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Goldene, süße Zeiten in Dénia und Jávea: Herrenhäuser der Rosinen-Barone zeugen vom einstigen Reichturm

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Von: Susanne Eckert

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Das gelbe Herrenhaus  mit Türmchen namens Huerto Francisco Merle in Dénia
Vergessene Geschichte: An Dénias Ortseingang steht das Herrenhaus Huerto Francisco Merle. © Susanne Eckert

Zwischen 1850 und 1920 herrschte in Dénia und Jávea eine goldene Zeit: Rosinen-Barone beeindruckten mit Herrenhäusern und prachtvollen Festen.

Dénia/Jávea - Es war braunes, runzliges Gold: Der Handel mit Rosinen brachte dem Kreis Marina Alta in Spanien zwischen 1850 und 1920 einen wirtschaftlichen Boom, der sich im gesellschaftlichen Leben und im Ortsbild der Handelszentren Dénia und Jávea widerspiegelte. Die zu Reichtum gekommenen Gutsherren errichteten viktorianische Herrenhäuser, deren Name sich allerdings lediglich auf die Epoche bezog, in denen sie gebaut wurden. Der Stil der Paläste an der Costa Blanca war damals historistisch, das heißt, sie wurden von verschiedenen Stilen aus der Geschichte wie der Klassik, der Gotik, dem Mudéjar-Stil und der Renaissance inspiriert. Ja, manche waren sogar eine bunte Mischung verschiedener Stile.

DéniaStadt in Spanien
Bevölkerung41.733 (2018)
ProvinzAlicante
Fläche66,2 Quadratkilometer

Dénias und Jáveas Geschichte: Rosinen-Herstellung an der Costa Blanca seit den Römern

In der Marina Alta wurden schon zu Zeiten der Römer Rosinen hergestellt, wie Julius Moderatus Columela vor 2.000 Jahren in einem seiner Texte beschrieb. Man brühte die Trauben kurz in einer desinfizierenden Flüssigkeit, damit ihre Haut aufsprang, und trocknete sie dann in der Sonne. Während und nach der Maurenzeit wurde dieselbe Methode angewandt und auch der Handel ging weiter. So ist geschichtlich belegt, dass im Jahr 1476 Sultaninen aus Jalón, Pedreguer und Ondara an Händler aus Valencia geliefert wurden. Der große Boom aber entwickelte sich erst Mitte des 19. Jahrhunderts. Da begann eine goldene und aufregende Zeit, in der alle zwischen Dénia, Jávea und Calpe – vom Landarbeiter bis zum Gutsherren – praktisch nur noch vom Rosinen-Handel lebten. Und zwar nicht schlecht. Der Boom brachte nicht nur Reichtum an die Costa Blanca, sondern auch Umbrüche in Gesellschaft und Kultur. Mit den Oliven- und Mandelbäumen, die man ausriss, um für immer mehr Weinstöcke Platz zu machen, ging eine ganze Epoche dahin. Und eine neue brach an.

Erste Triebe dieser neuen Zeit sprossen in Jávea im Norden der Costa Blanca. „Zu Beginn des 19. Jahrhunderts produzierte man hier ein Viertel der Rosinen im ganzen Marina-Alta-Kreis“, berichtet Toni Espinós von der Kulturstiftung Cirne, die sich der örtlichen Geschichte widmet. „Jávea erlebte einen nie gekannten Aufschwung.“ Rosinen waren damals, zu Beginn der industriellen Revolution in Europa und Amerika, begehrt. „Mit einer Handvoll konnte man Minen- oder Fabrikarbeiter mit minimalem Aufwand einen ganzen Arbeitstag lang ernähren“, erklärt Espinós. Man pflanzte in Jávea auf Anregung englischer Zwischenhändler, die bisher Wein exportiert hatten, eine neue Moscatel-Traubensorte, die besser zum Trocknen geeignet war. Das Geschäft blühte.

Jávea bei der Weltausstellung: Rosinen von der Costa Blanca in Paris und London

Bald hatten es Jáveas Großgrundbesitzer satt, den Zwischenhändlern den Großteil des Gewinns zu überlassen. „Sie fuhren als Erste aus dem Kreis zu Weltausstellungen nach Paris, London, Wien und Philadelphia, um die Trauben selbst zu vermarkten“, so der Geschichts-Experte. Kurz darauf standen in Jávea weit über 100 Riurau-Bogengänge in denen man nachts und bei schlechtem Wetter die Trauben unterstellte, um sie vor Tau und Regen zu schützen. Einige Rosinenbarone besaßen neue Herrenhäuser, stolze Schiffe, und im neuen Hafen reihten sich Lagerhallen aneinander. Dort füllten die Frauen einfache Rosinen in Fässer und verpackten edle Sorten in Schachteln, die wie bei teuren Pralinen mit Spitze und exotischen Aufklebern geschmückt wurden.

Der Kirchplatz mit dem Rathaus war schon seit dem Mittelalter das Zentrum des Städtchens Jávea. Dort siedelten sich wichtige Familien an, die durch die Architektur ihrer Wohnsitze ihren Status demonstrieren wollten. Die Fassaden der Paläste der Rosinen-Barone dieser Zeit sind dort allerdings sehr nüchtern, mit schlichten Tuffsteinverzierungen und einem großen Tor im Zentrum.

Eine Straße, die an einem rosa Herrenhaus endet
Jáveas Geschichte: Das Herrenhaus der Familie Arnauda hatte den höchsten Turm. © Tourismusamt Jávea

Reichtum zur Schau stellen: So inszenierten sich die Rosinen-Barone an der Costa Blanca

Gleich neben der Kirche erhebt sich das mächtige Haus der Familie Arnauda, in dem sich heute die Sabadell-Bank eingemietet hat. Es wird von einem viereckigen Turm gekrönt – dem höchsten nach dem Kirchturm – von dem aus man weit übers Land sehen kann. „Dieses Haus baute mein Urgroßvater Agustín Catalá Arnauda“, berichtet Vicente Catalá aus Valencia. „Er war der reichste Großgrundbesitzer in Jávea und besaß viel Grund in allen Gebieten dort.“ Den Arnaudas gehörte der größte Riurau-Bogengang Jáveas, der heute am Hang über der Plaza de la Constitución steht. „Natürlich baute auch er zu der Zeit Trauben an der Costa Blanca an. Doch seine große Leidenschaft war die Viehzucht. Mein Urgroßvater hatte Stiere, Pferde und Kühe. Und er stieg auf den Turm, um nach seinen Herden Ausschau zu halten.“ 1916 baute Agustín Catalá Arnauda eine Stierkampfarena in Jávea. Sie stand zwischen der Altstadt und dem Hafenviertel. „Dort fanden nicht nur Stierkämpfe, sondern auch lustige Shows statt“, berichtet sein Urenkel. „Mit großem Erfolg. Noch mein Vater betrieb diese Arena. Doch dann kam der Spanische Bürgerkrieg. Sie wurde geplündert und verfiel.“ Heute steht an ihrer Stelle eine fünf Stockwerke hohe Wohnanlage, die den Namen Plaça de Bous (Stierkampfarena) trägt.

Die bedeutendsten Rosinen-Barone im Ort und damit Trendsetter, was den Stil der Herrenhäuser zu der Zeit betraf, waren allerdings die Bolufers, deren Stadt-Palast am anderen Ende der heutigen Markthalle neben der Apotheke steht. In die Fenstergitter sind die Initialen des Bauherren geschmiedet: ABC für Antonio Bolufer Cruañes. In ihrem weitläufigen, heute verlassenen Stadtpalast, hatten die Bolufers wichtige Politiker und Intellektuelle zu Gast. Das Gebäude hatte einen Turm und drei Etagen: Im Erdgeschoss lag ein Bankettsaal und im dritten Stock ein eleganter Tanzsaal.

Von der Costa Blanca mit dem Schiff nach Kuba: Auf der Hinfahrt Rosinen, auf der Rückfahrt Kaffee

„Josep Antonio Bolufer Cruañes, den man in seiner Heimatstadt Jávea Pepe Tono rief, war Doktor der Juristerei und Abgeordneter der Liberalen in Madrid“, erzählt der Direktor des Stadtmuseums Ximo Bolufer. „Ihm gehörte das bekannteste Schiff in Jávea, der Dreimaster Pepe Tono.“ Es wurde 1877 an Jáveas Playa de la Grava gebaut und ist so berühmt, dass es noch heute in Volksliedern besungen wird und Straßen nach ihm benannt werden. Der Windjammer wog rund 200 Tonnen und war knapp über 30 Meter lang. Er war das Flaggschiff der fünf Boote starken Flotte des Rosinen-Barons und reiste unter dem Kapitän Bertomeu Mengual nach Kuba und gelegentlich auch zu den Philippinen. Auf der Hinfahrt transportierte er dabei Rosinen und auf der Rückfahrt brachte er Bauholz und andere Produkte wie Kaffee oder Zucker aus den Kolonien mit. Die Galionsfigur des Flaggschiffs hängt heute im Stadtmuseum in Jávea. Sie ist aus stuckiertem Holz und zeigt Joaquima Bolufer, die Tochter des Rosinen-Barons, die übrigens später für sich eine kleinere Kopie des Herrenhauses in Jáveas Stadtzentrum errichten ließ.

Ein historisches Haus mit einem Turm.
An Jáveas Kirchplatz steht das Herrenhaus Casa Bolufer. © Rathaus Jávea

Nachfahren von Josep Antoni Bolufer Cruañes – die Familie Bover – leben heute in seinem früheren Zweitwohnsitz, dem kleinen Mudéjar-Stil-Palast La Sultana am Hang des Montgó etwa auf halbem Weg zwischen Altstadt und Hafenviertel. Sie zogen im Bürgerkrieg dorthin und kehrten nie in ihr Herrenhaus am Marktplatz zurück.

Anekdote aus der Geschichte der Costa Blanca: Elegantes, sündiges Dénia

Doch zurück ins 19. Jahrhundert: Bald gelang es der Nachbarstadt Dénia, Jávea zu überflügeln. Denn sie hatte schon zu der Zeit einen besseren Hafen. Neben Lagerhallen, eleganten Theatern und mehreren Konsulaten wurden dort auch Vergnügungslokale, Kasinos, ein Zirkus und Bordelle errichtet. Viele Landwirte aus dem ganzen Umkreis kehrten dort mit vollen Taschen ein, wenn sie ihre Rosinen in Dénia an Zwischenhändler verkauft hatten.

Gesitteter ging es an der Meerespromenade Marineta Cassiana zu. Unter der Leitung englischer Architekten wurden dort zwei große Herrenhäuser gebaut: Das Sommerhaus La Torre de los Suárez-Riera und La Rota de Zarzo. „Die engen Handelsbeziehungen zwischen Dénia und England führten dazu, dass die Wohlhabenden den viktorianischen Stil annahmen. Und zwar nicht nur, was die Architektur betrifft“, erzählt der Direktor von Dénias Volkskundemuseum, Josep Antoni Gisbert aus der Geschichte. Die Damen der guten Gesellschaft fuhren nach Liverpool, um unter anderem Mode, Teeservices und Marmelade zu kaufen. Man ging dort zum Zahnarzt und sogar – bei Bedarf – zum Psychiater.

Dénias und Jáveas Rosinen-Geschichte: Die drei Damen des Turmhauses

Die jungen Damen des Herrenhauses Torre de los Suárez-Riera – Elena, Cecilia und María Riera Bosch – waren so eng mit ihrem Sommerhaus an der Marineta Cassiana verbunden, dass man sie Las Cassianas nannte. Rund um den Palast im mittelalterlichen Stil und mit viktorianischen Elementen hatten sie einen botanischen Garten angelegt, in dem Pflanzen aus aller Welt wuchsen und exotische Tiere wie etwa Papageien lebten. Die rauschenden Feste der Cassianas in diesem Garten waren legendär. Unter anderem sang an diesen Festabenden der Rosinen-Barone der damals bekannte Tenor Antonio Cortis.

Die Familie hatte ihre eigenen Boote – Segler und später Dampfschiffe. Einige der Männer waren selbst Kapitäne und bereisten die Welt. Doch eine Krankheit des Familienoberhaupts machte den goldenen Zeiten ein Ende. Die Familie zerstritt sich und das Vermögen ging verloren. Das Sommerhaus gehörte später dem Marmeladenfabrikanten Arguimbau und wird deshalb Torre Arguimbau genannt. Es steht heute für 2,2 Millionen Euro zum Verkauf.

Ein Haus im viktorianischen Stil an der Promenade Las Rotas in Dénia
Das Herrenhaus La Rota de Zarzo an der Las-Rotas-Promenade wurde im viktorianischen Stil gebaut. © Susanne Eckert

Prachtvolle Paläste aus der Rosinen-Zeit an der Costa Blanca heute oft vernachlässigt

Das zweite viktorianische Herrenhaus am Küstenweg – in der Nähe des sogenannten Friedhofs der Engländer, auf dem damals protestantische Seeleute und Einwanderer begraben wurden – heißt La Rota de Zarzo und könnte einem Gruselfilm entsprungen sein – zumal sich ein großer Riss durch die Fassade zieht. Das Dach und die Keramikfliesen darunter an der Fassade sind very british, es ist wohl der einzige Palast der Rosinen-Barone, das nicht im historistischen, sondern wirklich im englischen viktorianischen Stil erbaut wurde. Tomás Llorens – der erste Direktor des Museums für moderne Kunst in Valencia (Ivam) und zeitweise Direktor des Thyssen-Museums – kaufte und restaurierte es in den 80er Jahren und es gehört immer noch seiner Familie. Damit hatte La Rota de Zarzo Glück, einige Herrenhäuser sind bereits der Abrissbirne zum Opfer gefallen und andere wurden entkernt. „Nur die Fassaden stehen unter Denkmalschutz, deshalb landen unersetzliche Schätze wie die Mosaikböden oder Treppenaufgänge einfach im Schuttcontainer“, klagt der Museumsdirektor.

Dénia geht mit seinen geschichtlichen Schätzen nicht sehr pfleglich um. Das sieht man auch im zweiten Gebiet, wo Herrenhäuser der Rosinen-Barone stehen: Madrigueres, ein Ortseingang, an dem ein Industriegebiet gebaut wurde. Dort verschwinden mehrere Herrenhäuser hinter oder zwischen Industriehallen. Eines aber ist unübersehbar: El Huerto de Francisco Merle (Der Gemüsegarten von Francisco Merle). „Er kam aus einer sehr bedeutenden Familie“, berichtet Gisbert. „Das Haus ist heute noch in ihrem Besitz und der jetzige Eigentümer ist ein Markgraf.“ Francisco Merle war einer der reichsten Großgrundbesitzer in Dénia, lebte aber in Valencia, wo er sich in Vereinen engagierte, die die Kunst und Geschichts-Wissenschaften förderten.

Dénias und Jáveas Geschichte: Niedergang des Rosinen-Anbaus

In dem Buch „El mut de Morand, un cruel destino“ („Der stumme Morand, ein grausames Schicksal“) geht sein Nachfahre Nicolás Merle der Geschichte Dénias ab 1732 auf den Grund. Der Leser erfährt zum Beispiel, dass seine Vorfahren hauptsächlich mit dem Handel von Rosinen, Zuckerrohr, Vogeldünger und Bankgeschäften zu Wohlstand kamen. „Die Merles und Morands waren sehr geschäftstüchtige Leute. In Dénia gab es etwa die regional tätige Banca Merle, die 1945 von der Banco Bilbao aufgekauft wurde“, erzählt Nicolas Merle.

Der glanzvollen Zeit der Rosinen-Barone und Herrenhäuser an der Costa Blanca machte schließlich ein kleiner Feind ein Ende: die Reblaus. Und auch der darauffolgende Niedergang hinterließ seine Spuren in Dénias geschichtlichem Ortsbild. „Weder der Modernismus noch der Jugendstil sind hier vertreten. Man hatte kein Geld mehr, um Herrenhäuser zu bauen“, schließt der Museumsdirektor Josep Gisbert.

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