Eine Gruppe Chinesen, die in eine Tram einsteigt.
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Asiatische Mitbürger gehören in Spanien seit vielen Jahren zum Alltagsbild.

Zwischen zwei Kulturen

Chinesen in Spanien: Im Herzen Spanier, aber mit asiatischen Traditionen

  • Andrea Beckmann
    vonAndrea Beckmann
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Haben Sie schon einmal etwas von den Chiñoles gehört? Der Begriff setzt sich aus „chinos“ und „españoles“ zusammen und charakterisiert Chinesen, die hierzulande geboren wurden oder die als Kind nach Spanien kamen. Drei Chiñoles haben Einblicke in ihr Leben gewährt.

Dénia - Mühelos wechselt Felipe aus Dénia an der Costa Blanca zwischen Castellano und Valenciano hin und her. „Kein Problem“, sagt der 24-Jährige und grinst. Dabei werden seine Augen noch ein wenig schmaler, als sie ohnehin schon sind. Felipe ist Chinese und heißt eigentlich Xiang Fu Huang. „Den Namen würde aber kein Europäer aussprechen und sich auch nicht merken können“, meint der in Spanien geborene Asiate. Und während er im Restaurant seiner Familie den Weinvorrat überprüft, fährt er fort: „Den Namen Felipe habe ich dem König von Spanien zu verdanken.“ Xiang Fu macht eine kurze Pause und sagt: „Meine Brüder heißen übrigens Raúl (Xiang De) nach dem Ex-Fußballspieler von Real Madrid, und Roberto (Xiang Gui) nach dem brasilianischen Sänger Roberto Carlos.“ Er lacht, als er feststellt: „Unser Vater hat sich bei der Wahl unserer spanischen Namen nicht unnötig den Kopf zerbrochen, sondern die von Prominenten gewählt, die ihm gefielen.“

Dénia Stadt in Spanien
Autonome RegionValencia
ProvinzAlicante
LandkreisMarina Alta
Fläche66,18 km2
Bewohner42.827 (2020)

Felipe wurde in Villajoyosas Kreiskrankenhaus geboren und wuchs zunächst in Albir auf. Dorthin waren sein Vater und Großvater, die aus Wenzhou in der Provinz Zhejiang stammen (80 Prozent der in Spanien lebenden Chinesen sind von dort), Mitte der 1980er Jahre ausgewandert. „Meine Familie stammt aus einer armen Region in den Bergen und kam auf der Suche nach einem besseren Leben nach Spanien“, erzählt er. Sein Großvater habe anfänglich als Angestellter in einem Chinarestaurant gearbeitet. „Sobald sich ihm die Chance bot, eröffnete er sein eigenes Lokal in Albir“, fährt er fort. Das Startkapital liehen ihm Familienangehörige. „Chinesen helfen sich gegenseitig bei der Existenzgründung“, erklärt Felipe. „Wir versuchen, ohne Bankkredite auszukommen. In unserer Kultur ist es Ehrensache, dass man sich innerhalb der Familie hilft.“

Chinesen in Spanien: Seit den 1980er Jahren zieht es viele von ihnen nach Spanien

Auch sein Vater, der mit 17 Jahren nach Spanien gekommen war, habe sich schon wenige Jahre später selbständig gemacht. „Er sah in Dénia eine gute Chance, ein Lokal zu eröffnen“, berichtet Felipe. „Hier waren zu der Zeit erst zwei oder drei chinesische Familien ansässig.“ Felipe gehört zur Generation der „Chiñoles“ – den jungen Chinesen, die hier eingeschult wurden und die sowohl durch ihre asiatischen Wurzeln als auch durch die spanische Kultur geprägt sind.

Der 24-Jährige, der gleichermaßen auf den Namen Xiang Fu wie auf Felipe reagiert, beantwortet die Frage, ob er sich denn als Chinese oder Spanier fühlt, so: „Ich denke, dass es mich sehr geprägt hat, in Spanien geboren und hier aufgewachsen zu sein. Vom Herzen bin ich wohl mehr Spanier als Chinese, aber ich glaube, dass ich von meinem Verhalten her doch eher als Chinese durchgehe.“ Eine mehrjährige Beziehung zu einer Spanierin sei wahrscheinlich daran gescheitert. „Da passte auf Dauer die unterschiedliche Lebensauffassung nicht. Meine damalige Freundin wollte immer Party machen und ich arbeite jeden Tag zehn Stunden. Mir macht das nichts aus, aber viel Zeit für Freizeitunternehmungen bleiben da nicht und das wurde mit der Zeit zu einem Problem.“

Felipes Entscheidung steht fest: Er möchte keine Europäerin mehr als Partnerin. „Die Frau, mit der ich eine Zukunft plane, soll Chinesin sein“, sagt er überzeugt. „Damit will ich nicht sagen, dass eine Europäerin schlechter für mich wäre. Aber ich denke, eine Chinesin passt besser zu mir, denn sie kennt unsere Traditionen, ihr muss ich nichts erklären. Wir legen in China sehr viel Wert auf Familienverbundenheit. Haushalte, in denen mehrere Generationen unter einem Dach zusammenleben, sind bei uns ganz normal und üblich.“ Er wolle die Traditionen Chinas leben.

Susana bringt Fulltime-Job und Kindererziehung gut unter einen Hut.

Nicht vorstellen kann sich der 24-Jährige allerdings, in China zu leben. „Ich würde mich dort nicht zurechtfinden“, befürchtet er. „Auf alle Fälle möchte ich in Europa bleiben und hier alt werden.“ Es fehle ihm an nichts und er vermisse demzufolge auch nichts von China.“ Felipe lacht: „Ich sorge sowohl in Spanien als auch in China für Verwirrung. Hier, wenn ich akzentfrei Spanisch spreche und in China wegen meines spanischen Akzents, der gar nicht zu meinem Aussehen passt.“ Spanisch ginge ihm wie selbstverständlich über die Lippen. Bei Hochchinesisch sei das anders. „Wenn ich Mandarin rede, muss ich sehr viel nachdenken“, sagt der Chinese. „Da fehlt mir die Sicherheit, die ich in der spanischen Sprache oder in dem Dialekt habe, den meine Eltern sprechen.“ Mandarin beherrscht Felipe erst seit ein paar Jahren. Als er 18 Jahre alt war, schickten ihn seine Eltern dafür extra ein Jahr nach China, damit er die offizielle Landessprache lernen konnte. Bei im Ausland lebenden Chinesen eine Tradition. Eltern legen großen Wert darauf, dass ihre Kinder Hochchinesisch beherrschen.

Chinesen in Spanien: Über Generationen hat sie ihre Unternehmerkultur geprägt

In Spanien sind etwa 200.000 Chinesen gemeldet, wobei die offiziellen Informationen etwas auseinander gehen. Wenn etwas die Chinesen charakterisiert, dann ist es ihre Unternehmerkultur, die sie über Generationen hinweg geprägt hat. Die Generation der „Chiñoles“ ist zwischen 20 und 45 Jahre alt und mehrsprachig aufgewachsen. Mehr als die Hälfte ist selbständig, hat ein Gewerbe angemeldet und stellt Arbeitsplätze zur Verfügung. So sind in der Regel 50 Prozent der Angestellten in chinesischen Unternehmen Spanier. Fast 400.000 Chinesen kehren jährlich ihrem Heimatland den Rücken, um irgendwo im Ausland zu studieren. In Spanien stellen sie inzwischen den Hauptanteil der außereuropäischen Studenten dar. Beliebt ist Spanien bei chinesischen Studenten insbesondere wegen der Sprache, die ihnen nach Abschluss des Studiums den Berufsstart in lateinamerikanischen Ländern erleichtert.

Dies geht aus einer Studie der Bank La Caixa hervor, die außerdem besagt, dass sich die neue Generation der Chinesen ohne Wenn und Aber in der spanischen Gesellschaft integriert. So hätten mehr als 78 Prozent von 7.000 befragten Chinesen in Madrid und Barcelona angegeben, dass sie überhaupt keine Probleme damit hätten, sich in der spanischen Gesellschaft zurechtzufinden.

Die ersten Chinesen kamen bereits Anfang des 20. Jahrhunderts nach Spanien. Zum Teil handelte es sich um Kinder reicher Familien, die in Madrid oder Barcelona studierten, aber auch um ehemalige chinesische Soldaten, die im 1. Weltkrieg von Frankreich aus der Region Uzheijang rekrutiert worden waren und sich nach Kriegsende von Frankreich Richtung Spanien aufmachten, um sich hier als fliegende Händler durchzuschlagen. Jahrzehntelange Turbulenzen und Kriege in China ab den 1920er Jahren, gefolgt von der langen Isolation Chinas unter Mao hinderte die damals in Spanien lebenden Chinesen über Jahrzehnte an einer Rückkehr in die Heimat. Sie eröffneten Restaurants in Madrid, Barcelona, Málaga und auf den Kanaren. Zu ihnen gesellten sich in den späten 1950er und 1960er Jahren Taiwan-Chinesen, die ebenfalls zunächst Restaurants und später Handelsgeschäfte gründeten.

Xiang Fu Huang hat seinen spanischen Namen König Felipe zu verdanken.

Auswanderungsfreudiges Volk: Chinesen bilden in Spanien nach Marokkanern die zweitgrößte ausländische Gemeinde

Als sich China nach dem Tod Maos Anfang der 1980er Jahre öffnete, flogen viele in Spanien und anderen europäischen Ländern lebende Chinesen in ihre Heimat und rekrutierten dort aus dem Familien- und Bekanntenkreis Nachwuchs für ihre Restaurants in Europa. Der Boom der chinesischen Einwanderer setzte in Spanien zwischen 1995 und 2000 ein. In dieser Zeit stieg die Zahl der Chinesen von knapp 9.200 auf 28.700 Personen. Heute bilden die Chinesen hierzulande nach der marokkanischen Bevölkerung die zweitgrößte ausländische Gemeinde aus einem nichteuropäischen Land innerhalb Spaniens.

Joana (Lin Feng) war 15 Jahre alt, als sie mit ihrem Bruder und Vater nach Spanien kam, während ihre Mutter in China blieb. Fragt man Feng Lin nach ihrem Alter, kommt als Gegenfrage: „Mein spanisches oder chinesisches?“ Und sie klärt auf, dass in China auch die Schwangerschaft zum Alter mitgezählt wird und sie deshalb in Spanien 27 und in ihrem Heimatland schon 28 Jahre alt sei. Die Chinesin lebt mit ihrem chinesischen Mann Yong, ihren drei- und fünfjährigen Töchtern Jessica (Nuoyan) und Erica (Yunxi) sowie ihrem zwei Jahre jüngeren Bruder Pepe (Beibei) unter einem Dach.

Joana hat sich sehr gut integriert. Ein Jahr ging sie in Spanien auf die weiterführende Schule, dann begann sie, in dem Betrieb ihres Vaters zu arbeiten, der inzwischen wieder in China ist. Auf die Gabe der Chinesen, sich sehr erfolgreich als Unternehmer zu behaupten angesprochen, erklärt die quirlige junge Frau: „Wir Chinesen sind fast alle sehr gut in Mathematik. In unserem Heimatland sind Erziehung und Schulausbildung sehr streng.“ Sie sei deshalb sehr froh, dass ihre Kinder in Spanien aufwachsen können. „Hier dürfen sie noch Kinder sein und müssen sich nicht diesem enormen Lerndruck meines Heimatlandes beugen. Sie sind schließlich keine Maschinen.“ Die junge Mutter bekräftigt, sie wolle ihren Töchtern einmal die Möglichkeit geben zu studieren und den Beruf ihrer Wahl zu ergreifen. Sie werde nicht von ihnen verlangen, dass sie den Familienbetrieb weiterführen. „Meine Kinder werden später auch einmal frei entscheiden können, ob sie die spanische Staatsangehörigkeit annehmen und in Spanien oder in einem anderen europäischen Land sesshaft werden wollen.“

Joana, die von der chinesischen Insel Langqi stammt, sagt, sie habe einen großen Bekanntenkreis. „In Dénia kenne ich fast jeden chinesischen Einwohner“, scherzt die Chinesin. Aber auch andere Nationalitäten wie Spanier, Holländer und Deutsche zählten zu ihrem Bekanntenkreis. Lange muss sie nicht überlegen, wenn man sie fragt, was sie an Spanien besonders mag. „Ich bin ganz versessen auf Paella“, sagt Feng Lin und lacht. „Und natürlich auf chorizo (spanische Paprikawurst), Allioli, Serrano-Schinken und Patatas Bravas (scharfe Kartoffeln).“ Ihre Augen leuchten als sie schwärmerisch sagt: „Ich liebe die Sonne Spaniens und gehe sehr gerne an den Strand.“ Sie schaffe sich so oft es geht Freiräume, denn Arbeit sei nicht alles, was im Leben zählt.

Arbeit bedeutet Gesundheit, besagt ein chinesisches Sprichwort, das auch für viele Chinesen in Spanien Gültigkeit besitzt

Das sieht ihre Landsmännin Susana (Xiao Xia Zhuo) anders. Obwohl die 40-Jährige drei Kinder im Alter von vier, 13 und 14 Jahren hat, steht sie seit mehr als 20 Jahren mit ungeschmälerter Leidenschaft ihre Frau im Familienrestaurant, das sie mit ihrem chinesischen Ehemann betreibt. „Mein chinesischer Name bedeutet Sonnenaufgang“, erzählt sie. „Auf Spanisch hieße ich also Alba. Aber dieser Name gefällt mir nicht. Deshalb habe ich den Namen Susana angenommen.“

Anfangs sei es für sie in Spanien sehr schwer gewesen, erinnert sich die Chinesin. „Ich war 13, meine Schwester Ángela 15 Jahre alt, als wir unser Leben in Wenshou (bei Shanghai) zurückließen. Wir verstanden kein Wort Spanisch und waren die ersten Chinesinnen in unserer Schulklasse.“ Dass sie sich nicht verständigen konnte, habe ihr damals gar nicht gefallen. Und so sei sie morgens mit ihrer Schwester anstatt in die Schule an den Strand zum Spielen gegangen. „Natürlich haben unsere Eltern das mitbekommen und es gab mächtig Ärger“, erinnert sich Susana. Zum Glück habe sie sich sehr schnell eingewöhnt. „Nach einem Jahr fand ich es hier richtig gut“, sagt sie. Mit ihrer offenen und zuvorkommenden Art schloss sie sehr schnell Freundschaften. „Ich kann mich erinnern, wie stolz ich war, als ich schon bald zu Geburtstagsfeiern zu meinen spanischen Freundinnen nach Hause eingeladen wurde.“

Ihre Eltern hätten ihr die Möglichkeit eingeräumt, zu studieren. „Sie hätten es gerne gesehen, wenn ich Jura oder Medizin studiert hätte.“ Sie habe sich aber für das Restaurant ihrer Eltern entschieden. Die hätten sich inzwischen weitgehend aus dem Arbeitsleben zurückgezogen, während ihr Mann in der Küche das Sagen habe und sie für die Bedienung der Gäste zuständig sei.

Susana hat es nicht bereut, sich für das Gastgewerbe entschieden zu haben. „Mir war es immer sehr wichtig zu arbeiten, damit ich meine Wohnung abbezahlen und mir etwas leisten kann“, sagt sie. „Es macht mir nichts aus, zehn Stunden am Tag im Restaurant zu sein.“ Sie lacht, als sie fortfährt: „Es ist doch kein Problem, ein Tablett mit Tellern durch die Gegend zu tragen. Das wiegt doch kaum etwas.“ Für sie sei das Restaurant wie ihr Zuhause, in dem sie Gäste empfange. „Ich beschwere mich nie“, versichert die Wirtin. Im Gegenteil. Es freut mich, dass ich die Leute bedienen darf. Ich bin ein sehr sozialer Mensch und kommunikativ. In China sagt man, Arbeit bedeutet Gesundheit.“

Ihre Schwester habe keine typisch chinesische Einstellung. „Sie hat einen Spanier geheiratet, mit dem sie ein Geschäft betreibt. Ihr ist es wichtig, sonntags nicht zu arbeiten.“ Sie und ihre Schwester seien sehr verschieden. „Ich nehme die Arbeit sehr ernst und bin überzeugt, dass ich deshalb besser mit einem chinesischen Mann harmoniere.“ Die Eigenschaft des unermüdlichen Arbeitens lerne man in China über Generationen hinweg. „Meine Großmutter hat früher jeden Tag zwölf bis 14 Stunden gearbeitet und nebenbei sieben Kinder erzogen.“ Susana lacht laut und sagt: „Den spanischen Mann hätte ich gerne, wenn ich in Rente gehe. Dann möchte ich romantische Reisen nach Paris und Venedig machen und dafür sind chinesische Männer nicht geeignet. Die verbringen ihre Freizeit lieber im Spielkasino.“

Am Ende des Gesprächs überrascht Susana damit, indem sie sagt, sie wolle später wieder nach China zurückkehren. Die Asiatin gerät ins Schwärmen. „In meinem Heimatland gibt es so schöne Landschaften. Es ist so grün da und es gibt so viele verschiedene Früchte.“

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