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Bunker gegen Bombenangriffe in Alicante: Vergrabene Kinder-Seele

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Von: Stefan Wieczorek

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An der Costa Blanca sind viele Spuren des Bürgerkriegs zu finden. Eine außergewöhnliche Anlage ist das Versteck unter der Bar „Refugio“. Der Schrecken der Bomben wird im dunklen Untergrund spürbar.

Alicante - Wie es ist, einen Krieg mit Bombenangriffen auf die eigene Stadt zu erleben: In Spanien wissen es nur die wenigsten. Doch was lange als dunkle europäische Vergangenheit galt, ist 2022 wieder erschütternde Realität. Aus der Ukraine strömen auch an die Costa Blanca Menschen herbei, deren Heimatorte und -viertel in Grund und Boden gebombt werden. Ein Horror ist ein solcher Krieg, der unschuldiger Menschen Häuser und Leben vernichtet. Leben, im körperlichen Sinn. Aber nicht nur. Schwer zugerichtet hinterlassen Bomben auch die Seelen der Überlebenden, vor allem der Kinder. Das wissen etwa Zeitzeugen des Spanischen Bürgerkrieges. Einen von ihnen trafen wir beim Besuch eines außergewöhnlichen Bunkers von Alicante.

AlicanteStadt in Spanien
Bevölkerung:331.577 (2018)
Adresse Bar Refugio/BunkerC. Rafael Escolano, 31, 03008 Alicante

Bunker gegen Bombenangriffe in Alicante: Vergrabene Kinder-Seele

„Was hast du dir dabei gedacht?“, schreit der Vater den Sohn an. Eine Ohrfeige erklingt, der Junge schreit auf. „Sie hätten dich töten können, verstehst du?“, keucht der Erwachsene. Sie kauern in einem Versteck, Gedröhne ist zu hören, in der Ferne kreisen Bomber. Es ist Mai des Jahres 1938 an der Costa Blanca. 80 Jahre später erinnert sich jener Junge an diese Szene, wenn er an die Tage denkt, als auf seine Heimatstadt Alicante Bomben fielen. „Ich war unter freiem Himmel herumgelaufen“, begründet Antonio Gómez die Wut seines Vaters. Schon damals wohnte die Familie im Südviertel der Stadt, dem heutigen San Gabriel. Das Kind war sieben, als der Krieg ausbrach. „In dem Alter ist man sich gar nicht bewusst, was um einen geschieht.“

Alte Ansicht des zerstörten Alicantes aus dem Spanischen Bürgerkrieg
1938: Die von Bomben zerstörte Innenstadt Alicantes. © Alicante en guerra

Aber mit jedem neuen Trauma der Bombenangriffe ging für den Jungen aus Alicante ein Stück dieser Unschuld verloren. Antonio Gómez: „Ein anderes Mal flogen Jagdflieger über uns, schossen. Wir flohen in einen Bunker, ich mit meinem drei Jahre jüngeren Bruder auf dem Rücken.“ Von mehreren unterirdischen Schutztunneln ist das Südviertel dedurchzogen, dessen Nähe zu strategischen Zielen der Costa Blanca Attacken der Faschisten anzog. „Beschossen wurden wir auch von Kriegsschiffen, die auf das hinter dem Viertel liegende Gebiet Industriegebiet zielten“, erinnert sich der Zeitzeuge. Dessen Kinder-Seele – in Luftschutzbunkern liegt sie vergraben. Zum Thema: Versteckte Briefe in der Wäschekiste.

„Refugio“: Oben Ausruhen, unten Enge, Dunkelheit, Leere

Gerührt betrat Antonio Gómez erst als fast 90-Jähriger wieder das Versteck, das sein Großvater gegen die Bombenangriffe im spanischen Bürgerkrieg errichtet hatte. Lange war der Zugang zum Bunker vergraben, aber 2017 wurde die Anlage auf einmal durch den Bau eines neuen Gebäudes des Viertels offengelegt: eines neuen Clubhauses in der Calle Rafael Escolano. Der Eingang in den Untergrund befindet sich im Hof der ans Haus angeschlossenen Bar „Refugio“, was man mit „Schutzbunker“ übersetzen kann, aber auch, im positiven Sinn, als „Zufluchtsort“. Ein Ort, an dem man sich gern zum Ausruhen zurückzieht, ist nur oben das Lokal. Unten, in dem im Krieg gegrabenen Keller, erinnert aber nichts an eine idyllische Zuflucht.

Enge, Dunkelheit, Leere dominieren die Anlage, die man heute bequem mit Helm und Lämpchen besuchen kann. „In diesem Bunker versteckte ich mich im Krieg zwei oder drei Mal. Wenn die Sirene vor den Bombenangriffen warnte, stieg man hinab, wartete auf die nächste Sirene vielleicht eine halbe Stunde. Die dauerte wie eine Ewigkeit.“ Öfter sei er während des Bürgerkriegs in den Bunkern am Palmenhain des Viertels untergekommen. Die Höhlen sind noch da, Zuflucht suchen dort aber nun andere – die Obdachlosen. Der größte Bunker des Bezirks beginnt unter der Plaza del Refugio, ist jedoch nicht mehr zugänglich. Den hübschen Platz darüber nutzen die Anwohner gern an Sommerabenden – als „Zufluchtsort“. (Zum Thema: Ort in „Ukraine“ umbenannt)

Durch einen dunklen Gang geht ein Mann mit Lampe und blauem Helm.
Bunker gegen Bombenangriffe in Alicante: Die Anlage ist durch das Lokal „El Refugio“ zugänglich. © Ángel García

„Weil sie den Krieg nicht erlebt haben“

Im heutigen Südviertel ist Antonio Gómez ein Senior von vielen. Als „El Cholero“ (Rüpel) kennt man ihn, ein geerbter Spitzname vom Großvater, der den Bunker grub. Der jüngere Bruder, den Antonio einst auf dem Rücken trug, wohnt in derselben Straße, im Haus gegenüber. Ein viel kürzeres Leben hätten die alten Männer haben können. Doch sie überlebten die Bombenangriffe, und legen ein Zeugnis von Zeiten ab, die für uns eigentlich unvorstellbar sind. „Einige Leute in Spanien sind so frustriert, dass sie einen erneuten Krieg fordern“, bedauert Gómez. „Doch das sagen sie, weil sie den Krieg nicht erlebt haben.“ Nun kullern Tränen über seine Wangen. Sie entspringen derselben Quelle wie die des kleinen Antonio vor 80 Jahren: einer verwundeten Kinder-Seele.

Zum Thema: Familien gründen NGO für Ukraine

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