Eine Steinplatte mit Lebendaten und Foto eines Menschen steht auf der Wiese eines Friedhofs.
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Archäologen öffnen Massengräber an Costa Blanca: Eines der wenigen Franco-Opfer mit (beschädigtem) Gedenkstein.

Spaniens offene Wunden

Massengräber an Costa Blanca: Archäologen suchen nach Opfern der Franco-Diktatur

  • Stefan Wieczorek
    VonStefan Wieczorek
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Schwer aufgewühlt ist derzeit die Wiese am Friedhof Alicante: Im Boden verscharrte Menschen sollen endlich würdige Gräber erhalten. Eine hochdelikate Aufgabe. Denn es öffnen sich auch tiefe, unverheilte Wunden.

Alicante - Manuel Ivernon Ferrándiz, 17. Dezember 1941, Torrevieja. José Sánchez Gilabert, 12. Februar 1942, Elche. Juan Buquier Santa, 5. März 1941, Monóvar. Konkrete Menschen aus konkreten Zeiten und Orten. Nur einen konkreten Platz, wo ihre Kinder, Enkel oder Urenkel die Erinnerung an sie pflegen können, haben sie nicht. Kein Grab, um etwa an Allerheiligen Blumen hinzulegen. Die Rede ist von Menschen, deren Überreste irgendwo im Boden der Costa Blanca verscharrt sind. Am Friedhof in Alicante öffnen Archäologen gerade solche Massengräber. Die Suche nach den Opfern der Franco-Diktatur in Spanien läuft.

Costa BlancaKüstenabschnitt in Spanien
ProvinzAlicante
Autonome RegionComunidad Valenciana

Costa Blanca: Archäologen öffnen Massengräber - Suche nach Franco-Opfern

So friedlich die Wiese des Friedhofs von Alicante auf den ersten Blick erscheinen mag: Innerlich ist sie ein Ort der ewigen Unruhe. In mehreren Sektoren sind Überreste von Menschen eingegraben, die am Ende des spanischen Bürgerkriegs durch die faschistische Diktatur des Francisco Franco ihr Leben verloren. Schwer aufgewühlt ist die sonst grüne Fläche derzeit. Seit Februar laufen in den Sektoren 2 und 35 Ausgrabungen zweier Massengräber. Geborgen werden, wie bei ähnlichen Ausgrabungen in Valencia, Leichname von Opfern aus Elda und Petrer. Demnächst kommen auf dem Friedhof in Alicante zwei neue Grabungen hinzu.

Die Stadt gab dem Angehörigen-Verein Familiares de Represaliados por el Franquismo grünes Licht, um die Massengräber zu öffnen und die Suche nach den Überresten von 16 Menschen (drei von ihnen nannten wir eingangs) zu beginnen. Die meisten der Opfer kamen aus dem Süden der Costa Blanca. Warum starben sie in Alicante? Die Stadt war die letzte Station des Bürgerkriegs. Von hier aus flohen die letzten Republikaner. Hier beendete das Franco-Regime das Leben vieler von ihnen. In den Sektoren 14 und 33 der grünen Wiese sollen die 16 in der Erde liegen. Zwischen 1940 und 1942 fanden sie alle den Tod.

401 Menschen in Massengräbern: Nicht immer gelingt die Suche

Das Fachunternehmen Drakkar übernimmt, kofinanziert vom Transparenz-Ministerium der Region Valencia, die hochdelikate Aufgabe, die Väter, Großväter und Urgroßväter heutiger Alicantiner aus dem Untergrund zu befreien. Der Verein von der Costa Blanca stützt sich bei der Suche nach den Franco-Opfern auf Recherchen des Elcher Historikers Miguel Orts. Demnach tötete das faschistische Regime am Ende des spanischen Bürgerkriegs in der Provinz Alicante 723 Menschen. Von diesen sollen 401 in Massengräbern am Friedhof Alicante vergraben sein.

Mit der groß angelegten Bergung der Franco-Opfer schreibt Alicante Geschichte. Noch nie stellte sich die Stadt im Sinne der spanischen und valencianischen Gesetze zur „historischen Erinnerung“ so der dunklen Anfangszeit des Franquismus, der auch Spaniens Leinenschuh-Träger Miguel Hernández zum Opfer fiel. Doch nicht immer gelingen die Ausgrabungen der Massengräber. Bleiben die gesuchten Körper unentdeckt, ist es für Angehörige umso schmerzhafter. Denn die Hoffnung darauf, Frieden für die Vorfahren, und damit ein Stück für sich selbst zu finden, hat oft tiefe Wunden entblößt, die einer Heilung bedürfen.

„Historische Erinnerung“: Politische Debatten oder persönliche Dramen?

Ist es richtig, diese Wunden aufzureißen? Diese Frage diskutiert Spanien bis heute emotional, landet dabei aber meist auf der rein politischen Ebene. 2007 hatte die PSOE das spanische Gesetz zur „historischen Erinnerung“ verabschiedet. Da es sich bei den Sozialisten quasi um Nachkommen der republikanischen Seite im Bürgerkrieg handelt, lösen die meist von links vorangetriebenen Umsetzungen des Gesetzes bis heute heftige Widerstände seitens konservativer bis rechter Kreise aus. Auch auf dem Friedhof vom (PP-regierten) Alicante fördert die PSOE-regierte Region Valencia die Ausgrabungen der Franco-Opfer.

Kritiker des Öffnens der Massengräber behaupten, dass die Transición als friedliche Umarmung aller Spanier alle alten Wunden beseitigt habe. Die Opfer solle man liegen lassen, wo sie sind. Linke Politiker würden aus Eigeninteresse Emotionen von Angehörigen anstacheln. Tatsächlich erkennt das 2007 formulierte Gesetz die Verstorbenen beider Lager des Bürgerkriegs an. Auch die republikanische Seite warf schließlich zahlreiche Hingerichtete in Massengräber. In der Praxis gilt das Gesetz aber als Instrument zur alleinigen Aufarbeitung des Franquismus und nicht etwa des militanten Kommunismus.

Das überrascht nicht: Schließlich hatte die nationalkatholische Diktatur das Land fast 40 Jahre in fester Hand. Eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit war für das mundtot gemachte linke oder republikanische Spanien unmöglich. Die Transición war eine pragmatische Lösung, um möglichst ohne neue militärische Konflikte die Demokratie zu erlangen. Jedoch haben dadurch offenbar viele Menschen nie Frieden mit der Vergangenheit ihrer eigenen Familie geschlossen. Ist Spanien bereit, sich auf einer weniger politischen als vielmehr persönlichen Ebene der historischen Erinnerung zu stellen?

Hoffnung auf Frieden: Nicht nur zum Blumen hinlegen

Immerhin: Bei der Suche nach den Gefallenen aus Elda und Petrer fanden die Archäologen auf dem Friedhof von Alicante Knochen, die – angesichts ihrer Frakturen – kompatibel mit den gesuchten Opfern aus der südlichen Costa Blanca sein könnten. Vor Ort, auf der Wiese des Friedhofs, wo ein Denkmal an die über 500 Todesopfer der Bombenangriffe auf Alicante im Bürgerkrieg erinnert, schauen wir den Forschern eine Weile bei der Arbeit zu. Nicht viel sprechen die Archäologen bei der Arbeit. Konzentriert und leise klettern sie die Leiter ins Erdinnere herab und herauf, messen das Grundstück, machen Notizen.

Bürgerkrieg an Costa Blanca: Grabstein gedenkt der über 500 Opfer von Bombenangriffen auf Alicante.

Die Archäologen graben nicht in Ruinen der Antike oder des Mittelalters herum, um Reste von Menschen zu bergen, die höchstens für ein Geschichtsbuch interessant wären. Sondern im Auftrag von Lebenden, die einen Ort der Begegnung mit ihren Wurzeln benötigen. Einen Ort, nicht nur zum Blumen Hinlegen. Einen Ort, an dem auf Stein geschrieben steht: „Antonio Buigues Segarra, 5. März 1940, Jávea.“ Oder „Tómas Berenguer Picó, 17. Dezember 1941, Elda.“ Oder „Carlos Salazar Tamarco, 19. Dezeber 1941, Almoradí.“ Oder „José Santo Rico, 12. Februar 1942, Monóvar.“

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