Die niederländische Ärztin Janine Lindner lehnt an einer Mauer.
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Ärztin ohne Grenzen: Nach vielen Einsätzen in Krisengebieten lebt Janine Lindner heute an der Costa Blanca.

Ruhestand an der Costa Blanca

Zwischen Bomben und Burnout: Holländerin erzählt von ihren Einsätzen als Ärztin in Krisen- und Kriegsgebieten

  • Anne Götzinger
    VonAnne Götzinger
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Die Ärztin Janine Lindner war jahrelang für medizinische Hilfsorganisationen in Krisengebieten im Einsatz. Heute lebt die Niederländerin an der Costa Blanca.

Confrides – Janine Lindner hat gelernt zu hören, ob Geschosse von außerhalb kommen oder aus einer belagerten Stadt nach draußen abgefeuert werden – „dann ist die Gefahr nicht so groß“. In den 13 Missionen, die die Niederländerin für Ärzte ohne Grenzen in Kriegs- und Krisengebieten in Afrika und Asien im Einsatz war und Menschen unter extremen Bedingungen medizinisch versorgte, hat sie so manchen Schutzengel gehabt.

Heute lebt die 71-Jährige in einem bescheidenen Holzhäuschen in Spanien, in den Bergen bei Confrides an der Costa Blanca, ihre Hühner legen die Eier zwischen Armaturenbrett und Windschutzscheibe in einem umgebauten Kleintransporter. „In Nepal habe ich Menschen gesehen, die wirklich nur das Allernötigste hatten, aber sie waren glücklich“, meint Janine Lindner. Es ist nur eine von unzähligen Erfahrungen und Erkenntnissen, die die Ärztin bei Missionen und privaten Hilfseinsätzen in den entlegensten Gebieten der Welt gesammelt hat. Auch sie ist glücklich in einem dieser entlegenen Bergdörfer im Hinterland.

Costa Blanca: Erste Mission bei Ärzte ohne Grenzen gleich im Krieg

Nachdem Janine Lindner zehn Jahre in Holland als Allgemeinärztin gearbeitet hatte, nahm sie sich eine Auszeit. „Ich fragte mich, was will ich noch machen, will ich weiter als Ärztin arbeiten?“, erzählt sie. So kam sie zu Ärzte ohne Grenzen. Sie absolvierte zwei Kurse über Tropenmedizin und bei Ärzte ohne Grenzen. Ihre allererste Mission führte Lindner 1991 nach Liberia, mitten in den Bürgerkrieg. „Das war keine einfache Mission, es war sehr schwer“, erinnert sich die 71-Jährige. Trotzdem waren auch die folgenden Einsätze der Ärztin in Kriegsgebieten, unter anderem in Angola und zweimal in Sierra Leone, einmal während der Ebola-Epidemie. „Wenn sie sehen, dass du mit dem Krieg umgehen kannst, dann senden sie dich immer wieder hin“, erklärt Lindner.

Die Einsatzkräfte von Ärzte ohne Grenzen würden gut versorgt, nur Schlaf bekäme man nicht ausreichend. Zum einen, weil das medizinische Personal oft rund um die Uhr auf Abruf ist, oder wegen der unruhigen Nächte in Kriegsgebieten. „An medizinischem Material fehlte es fast immer“, berichtet Lindner. Im Norden Sri Lankas etwa durfte die internationale Hilfsorganisation zwar arbeiten, aber nichts mitbringen. „Denn man fürchtete, wir würden das Material den Tamil Tiger (paramilitärische Organisation im Bürgerkrieg in Sri Lanka, Anm. d. Red.) geben“, erinnert sich die Ärztin. Dennoch versteckten sie Material für Gipse – „das wog sehr viel“ und Nähzeug zwischen ihren Kleidern in den Rucksäcken.

Costa Blanca: Ärztin im Ruhestand erzählt von Einsätzen in Kriegsgebieten

Sie selbst hat vor allem als Gynäkologin gearbeitet und schätzungsweise 230 Kaiserschnitte durchgeführt. „Ich hatte in Afrika eine Schulung gemacht“, erklärt die heute in Spanien lebende Ärztin. Die Eingriffe fanden oft in sehr schwierigen Zuständen statt.

„Ich hatte zum Beispiel keine Morphine für die Frauen, bei denen ich einen Kaiserschnitt durchführte. Ich konnte ihnen danach nur eine einzige Voltaren-Ampulle geben, die restliche Zeit mussten sie mit Paracetamol aushalten“, gibt die Ärztin einen Einblick in ihre Arbeit. „In Sri Lanka war es so heiß, die Fliegen flogen überall herum, ich schwitzte und eine Krankenschwester wischte mir immer den Schweiß ab, damit er nicht in die Wunde tropfte“, berichtet Lindner. Eine Frau habe nach mehreren Aborten endlich ein Mädchen zur Welt bringen können. „Sie waren so, so glücklich, und sie nannten das Kind nach mir“, meint sie lachend.

Ärztin ohne Grenzen: Mehr als einen Schutzengel

Ob sie jemals selbst ernst krank geworden sei? Die Ärztin verneint. „Nicht sehr ernst, dreimal Malaria, auch Tuberkulose, Durchfallerkrankungen und ein Tropical Ulcer, Typhus,...“ sagt sie und muss selbst lachen. Einen Schutzengel hatte sie auch, als sie einmal mit einem Piloten in einer Cessna saß. „Ich schlief ein, und als ich aufwachte, sah ich die Bäume sehr nah, und ich schaute rüber, und der Pilot schlief auch! Ich schubste ihn und er brachte die Maschine wieder auf Kurs.“

Nach den Einsätzen sei sie immer sehr müde gewesen, „kurz vorm Burnout“. Sie habe sich dann eine lange Erholungszeit gegönnt – und dann ging sie auf die nächste Mission. „Viele Menschen sind sehr dankbar, und das gibt einem ein gutes Gefühl und lässt dich weitermachen“, beschreibt die Ärztin ihren solidarischen Einsatz. „Und es ist ja sonst niemand da, wenn ich nicht helfe, sterben sie.“

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