Xavier Novell i Gomà als Bischof im Gespräch mit jungen Leuten.
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Vor dem Abgang: Xavier Novell i Gomà als Bischof im Gespräch mit jungen Leuten.

Katholische Kirche Spanien

Bischof in Spanien brennt durch: Triumph der Liebe oder des Teufels?

  • Marco Schicker
    VonMarco Schicker
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Der Bischof von Solsona, Xavier Novell i Gomà, war in Spanien bekannt als katholischer Hardliner, als homophober, frauenfeindlicher Exorzist. Ende August kündigte der einst jüngste Bischof Spaniens beim Papst und brannte mit einer Schriftstellerin von satanisch-erotischen Erzählungen durch. Sein Nachfolger: Casanova.

Madrid - „Ich habe mich verliebt und will die Sachen richtig machen", zitiert das Fachportal „Religión Digital“ den 52-jährigen Xavier Novell Gomà und mutmaßt, dass der gelernte Agraringenieur vom Bischofs- möglicherweise auf den Traktorensitz umsatteln könnte. Am 23. August nahm der Papst in Rom Novells Rücktrittsgesuch als Bischof von Solsona (Provinz Lérida in Katalonien) an. Seitdem rumort es in den Chorgestühlen und schäumt es in den weltlichen Medien. Ein gefundenes Fressen freilich für Voyeure. Eine menschliche Tragödie. Doch war es das "Opfer" selbst, das einst als Täter laut auf den Kanzeln reines Wasser predigte, dabei im Trüben fischte und bald dem Wein und noch Hochprozentigerem verfiel.

Jüngster Bischof Spaniens: "Medienpriester" Novell führte Teufelsaustreibungen durch und hielt Homosexuelle für krank

Xavier Novell Gomá war einst der Shooting-Star des spanischen Katholizismus, als er 2010 vom Papst Benedikt XVI. mit gerade 41 Jahren zum jüngsten Bischof der spanischen Kongregation (47 Bistümer) ernannt wurde. In seinem Bistum Solsona in der katalanischen Provinz Lérida, das König Felipe II. im 16. Jahrhundert als Bollwerk gegen die aus Frankreich hereinvagabundierenden Hugenotten (Protestanten!) gründete, wachte er streng über die Gläubigen und 174 Kirchen.

Novell war aktiver Exorzist, radikaler Gegner von Kondomen, Abtreibung und Sterbehilfe, homophober Befürworter von Konversionstherapien und - katalanischer Separatist. Er predigte, dass die Benutzung des Kondoms "den Liebesakt für das Leben verschließt und es gegen Geschlechtskrankheiten andere Mittel" gebe, er nahm und gab Kurse für sogenannte Konversionstherapien, mit denen Homosexuelle von ihrem "Leiden" erlöst werden sollten, denn weite Teile der katholischen Kirche auch in Spanien sehen Homosexualität und jede vom Mann-Frau-Konzept abweichende Sexualität noch immer als Krankheit. Er nahm Teufelsaustreibungen vor, der Exorzismus ist ein vom Vatikan noch immer als legitim genehmigtes Verfahren und entzieht sich jeglicher Kontrolle, mit sämtlichen Konsequenzen für die "Patienten". Abtreibung war für ihn "der Genozid des 21. Jahrhunderts", Fremdgehen "ein krimineller Akt", wie er in etlichen Interviews kundtat.

Für den jungen Bischof war "Schwulsein" die Folge des "Fehlens einer starken Vaterfigur", dessen Ursache wiederum in der "übertriebenen, fehlgeleiteten Gleichberechtigung der Frau" zu suchen wäre. Selbstredend wandte er sich - vor allem vor seiner Bischofsweihe - in scharfen Worten gegen Abtreibung unter jedweden Umständen und auch gegen Sterbehilfe, Frauen im Priesteramt, die Sakramente für Geschiedene, als "gegen Gott" gewandt. Novell war ein Medien-Priester, in TV- und Radiosendungen, auf Volksfesten, Podiumsdiskussionen omnipräsent. Einige Orte erklärten ihn wegen seiner "Hetze" zur "persona non grata" und selbst Priesterkollegen kritisierten ihn (in "El País") als "zu intolerant".

Vom Paulus zum Saulus: Spanischer Bischof brennt mit Autorin satanischer Literatur durch

Dass ein katholischer Priester hinschmeißt, seinen Pakt mit Gott und Kirche, seine himmlische Sendung aufgibt, um sich irdischen Freuden zu widmen und mithin in Sünde zu leben, das kommt vor. Selbst in Spanien. Die Kirche spricht nicht gern darüber, aber muss es, ihrer weltlichen Macht heute doch ein wenig beschnitten, geschehen lassen. Der eine mag seine Homosexualität nicht mehr unterdrücken, den anderen holte der Teufel in Form einer Frau, der dritte tobt sich an Kindern aus, was in der heutigen religionsfeindlichen Welt offenbar nicht mehr gewollt ist, ein vierter züchtet fortan lieber Rosen, ein fünfter wird Autohändler, Extremsportler oder Buddhist. Die Festen des Katholizismus, für die die aufgezählten Sünden im Grunde gleichwertig sind, weil es der Kirche nur um die Entfernung von Gott, nicht um das Transportmittel oder die Kollateralschäden geht, überlebte schon größere Beben. Saulus-Paulus, das geht in beide Richtungen.

Wenn aber ein Bischof, der zuvor als außerordentlich strebsamer Diener Gottes galt, der sich von den Gottlosen gar als Katholiban verspotten lassen musste, nicht nur die Seiten wechselt, sondern direkt vom Teufelsaustreiber sozusagen zum Teufelsanbeter konvertiert und einer "Hexe" (geschieden, zwei Kinder und Literatin) verfällt, dann lässt sich das nur schwer unter dem weiten, befleckten Mantel kirchlichen Schweigens halten. "Strikte persönliche Gründe", so lautet die offizielle Verlautbarung der Bischofskonferenz zum Rücktritt des Abtrünnigen, den der Papst am 23. August annahm. Eine Untertreibung, würdig der alten Sowjetunion oder Nordkoreas.

Ein Bischof in Spanien schmeißt hin: Die Menschen zeigen mehr Verständnis als die Kirche - Linke Gruppen haben Schuld

Dabei waren die Reaktionen in den Medien, vor allem auch den Sozialen Medien nicht nur voller Spott und Häme, sondern oft auch voller Verständnis, ja Mitleid. Vor allem als sie erfuhren, dass Novell nach eigenen Angaben zuvor "nie eine Freundin hatte, allerdings verschafften mir einige Frauen in jungen Jahren einige innere Unruhe". Nicht wenigen ging so auch ein Licht auf, verbunden mit der Frage, wie weltfern und verbohrt die Kirche eigentlich immer noch sei, um ihren Mitarbeitern selbst im mittleren Management derartige Dimensionen von gegen die Natur des Menschen, mithin unmenschliche Selbstverleugngung und -aufgabe abzuverlangen.

Es stellte sich auch die Frage, ob die einstige Radikalität des Xavier Novell Gomá, dessen Ansichten sich von jenen der Taliban tatsächlich nur in der Schriftart unterschieden, nicht eine klassische Ersatzhandlung und Überkompensation und somit klare Symptome einer psychiatrischen Pathologie darstellten? Und wenn ein derart "wundersamer" Bischof durch das Prüfraster der Kirche fallen kann, wie muss es dann erst auf der Ebene darunter aussehen? Es gibt ein Wort dafür, das die Kirche selbst erfand: Bigotterie.

Bischofsrücktritt in Spanien - Ein Sieg der Liebe: Das hätte Jesus gefallen, der Kirche gefällt es nicht

Kurz: Der eigentlich rein arbeitsrechtliche Fall Novell ist für die Mehrheit der Spanier ein amüsanter, aber nachvollziehbarer Schwank mitten aus dem Leben, sie machen sich viel mehr Sorgen um die Erwählte, denn wer weiß, welche überraschenden Wandlungen der komplexe Charakter des Ex-Bischofs noch bereithält. Für Atheisten ist Novell eine logische Folge von religiösem Fanatismus und eine weitere, satirisch ausgeschmückte Widerlegung der Gottesidee, ein Sieg und Beweis des Menschlichen. "Die Wahrheit wird euch frei machen". Das sagte Jesus einst seinen Juden, es gilt aber für alle.

Novell im einfachen Priesterornat: Als „Medienpriester“ war er omnipräsent.

Dass die Liebe siegt, das hätte Jesus gefallen, denn sie ist doch das zentrale Element seines Weges, der uns Vorbild sein soll. Aber für die Kirche ist Novell der Beweis für die Existenz des Teufels und seines Wirkens auf Erden und damit ein Argument, nur umso inniger dem Wort Gottes - oder was die Kirche dafür ausgibt - Folge zu leisten. "Man muss doch vielmehr fragen, wer diese Frau eigentlich ist?" äußerte im Kirchenkanal Trece (13!) ein Kirchenmann mit dem Glühen des Scheiterhaufens in den Augen - Natürlich: Und ewig lockt das Weib! - und ergänzte, dass es wohl der "Druck linker Gruppen und LGTBI-Vereine war, dem der Mann mental nicht mehr gewachsen" gewesen sein könnte. Man könnte ihm auch einfach Glück wünschen. Aber Glück ist im katholischen Wertekanon erst nach dem irdischen Leben vorgesehen.

Juan José Omella, Erzbischof von Barcelona, hat sich ob des Abgangs Novells "im Gebet und im Leiden mit den Gläubigen vereinigt", ein anderer Bischof bittet, man möge aus der Sache keine "peinliche Geschichte" machen. Etwas spät dafür, vielleicht. Die Welt der Katholischen Kirche in Spanien in ihrem ewigen Kreuzzug scheint so weltfremd wie eh und je, also intakt. Und sie schweigt. Papst Franziskus hat das Rücktrittsgesuch seines Bischofs Novell kommentarlos angenommen und einen apostolischen Verwalter für den Übergang eingesetzt. Sein Name: Romà Casanova i Casanova. Keine Pointe.

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