehr in den Plänen der Regierung. “Man kann sie als einen Indikator mehr sehen, der uns auf dem Weg des Übergangs in die Normalität führt”, sagte Gesundheitsminister Salvador Illa. Einige Regionen sehen ohnehin große Schwierigkeiten auf sich zukommen. Kastilien und León soll 10.140 Personen testen, hat allerdings vom Gesundheitsministerium weder die Kits noch vom Nationalen Institut für Statistik (INE) die Identität der zu testenden Personen bisher erfahren. Zu diesen “logistischen Problemen” gesellt sich, dass scheinbar bisher kein einheitliches Verfahren der Datenerhebung festgelegt wurde.

Regionen haben mit eigenen Coronatests angefangen

Einige Regionen testen auf eigene Faust. Galicien hat am Donnerstag 50.000 Personen auf das Coronavirus getestet und will kommende Woche 50.000 weitere Galicier testen. 100.000 Tests für Galicien bei einer Bevölkerung von 2,8 Millionen gibt für die Landesregierung des PP-Fürsten Alberto Núñez Feijóo für klareres Bild über die Immunität ab als die 4.000 geplanten der Regierung. Masse geht also vor Einheit. Auch das Baskenland schlägt eigene Wege ein und will um die 4.000 Personen, die Covid-19-Symptome hatten, serologische Tests unterziehen und deren Antikörper gegen SARS-CoV-2 nachweisen. Die Region Madrid vertraut dagegen auf die Feldstudie der Regierung, will aber das Personal in Krankenhäusern und Gesundheitszentren testen. Wobei die spanische Regierung die Regionen so gut sie kann bei den Tests unterstützt. Am Freitag gingen 750.000 Schnelltest in die Autonomen Regionen, insgesamt verteilte das Gesundheitsministerium bereits drei Millionen.

Die Feldstudie der Regierung verläuft in drei Phasen. Ab Montag werden über das ganze Territorium verteilt 60.000 von vom Nationalen Statistikinstitut INE ausgewählte Personen in 36.000 Haushalten einem Schnelltest des Typs Orient Gene Covid 19 IgM/IgG - hergestellt von der chinesischen Firma Zhejiang Orient Gene Biotech - unterzogen. Dieser Test liefert ein erstes Ergebnis nach zehn Minuten und verfügt über eine Genauigkeit von über 80 Prozent. In Verbindung mit einem epidemiologischen Fragenbogen sollen die Probanten in Covid-19 negativ, symptomfrei und aktuell oder ehemalig infiziert unterteilt werden. Dafür und für die Auswertung der Information braucht das Gesundheitsministerium zwei Wochen. Darauf folgen zwei weitere Phasen in denen die Fälle verfolgt werden müssen. Da diese Phasen stets eine Woche voneinander unterbrochen sind, rechnet man mit einem Ergebnis der Fallstudie nicht vor dem Zeitraum 15. bis 22. Juni.

Coronavirus gelang im Januar nach Europa und im Februar nach Spanien

Das Coronavirus gelangte nach Forschungen des Instituts Carlos III. Im Januar nach Europa und breitete sich demnach ab Februar auch in Spanien mindestens einen Monat ungehindert aus. Als einer der frühen negativen Meilensteine der Pandemie gelten die Demonstration zum Weltfrauentag am 8. März in Madrid und die beiden Championsleague Begegnungen des FC Valencia und Atalanta Bergamo am 19. Februar in Italien und am 10. März in Spanien bereits ohne Publikum. Daher rührt die weit verbreitete Meinung, die Regierung reagierte spät und schlecht auf das Coronavirus.

Jüngsten Umfragen des 40db Instituts für die Zeitung “El País” zufolge glaubt 85 Prozent der spanischen Bevölkerung, die Regierung hätte früher auf die Bedrohung reagieren können. Weitere Rückschläge musste die Regierung aufgrund großer logistischer Probleme hinnehmen. Es fehlte schlichtweg an allem, um der Pandemie in ihrer Hochphase Ende März, Anfang April Einhalt zu gebieten: Atemschutzmasken, Schutzkleidung, Tests, Beatmungsgeräte und Infrastrukturen für die Intensivstationen, während 800 und mitunter über 900 Menschen pro Tag an Covid-19 starben. Und was an Material aus China kam, erwies sich oft als schändlich fehlerhaft. Mit verheerenden Folgen für das der ansteckenden Krankheit schutzlos ausgelieferte medizinischen Personal und für die Bewohner in den Senioren- und Pflegeheimen.

Trauerschleife an Platz ersetzt Eishalle als Corona-Symbol

Das traurigste Symbol der Pandemie, die als Leichenhalle umfunktionierte Madrider Eishalle, konnte am Mittwoch geschlossen und durch eine große Trauerschleife an der Puerta de Alcalá ersetzt werden. Als die Wucht der Epidemie abnahm, tat sich eine immer größere Kluft zwischen der tatsächlichen Verbreitung und der mangels Test viel zu niedrigen Zahlen über Ausbreitung, Infektionen und die Todesopfer der Regierung auf.

Regierung jongliert in Coronakrise mit Zahlen

Dann drohten die Regionen eigene Wege zu gehen, das Gesundheitsministerium schraubte an der Erfassung der Daten herum bis am Freitag abermals mit einem Trick erreicht wurde, dass die Zahl der Gesundgeschriebenen pro Tag die der Neuinfizierten überstiegen hat und demnach Spanien erstmals die Ansteckungskurve nach unten biegen konnte. Ob es gelang oder nicht, das sei dahingestellt. Die Schluderei mit den Zahlen brachte bei den Kommentatoren einiger seriöser Zeitungen wie “El Confidencial” das Fass zum Überlaufen und sodass nach dem jüngsten Ärgernis abermals Rücktritt des Leiter des medizinischen Krisenstabs, Fernando Simón, gefordert wird.

Die Zeitung veröffentlichte eine Studie des Institut of Certified Mangagement Accountants aus Australien, in dem die spanische Regierung in einem weltweiten Ranking der Krisenreaktion von 32 Ländern auf dem letzten Platz darbt, hinter Italien, Belgien und Frankreich. Die bekannten Vorwürfe reichen von populistischen Einflüssen in der Entscheidungsfindung bis zu fehlender Transparenz. Erwähnung finden die schlechte Qualität der Daten und das Fehlen vertrauenswürdiger Testergebnisse. Viel besser scheint das in Neuseeland, Singapur, Island, Australien und Finnland zu klappen. Deutschland hat sich auch nicht mit Ruhm bekleckert und steht im Mittelfeld. Überhaupt schneidet Europa nicht so toll ab. Ganz aktuell scheint die Studie nicht zu sein, da die USA elf Plätze vor Spanien liegt, obwohl US-Präsident Donald Trump in einer Pressekonferenz vorschlug, Covid-19-Patienten Desinfektionsgel intravenös einzuführen.

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