Das spanische Königspaar bei seinem Besuch in Benidorm am 3. Juli.
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Königliche Winkelemente: Spaniens Königspaar auf Goodwill-Tour an der Costa Blanca. Hier an der Playa de Levante am 3. Juli 2020.

Spaniens Königshaus

Spaniens Königspaar: Felipe VI. und Letizia auf Schönwetter-Tour

  • vonMarco Schicker
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Das spanische Königspaar besucht alle Autonomen Regionen Spaniens, um nach der Coronavirus-Krise für den Inlands-Tourismus zu werben und den Menschen Mut zu machen, heißt es offiziell. Tatsächlich soll die Rundreise das von Skandalen und Fettnäpfchen strotzende Image der Bourbonen aufpolieren.

  • Beim Besuch des Königspaares in Sevillas Armenviertel prallen Welten aufeinander, Proteste werden laut.
  • Zuversicht und Ermunterung für den Inlandstourismus nach der Coronavirus-.Krise soll die Werbetour von König Felipe VI. und Königin Letizia verbreiten. Besuch in Benidorm
  • Skandale, Geldgier und Amtsmissbrauch von Juan Carlos I. überschatten auch das Amt seines Sohnes Felipe VI. und stellen die Monarchie in Spanien immer mehr in Frage.

Madrid/Sevilla/Benidorm - "Menos caridad, más trabajo" - "Weniger Almosen, mehr Arbeit!" hallte es dem spanischen Königspaar beim Empfang im Barrio de Las Tres Mil Viviendas, dem ärmsten Viertel Spaniens entgegen. Der Besuch in Sevilla und dann noch im Poligono Sur, dem landesweiten Symbol für soziale wie ethnische Ausgrenzung, sollte Felipe und Letizias karitatives Herz besonders hörbar schlagen lassen. Sie ließen sich hier die Arbeit von Nachbarschaftsinitiativen und ONGs vorstellen, die sich für die Ärmsten der Armen einsetzen, zeigten Empathie und interessierten sich.

Spaniens Königspaar auf Tour: In Sevilla könnten die Kontraste kaum größer sein

Doch der Kontrast könnte nicht größer sein: Hier die Menschen, die mit wenigen Euros am Tag auskommen müssen, unterstützt von anderen, die oft selbst nur knapp für ihr eigenes Auskommen sorgen können. Dort, die königliche Familie mit ihrer Unantastbarkeit, den Erbrechten, ihren Palästen, Apanagen, Personenschützern.

Die Bewohner von Tres Mil Viviendas, benannt nach einem gigantischen, aber wegen fehlenden Rahmenbedingungen entglittenen Sozialbauprogramm, sind zur Hälfte ohne Arbeit, viele Gitanos darunter. Sie waren sichtlich aufgebracht über das Tam-Tam, das man im Vorfeld der kurzen Stippvisite veranstaltete und das an die berühmten Potemkinschen Dörfer erinnert: Da wurden hektisch Fassaden gestrichen und Plätze und Straßen gereinigt, in denen sich sonst kaum eine städtische Putzkolonne, oft nicht einmal die Polizei verirrt.

Auf diese Show von einer Anwohnerin angesprochen, soll Königin Letizia erstaunt gefragt haben, ob denn hier nur geputzt würde, "wenn wir kommen?" - Die Antwort war ziemlich klar: Majestät müsse mindestens mal ein halbes Jahr hier leben, um zu verstehen, was all das bedeutet. Ein Lächeln und weiter ging es in der nagelneuen, gepanzerten Mercedes-Limousine für kolportierte 500.000 Euro, die ihre Jungfernfahrt just während des Ausflugs ins ärmste Viertel Spaniens absolvierte. Der Hofzeremonienmeister der Bourbonen scheint ein geschickter Mann zu sein.

Proteste beim Besuch des spanischen Königspaares in Sevilla. Auf dem Transparent wird das Jahreseinkommen der Kronprinzessin Leonor mit dem durchschnittlichen Haushaltseinkommen im Armenviertel Las Tres Mil Viviendas verglichen.

Ein Studio mit Werkstatt für nachhaltige Kleidung im Herzen des Armenviertels von Sevilla wird von Letizia angesteuert, Felipe hat sie im Schlepptau. Frauen aus besonders gefährdeten Notlagen bekommen hier Ausbildung und Arbeit. Eine von diesen Frauen hat der Königin eine Schutzmaske genäht, mit dem Bourbonen-Wappen darauf. Beim kleinen Empfang am Bezirksrathaus nebenan, Minister und Landeschefs stehen bereit, dürfen ausgewählte Bürger etwas sagen: "Bei uns fällt ständig der Strom aus, wegen der illegalen Marihuana-Plantagen in vielen Wohnungen. Letzte Woche musste meine Tochter ihren ganzen Wocheneinkauf wegwerfen, weil er nach zwei Tagen ohne Strom verdorben war", klagt eine andere Nachbarin.

Spaniens König in Sevilla: Hochrufe an seinem Schloss

Ein paar andere applaudieren dem König, weil er eben der König ist. Die hier klatschen sind zu über der Hälfte arbeitslos, leben im Schnitt von 5.000 Euro - im Jahr -, jedes Dritte ihrer Kinder geht gar nicht zur Schule oder bricht sie vor der Zeit ab. Über Marihuana-Plantagen wundern sich die Eltern hier am wenigsten. Es ist die einzige krisenfeste Branche im Viertel. Ob sich Letizia und Felipe im Klaren sind, dass viele der Hilfsprojekte im Viertel jetzt unter der PP-Vox-Regierung Andalusiens - die eine lange, korrupte PSOE-Ära beendete - von Kürzungen und Schließungen bedroht sind, weil sie nicht in die völkisch-ständestaatliche Ideologie dieser Rechtsparteien passen? Und selbst wenn, sie könnten es nicht ändern.

Deutlich freundlicher ist der Empfang, als sich das Königspaaar ins Stadtzentrum aufmacht und von der Kathedrale zum Real Alcázar, also ihrem Schloss in Sevilla spazieren, die "Vivan los Reyes"-Rufe sind hier inbrünstiger und häufiger als am Polígono Sur. Aber mehr als 200 Schaulustige kommen bei 40 Grad im Schatten - ohne Schatten - nicht zusammen.

Dann eilt der König nach Badajoz, um zusammen mit Regierungschef Pedro Sánchez und den Amtskollegen aus Portugal die Grenze zum Nachbarn wieder zu eröffnen. Beim Aussteigen aus der Limousine eilt der König auf Sánchez zu, mit ausgestreckter, zum Schütteln bereiter Hand, als hätte es nie ein Virus gegeben. Sánchez will am liebsten im Boden versinken, bleibt stocksteif mit angelegten Armen stehen. Ein Fettnäpfchen nur, aber ein bezeichnendes.

Händeschütteln verboten: Spaniens König Felipe VI. und Valencias Landesministerpräsident Ximo Puig begrüßen sich in Benidorm am 3. Juli 2020.

Felipe in Benidorm: Königlicher Rundgang am sonst "britischen" Levante-Strand

Ein entspannteres Bild bietet sich dem Staatsoberhaupt und seiner Gattin beim Besuch in der Comunidad Valenciana. Man hatte für Freitag, den 3. Juli, den Touristen-Hot-Spot der Costa Blanca, Benidorm, erwählt und lenkt so die Aufmerksamkeit auf den Fremdenverkehr, den es zu beleben gilt. An der Promenade des Levante-Strandes winken von Sonnencreme glänzende Menschen in Badeanzügen, andere im Sonntags-Staat dem Königspaar zu, das in leichter Sommerkleidung flainiert - sie trägt einen Hauch in zartrosa von Modemacher Adolfo Dominguez, überliefern uns die Regenbogen-Kollegen.

„Bei uns zu Hause gibt es keinen Zucker“. Das spanische Königspaar an einer Eisbude in Benidorm an der Costa Blanca am 3. Juli 2020.

Grölende, betrunkene Horden britischer Touristen, die hier sonst den Ton angeben, fehlen dieses Jahr, noch. Vor allem fehlen ihre Pounds, weniger sie selbst. Das gleiche Bild sah Felipe kurz zuvor in El Arenal auf Mallorca, da sind es die Deutschen, die noch rar gesät waren.

Empfang mit Bürgermeister und dem Landesministerpräsidenten Ximo Puig, auch ein Sozialist. Felipe streckt diesmal die Hand nicht aus. Der Besuch scheint unfallfrei abzulaufen. Beim Empfang dürfen Hoteliers klagen und bitten, man möge den "Tourismus nicht kriminalisieren", wie es angeblich ein linke Ministerin getan hatte, weil sie darauf hinwies, dass diese für Spanien so wichtige Branche im Grunde nur Müll und prekäre Arbeit produziert.

Beim Schlendern am Strand machen Spaniens Könige an einer Eisbude (ökologisch) halt und plaudern mit dem Verkäufer über die Sorten. Letizia kann es sich nicht verkneifen, zu erwähnen, dass man in ihrem Haus keinen Zucker ist. Eine sehr hilfreiche Info für einen Eisbudenbesitzer, dessen Existenz auf Zucker beruht. Es ist sozusagen die neuzeitliche Umkehrung des "Sollen Sie doch Kuchen essen..." der Marie Antoinette.

Ist die Monarchie in Spanien noch zu retten? Und warum sollte man?

Wenn sich während der Coronavirus-Krise in Spanien eine Institution als besonders überflüssig erwiesen hat, so ist das zweifellos die Monarchie mit ihrem König Felipe VI. in seiner paradoxen Doppelrolle als Staatsoberhaupt und König einer "parlamentarischen Monarchie", wie sie die Verfassung von 1978 definiert. Diese beschneidet gleichzeitig die Macht des gekrönten Staatsoberhauptes so stark, dass Regierungschef Pedro Sánchez seinen Not- oder Alarmzustand allein per Dekret, das absurderweise "königliches Dekret" heißt, und später mit der Mehrheit des Parlamentes durchsetzen und so durchregieren konnte.

Während das ganze Land unter Corona-Verschluss litt, litt die Krone unter ihrer eigenen "Coronavirus-Krise", gegen die es wohl auch in 100 Jahren keinen Impfstoff geben wird: Am 15. März sah Felipe VI. sich genötigt, sich von seinem eigenen Vater, Amtsvorgänger und Ex-König Juan Carlos I. loszusagen, weil dessen Geldwäsche-, Korruptions- und Steuerbetrugsskandale vor allem im Zusammenhang mit den Deals von Juan Carlos in Saudi-Arabien, den Konten in der Schweiz und den Scheinfirmen in Steuerparadiesen außer Kontrolle geraten waren.

Das waren sie schon lange, aber nun wusste auch die Presse, in dem Falle die britische, Details zu berichten, die auch Felipe und sogar die Thronfolgerin Prinzessin Leonor in die Bredouille brachten. Sie wurden nämlich in einigen der Tarn-Stiftungen des Juan Carlos als Begünstigte genannt. Juan Carlos kann für die Millionen-Schiebereien nicht belangt werden, obwohl der Oberste Gerichtshof Spaniens gegen Juan Carlos noch ermittelt. Auch seine sonstigen Fehltritte sind nicht justitiabel, dafür hat die Verfassung gesorgt. Der Preis für die weitgehende politische Machtlosigkeit der Bourbonen.

Königstreue Zuschauer begrüßen Felipe VI. und Königin Letizia am Freitag, 3. Juli, in Benidorm.

Felipe VI. will modern wirken, aufgeklärt „regieren“, kommt aber nicht aus seinem Korsett. Zwar strich er seinem Vater die Bezüge, doch die jährlichen 200.000 Euro wurden klammheimlich in anderen Bereiche des königlichen Hofwesens umgebucht „für dringliche Ausgaben“, nicht nach Tres Mil Viviendas in Sevilla überwiesen. Letizia ließ sich als Rot-Kreuz-Helferin für eine halbe Stunde abfilmen und Felipe rief Adel und Reiche zur Spende von Öl und Milch für die Armen auf. Das war die Leistung der Bourbonen während der Coronavirus-Krise. Mittlerweile kippt langsam die Stimmung im Land, laut einer Umfrage des Institutes Sináptica, wollen 52 Prozent Spanien wieder zu einer Republik machen, 58 Prozent wollen zumindest ein Referendum darüber.

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