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Tausende Bäume am Meer gefällt: Sorge um Kiefernwald an Spaniens Küste

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Von: Stefan Wieczorek

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In einem Waldgebiet liegen Reste gefällter Bäume.
Sorge um Kiefernwald an der Costa Blanca: Gefällte Bäume vor Büste von Ingenieur Mira in Guardamar. © Stefan Wieczorek

Die Abholzung des Waldes an den Dünen von Guardamar sorgt für viel Kritik. Ingenieure aus Alicante werfen dem Land Valencia heimliche Geschäfte vor. Umweltschützer jedoch sehen das Projekt als „unentbehrlich“.

Guardamar – Daran, was derzeit im Kiefernwald in der südlichen Costa Blanca passiert, scheiden sich die Geister. Die Landesregierung Valencia und die Stadt Guardamar sehen sich inmitten einer großen Restaurierung des grünen Wunders auf den Dünen des Süden. Kritiker sehen indes eine ungeheure Zerstörung. Tausende Bäume hatte die vom Landesumweltministerium beauftragte Firma zuletzt im Wald, der bis an die Salinen von Santa Pola reicht, abgehackt. Riesige Stapel gefällter Kiefern findet man derzeit an verschiedenen Stellen des Waldes. Große Sorge herrscht um die pinada an Spaniens Küste.

Guardamar del SeguraErholungsort in der autonomen Region Valencia
Fläche:35,58 km²
Bevölkerung:15.058 (2018)

Costa Blanca: Tausende Bäume gefällt - mehr als Wald am Meer

Für 1,3 Millionen Euro nimmt das Land Valencia den größten Eingriff im Kiefernwald vor, seit ihn Ingenieur Francisco Mira vor 120 Jahren aufforsten ließ. Damals sorgte der Wald - in einem spektakulären Gemeinschaftsprojekt – für die Rettung vor einer Umweltkatastrophe. Wandernde Dünen waren im Begriff, die Stadt Guardamar zu begraben. Der Kiefernwald ist daher für jeden Mensch aus Guardamar mehr als nur ein Wald am Meer, den man notfalls eben abholzen kann. Sondern vielmehr ein fester Teil der Identität. Wie kann man dieses Naturerbe also dermaßen in kleine Stücke zersägen?

Die Begründung der Landesregierung klingt auf den ersten Blick paradox: Das massenhafte Abholzen finde aus Sorge um den Kiefernwald statt. Es müssten im gesamten Gebiet entlang der Dünen ab Guardamar über La Marina bis nach Santa Pola dringend neue Bäume und vor allem Sträucher her. Tausende der alten Kiefer seien vertrocknet, von Plagen befallen und ein Viertel des Waldes sogar schon gänzlich tot. Eine fatale Lage ergab vor einiger Zeit die Umweltstudie des Ministeriums. Daher die Millioneninvestition. Daher die ratternden Motorsägen und großen Baumhaufen in der pinada.

Nur noch vereinzelte Bäume? Ingenieure wittern Geldmacherei

Ein ganz anderes Bild vom aktuellen Stand der pinada zeichnen Kritiker des aktuellen Eingriffs. Das Agraringenieurskolleg Coitagra aus Alicante etwa meint, dass der Kiefernwald der südlichen Costa Blanca derzeit durch die Landesregierung Valencia „überfahren“ werde.“ Die vermeintliche Restaurierung der natürlichen grünen Barriere zwischen dem Meer und der Stadt Guardamar sei ein inakzeptabler Vorgang. Denn heimlich würden auf den 539 Hektar, die das Projekt umfasst, eben nicht nur tote oder kranke Bäume gefällt. Sondern eben auch viele „grüne, lebende Kiefern“, die noch viele Jahre vor sich hätten.

Absolut unverständlich sei, wie man die tausenden gefällten Bäume durch neue ersetzen wolle, „wenn im Plan nur 1.250 Euro zum Pflanzen neuer Kiefern vorgesehen ist“. Auch Anwohner von Guardamar hatten ähnlichen Alarm geschlagen. Nicht mehr ein satter, voller Kiefernwald sei im Plan des Landes Valencia vorgesehen. Sondern ein Gebiet voller Büsche, mit Pinien nur entlang der Wanderwege. Warum? Coitagra wittert eine heimliche Geldmacherei. Das Land verkaufe die Bäume an Hersteller von Biomasse. Aus den Kiefern, die einst Guardamar retteten, würde – zum Profit für Valencia – Mulch für die Gartenarbeit.

Anwohner kritisieren Hafenmauer: „Keine reale Grundlage“

Aus einem anderen Grund schießen die Bewohner des Küstenviertels Playa Babilonia gegen die derzeitige Abholzung. Der Kiefernwald sei durchaus schwer angeschlagen, das ja. Aber das sei er durch die zunehmende Versalzung des Bodens. Und die wiederum sei die Folge der erschreckenden Erosion der Strände im Norden von Guardamar in den vergangenen 30 Jahren. Nachdem im Hafen eine ins Meer ragende Mauer falsch gebaut wurde, habe das Phänomen extreme Ausmaße angenommen und nicht nur die pinada, sondern auch die Siedlung der Strandhäuser in einen ruinösen Zustand versetzt.

Genauso wie es keine nachhaltige Rettung des Strandes sei, immer wieder Sand aufzuhäufen, sei auch das Abholzen der vielen kranken Bäume keine wirkliche Lösung des Problems, meinen die Anwohner des Kiefernwaldes. Allem voran müsse das Land Valencia in Zusammenarbeit mit dem Küstenamt also die missglückte Konstruktion an der Flussmündung berichtigen. Die vermeintliche Zerstörung der pinada sei ein erneuter Reinfall des valencianische Ministeriums für Umwelt und Landwirtschaft (Öko-Partei Compromís) nach dem Skandal um die Esel, die Brände verhindern sollten und dabei starben.

Klimawandel und invasive Arten: „Höchste Zeit“

Lob erhält das umstrittene Waldprojekt der Landesregierung Valencia dagegen von einer gewichtigen Umwelt-Stimme der Costa Blanca. Die Vereinigung AHSA (Freunde der Feuchtgebiete im Süden von Alicante) bezeichnete die geschilderten Kritiken am Eingriff im Kiefernwald als „Gerüchte“ und „Falschinformationen“, die „keine reale Grundlage“ hätten und nur „ein Klima der Abneigung gegen eine unentbehrliche Initiative zur Konservierung von Ökosystemen der Küste schaffen“. Laut AHSA ist der Plan zur Restaurierung der Pinada „makellos“ - unter anderem dank einer „präzisen Diagnose“ der Probleme.

Luftbild von einem Wald am Strand an der Costa Blanca, daneben das blaue Meer.
Kiefernwald der südlichen Costa Blanca: Dünenstrand und Strandhäuschen für Sommerurlauber. © Ángel García

Auch AHSA betont: 80 Prozent der Bäume des Kiefernwaldes seien krank oder tot. 30 Hektar dagegen seien von invasiven Pflanzenarten „sehr aggressiv“ erfasst. Spezies wie die Essbare Mittagsblume Carpobrotus edulis oder die Agave americana breiteten sich rasch aus und machten den Boden für die Kiefern unbewohnbar. Diese Entwicklung plus das immer trockenere Klima, das Steigen der Temperaturen und der Evapotranspiration seien die Gründe für das Sterben der pinada im Süden der Costa Blanca. Das Lichten der sehr dichten Stellen des Waldes sei als keineswegs ein Anschlag auf ihn.

Sondern: Das Abholzen vom mehreren Tausend Bäumen mache den Kiefernwald weniger anfällig für Plagen und Folgen des Klimawandels. Das Anpflanzen von Büschen dagegen verleihe den Lebensräumen vieler auch tierischer Arten neue Qualität. Die massive Kritik am Projekt der Landesregierung sei eine „Lügenkampagne“. Nur müde lächelte nun auch José Luis Sáez (PSOE), Guardamars Bürgermeister, in einer Video-Stellungnahme zu der Kritik am pinada-Plan. An den harschen Thesen der Kritiker sei gar nichts dran. Sondern: „Der Wald war seit 1900 bisher nie restauriert worden. Daher ist es jetzt höchste Zeit.“

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