In Tüten gepackte grüne Trauben hängen an einer Weinrebe.
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An der Costa Blanca reifen dank Tüten-Technik Spaniens Trauben für Silvester heran.

Spanischer Brauch

Spaniens Silvester-Weintrauben reifen an Costa Blanca: Glück aus der Tüte

  • Stefan Wieczorek
    VonStefan Wieczorek
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In Spanien begrüßt man das neue Jahr mit dem Verspeisen von zwölf Trauben an Mitternacht. Die meisten davon erzeugt ein Tal an der Costa Blanca. Firmen verkaufen spezielle Päckchen mit zwölf Glücksfrüchten.

Monforte del Cid - Wenn der Silvester-Countdown bei Null ankommt und der Korkenknall für das neue Jahr ertönt, verdrücken die Spanier noch schnell zwölf fruchtige Glücksbringer, die „uvas de la suerte“. Dank dieser Glücks-Trauben, korrekterweise -beeren, sollen die zwölf Monate des anstehenden Jahres gut gelingen. Zwei von drei von Spaniens Weintrauben stammen aus dem Vinalopó-Tal im Süden der Costa Blanca. Zwei Millionen Kilo der Frucht produzieren hiesige Winzer auch 2022 allein für den Silvester-Brauch, wodurch im Dezember über 10.000 Arbeitsplätze entstehen.

Costa BlancaKüstenabschnitt in Spanien
ProvinzAlicante
Autonome RegionComunidad Valenciana

Costa Blanca: Silvester-Weintrauben im Rhythmus der Glocken

An der Puerta del Sol, wie vergangenes Jahr, wieder einmal Sekt und die Trauben“, besingt die Popgruppe Mecano im Lied „Un año más“ (Youtube) die Zutaten der spanischen Silvester-Feier. Die in ganz Spanien übertragenen zwölf Glockenschläge der Uhr am geschichtsträchtigen Madrider Platz geben den Rhythmus des Glückstrauben-Verzehrs vor. Nur die Gedankenschnellen schaffen es, jeder Weintraube einen einzelnen Wunsch zuzuordnen. Dabei stellte Madrid vor Jahren den Abstand der Glockenschläge von einer Sekunde auf drei um. Viele Menschen hatten sich beim eiligen Genuss verschluckt.

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Der Ursprung der für Spanien charakteristischen Art, das neue Jahr mit den zwölf Glücksbeeren zu begrüßen, ist heutzutage schwierig zu bestimmen. Die an der Costa Blanca meistverbreitete Version der Geschichte datiert den Beginn der Silvester-Trauben auf das Jahr 1909. Damals sei die Ernte der Weintrauben im Vinalopó-Tal derartig stark ausgefallen, dass die Winzer sich eine Strategie ausdenken mussten, um ihre Produkte gewinnbringend loszuwerden. Darauf sei ihnen die Verkaufsidee mit der glücksbringenden Traube gekommen.

Spaniens Weintrauben an Silvester schon 1882 belegt

Gegen die Theorie sprechen allerdings Dokumente aus dem 19. Jahrhundert, die den Brauch in Spanien bereits ausdrücklich benennen. Unter anderem sollen Bürger Madrids sich zum Jahresabschluss 1882 an der Puerta del Sol getroffen und dabei Weintrauben gegessen haben, um Privatfeiern der reichen Aristokratie zu verhöhnen, bei denen üblicherweise der Sekt von Trauben begleitet serviert wurde. Ein spanischer Presseartikel von 1894 soll in diesem Zusammenhang von einem aus Frankreich importierten Brauch sprechen.

Unabhängig davon, welche Version stimmt (womöglich mehrere zugleich) - kaum eine Sache eint die oftmals so zerrüttet scheinende spanische Nation mehr als die zwölf Glückstrauben zum neuen Jahr. „Seeleute, Soldaten, Junggesellen, Verheiratete, Geliebte, Streuner, und manch ein zerstreuter Pfarrer. Unter Geschrei und Lärm machen wir, große und kleine Spanier, ausnahmsweise mal etwas gemeinsam“, lobt das Lied von Mecano den spanischen Weintrauben-Brauch.

Weintrauben-Hersteller: Bequem zum 12-fachen Glück

Dafür, dass jeder Spanier mit der nötigen Portion Glück ins neue Jahr rutscht, sorgt unter anderem die Firma Uvasdoce aus Monforte del Cid. Der Weinbaubetrieb aus dem Vinalopó-Tal bringt seit 2000 die Produktlinie „Doce Uvas“ heraus – speziell für den Jahreswechsel vorbereitete Päckchen mit zwölf Trauben. „In den 90er Jahren verkauften vier Agrarbetriebe im Vinalopó-Tal bereits kleine Glückstrauben-Sets“, erzählt Miriam Cutillas, Marketing-Chefin von Uvasdoce. Einer davon sei die 1970 von Alfredo Miralles Pérez gegründete Firma Frutas La Ballena gewesen.

Dessen Kinder Alfredo, María Dolores und Estrella übernahmen 2000 den Betrieb und stellten unter neuem Firmennamen die Silvester-Produktion in den Mittelpunkt. „Keine andere Firma hat heute ein so breites Sortiment an Silvester-Trauben. Die Linie macht 20 Prozent unseres Umsatzes aus“, freut sich Cutillas. Nach einigen Jahren abnehmender Verkaufszahlen in den Jahren der Wirtschaftskrise erfreuten sich die Produkte auch unter Corona wieder zunehmender Beliebtheit.

„Seeleute, Soldaten, Junggesellen, Verheiratete, Geliebte, Streuner, und manch ein zerstreuter Pfarrer. Unter Geschrei und Lärm machen wir, große und kleine Spanier, ausnahmsweise mal etwas gemeinsam“

Mecano, „Un año más“ (1988), über Spaniens Silvester-Tradition

Um die große Nachfrage überhaupt zu erfüllen, öffnet Uvasdoce in den Wochen vor Silvester eine zweite Fabrikhalle, die mit 60 extra eingestellten Arbeitskräften für die Herstellung von „Doce Uvas“-Produkten bestimmt ist. „Letztendlich geht es um Komfort“, erklärt die Marketing-Chefin den Erfolg der Linie. Der Kunde verlange heute, dass alles bequem und leicht zugänglich sei. „Viele Käufer sind junge Menschen, die zu Silvester ausgehen. Da ist es deutlich praktischer, ein fertig und schön verpacktes Paket dabei zu haben, als sich die Weintrauben daheim vorzubereiten.“

Trauben für Silvester: Vom Tütchen zur Pralinenbox

Direktvertrieb an Endverbraucher praktiziere die Firma von der Costa Blanca mit Ausnahme einiger privater Bestellungen aus dem Ausland nicht. Die Kunden seien normalerweise Großhandelsketten sowie Hotels und Restaurants. Knapp 20 Variationen der Silvester-Pakete, unterschiedlich umfangreich verpackt, bietet Uvasdoce an: Von kleinen Plastiktütchen über Stofftäschchen mit Schleife, Plastik-Sektgläsern zum Auseinanderschrauben, kleinen Schachteln bis zu großen Pralinenboxen. Einige Partyveranstalter bestellen laut Marketingfrau Miriam Cutillas ein eigens für sie gestaltetes Produkt.

Silvester-Weintrauben der Costa Blanca: Miriam Cutillas leitet bei Uvasdoce das Marketing.

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Auf fünf Grundstücken mit insgesamt 60 Hektar Land baue Uvasdoce im Laufe des Jahres neun Sorten Tafeltrauben an. Die klassische Art für Silvester sei die hellgrüne Aledo, die auch in den Zwölfer-Sets zum Einsatz komme. „Sie ist die einzige, die in diesem Monat diese Größe und den tollen Geschmack hat“, erklärt Miriam Cutillas. Die Qualität erreiche die Traube dank des im Vinalopó-Tal praktizierten und weltweit einzigartigen Verfahrens der „Uva Embolsada“: Umhüllt von einer weißen Papiertüte reifen Trauben mindestens 60 Tage lang vor äußeren Einflüssen geschützt heran.

Nicht nur Glück enthalten: Lauter Antioxidantien und Vitamine

Das Resultat sei eine saftige, süße Frucht mit Kern und feiner Haut – offenbar mit einer großen Menge an gesundheitsfördernden Stoffen. Diplom-Landwirt José Ramón Espinosa von der Costa Blanca erklärt: „Durch den langsamen Reifungsprozess sind die Trauben reich an Antioxidantien und Polyphenolen, insbesondere Resveratrol.“ Die Stoffe seien ausgezeichnet gegen Krebs und Herz-Kreislauf-Krankheiten. Enthalten seien sie zum Großteil im Kern und in der Haut.

„Deswegen esse ich zu Silvester meine zwölf Weinbeeren komplett“, lacht Landwirt Espinosa, der auch auf das Reichtum der Früchte an Vitaminen, Ballaststoffen und Mineralen hinweist. Schade finde er, wenn viele Menschen vorbereitete Zwölf-Trauben-Päckchen regelmäßigem Verzehr der so heilsamen Frucht vorzögen. Schließlich befindet sich der Weintrauben-Sektor der Costa Blanca, so beliebt er an Silvester auch ist, in einer schweren wirtschaftlichen Notlage.

Fester Teil der Costa-Blanca-Landschaft: An den Weintrauben vom Vinalopó ist kein Vorbeikommen.

Trotzdem erfreuen sich die Silvester-Sets laut Uvasdoce wachsender Beliebtheit – auch im Ausland. Die Firma exportiere sie nach Frankreich, Italien, zuletzt auch nach Skandinavien. Nur für englische Kunden blieben kleine, kernlose Trauben weiter die Favoriten. Auch solche Zwölfer-Päckchen habe die Firma im Angebot. „Es sind aber Import-Arten aus Südafrika und Namibia“, gibt Miriam Cutillas zu. Auf dem deutschen Markt hingegen warteten die „Doce Uvas“ noch auf ihr Glück. Vielleicht wünscht sich die Marketing-Chefin genau dies, wenn sie zu Silvester ihre zwölf Aledos genießt.

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