Eine alte Plastikflasche liegt an einem Strand auf Mallorca.
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Das Meer wirft den Müll zurück zu den Menschen. Mallorca und die Balearen wollen Plastikmüll nun massiv verhindern.

Umweltschutz Balearen

Mallorca geht streng gegen Plastikmüll vor - EU-Vorreiter gegen Einwegplastik

  • Marco Schicker
    vonMarco Schicker
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Letzter Strohhalm für die Umwelt: Auf den Balearen gelten europaweit die strengsten Regeln gegen Einwegplastik. Ausgerechnet die berüchtigte Party-Insel Mallorca will nun zur Pappinsel im Meer aus Plastik werden.

Palma de Mallorca – Dass der ökologische Umbau, Umwelt- und Klimaschutz in Spanien nicht nur ein Konvolut von Absichtserklärungen und allgemeiner Verordnungen ist, zeigt das Beispiel Mallorca. Ende März 2021 trat auf den Balearen ein Gesetz über die Abfallwirtschaft in Kraft, das speziell dem Einwegplastik den Kampf ansagt. Ausgerechnet die Top-Urlaubsregion Spaniens, deren Hauptinsel Mallorca zum Synonym für den ökologisch sträflich sorglosen Massentourismus wurde, will dabei noch über die EU-Vorgaben hinausgehen.

Denn die Auswirkungen des „Meer aus Plastik in Spanien“, zu dem auch das Mittelmeer immer mehr verkommt, spürt man auf den Inseln auch zuerst. Nicht mehr nur durch dramatische Fotos von in Plastiknetzen verendeten Seevögeln oder Fischen mit dem Magen voller Mikroplastik, sondern auch durch die Vermüllung von Buchten, in die das Meer den menschengemachten Müll zurückspült. Für die angrenzenden Hoteliers und Vermieter ein Supergau, der den Umweltschutz für sie zum essentiellen Teil ihres Geschäftes macht. Der Mensch lernt wieder nur auf die harte Tour und erst, wenn es eigentlich schon zu spät ist.

Strenge Regeln gegen Einwegplastik auf Mallorca: Vermeidung oder Kompost

Sangria auf Mallorca. Ein Klassiker. Mit solchen Plastik-Exzessen ist seit Ende März 2021 auf den Balearen Schluss.

Das Ziel der Balearen-Regierung: Das einmalige Verwenden von Plastik soll in Handel und Wirtschaft gänzlich beendet und im privaten Bereich so weit wie möglich heruntergefahren werden. Damit sollen sowohl die Reduzierung der gesamten Müllmenge einhergehen, als auch die Entwicklung von alternativen Verpackungs- und Gebrauchsmaterialien auf Recycling-Basis im energetisch vertretbaren und ökonomisch profitablen Rahmen die Oberhand gewinnen. Denn leider haben sich viele Recycling- oder Alternativprodukte zum Plastik als wahre Energiefresser und gar nicht als so umweltfreundlich herausgestellt, wie das die Entwickler versprachen. Die Ausrede, in manchen Bereichen könne nichts das Plastik ersetzen, gilt nicht mehr. Auch wenn es für Nischen wie Medikamente noch Ausnahmen geben wird.

Vor allem für den Handel und die Gastronomie auf Mallorca und den anderen Balearen-Inseln hat das konkrete Konsequenzen: Der Verkauf von Kaffee aus Einwegkapseln, wie er an vielen Strandbars und kleinen Lokalen in den Urlaubsorten üblich geworden ist, ist nur noch möglich, wenn die Kapseln kompostierbar, also organisch oder „leicht recycelbar“ sind, also nur mit mechanischen Methoden. Das gleiche gilt für den Handel, wo die Kaffeekapseln fast alle noch aus Aluminium oder Plastik bestehen. Auf den Balearen dürfen diese bald nicht mehr verkauft werden. Die Handelsketten und Kapselhersteller nutzten die Kompromiss-Option nicht, die den Verkauf der herkömmlichen Kapseln weiter erlauben würde, wenn für eine Rücknahme über ein Pfandsystem gesorgt würde.

Gastronomie auf Mallorca: Pappe statt Plastik

Der Sektor des Essens zum Mitnehmen oder zur Selbstabholung, hat, auch auf den Balearen, in der Coronavirus-Krise einen Boom erfahren. Die Inseln sind stolz darauf, dass bereits vor der Gesetzesverschärfung die Mehrheit der Lokale ihre Speisen nicht mehr in Plastikdosen oder Behältern und Schalen aus Polystyrol herausgibt, sondern auf Pappe mit Recycling-Anteilen, das gute alte Butterbrotpapier, auf Spanisch papel antigrasas umstiegen. Einmalbesteck aus Bambus, Teller aus Zuckerrohrfaser sind auf dem Vormarsch.

Das neue Anti-Plastikgesetz der Balearen verbietet nun für den Sektor alle Materialien, die nicht kompostier- oder mechanisch recyclebar und als solche für den Konsumenten gekennzeichnet sind, damit er sie auch richtig entsorgt. Also in die Plastiktonne oder den kommunalen Komposthaufen. Dazu gehören, neben Einmalbestecken und -verpackungen auch die Strohhalme der berüchtigten Sangría-Eimer, die Stäbchen für Eis am Stiel – die früher immer aus Holz waren – oder Lollis oder Ohrenstäbchen aus Supermärkten und Drogerien.

Die EU beschloss Verbote von Einwegplastik schon 2019, doch die Umsetzung lässt in vielen Ländern, auch in Spanien noch auf sich warten:

Aus der Gastronomie verschwinden auf den Balearen ebenfalls die Mini-Portionen von Senf, Ketchup, Mayonnaise, Salz, Pfeffer oder gar Olivenöl und Essig, wie sie in vielen Bars zu jedem Salat, Burger oder Pommes gereicht werden. Die Menagerie, wie man sie seit Urzeiten in der Gastwirtschaft kennt, kehrt zurück, auch wenn die EU aus Hygienegründen (und gegen den Etikettenschwindel) wiederauffüllbare Behälter für Öl und Essig unterbunden hat. In einer Übergangszeit dürfen die Ein-Mann-Ketchup-Portionen noch beim Essen außer Haus und, solange der sanitäre Notstand wegen des Coronavirus aufrecht erhalten bleibt, auch im Lokal verwendet werden.

Mineralwasser in Plastikflaschen: Balearen stellen auf Trinkbrunnen und Leitungswasser um - Chlornote inklusive

Pappe statt Plastik: Auf den Balearen wird auch die Verpackung für Essen zum Mitnehmen und Lieferdienste komplett umgestellt.

Die Bewohner und Besucher der Balearen und der Kanaren geben pro Kopf und Jahr 120 bis 140 Euro für Mineralwasser aus, der Schnitt in Spanien beträgt 62 Euro. Das meiste davon kommt natürlich in Plastikflaschen daher. Ein Pfandsystem mit Anreizen zur Umstellung auf Glas gibt es nicht, zumal das Recycling von Glasflaschen durch hohes Aufkommen an Wärmeenergie und sehr viel Wasserverbrauch auch nicht mehr als das Non plus Ultra gilt. Die Balearen verpflichten alle Wirte der Inselgruppe, einschließlich Hotels und Diskotheken, ihren Gästen kostenlos Leitungswasser anzubieten, „immer da, wo die Kommune und der Versorger es als geeignet für den Konsum“ einstufen.

Das Problem: Das Wasser auf den Balearen schmeckt nicht oder es schmeckt nach Chlor, weshalb die Gäste die Flaschen weiter bevorzugen. Immerhin, in allen öffentlichen Einrichtungen der Balearen müssen künftig Trinkbrunnen installiert sein, der Automatenverkauf von Wasser in Einweg-Flaschen soll dort binnen drei Jahren gegen Null reduziert werden.

Plastik auf Mallorca: Harte Strafen gegen Müllsünder auf den Balearen

Die Feuchttücher, die regelmäßige zu Staus durch tonnenschwere Klumpen in den Kloaken führen, werden weiterhin nicht verboten. Hersteller und Landesregierung starteten lediglich eine Infokampagne, die die Konsumenten auf die korrekte Entsorgung dieser Produkte (also nicht durch die Toilette) sowie auf die Kennzeichnung besonders gut abbaubarer Materialien hinweisen soll. Ab 2025 wird auf Mallorca der Verkauf von Rasierern aus nicht recycelbaren Materialien verboten sein. Untersagt ist bereits der Verkauf von Feuerzeugen, die weniger als 3.000 Zündvorgänge schaffen.

Saubere Strände hin, gesunde Umwelt und weniger geschädigtes Meer her, ganz ohne die Keule der Strafen geht es auch auf den Balearen nicht. Die Nichterfüllung der Normen kann mit Bußgeldern von 300 Euro bis hin zu 1,75 Millionen Euro belegt werden, dann nämlich, wenn die Verstöße im „industriellen Maßstab“, fortgesetzt und mit Vorsatz stattfanden. Gleichzeitig sind die Balearen ein zentraler Teil der Initiative der Mittelmeer-Anrainer-Staaten, die den vorhandenen Plastikmüll beseitigen wollen, insofern er noch erreichbar ist.

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