Zwei Euro Münze aus Griechenland.
+
Costa Blanca: Entführte Königstochter auf Zwei-Euro-Münze aus Griechenland.

Europatag am 9. Mai

Costa Blanca: Entführte Königstochter - Europas Spuren an der Küste

  • Stefan Wieczorek
    vonStefan Wieczorek
    schließen

Funde an der Costa Blanca bestätigen den Mythos von der griechischen Zwei-Euro-Münze: Asien ist tatsächlich die Wiege eines weiblichen Europa. Eine Kulturbegegnung zum Europatag am 9. Mai.

Alicante - Der 9. Mai lädt dazu ein, über Europa, unseren Kontinent, nachzudenken. Begangen wird der Europatag auch in Spanien zum Gedenken an die historische Schuman-Erklärung 1950, aus der die heutige Europäische Union erwuchs. In Alicante, wo das EU-Amt für geistiges Eigentum steht, wird der Europatag besonders hervorgehoben. Aber auch Europas viel ältere Spuren lassen sich an der Costa Blanca erkunden. Sie führen zu einer Königstochter aus dem Orient, die entführt wurde, und deshalb auf unserem Kontinent landete. Ihr Name: Europa.

EuropaErdteil
Fläche:10.180.000 km²
Bevölkerung: 746,4 Millionen (2018)
Länder: ca. 50

Costa Blanca: Entführte Königstochter - Spuren Europas an der Küste

Auf die Spuren der entführten Königstochter stoßen wir an der Costa Blanca in der Palmenstadt Elche. In der Ausgrabungsstätte La Alcudia, in der die berühmte Dama de Elche entdeckt wurde, ist eine römische Öllampe zu finden. Auf ihr ist ein Stier abgebildet, auf dessen Rücken eine Frau sitzt. Europa ist ihr Name. Mit Glück findet man das Bild auch in der eigenen Brieftasche. Die griechische Zwei-Euro-Münze bildet nämlich ebenfalls die Sage von der Entführung Europas ab.

Laut der Sage auf der Münze - oder der Öllampe an der Costa Blanca - soll sich Zeus, der oberste aller Götter, in die Königstochter aus Phönizien verliebt haben. Damit ihm seine Gattin Hera nicht auf die Spuren kam, verwandelte sich der Göttervater in einen Stier. Am Strand von Sidon, im heutigen Libanon, spielte die Tochter von Agenor und Telephassa. Da entdeckte sie den weißen Stier an der Küste. Von seiner Anmut angezogen, setzte sie sich auf ihn. Darauf wartete Zeus nur, stürzte sich ins Mittelmeer und entführte die junge Europa. Sein Ziel: Die Insel Kreta, also unser Kontinent.

Costa Blanca: Europa-Tempel in La Alcudia? - Entführte Königstochter in den Sternen

Die entführte Königstochter gab Europa den Namen. Und machte Asien zur Wiege unseres Kontinents. Wie viel Wahrheit in dem Mythos steckt, zeigen antike Spuren an der Costa Blanca. Viele Funde aus Zeiten der Phönizier, die einst von der Küste des heutigen Libanons oder Syriens aufbrachen, lassen sich an den Ausgrabungsstätten oder in den Archäologiemuseen von Alicante oder Elche bewundern. In La Alcudia könnte sogar ein Tempel Europa gewidmet sein Denn dort wurde Astarte verehrt, eine Göttin, die öfters mit der phönizischen Königstochter gleichgesetzt wurde.

Auf Kreta pries man lange Zeit Europa als Göttin des Mondes. Experten verweisen dabei auf die Ähnlichkeit der Mondsichel mit den weißen Hörnern des Zeus-Stieres. Passend zum EU-Symbol des Sternenkranzes finden wir die entführte Königstochter übrigens auch im Sternenhimmel verborgen. Der Planet Jupiter, benannt mit dem römischen Namen von Zeus, hat einen Mond, auf dem sich Wasser, und vielleicht auch Leben, befinden soll. Der Name dieses Mondes lautet, in Gedenken an die phönizische Königstochter, Europa.

Costa Blanca: Entführte Europa auf Öllampe in Ausgrabungsgebiet La Alcudia

Costa Blanca: Von entführter Königstochter zu rätselhaften Damen

Doch zurück auf die Erde. Nicht nur die entführte Königstochter Europa verweist auf die Verbindung Asiens mit unserem Kontinent. Sondern auch mythische Frauen von der Costa Blanca: Die Dama de Elche oder die weniger bekannte Dama de Guardamar, zwei geheimnisvolle Büsten aus iberophönizischen Zeiten. Erstere ist im Original in Madrid ausgestellt, die zweitere dagegen im Archäologiemuseum Marq in Alicante. Wer diese abgebildeten Damen waren? Das bleibt ein großes Rätsel. Aber zur kulturellen Umgebung der Skulpturen können Forscher jede Menge sagen.

Viele iberische Fundstücke weisen Symbole der Gedankenwelt des Orients auf: Stiere, Löwen oder den Baum des Lebens.“

Antonio García, Archäologe von der Costa Blanca

Angefertigt wurden die Damen an der Costa Blanca mehrere Jahrhunderte vor Christus. In Zeiten, als sich die iberische Welt Spaniens mit der orientalischen Welt kreuzte, die die Phönizier über das Mittelmeer an die Küste brachten. Jede der Büsten hat im Nackenteil jeweils ein Loch, möglicherweise für die Unterbringung der Asche Verstorbener. Wenn es sich um eine historische Person gehandelt hat, muss sie einen hohen Rang gehabt haben. Eine Aristokratin käme in Frage. Oder eine Priesterin. „Die Religion war bei den Iberern durch und durch weiblich“, erzählt Archäologe Antonio García.

Die Dama de Guardamar im iberischen Saal des Museums Marq in Alicante.

Costa Blanca: Weiblicher Einfluss im frühen Europa - Ausdruck der Völkerbegegnung

Generell, so der Forscher von der Costa Blanca, sei der weibliche Einfluss in der Iberer-Gesellschaft auch in der Durchschnittsbevölkerung überraschend hoch gewesen. „Die Frau spielte im Leben der Iberer eine wichtige Rolle – das zeigen immer mehr Studien“, sagt Archäologe Antonio García. Frauendomänen seien nicht nur das Führen des Haushalts gewesen, sondern auch bestimmte Handwerksberufe. „Doch vor allem die wesentlichen Dinge, das Leben und Sterben, das Geborenwerden, wurden mit der Frau identifiziert.“

Aber was glaubt der Archäologe? Wer war etwa die Dama de Guardamar? Antonio García: „Die traditionelle Vermutung ist, dass es sich bei der Dame um die einheimische Göttin für Leben und Tod handelt.“ Deren Name sei aufgrund der bisher nicht entschlüsselten südostiberischen Schrift nicht bekannt. „Durch die Begegnung mit den Phöniziern kam es zur Vermischung mit deren Gottheiten“, erklärt der Forscher von der Costa Blanca. Das Erlernen der Künste der handwerklich geschickten Phönizier habe den Iberern die Möglichkeit gegeben, ihre eigene Kultur neu auszudrücken.

„Viele iberische Fundstücke aus der Zeit weisen Symbole der Gedankenwelt des Orients auf: Stiere, Löwen oder den Baum des Lebens finden wir“, berichtet der Forscher aus Guardamar, einer archäologischen Perle der Costa Blanca. Die Dama de Guardamar sei ein Ausdruck der Fruchtbarkeit der mediterranen Völkerbegegnung. „Durch den kulturellen Austausch über das Mittelmeer entstanden Gemeinsamkeiten zwischen Völkern im Abstand von Tausenden von Kilometern“, freut sich García. „Gemeinsamkeiten, die besonders im Süden Europas bis heute zu sehen sind.“

Wer weiß, vielleicht stellen ja die berühmten Büsten von der Costa Blanca am Ende sogar Europa dar, die entführte Königstochter aus dem Orient?

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare