An einem bunten Kleid sind Lutscher aufgesteckt.
+
Chupa Chups aus Spanien: Produkt von Welt, hier auf Kleid von Maya Hansen.

Spanischer Kult-Lutscher

Chupa Chups aus Spanien: Einziges Produkt der Welt mit Logo von Salvador Dalí

  • Stefan Wieczorek
    VonStefan Wieczorek
    schließen

Spaniens Lutscher ist ein weltweites Kult-Produkt. Warum eigentlich? Wegen des schlauen Erfinders Enric Bernat und wegen der engen Beziehung zu Spaniens Kultur-Szene. Die süß-bittere Geschichte des Bonbons am Stiel - mit Tipps, wie man einen Chupa Chups überhaupt aufbekommt.

Piloña - Ob das Feuer, das Rad oder der Fußball. Alle großen Ideen des Menschen waren gar nicht so komplex. Nötig war nur der entscheidende Schritt eines unruhigen Erfindergeistes, der eins und eins zusammenzählte und etwas schaffte, das die Welt gerade brauchte. Ein solcher Geist, der des Katalanen Enric Bernat, wurde vom folgenden Problem gequält: die klebrigen Hände von Kindern, wenn sie viel zu große Bonbons aßen. Die Lösung, die er fand, führte zur Erfindung des Lutschers Chupa Chups, eines Kult-Produktes aus Spanien, das zudem das einzige der Welt ist, das das Logo eines Salvador Dalí vorzuweisen hat.

Chupa Chupsspanischer Süßwarenhersteller
Gründer: Enric Bernat
CEO: Xavier Bernat (1991–)
Hauptsitz: Sant Esteve Sesrovires
Dachorganisation: Perfetti Van Melle

Chupa Chups aus Spanien: Kult-Produkt mit Logo von Salvador Dalí

Ja, kein Witz. Salvador Dalí, der große Surrealist aus Spanien, malte das auf der ganzen Welt bekannte knallige Gänseblümchen von Chupa Chups. Doch fangen wir vorne an. Bei dem Problem, das Enric Bernat plagte: Die Kinder mit den klebrigen Händen, wegen der viel zu großen Süßigkeiten. Statt auf „Was hast du denn für Probleme?“-Blicke zu achten, formte der Erfinder kleine Zuckerkugeln in Optimalgröße für den Kindermund und steckte sie auf Holzstäbchen. Fertig war das Produkt, der Lutscher, den Bernat im WM-Jahr 1958 zunächst nicht Chupa Chups, sondern Gol taufte.

Erdbeere, Zitrone, Orange, Cola und Minze waren vor 60 Jahren die ersten Sorten der aufgespießten Süßigkeit, mit der Erfinder Bernat eine pleitegegangene Marmeladenfabrik in Asturien flott machen wollte. Da kein Investor an den Erfolg glaubte, finanzierte der Unternehmer aus Spanien seine Vision durch einen innovativen Selbstvertrieb mittels einer Handelsgesellschaft – und sicherte sich alle Patente für seinen Lutscher, den späteren Chupa Chups. Für den Lolli setzte er eine Peseta als Preis fest – ein horrender Betrag für die damalige Zeit.

Aber der Wucher war auch Strategie: Denn so verlieh Enric Bernat seinem Leckerli die Wirkung eines vermeintlichen Qualitätsproduktes, das er auch später mit mancher „Guerilla-Methode“, wie man heute sagen würde, in die Läden gebracht haben soll. Demnach ließ Bernat Pesetas vor Grundschulen an Kinder verteilen und diese in Geschäften nach dem Lutscher fragen, der so nach und nach an jeder Ladenkasse in Spanien erschien. Damals freilich noch ohne das Gänseblümchen-Logo von Salvador Dalí.

Aus dem Lutscher Gol wurde vor 60 Jahren Chupa Chups

In Sachen Cleverness machte Enric Bernat keiner etwas vor. Der erste, der auf das Bonbon am Stiel kam, wie es die Chupa-Chups-Chronik behauptet, war der Katalane jedoch nicht. 1908 erfand die Variante bereits ein US-Amerikaner namens George Smith, und auch schon der Adel des Mittelalters steckte in Honig kandiertes Süßes auf Stäbe, übrigens ähnlich wie auch schon die alten Ägypter, Araber oder Chinesen. Doch muss 1958 ein besonderes Jahr für den Lolli gewesen sein, nicht nur weil der Song „Lollipop“ die Charts stürmte.

Chupa Chups aus Spanien: An fast jeder Ladenkasse zu finden, in vielen Ländern der Welt.

Die süße, bunte Kugel war offenbar das, was die Zeit gerade brauchte. Keine 15 Jahre zurück lag der Weltkrieg, keine 20 in Spanien der Bürgerkrieg. Spürbar waren noch die tragischen Folgen, ob in den Köpfen oder in den Städten, als wieder dunkle Wolken aufzogen, in Form des Kalten Krieges und der atomaren Bedrohung.

„Ein Gol würde der Welt gut tun“, hätte ein Sportreporter in jenen Zeiten kommentieren können. Dass der Produktname Gol abseits des WM-Jahres jedoch nicht ganz zog, bemerkte die Marketingabteilung im Laufe des Jahres 1960. Aus Gol wurde also vor 60 Jahren Chupa Chups, von chupar, lutschen, zu dem ein Werbelied den Vornamen „Chupa“ beitrug. „Obtén algo dulce para chupar, chupar, chupar como un Chups“ (Erhalte etwas Süßes zum Lutschen, Lutschen, Lutschen wie ein Chups) trällerte 1963 das Radio, und die Käufer munter mit.

Der neue Name des Lutschers schlug voll ein. Sogleich setzte die flotte Firma auch bei Geschmäckern auf die Kundenmeinung. So kamen Kombi-Sorten wie Sahne-Erdbeere oder Schoko-Vanille von Chupa Chups heraus. Um Milch bei deren Herstellung zu verwenden, war neue Maschinerie notwendig, die wiederum die Massenherstellung möglich machte. 1967 war der von Hand gemachte Lolli nämlich ausgelutscht.

Chupa Chups wird zum Kult: Was noch fehlte, war ein Logo

Mit modernsten Geräten produzierte das neue Werk 3.000 Stück am Tag und steckte die Chupa Chups nicht mehr auf Holz-, sondern auf als sicherer und sauberer empfundene Stiele aus Plastik. Eine Filiale entstand im französischen Perpignan. Der Lolli war bereit für die Welt. Von Weltformat war längst das Marketing des Kult-Produkts. Ältere Spanier erinnern sich an Aktionen wie die Flotte von Seat 600, die mit Chupa Chups dekoriert durch Spanien tourte. 1968 kassierte der Lutscher in Cannes für die beste Werbung den ersten Preis. Was noch fehlte, war ein Logo, das höchsten Ansprüchen genügte. Da kam Salvador Dalí ins Spiel.

Spaniens exzentrischer Surrealist war nämlich gut mit Enric Bernat befreundet. Der Erfinder überredete Salvador Dalí, das Logo für sein Kult-Projekt herzustellen. Im Handumdrehen, so die Überlieferung, kritzelte der katalanische Künstler ein Gänseblümchen auf eine Serviette – und kassierte dafür Millionen. Doch die Spesen lohnten sich für Chupa Chups. Das Blümlein mit dem Mix aus Frühling, Unschuld und Pep wurde zum weltbekannten Emblem.

In Salvador Dalís Blume erschien 1977 asiatische Schrift, als Chupa Chups bis Japan vordrang. Eine Filiale regelte damals bereits den Vertrieb in den USA. 1990 leckten 164 Länder die surreale Zuckerkugel. Längst zierte ihr Logo nicht nur den Kult-Lutscher aus Spanien, sondern auch Poster, Shirts oder Spielzeug wie den Windball, ein mit Hello-Kitty-Figur versehenes Körbchen, das 1986 eine Kugel zum Schweben brachte.

Kein Wunder, dass Erfinder Enric Bernat, der König darin war, eins und eins zusammenzuzählen, auch zum Vorreiter des Co-Brandings wurde - also der gemixten Vermarktung verschiedener Produkte. Der King of Pop, Michael Jackson, verkuppelte den Lutscher mit der Musik, als er 1988 von Chupa Chups gesponsort in Barcelona sang. Als sexy Attribut steckten ihn in den 90ern die Spice Girls in den Mund – mit Klischees, die freilich schon im „Lollipop“-Lied der 50er steckten.

Lutscher im All: 2003 starb Erfinder Bernat - und mit ihm die Seele von Chupa Chups?

Coolness bewies der Schleckstängel als TV-Star, zu dem er in den 70er Jahren wurde: Dank Telly Savalas, der als Ermittler Kojak lieber zum Zucker als zur Zigarette griff. Diese verborgene Tugend, eine Alternative für Raucher, nahm Chupa Chups als Werbestrategie auf. Das Bonbon am Stiel bewies perfektes Timing, als sich die Einstellung zum Rauchen änderte, Ärzte nicht mehr in Prospekten mit Zigarette in der Hand posierten, sondern energisch vor ihren Risiken warnten. Dass Zucker schädlich ist, erkannte Kojak übrigens in den späteren Folgen der Serie. Eine Zahnbehandlung zwang ihn, das Markenzeichen abzulegen.

Kult-Produkt Chupa Chups: In den 60ern machte die Seat-Kampagne Schlagzeilen.

Eine zuckerfreie Sorte brachte Chupa Chups erst 1988 auf den Markt. Lustigerweise nicht in Spanien, wo Süßigkeiten ohne Zucker das Gesetz verbot. Nicht aus dem Grund hob 1995 der Lolli sogar in den Weltraum ab. Raumstation Mir hatte eine Kiste zur Umrundung der Erde bestellt. Der erste Lutscher im All hielt 2000 in die Wissenschaft Einzug, als Forscher in der Antarktis ein Meerestier wegen der Form „Chupa Chups“ nannten.

2003 starb Enric Bernat, und mit ihm für viele die Seele von Chupa Chups, das sich noch heute als „Familienunternehmen“ bezeichnet. Der Gründer war es, der sich, trotz schmackhafter Angebote, immer gewehrt hatte, das Werk in Piloña in Asturien zu schließen. Wo Chupa Chups geboren wurde, müsse es für immer produziert werden, meinte der Wahl-Asturier. Doch Verluste zur Jahrtausendwende durchkreuzten den idealistischen Plan.

2002 verkaufte Bernat als Notmaßnahme die von Antoni Gaudí gebaute Casa Batlló in Barcelona, die er einst erstanden hatte, und kurbelte die Vermarktung von Artikeln mit dem Chupa-Chups-Logo von Salvador Dalí an. Doch 2004 – Bernat war gestorben, der Euro gegenüber dem Dollar gefallen – stürzte Chupa Chups um elf Prozent ab und schloss die Filiale in den USA.

Verkauf von Chupa Chups: Salvador Dalís Blümchen in Flammen

Vermutlich hatte sich der Firmengründer selbst bereits verschätzt, als er nach dem durchschlagenden internationalen Erfolg stark in die Produktion im Ausland investierte. Die Fabriken, die Enric Bernat in Russland, China, Indien, Brasilien und Mexiko installierte, stellten sich für das Unternehmen als zu große Belastung heraus. Bernats ältester Sohn Xavier sah sich 2006 zum Verkauf der Firma gezwungen. Die italienisch-niederländische Gruppe Perfetti Van Melle, die mit Chupa Chups beim Vertrieb in Deutschland kooperiert hatte, bot 400 Millionen Euro und verpflichtete sich, die Produktion in Spanien nicht einzustellen.

Der Kult-Lutscher aus Spanien war verkauft. Kurz ging es mit Chupa Chups bergauf, das Anfang 2006 in Spanien acht Millionen mehr Stücke verkaufte als im Jahr zuvor. Der Grund war freilich eine glückliche Fügung: das Anti-Tabak-Gesetz war in Spanien in Kraft getreten. Den Abwärtstrend konnte das aber nicht stoppen, zu dem sich bald die Weltwirtschaftskrise gesellte. Perfetti Van Melle baute um und setzte aufs neue Produktionszentrum im katalanischen Sant Esteve Sesrovires, das 2011 schließlich das alte Werk in Asturien ganz ablöste.

53 Jahre lang hatten im Dorf Piloña Generationen das süße Aushängeschild Spaniens produziert und die letzten Jahre vergeblich für den Verbleib der Fabrik gekämpft. Die Zahlen hatten jedoch mehr Wert als Ideale, und die Umsätze wurden immer schwächer. 2010 betrugen sie 69 Prozent weniger als 2002. Am 21. Januar 2011 machte das Werk, in dem die ersten Chupa Chups entstanden waren, zu. Unter Wut und Tränen verließen die knapp 100 Arbeiter zum letzten Mal die Fabrik, die heute nur noch eine Ruine ist.

Chupa Chups aus Spanien: Süße Verlockung mit Schattenseiten - Fabrikschließungen und Umweltverschmutzung.

Unvergessen bleiben aber die Gesichter mit leeren Blicken, die Trauer und Wut, und auch die angezündete Arbeitskleidung, die schneeweiß, mit dem gelben Gänseblümchen von Salvador Dalí geschmückt, im Feuer verschwand.

„Dünn wie ein Chupa Chups“: Lutscher längst in Instagram-Welt angekommen

Aus Chupa-Chups-Sicht machte die Fabrik in Piloña nur ein kleines Häuflein aus. 2011 waren bereits 73 Prozent der Arbeitskräfte in Asien und neun Prozent in Amerika tätig. Perfetti Van Melle verfolgte das Geschehen von weitem, aus dem Sitz in der Schweiz, während die Bernats mit den Zuständigen von Zara oder der Bank March um die Spitzenplätze auf der spanischen Milliardärsliste von Forbes rangen.

Kein Wunder, dass die Bewohner des kleinen Dorfes im Norden Spaniens den Verkauf „ihrer“ Chupa Chups an Perfetti Van Melle bis heute als „traición“, Verrat, sehen, und nicht als „Aufgenommenwerden in eine noch größere Familie“, wie es der Konzern 2018 in seiner 60-Jahre-Chronik tat. Fest steht, dass die Übernahme eine Zäsur in der Geschichte des Kult-Lutschers aus Spanien war. Ob sie nur die erhofften wirtschaftlichen Vorteile brachte, bleibt aber offen.

Die anschließenden Jahre hatte Chupa Chups nämlich mit der Wirtschaftskrise und ständigen Verlusten zu kämpfen. Erst 2015 verzeichnete der Großkonzern nach Jahren des Absteigens ein Plus im Ertrag, obgleich auch da der Verkauf von 98 auf 91 Millionen fiel. 2016 stabilisierte sich immerhin dieser Wert. Doch muss der Lutscher weiterhin ein Defizit ausgleichen, das seit 2006 auf 120 Millionen Euro gewachsen ist.

Davon unberührt bleibt jedoch nach wie vor der Rang von Chupa Chups als Nummer eins unter den Dauerlutschern, von denen im Jahr vier Milliarden Stück in 170 Ländern verkauft werden, was dem Kult-Lutscher einen Umsatz von 500 Millionen Euro bringt. Nicht nur in spanischen Läden ist Chupa Chups mit einer ständig variierenden Anzahl und regionalen Vielfalt von Geschmäckern präsent. Auch hat der Lutscher längst die neuen Medien erobert. Bei Instagram warb ein 3D-Game für eine Sorte, und bei Twitter posteten Fans des spanischen Models Paula Echevarría, sie sei „dünn wie ein Chupa Chups“, worüber sie sich medienwirksam aufregte. Was Zufall sein kann, bei dem spanischen Lutscher aber, wie wir wissen, auch cleveres Co-Marketing.

Äußerlich wie geleckt: Ist Chupa Chups bereit für neue Aufgaben?

Ganz offiziell wirbt 2018 die Modefirma Macson für den Lolli, die Chupa Chups eine Kollektion für Herren widmete. Eine schrille Kluft für die Geburtstagsparty des bunten Lutschers entwarf auch Designerin Maya Hansen. Äußerlich wirkt der Lutscher mit der Blume heute also wie geleckt. Ob aber Bernats und Salvador Dalís Gänseblümchen-Garten in Zeiten, die von Plastik und Zucker zunehmend die Nase voll haben, weiter blühen wird, muss sich noch zeigen. Doch bekanntermaßen kann ein kleiner Einfall eines schlauen Geistes mit einer großen Erfindung genau den Zahn der Zeit treffen – und damit hat Chupa Chups 60 Jahre Erfahrung.

Tipps aus Spanien: Wie kriege ich einen Chupa Chups Lutscher auf?

Es ist nur ein Lolli, denkt man sich beim Lutschen des Chupa Chups, doch falsch gedacht. Knapp 15 Gramm wiegt die Kugel auf dem Stab nur, besteht aber zu 95 Prozent aus Zucker und birgt 50 Kalorien. Das Fehlen dieser Angaben auf der Hülle hat Diät-Beratern zufolge schon vielen die Strandfigur verdorben. Dabei waren es „nur ein paar Lollis“, wunderten sich die Geschädigten im Sommer. Doch der Chupa Chups birgt noch mehr Überraschungen und Mysterien. Warum der Stiel ein eckiges Loch unter der Kugel aufweist? Es handelt sich nicht etwa um eine Ersatz-Trillerpfeife für vergessliche Fußballschiedsrichter. Auch nicht um eine Absicherung gegen das Ersticken, falls man den Stab verschluckt, wie manchmal behauptet wird. Das Loch hat mit der Herstellung zu tun. Ist das Bonbon noch weich, schiebt es sich in das Loch, formt eine Art Haken, und bleibt fest am Stiel. Das größte Geheimnis ist aber, wie man den Chupa Chups ohne Probleme öffnet. In speziellen Foren streiten Hobbyspezialisten, ob man dafür am besten Fingernägel oder doch die Zähne verwenden muss. Bei Youtube gibt es in verschiedenen Sprachen mehr und weniger ernst gemeinte Tutorials. „costanachrichten.com“ versuchte die Technik, bei der das unten herausstehende Plastikstück mehrmals gedreht und rasch nach oben gezogen wird. Das hat mal besser, mal schlechter geklappt. Die komplexe Verpackung ist von Chupa Chups aus Hygienegründen übrigens gewollt.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare