Entenküken gerade geschlüpft in Hand eines Menschen vor Ei, in Sànien.
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Tierschutz an Costa Blanca: Die Marmelente in der Doku „Patches“.

Tiere in Spanien

Tierschutz an Costa Blanca: Bedrohte Ente lebt auf - deutsche Zoos helfen

  • Stefan Wieczorek
    vonStefan Wieczorek
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Fast ausgestorbener Vogel aus Spanien wird zur Naturschutz-Ikone bis in die USA. Aus Madrid fließen EU-Millionen für die Rettung der Marmelente. Wie Artenschutz schon im Ei beginnt - Frohe Ostern!

Valencia - Gesehen haben sie die wenigsten, geschweige denn, dass sie bleibenden Eindruck hinterlassen hätte. Gäbe es das Lebewesen nicht, wäre es - rein praktisch gedacht - egal. Und doch haben Menschen aus Spanien oder Deutschland Kosten, Mühen und Lebensenergie dafür geopfert, dass sie überlebt: Die Marmelente. Fast wäre sie zur Jahrtausendwende heimlich ausgestorben. Doch dank der Tierschutz-Initiative auch deutscher Zoos lebt die an der Costa Blanca, Costa del Sol und Mallorca heimische Art auf. Eine Doku machte sie 2021 in den USA bekannt. Und Spaniens Regierung investiert Millionen, um sie zu retten.

MarmelenteVögel
Wissenschaftlicher Name: Marmaronetta angustirostris
Erhaltungszustand: Gefährdet (Abnehmend) (Encyclopedia of Life)
Gewicht: 480 g

Tierschutz an Costa Blanca: Dank deutscher Zoos - Marmelente lebt auf

Ein scheues und stilles Vögelchen ist sie, die „tölpelhafte Ente“ (Cerceta pardilla), wie Spanier sie nennen. Die eher zwitschert als quakt und Federn trägt, die – daher ihr Name Marmelente – an bräunliche Töne von Marmorgestein erinnern. Voller Stolz könnte sie ihr Gefieder aufplustern und durch die Gegend tragen, denn: Tatsächlich ist diese von deutschen Zoos geförderte Ente die einzige Vertreterin der evolutionären Linie der Gattung Marmaronetta.

Aber das behält das diskrete Entlein von der Costa Blanca und Mallorca lieber für sich. Und meidet unter ihrer schwarzen Maske an der Augenpartie jeglichen Blickkontakt. Dieses Merkmal und ihr Hang, sich zu verbergen, verlieh in Valencia einer neuen Tierschutz-Doku über sie den Titel „Patches“, was auf Englisch als „Maske“ übersetzt werden kann.

Ausgerechnet mit dem unspektakulären Entlein gewannen die valencianischen Macher des Films, Regisseur Batista Miguel und Biologe Pablo Vera, einen Preis im Land der unbegrenzten Möglichkeiten, den USA. Im Januar kürte das US-Festival Nature without Borders die spanische 52-Minuten-Doku „Patches“ mit der Auszeichnung „Outstanding Excellence“. Zum „trending topic“ wurde damit auch die Ente mit den Marmorfedern – vor allem in Spanien, dem so gut wie einzigen Heimatland der Marmelente in Europa.

Tierschutz in Spanien: Marmelente war totgesagt - Aus Heimat wird Abgrund

Das – so hoffen die Filmemacher aus Valencia – wird dem Tierschutz für die Marmelente Auftrieb geben, also für die Art, die noch zur Jahrtausendwende praktisch totgesagt wurde. Dabei hatte sie noch hundert Jahre zuvor zu Abertausenden Feuchtgebiete in Asien und Europa bevölkert. Was war dem Vogel bloß widerfahren?

Tierschutz an Costa Blanca: Marmelente im Feuchtgebiet El Hondo.

Blicken wir für die Antwort zunächst quer über das Mittelmeer von der Costa Blanca in den Irak. Dort sind die Ahwar-Sümpfe heute als Schutzgebiet der Artenvielfalt bezeichnet, und übrigens auch als Reliktlandschaft der mesopotamischen Kultur – ein Gebiet von ungeheurem Wert für Umwelt und Mensch zugleich. Hier lag aber auch menschliche und tierische Pein unheimlich eng beieinander.

Denn seit den 1980ern wurde das Marschland zum Schauplatz blutiger Zerstörung. Zunächst ließ das Regime von Saddam Hussein in seiner genozidalen Rage gegen Kurden und andere Minderheiten die Sümpfe systematisch trocknen. Strategische Punkte für den Krieg waren wichtiger als zarte, unschuldige Lebewesen. In den 90ern tat Hussein es erneut, nun um schiitische Partisanen niederzuschlagen.

Spanien schützt Marmelente: 2000 nur drei Brutpaare auf Mallorca

Am Ende waren die uralten Sümpfe, seit jeher Heimat unserer Marmelente, um 90 Prozent geschrumpft. Auch wenn nach Husseins Fall die Regenerierung begann, leidet das Gebiet bis heute, etwa wegen industrieller Projekte, an chronischem Wassermangel. Keine Kriege und Genozide dagegen brauchte Spaniens Küste, um die Lebensräume der Marmelente niederzuwälzen.

Schon im 18. Jahrhundert hatte man für die Neubesiedlung ganze Lagunenlandschaften von Valencia oder Murcia ausgetrocknet. Doch das war nichts im Vergleich zur zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Auf einmal wurde der Bau von Ferienhäusern - und nicht etwa der Tierschutz - zur dringendsten Aufgabe. Der Massentourismus erhob sich, und mit ihm Beton, Asphalt, jede Menge Lärm und Müll. Aus Entensicht – zumal die Freizeitjagd ihr übriges tat – gar nicht so anders als ein kriegerischer Holocaust. Um 2000 war die Marmelente am Ende. Nur drei Brutpaare gab es auf Mallorca. Was dann geschah, gleicht einem Wunder.

Tierschutz an Costa Blanca: Feriensiedlungen rauben Lebensraum. Hier Gran Alacant bei Elche.

Dieses Wunder schildert „Patches“, die in den USA ausgezeichnete Doku aus Valencia. Drei Generationen der Marmelente verfolgt der Film. Die erste stirbt in Afrika, als Europa nur noch eine Handvoll Paare zählt. Das nächste Tier wird bereits in Gefangenschaft geboren und später Patches das Leben schenken, der Protagonistin, die auserwählt wird, ein Feuchtgebiet an Valencias Küste wieder zu bevölkern.

Tierschutz in Valencia: Mensch aus Vogelperspektive - Deutsche Zoos helfen

Wie ein Abenteuerfilm zoomt die Tierschutz-Doku in die fantastischsten Naturgebiete Spaniens am Mittelmeer, von Castellón über Valencia und Alicante bis nach Sevilla und Huelva. Auch Feuchtgebiete von Marokko am Atlantik sind dabei. Das Besondere am Film: Erzählt wird zwar aus der Perspektive des Tieres. Doch mischt auch immer der Mensch mit, in seiner zwiespältigen Rolle: Als Invasor und Zerstörer, der zartes Leben eiskalt vernichten kann. Andererseits aber als der, der Leben auch da noch retten kann, wo es längst zu spät erscheint.

Denn der Alarm einzelner wurde tatsächlich erhöht. Seit 2000 rauften sich Umweltschützer aus ganz Europa für den Tierschutz zusammen – vor allem aus Spanien und Deutschland – und setzten alles daran, doch noch das leise aussterbende Vögelchen zu retten. Es entstanden Initiativen wie das Auswilderungsprojekt in Mallorca, an dem sich seit 2009 deutsche Zoos aus Kronberg, Berlin oder Köln beteiligen und in Zusammenarbeit mit dem Servei de Protecció d’Èspècies in Palma hunderte Enten in die Wildnis entlassen haben.

Tierschutz an Costa Blanca: Dank deutscher Zoos - Marmelente feiert Auferstehung

Die in „Patches“ gezeigte Behörde ist das Centro de Recuperación „Saler“ in Valencia, die etwa Auswilderungen im Naturpark El Hondo bei Elche durchführt. Doch das bisherige Wunder ist noch nicht genug für die Rettung: Nur 45 Marmelenten-Paare brüteten 2020 in Spanien, die Tendenz ist wieder fallend.

Spanien schützt die Marmelente - 6,4 Millionen Euro, 3.000 neue Hektar

So eilt der Ente nun auch die Regierung zu Hilfe. Kurz vor dem Aktionstag für Artenschutz startete Spanien das Projekt „Life: Cerceta Pardilla“, koordiniert von der Stiftung Biodiversität des Umweltministeriums, unterstützt von den Regionen Valencia, Murcia und Andalusien, den Vereinen SEO/Bird Life und Anse und angeleitet durch das genannte Artenschutz-Zentrum „Saler“ und das „Cañada de los Pájaros“ in Andalusien.

In fünf Jahren sollen 3.000 Hektar Feuchtgebiete am Mittelmeer aufgebessert und erweitert und Marmelenten über die Grenzen Spaniens hinaus nachverfolgt werden. Knapp 6,4 Millionen Euro macht die Regierung locker, davon 75 Prozent vom „Life“-Fonds der Europäischen Union.

„Wenn die Marmelente verschwindet, verlieren wir einen Teil von uns selbst.“ Das erklärte der Staatssekretär für Umwelt, Hugo Morán, beim Vorstellen des „Life“-Projekts für den stillen Vogel.

Spanien hilft Marmelente: Artenschutz im Ei - Mensch hat‘s in der Hand

Zum Abschluss noch eine beeindruckende Szene aus „Patches“. Ein Ei, gehalten von der mächtigen Hand eines Menschen. Ein messerscharfes Instrument blitzt auf, nähert sich und pellt das Ei vorsichtig. Zum Vorschein kommt ein Ding, das sich nicht bewegt, nass, mit dunklen chaotischen Federn.

Ein hässliches Entlein, das noch kein Licht gesehen hat. Als das bedrohliche Instrument weg ist und das Wesen auf der Oberfläche liegt, bewegt es das Köpfchen. Als hätte es noch eine Botschaft für den Betrachter parat. Der Artenschutz – sagt das Marmelentlein ohne Stimme – beginnt schon mit dem Ei.

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