Eine Engelsfigur steht vor einer Wiese und Bauzäunen.
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Die getötete Gewerkschaftlerin wurde im Massengrab am Friedhof von Alicante verscharrt.

Spaniens Erinnerung

Bergung getöteter Gewerkschaftlerin an Costa Blanca: Dynamiken des Krieges

  • Stefan Wieczorek
    VonStefan Wieczorek
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Die Enkelinnen einer früheren Aktivistin aus Spanien hoffen auf einen würdigen Abschied für ihre vor 80 Jahren getötete Großmutter. Ein weibliche Kriegserinnerung zum Weltfrauentag, mit Blick in die Ukraine.

Alicante – Soledad Amorós, eine junge Gewerkschaftlerin aus dem Süden der Costa Blanca, wurde vor 80 Jahren Opfer einer fatalen Kriegsdynamik, vor der auch heute – in den Tagen der russischen Ukraine-Invasion – Experten warnen: Ein brutales Vorgehen ist nicht nur notwendig, um einen Angriffskrieg zu gewinnen. Sondern auch, um nach einem militärischen Sieg die Kontrolle über das eroberte Land aufrechtzuerhalten. Auch deshalb kämpfen die Ukrainer derzeit so erbittert gegen die nahende Fremdherrschaft an. Wie würde ein Wladimir Putin nach einer Machtübernahme mit ukrainischen Russland-Kritikern umgehen?

Eine bittere Vorausschau kann etwa der spanische Bürgerkrieg liefern. Hunderttausende flohen aus Spanien, als Franco 1939 mit eisenharter Hand seine Diktatur in die Wege leitete. Soledad Amorós, die wir zum internationalen Tag der Frau am 8. März vorstellen, gelang die Flucht vor der mörderischen Verfolgung nicht. Mit 22 Jahren wurde die junge Mutter aus dem Ort Almoradí kurz vor dem Ende des Kriegs gefasst und kam nicht mehr frei. Am 3. Februar 1942 starb sie durch ein Erschießungskommando. Ihre Reste ruhen im Massengrab auf dem Friedhof in Alicante. Bis heute.

Spanischer Bürgerkrieg
Datum: 17. Juli 1936 – 1. Apr. 1939
Folgen: Ende der Zweiten Spanischen Republik, Diktatur Francos
Ausgang: Sieg der Putschisten

Costa Blanca: Bergung getöteter Gewerkschaftlerin - Enkelinnen hoffen

Am besagten Friedhof an der Costa Blanca sind derzeit öfters vier Frauen mit besonderer Aufregung in den Blicken anzutreffen. Fani, Sole, María und Fini de Haro Montesinos – die vier Enkelinnen von Soledad Amorós – stehen kurz davor, eine seit über 80 Jahren offene Wunde in ihrer Familie zu schließen, wie sie in der Zeitung „Información“ sagen. Im Massengrab 33 sind bereits die Überreste von zehn der 18 erwarteten Opfer der frühen Franco-Diktatur entdeckt worden. Unmittelbar bevor stehe nun die Bergung der einzigen Frau unter ihnen: der getöteten Gewerkschaftlerin Soledad Amorós.

Wenn das ihre Tochter Fina Montesinos erleben könnte. Als ihre Mama auf der Flucht verhaftet wurde, war das zweijährige Mädchen noch dabei. Als ihre Mama starb, war Fina keine fünf Jahre jung. Mittlerweile ist die Mutter der vier Enkelinnen selbst verstorben. Vergeblich hatte die Spanierin ihr Leben lang ein würdiges Begräbnis für Soledad Amorós ersehnt. In der Franco-Diktatur versteckte sie ein Foto der Mama in Militäruniform hinter einem Marienbild. Dort würde das nationalkatholische Regime es nicht vermuten. (Zum Thema: Versteckte Briefe in der Wäschekiste - Witwe trickste Franco aus)

Immer wieder Hürden: „Pasionaria von Almoradí“

Doch das Leiden ging für Fina Montesinos auch nach der transición, der kollektiven Umarmung der Spanier am Ende der Franco-Diktatur, weiter. Denn auch im demokratischen Spanien gab es - wenn die Tochter der getöteten Gewerkschaftlerin um die Bergung der Überreste aus dem Massengrab bat - seitens der Verwaltungen immer wieder Hürden, Ausreden. Am Ende gab die Mutter der vier Enkelinnen von der Costa Blanca klein bei. Ihren großen Wunsch, Soledad Amorós mit einem richtigen Grab zu würdigen, erfüllte sie sich zu Lebzeiten nicht mehr.

„Pasionaria von Almoradí“ nannte man Finas Mutter Soledad Amorós in Almoradí, weil sie an Spaniens famose Franco-Gegnerin Dolores Ibárruri erinnerte. Bis zum Krieg war Amorós Teil der ersten örtlichen Frauen-Gewerkschaft, in der Arbeiterinnen der Konservenfabrik für ihre Rechte einstehen konnten. Als 1936 Francos Putsch den spanischen Bürgerkrieg auslöste, streifte die junge Gewerkschaftlerin von der Costa Blanca die Milizuniform über und griff zur Waffe. Ja, sie war eine flammende Kommunistin, propagierte den Marxismus und bewegte sich in militanten Kreisen, die etwa das Priesterhaus in Almoradí überfielen.

Wandbild mit Gedicht „Traurige Kriege“ von Miguel Hernández - „Traurige Waffen, wenn es nicht Worte sind... Traurige Männer, wenn sie nicht aus Liebe sterben“

Ohne jede Rücksicht: Das unschuldigste aller Opfer

Aber: Ein Verbrechen, für das sie die Todesstrafe verdient hätte, wurde Soledad Amorós nie nachgewiesen. Todesurteile für Mitglieder des gegnerischen Lagers wurden in der frühen Franco-Diktatur ohne jede Rücksicht auf Verluste gefällt. Tausende (darunter Dichter Miguel Hernández) starben ferner in Gefängnissen, an Hunger und Krankheit. Und dann war da noch das unschuldigste aller Opfer. Wie die vier Enkelinnen herausfanden, war ihre Oma bei der Verhaftung schwanger. Das Kind kam aber nie lebend zur Welt. So war sie eben, die Dynamik des Krieges, von der wir gedacht hatten, dass sie der Vergangenheit angehört.

Zum Thema: Straßen mit Frauennamen, eine Lila Tour durch Elche.

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