Hinter einem Spielplatz mit Spielgeräten steht eine offene Kirche.
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Katholische Kirche an Costa Blanca: Sexueller Missbrauch von Kindern wartet auf Aufklärung.

Kirche in der Krise

Missbrauch von Kindern in Katholischer Kirche: Polemik und Aufklärung im Bistum Orihuela-Alicante

  • Stefan Wieczorek
    VonStefan Wieczorek
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In der Kirche an der Costa Blanca war es lange still um sexuellen Missbrauch. Mit einem polemischen Tweet zum Thema sorgt der neue Bischof für ein Beben. Das Bistum will Zahlen liefern. Aber wann?

Orihuela – Ein dicker roter Pfeil ist der neueste Aufreger des nahenden Bischofs von Orihuela-Alicante, José Ignacio Munilla. Per Twitter teilte die katholische Reizfigur eine Grafik der Kinderschutzstiftung Anar. Zu sehen waren Profile sexueller Missbrauchstäter 2008 bis 2019 in Spanien. Erst ganz unten mit 0,2 Prozent vermerkt und mit Munillas dickem Pfeil betont: Priester. Das Fazit des neuen Oberhirten der Costa Blanca: Offenbar herrsche – angesichts der enormen Aufregung um die Katholische Kirche – kein öffentliches Interesse daran, sexuellen Missbrauch von Kindern wirklich aufzuklären.

Bistum Orihuela-Alicanterömisch-katholisches Bistum in Spanien
Fläche: 4.415 km²
Kathedrale: El Salvador y Santa María

Costas Blanca: Missbrauch in Kirche - Täter als Krankenhaus-Seelsorger

Mit der Provokation schaffte es José Ignacio Munilla bereits kurz vor seinem Einstand in Orihuela am Samstag, 12. Februar, ein Beben auszulösen. Der neue Bischof durchbrach aber auch die im Bistum an der Costa Blanca erstaunlich lange Stille zum sexuellen Missbrauch von Kindern. Dabei war unter Vorgänger Jesús Murgui dazu ein Skandal bekannt geworden. Bis 2018, fast zehn Jahre lang, wirkte in öffentlichen Krankenhäusern von Alicante und Elche ein Priester, der 2001 in Granada zu 18 Monaten Haft verurteilt worden war, als Seelsorger. In den 90ern hatte er zwei Jahre lang einen elf- bis dreizehnjährigen Messdiener missbraucht.

Die Strafe saß der geistliche Missbrauchstäter mangels Vorstrafen nie ab, zahlte dem Opfer aber eine Entschädigung von 60.000 Euro. Die spanische Justiz habe es nicht verboten, den Mann als Seelsorger einzusetzen, rechtfertigte sich das katholische Bistum Orihuela-Alicante, setzte ihn aber auf öffentlichen Druck von der Position ab, für die er fast zehn Jahre lang vom Land Valencia bezahlt worden war. Bald wuchs wieder Gras über die Sache. Für ein leises Aufflammen der Debatte um kirchlichen Missbrauch an der Costa Blanca sorgte unter Bischof Jesús Murgui dann noch ein historischer Roman.

Fall Orihuela 1932 - „Vor allem Opfern zuhören“

Autor José Antonio Muñoz beschrieb 2019 die wohl wahre Geschichte eines Priesters, den die Stadt Orihuela in den 1930ern zu Zeiten der Zweiten Spanischen Republik vor Gericht brachte, weil er zwei Mädchen missbraucht hatte. Der Fall einer solchen Aufklärung von Missbrauch in der Katholischen Kirche durch eine öffentliche Verwaltung ist in Spanien bisher einmalig, aber wegweisend: Denn die Zentralregierung in Madrid ist gerade dabei, als staatliche Institution kirchliche Missbräuche von Kindern verfolgen zu wollen. Damit droht auch dem Bistum an der Costa Blanca das Ende jeglicher Verschleierung.

Man sei in Orihuela-Alicante aber bereit für die Aufklärung, meint José Luis Casanova, Leiter der Stelle Protección de menores y personas vulnerables (Schutz Minderjähriger und verletzlicher Personen). 2020 schuf das Bistum an der Costa Blanca die Abteilung, die Anzeigen von Fällen sexuellen Missbrauchs aufnimmt, Betroffene betreut und Prävention betreibt. „Das Wichtigste ist es, den Opfern zuzuhören. Das ist für sie eine große Erleichterung“, sagt Casanova. Zum Großteil würden Menschen betreut, die vor längerer Zeit Missbrauch erlebten – „auch einige Opfer von Tätern außerhalb der Kirche“, erklärt der Leiter der Stelle.

Frieden finden ohne Bestrafung? Warten auf Zahlen

Aber gibt die Katholische Kirche aktuelle Fälle an die Justiz weiter? „Ja. Dazu sind wir verpflichtet, wenn eine Straftat besteht“, versichert der Missbrauchsbeauftragte des Bistums Orihuela-Alicante. Durchweg geändert habe sich die Praxis, Täter einfach an einen anderen Ort zu versetzen. „Das gibt es nicht mehr.“ Aber können Opfer früherer sexueller Missbräuche Frieden finden, wenn ihre Peiniger nie weltlich bestraft worden sind? „Den meisten Opfern geht es nicht um Bestrafungen“, meint José Luis Casanova. „Sondern darum, über ihr Leiden endlich sprechen zu können. Und zu wissen, dass niemand Neues Opfer wird.“

Spanien stärkt den Schutz Minderjähriger mit dem Kinderschutzgesetz.

Wir möchten Zahlen erfahren. Wie viele Fälle sexuellen Missbrauchs fandan im Bistum von der Costa Blanca in jüngerer, wie viele in älterer Vergangenheit statt? Wie wurden die Opfer entschädigt? Wie wurde den Missbräuchen ein Ende gesetzt? „Die Antworten auf diese Fragen werden Sie erhalten“, sagt José Luis Casanova, den wir – nach über einer Woche vergeblichen Wartens auf eine schriftliche Auskunft – nur auf dem eiligen Sprung zu Wort bekommen. „Aber momentan dreht sich hier noch alles um die Ankunft des neuen Bischofs am Samstag.“

Wir werden warten und berichten. Aber eines wollen wir – Stichwort dicker roter Pfeil – von dem Kirchenmann noch wissen: Wie er denn die vom Bischof markierte, statistisch sehr geringe Zahl von Priestern unter den Missbrauchstätern in Spanien einschätze: „Sexueller Missbrauch ist nichts, das man einfach in Prozente bringen kann“, antwortet José Luis Casanova. „Jeder einzelne, der Opfer wird, stellt einen großen Schmerz dar. Jeder Missbrauchte hat Anrecht darauf, Zuwendung und Wiedergutmachung zu erhalten.“

Kommentar: Ende der anklagenden Position

Fatal ist der Tweet des neuen Bischofs von Orihuela-Alicante wegen seiner Häme und der Gegenanklage, die er in sich trägt: Ihr seid gar nicht an den Opfern interessiert. Genau das werfen viele ja der Katholischen Kirche vor. Kann sie sich eine so anklagende Position zum sexuellen Missbrauch noch erlauben? Nein. Sie hat sich in dieser widerlichen Sache schwer schuldig gemacht. Auch, da sie systematisch Fälle verschwieg und so Opfern den Weg zur Heilung verbaute. Die Katholische Kirche sollte Demut zeigen und in der Aufklärung Kompetenzen an weltliche Experten und Gerichte abgeben. Das wäre für sie gerade in Spanien ein schmerzhafter Machtverlust. Aber auch das einzig Logische: Schließlich ist sexueller Kindesmissbrauch - darauf weisen aktuelle Studien etwa von Save the Children hin - in erster Linie ein weltliches Problem. Zu Tätern werden vor allem nicht-zölibatär lebende Männer. Ignoriert oder vertuscht werden ihre Missbrauchstaten vorwiegend in nichtkirchlichen Kreisen, Sportvereinen zum Beispiel. An dieser Wahrheit führt kein Weg vorbei: Im Sinne aller Opfer und aller Kinder. Nicht nur derer in der Kirche.

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