Bronze-Relief aus dem Reich Tartessos im Museum in Sevilla.
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Die Carriazo-Bronze fand ein Archäologe auf einem Trödelmarkt in Sevilla. Sie enthält Elemente der Phönizier, Griechen, Ägypter und Iberer.

Spaniens ältestes Königreich

Spaniens Atlantis: Tartessos - Das Reich des Silberkönigs

  • vonMarco Schicker
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Zwischen antiken Legenden und den Säulen des Herkules suchte der deutsche Archäologe und Gelehrte Adolf Schulten im Süden von Spanien wie besessen nach dem 3.000 Jahre alten Königreich Tartessos und wollte, dass es Atlantis sei. Eine Rekonstruktion.

Sevilla - Wo Wissen fehlt, ist Platz für Mythen. Über das Königreich Tartessos weiß man heute wenig, vor einhundert Jahren wusste man fast nichts. Entsprechend freilaufend war die Fantasie, die Epoche geriet als "Dunkles Zeitalter" in die Abstellkammer der Historiker. Dabei sprechen wir vom wahrscheinlich ältesten konsolidierten Königreich Westeuropas, das sich etwa 1.200 vor Christus zu etablieren begann und so fast nahtlos an die zur gleichen Zeit untergegangene minoische Kultur auf Kreta sowie das Ende der Mykener anschließt, die gemeinhin als erste Hochkulturen Europas gelten.

Kolaios von Samos wollte nach Ägypten segeln, doch ein Ostwind trieb sie von ihrer Rute und sie hielten, von einem Gott geführt, nicht eher als hinter den Säulen des Herkules, so kamen sie nach Tartessos. Die Gegend war damals noch nicht ausgebeutet und sie kamen zurück mit der wertvollsten Ladung, die bis dahin je ein Grieche erlangte.

Der griechische Geschichtsschreiber Herodot, IV, 152, um 460 v.Chr.

Tartessos, auf Altgriechisch Tartéside, am anderen Ende Europas, lag zwischen der heute portugiesischen Algarve bis zum Fluss Vinalopó in Alicante, hatte sein Zentrum im Dreieck von Huelva, Sevilla und der Mündung des Guadalquivir und führte bis hinauf in die Extremadura. Es existierte hunderte Jahre und verfügte über eine eigene Sprache und Schrift, weder keltisch, noch iberisch oder phönizisch und doch von alledem etwas.

Tartessos ist Atlantis: Schulten folgt Plato

Tartessos hinterließ uns geheimnisvolle Goldschätze, Dutzende Ausgrabungsstätten und sein letzter König ist zugleich Spaniens erster Monarch, dessen Name überliefert blieb. Argantonio (von Argentum, lat. Silber), der Herr des Silbers. Mehr noch: Tartessos könnte gleichbedeutend sein mit dem untergegangenen Atlantis, jenem Mythos und Gleichnis, mit dem der Philosoph Plato (gestorben 348 v.Chr.) seit über zwei Jahrtausenden Schatzsucher und Wissenschaftler an der Nase herumführt und dem auch ein deutscher Forscher, Adolf Schulten (1870 bis 1960), erlegen war, dessen 150. Geburtstag im Vorjahr zu begehen gewesen wäre.

Doch der Reihe nach. Lediglich ein paar kryptische Erwähnungen des griechischen Historikers Herodot (5. Jh. v.Chr.), der die historisch verbürgte Reise des Kolaios von Samos um 630 v.Chr. in den äußersten Westen des Mittelmeeres beschreibt, und, ein Jahrhundert vor Herodot, Schilderungen dessen Vorgängers Hekataios von Milet, legen zu Tartessos weniger eine Spur, als dass sie eine Ahnung ventilieren. Doch das genügte, um den deutschen Alt-, Kunsthistoriker und Archäologen Adolf Schulten als Anreiz für seine Lebensreise zu dienen, bei der er fast seinen sonst blitzhellen Verstand verlor.

Geschichtsfalle Numantia: Spaniens legendäre Iberer-Siedlung und die alten Römer

Adolf Schulten Anfang des 20. Jahrhunderts bei Ausgrabungen in Numancia.

Der 1870 bei Wuppertal geborene Philologe Adolf Schulten studierte in Göttingen, Bonn und Berlin und war Schüler des Vaters der modernen Geschichtsschreibung und Nobelpreisträgers Theodor Mommsen. In Spanien ist Schulten berühmter geworden als in Deutschland, er verlor sein Herz – und wie gesagt ein bisschen auch seinen Verstand – an Spaniens Frühgeschichte. Deutsche Archäologen in Spanien waren zu manchen Zeiten so zahlreich, dass sie ihren eigenen Betriebsrat hätten gründen können. Schulten wurde einer der wichtigsten, aber auch umstrittensten.

1899 kam Adolf Schulten erstmals nach Spanien und forschte und grub bis 1914 immer wieder in einer für die Spanier zur Legende aufgetakelten Stätte Numancia, lateinisch Numantia, die alte keltiberische Siedlung, deren Einwohner durch ihren verbissenen Widerstand gegen die Römer zu Nationalhelden stilisiert wurden, obwohl sie mit den heutigen Spaniern kulturell und genetisch in etwa so viel zu tun hatten wie Schulten. Die Bewohner von Numantia wählten 133 v.Chr. in ihrer letzten Schlacht gegen den römischen Feldherren Publius Cornelius Scipio Aemilianus Africanus lieber den heroischen Selbstmord als sich zu unterwerfen. Römische Geschichtsschreiber priesen den Mut der „resistencia numantina“, Cervantes widmete ihnen 1585 eine Tragödie. Und sie mussten herhalten für die „reconquista“ gegen die Mauren, zu Beginn des 19. Jahrhunderts als Motivatoren im Kampf gegen die Napoleonischen Fremdherrscher und für nationalistische Propagandisten als imaginäre völkische Konstante eines siegesgewillten Spaniens.

Beiträge und Anmaßungen: Archäologe Schulten macht sich in Spanien unbeliebt, wird aber hoch geschätzt

Doch ihre Festungsstadt war jahrhundertelang nicht auffindbar, man wusste nur, dass Numancia irgendwo in Altkastilien zu suchen war, zwischen Navarra und León. Schulten, ganz im Rausch der Schliemannschen Entdeckerwelle um Troja und den Schatz des Priamos, reklamierte für sich, den Ort in der archäologisch reichen, aber vom Tourismus bis heute fast übersehenen Provinz Soria wiederentdeckt zu haben. Doch das stimmte nicht, denn die Location wurde bereits 1860 von einem gewissen Eduardo Saavedra benannt und dokumentiert.

Iberisch-Südwest, die Schrift von Tartessos. Gefunden auf einer Tontafel in Fonte Velha, Provinz Algarve, Portugal.

Die Anmaßung Schultens, „der“ Entdecker Numancias gewesen zu sein, nahmen ihm die spanischen Kollegen übel und bezeichneten ihn als einen „deutschen Wichtigtuer“, der sich des Kulturkolonialismus befleißige.

Dabei war der Beitrag Schultens ohnehin großartig und entscheidend für das Verständnis dieser keltiberischen Kultur. Mit Geldern des deutschen Kaisers Wilhem II. begann er systematische Grabungen und interdisziplinäre Studien zu verbinden. An deren Ende standen vier umfangreiche Bände, nicht nur über die Grabungen und Entdeckungen von Numancia und die römischen Feldlager drumherum, sondern Schulten hinterließ Spanien und der Welt auch ein umfassendes „Begleitwerk“, das nicht weniger enthielt als die bis heute größte Sammlung antiker Originalquellen mit Bezug auf die spanische Halbinsel und deren Geographie und Ethnologie: Die Fontes Hispaniae Antiquae (Barcelona, ab 1922) und die Iberische Landeskunde (ab 1955 bis posthum) wurden seine Hauptwerke. Das war Quellen- und Grundlagenforschung vom Allerfeinsten, von der spanische Historiker und Archäologen noch heute profitieren, auch wenn sie – was Forscher ohnehin nie sollten – nicht alles für bare Münze nehmen können, was Schulten ihnen hinterlassen hatte.

Hannibals Vorfahren: Mastia ist Cartagena

Denn der preußische Forscher ließ sich mitunter forttragen. Ein nicht immer rationaler Ehrgeiz, die Verführungen der unsicheren, weil teils fabelhaften Quellen der Philologie, aber auch ein der Zeit geschuldeter völkischer Interpretationsdrang übertönten mitunter den Feldforscher. Er wollte sein Troia finden, denn Numancia war zwar nett, aber die Funde und die Kultur der fragmentierten Keltiberer eigneten sich wenig für spektaktuläre Ausstellungen und ein neues Großreich.

Erst 1990 fand Cartagena sein römisches Theater - und eine neue Identität.

Schulten wandte sich gen Süden, die Verbindung profunder antiker Quellenkenntniss mit Feldarchäologie ebneten ihm im überreichen, aber weitgehend unerforschten Spanien viele Wege. Das führte unter anderem zur Lokalisierung der phönizischen Stadt Mastia de Tarsis, die er ins heutige Cartagena stellte. Mastia war demnach der Vorläufer des punischen, also karthagischen Qart Hadasht, der „neuen Stadt“, die Asdrubal der Schöne, Verwandter des Hannibal ab 227 v.Chr. errichtete, damit die Römer sie keine 100 Jahre später schlüsselfertig übernahmen.

Mastia aber beschrieben die Römer selbst als den Punkt, an dem ihre Macht vor dem Sieg in den punischen Kriegen noch endete. Für Schulten war Mastia/Cartagena vor der Übernahme durch die Phönizier und später die Karthager Teil des Reiches von Tartessos. Die heutige Stadt Cartagena kommt nicht einmal mit den Ausgrabungen des gigantischen römischen Erbes hinterher. Unter dem Hügel Molinete mitten im Zentrum, wo man römische Villen und eine Kultstätte fand, vermutet man auch den Palast des Asdrubal und verhinderte mit Not, dass dort Häuser gebaut werden. Mit über einer Millionen Euro will man dort nun systematisch graben. Dass man dabei in noch ältere Schichten vordringen könnte, gar bis Mastia, scheint illusorisch.

Atlantis plus ultra: Schulten an den Säulen des Herkules

Schultens Reise ging weiter nach Süden, er folgte der Dichtung des Lateiners Rufo Festo Avieno, der im 4. Jahrhundert in Versform unter dem Titel „Ora Maritima“ auch eine Wegbeschreibung nach Tartessos anfertigte und dabei erstmals Hispania namentlich erwähnte. Dabei näherte sich Schulten mit der Meerenge von Gibraltar einem mythischen Punkt der antiken Überlieferungen, der ganz seiner Kragenweite entsprach: Die Säulen des Herakles, die links und rechts auf der Meerenge gestanden haben sollen. Nach Homers Odysee (8.-7. Jh. v.Chr.) stellten sie das Ende der damals bekannten Welt dar, lieferten das Bühnenbild für die zehnte Aufgabe des Odysseus und wurden Schultens Schicksal.

Denn genau dort sollte auch Platons Atlantis liegen. Zumindest für jene Altertumsforscher, die in Atlantis noch immer einen Insel- oder Stadtstaat sahen, während andere längst von einer Fabel für die unbekannte Welt jenseits der bekannten ausgingen, Atlantis als verheißungsvolles Versprechen, Beschreibung aller Landmassen außerhalb Europas und möglicherweise auch als blasse Überlieferungen früherer Entdeckerfahrten. Der Atlantik heißt ja nicht zum Spaß so.

Die Säulen des Herakles und die Verheißung dessen, was dahinter liegen könnte, stellte sogar noch Spaniens „Reichseiniger“ Carlos I. mit Amtsantritt im Jahr 1516 in sein und damit Spaniens Wappen und in Spaniens Nationalflagge stehen Homers Säulen noch heute, umschlungen vom Slogan: „Plus ultra“, Darüber hinaus, immer weiter!

Suche nach Atlantis: Preußischer Elefant im phönizischen Keramikladen

Keramik mit iberischen und phönizischen Elementen, die als charakteristisch für Tartessos beschrieben wird.

Schon 1927 publizierte Schulten ein Buch namens „Tartessos und Atlantis“, in dem er die historischen Quellen zu dem sagenhaften Stadtstaat und einem noch weitgehend unerforschten Reich so verlötete, dass Tartessos als Ergebnis herauskam. Schulten stellte in gewisser Weise die Synthese der Hypothese voran und damit das wissenschaftliche Prinzip auf den Kopf. Heute schält sich heraus, dass es eine Stadt namens Tartessos wohl nie gegeben hat, wohl aber ein Reich oder viel eher einen loseren Bund rund um eine ökonomische Interessensphäre, dem im mythologischen Geschwurbel oft übersehenen eigentlichen Kitt der „Nationen“.

Schulten leitete mehrere Grabungskampagnen, vor allem im Gebiet rund um die Mündung des Guadalquivir, wo heute der Naturpark Doñana liegt. Das Delta war in antiker Zeit viel größer und eine gigantische Lagune, durchsetzt von Inseln. Der Fluss, bei den Römern Betis geheißen, kam von Sevilla und damit den römischen Städten Itálica und Hispalis, lag unweit der bedeutenden Phönizier-Gründung Gadir (Cádiz) und nah genug an den Säulen des Herakles, war archäologisch also vielversprechend. Denn hier wimmelte es seit fast 3.000 Jahren nur so von Seefahrern, Siedlern, Kulturen. Doch Schulten fand naturgemäß vor allem römische Siedlungen, Militärlager, Produktionsstätten und Häfen, seine Suche wandelte sich mehr und mehr in eine Obsession, die sogar diplomatische Konflikte auslöste, weil sich der Professor mitunter aufführte wie ein preußischer Elefant in einem phönizischen Keramikladen.

Unerreichbares Atlantis: Orden von Franco und wissenschaftliche Ernüchterung

Putsch und Bürgerkrieg in Spanien ab 1936 erschwerten zwar die Ausgrabungen, hielten Schulten aber nicht von der Arbeit ab. 1940 dann wurde das Jahr seiner höchsten Anerkennung. Franco verlieh dem nun 70-Jährigen das Großkreuz des Ordens Alfonso X. und die Uni Barcelona machte ihn zum Ehrendoktor. Tartessos, Schultens Atlantis, verblasste aber angesichts der harten Realität einer unmöglich scheinenden Beweisführung. Der nun schon alte Mann weitete seine Studien gen Norden aus, er schreibt über die Kämpfe der Asturier und Kantabrier gegen die Römer, kehrt also zum Themenkreis Numantia, seinem fachlich größten Erfolg, zurück.

Artikel und Festschriften in Deutschland legen die Vermutung nahe, dass Schulten am Ende auch deswegen nicht mehr so an seiner Tartessos-Atlantis-These festhielt, weil sich nicht belegen ließ, dass dieses Volk, ja nicht einmal die Iberer insgesamt, tatsächlich indogermanischer, also im damaligen ideologischen Korsett „arischer“ Abstammung waren. Die nachweisliche Anbetung des Gottes Baal aus den semitischen Kulturkreisen versetzte dieser Theorie den Todesstoß.

Womöglich stammten sie sogar von den rätselhaften Seevölkern selbst ab und ihre Vermischung mit den Phöniziern, also Semiten, machte sie für herrenrassische Überhöhungen eines „arischen“ Altreiches zu Füßen der Säulen des Herakles ungeeignet.

Tartessos ohne Mythen: Der Goldschatz von Carambolo

1958, Schulten lebte nun schon lange wieder in Deutschland, in Erlangen, und war 88 Jahre alt, machten spanische Forscher zwei sensationelle und erhellende Entdeckungen. Der Archäologe Juan de Mata Carriazo erstand Mitte der 50er Jahre auf einem Trödelmarkt in Sevilla ein wunderschönes, völlig intaktes Bronzerelief, das die phönizische Göttin Astarte mit ägyptischer Frisur darstellt, deren Begleitschmuck aber auf tartessische Verarbeitung hinweist.

1958 hob der Maurer Alonso Hinojo del Pino in der Stätte El Carambolo in Camas, einen Steinwurf vor den Toren Sevillas, einen Schatz aus 3,2 Kilogramm 24-karätigem Gold aus.

Der Goldschatz von Mairena (Sevilla) aus der mittleren Epoche von Tartessos.

Die 22 Teile des Schatzes datiert man heute vom 7. bis zum 4. Jahrhundert vor unserer Zeit, also in die Spätzeit Tartessos. Der Fund markiert eine der größten archäologischen Sensationen Spaniens. Das Markante daran: Die Stücke bilden den Missing Link, der zur Deutung des Tartessos-Reiches bis dahin fehlte: Während die goldenen Platten klar iberischer Kultur zuzuordnen sind, verraten die anderen Stücke, Armreifen und Brustbroschen, immer mehr phönizischen Einfluss bis hin zur prachtvollen Halskette, die rein phönizisch definiert ist.

Moderne Interpretationen gehen von Grabbeigaben für geopferte Tiere aus, die zudem eine Hochkultur belegen. Sowohl der Carambolo-Schatz als auch die Carriazo-Bronze und etliche weitere, nicht minder bedeutende Funde, darunter mannshohe Kandelaber aus Gold sowie der Schatz Tesoro de Mairena, sind im Archäologischen Museum Sevillas zu finden, das allerdings bis 2022 grundsaniert wird und bis dahin nur einen Teil seiner Sammlung in einem Provisorium zeigt. Auch in Carmona zeigt das Museum tartessische Gegenstände, Einzelstücke gibt es außerdem in Madrid und bis ins Marq von Alicante.

Die keltische These: "Tartessisch" älteste Schrift in Spanien

Armreif aus dem Goldschatz von Carambolo. Beleg für die Orientalisierung und „Missing Link“ zwischen iberischer und phönizischer Kultur?

Mindestens so bedeutend wie das Gold und die Keramiken sind auch Dutzende Tafeln mit Inschriften, die man überwiegend im heutigen Portugal entdeckte und die eine eigene Schrift für Tartessos aufzeigen, das Iberisch-Südwest. Eine Schrift-Stele aus Almodôvar, heute Portugal, ist der älteste Nachweis einer Schrift auf der iberischen Halbinsel überhaupt. Das kleine Dorf im Süden Portugals ist auf die Funde so stolz, dass es der iberischen Südwestschrift ein eigenes kleines Museum widmete.

Diese Schrift weist einen rätselhaften Mix auf. Das Tartessisch belegt zudem die heute weitgehend anerkannte These der „Orientalisierung“ iberischer Stämme und/oder anderer loser Völkergruppen bis hin zu verstreuten Resten der alten Seevölker, die Handelskontakt mit griechischen sodann phönizischen Händlern und Stützpunkten anbahnten und letztlich von diesen sowie deren Nachfolgern, den Karthagern (Punier), assimiliert beziehungsweise verdrängt wurden.

Steile These: Sind die Iren eigentlich Andalusier?

2016 ließ der Keltenforscher Ramón Sainero bei einer Konferenz mit der These aufhorchen, dass die keltische Sprache nicht nur eng mit Tartessos verbunden sei, sondern womöglich von dort stammte. Er zog Parallelen der Schriftzeichen mit Runen, die man in Schottland, Irland, in Skandinavien fand und die „teilweise identisch“ seien. Doch zeitlich liegen die tartessischen Tafeln mit der iberischen Südwestschrift vor diesen Funden. Liegt die Wiege der keltischen Kultur womöglich nicht in Mitteleuropa, sondern in Andalusien, in Tartessos oder adoptierte man von dort lediglich die Schrift?

Die These ist naturgemäß umstritten, wird aber mittlerweile auch von Forschern der Universitäten von Wales und Oxford verfolgt. Es ist detektivische Spurensuche und sie unterscheidet sich in ihrer Wissenschaftlichkeit krass von dem, was in Spanien hinsichtlich Tartessos immer mal wieder als „sensationell“ publiziert wird. Denn bis heute bedienen sich viele Historiker, vor allem aber Touristiker der „Methode Schulten“, in dem sie recht frei und sorglos Tatsachen mit antiker Fabulierkunst verbinden.

Tartessos - Europas "wilder Westen"

Das historische Fazit des Tartessos Reiches klingt bis dato eher ernüchternd, waren ihre Bewohner doch vielleicht letztlich nichts weiter als die Bergleute der Phönizier, die sich als Händler die Hände selbst nicht schmutzig machen wollten, um an die begehrten Rohstoffe, vor allem Silber, Kupfer und Gold heranzukommen?

Tartessos, letzter König von Tartessos in einer zeitgenössischen Interpretation, behängt mit dem Goldschatz von Carambolo.

Neueste, im doppelten Sinne hoch brisante Funde von Forschern der Uni Alicante bei Albacete aus dem 6. Jahrhundert vor Christus – also noch so eben im Einzugsgebiet von Tartessos – legen nahe, dass auch Salpeter, Schwefel und andere Chemikalien in tartessischer Zeit abgebaut wurden, die für die Herstellung von „Griechischem Feuer“ genutzt werden konnten, einem Schrecken verbreitenden Flammenwerfer auf Schiffen der Antike.

Handel bedeutet Wandel, Tartessos zentralisierte sich im Laufe der Zeit unter einer Adelsschicht, die die Förderstätten, also das Kapital des Reiches, an sich riss und die Gesellschaft hierarchisch organisierte. Diese Elite strebte kulturell den verbündeten Griechen und den vernetzten Phöniziern als „höherstehend“ nach, orientalisierte sich dadurch, bis Stärkere – die Karthager – kamen und die Wertschöpfungskette und damit das Ruder gänzlich übernahmen. Profaner Feudal-Kapitalismus, basierend auf dem Recht des Stärkeren.

Tartessos, das war der "Wilde Westen" Europas, dem eine Art "Goldrausch" zu Grunde lag, wo sich aber auch die metallurgischen Technologien zwischen Bronze- und Eisenzeit weiterentwickelten. In diesem Umfeld bildete Tartessos so etwas wie ein organisiertes Staatswesen mit einer "Außenpolitik" und Gesetzen heraus und hob sich damit von den loseren agrarischen Kulturen Europas ab.

Was von Tartessos übrig blieb

Ablesbar ist diese Entwicklung an immer mehr Fundstücken, Keramiken, Alltagsgegenständen, aber auch an der Bauweise der Siedlungen, die sich über die Zeitschiene von Rund- und Ovalbauten aus Lehm und Gras in eher zufälliger Anordnung hin zu massiven Steinbauten unterschiedlicher Größe und Verwendung entwickeln und nach und nach Ortskerne bildeten, in denen Kultstätten und Gebäude der Eliten von jenen des normalen Volkes unterscheidbar werden. Doch damit ist nicht die ganze Geschichte von Tartessos erzählt, das so früh hinter den Säulen des Herkules erblühte. Die ältesten Tartessos-Funde weisen auf 1.200 vor Christus, just als die Minoer von Kreta verschwanden, deren Schrift wir bis heute nicht entziffern können und deren Zeichen der Stier war, genau der Stier, als der Zeus erschien, um Europa zu entführen.

Dieser Stier schrieb seine Geschichte in Spanien bis heute weiter, ob bei den Kelten als Kulttier oder in Andalusien und sonst in Spanien beim Stierkampf. Eine Kontinuität, die zum Weiterstricken der Legenden geradezu provoziert. Mag Europas Wiege auf Kreta stehen, so war Tartessos vielleicht Europas Kinderstube.

In den antiken Schriften lebt Argantonio, der Herr des Silbers, weiter, der letzte König von Tartessos, der nicht weniger als 80 Jahre, manche Quellen sprechen sogar von 130 Jahren, regiert haben soll und der damit „Spaniens“ erster König war, der namentlich in einem Buch überliefert ist. Es gibt Planspiele à la Schulten, wonach die gesamte Stadt Huelva – oder Badajoz – über seinem gigantischen Palast erbaut worden sein soll, deren Reste aber unmöglich zu finden seien, weil neben der modernen Stadt darunter ganze Schichten von maurischen und römischen Resten alle Spuren verwischt haben dürften und großflächige Grabungen wegen der Besiedlung unmöglich sind.

Die unwahrscheinlich lange Regierungszeit des Silberkönigs erklären Historiker heute schlicht damit, dass Argantonio kein einzelner König, sondern eine Dynastie gewesen sein könnte.

Der lateinische Dichter Avieno, der Schulten als Navigator nach Tartessos diente, gibt uns auch ein Indiz für dessen Ende. Denn Argantonio soll sich mit einem griechischen Stadtstaat, Focea, verbündet haben, alte Handelspartner, deren Reich durch die Perser in Bedrängnis geriet. Ihnen bot er Asyl an, sie mögen sich nahe seiner Erde niederlassen. Er sandte ihnen sogar tonnenweise Edelmetall, damit sie sich verteidigen könnten. Die griechischen Siedlungen Hemeroskópeion, Alonis oder Akra Leuké beim heutigen Dénia, Villajoyosa und Alicante passen zeitlich in dieses Geschichtsfenster und lägen geographisch nah genug am Einflussbereich des Silberkönigs, aber auch weit genug weg von seinen wertvollen Minen.

Könnten Tartessos und Atlantis doch ein und dasselbe sein?

Doch die Phönizier, die vor allem die Hafenstädte beherrschten, hielten von dieser Idee wenig, denn sie waren direkte Konkurrenten der Griechen im Seehandel, dem Stützpfeiler ihrer Zivilisation, und sie sahen ihr Monopol in Gefahr. Sie vertrieben die Griechen bis ins heutige Marseille und nach Sardinien, Tartessos aber bestraften sie für die Aufkündigung des Deals, in dem sie es vernichteten. Die Phönizier waren durch ihre Flotte und ein organisiertes Militär den Tartessianern haushoch überlegen.

Der Silberkönig starb um 550 vor Christus, wahrscheinlich 546, mit seinem Tod verschwand, von einem Tag auf den anderen, auch sein Silberreich Tartessos, ebenso plötzlich wie – genau – wie Atlantis einst an einem Tag versunken sein soll. Schulten, der fast so alt wurde wie Argantonio, würde an dieser Stelle wohl laut „Siehste!“ rufen.

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