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Junger Migrant aus ärmlichem Viertel in Spanien wird WM-Fußballstar

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Von: Stefan Wieczorek

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Fussballer jubeln auf dem Platz. daneben Blöcke eines Viertels.
Von der Costa Blanca zur WM: Abde (Nummer 16) wuchs im Bezirk Carrús von Elche auf. © Robert Michael/dpa / Rathaus Elche

Der in Marokko geborene Abde kehrt als ein WM-Held von Katar nach Spanien zurück. Als Einwanderer-Kind hatte er höchstens 50-Cent-Träume im Internetcafé gehegt.

Elche – In welchem Moment Abdessamad Ezzalzouli wohl am ehesten spürte, dass er die richtige Wahl getroffen hatte? Vielleicht schon bei der Ankunft im Nationalteam, im Vorfeld der Fußball-Weltmeisterschaft in Katar. Vielleicht bei den Sternstunden, die man gemeinsam in den Stadien des Wüstenstaats erlebte. Oder in Marokko, beim königlichen Empfang als WM-Vierter. Vielleicht aber auch kurz vor dem Jahreswechsel in Elche an der Costa Blanca, als Bürgermeister Carlos González dem 21-jährigen Kicker die örtliche Ehrenstatue, eine kleine Ausgabe der iberischen Büste Dama de Elche, überreichte. Noch wenige Jahre zuvor hätte niemand erwartet, dass der junge Migrant aus dem ärmlichen Viertel mal zu einem Fußballstar heranreift.

Costa Blanca: Junger Migrant aus ärmlichem Viertel wird Fußballstar 

Abdessamad Ezzalzouli, den alle nur Abde nennen, wuchs in Carrús auf. Im Stadtteil, der sonst fast nur als einer der ärmsten Bezirke Spaniens erwähnt wird. In dieses ärmliche Viertel von Elche verschlug es die Familie aus dem marokkanischen Süden, weil der Papa – Abde war damals vier – beschloss, in Europa ein besseres Leben zu suchen. Die Marokkaner wählten als Ziel zum Auswandern die Costa Blanca, eine Gegend der vielen Migranten. Und was soll man sagen? Für den sportlichen Sohn hat das mit dem besseren Leben letztendlich auf sensationelle Weise geklappt. In Marokko ist er ein gefeierter Fußballstar und in Elche der „Stolz“ der Stadt, wie der Bürgermeister in Anwesenheit von Abdes Brüdern Abdelmajid und Mohamed lobte.

Wie der junge Einwanderer zum WM-Fußballstar reifte - das fühlt sich nach einem Traum verrückter Art an. Sehr wenig hatte noch kürzlich für eine solche Entwicklung des marokkanischen Migranten aus dem ärmlichen Viertel in Spanien gesprochen. Abde kickte mit 16 noch in der Bezirks-Auswahl Carrús Promesas. Der Fußball war einer der wenigen Lichtblicke des Auswanderer-Kindes. Das bessere Leben, das sich Familie Ezzalzouli versprochen hatte, war erst einmal, wie für unzählige Migranten, keine Ankunft im Paradies. Sondern eher eine Etappe voller Hürden und Tiefschläge. Die neue Sprache war zu lernen, die fremde Kultur zu erfassen. Und dann schlug in Spanien 2008 noch die Wirtschaftskrise hart zu.

Träume für 50 Cent: „Nimm den Fußball doch mal ernst“

All die Widrigkeiten des Lebens nach dem Auswandern lassen sich nur erspüren, wenn Abde von seiner Kindheit und Jugend in Spanien erzählt, wie zuletzt in einem Porträt auf dem Sender „Movistar+“. Gern erwähnt der gebürtige Marokkaner seine Zuflucht, in die er sich als Kind im spanischen Viertel am liebsten zurückzog. Es war das Locutorio (von Migranten betriebenes Internet-Café) unten in seiner Straße, das ihn magisch anzog. „Für 50 Cent konnte man 30 Minuten im Internet surfen“, erzählt Abde. „Ich bettelte meinen Vater an. Wenn er mir das Geld nicht gab, klaute ich es manchmal, ging runter ins Locutorio und schaute Videos von Neymar, meinem absoluten Idol, an.“

50 Cent, um zumindest eine halbe Stunde lang zu träumen, der grauen Welt eines Migrantenkindes in Spanien zu entkommen Nachgespielt wurden Neymars Fußball-Tricks dann zwischen den Blöcken. „Dort kamen die älteren Damen dann an und zogen uns die Ohren lang – von wegen hier dürfe man kein Fußball spielen“, berichtet Abde und lacht heute dabei. Abde wäre wohl höchstens ein ganz passabel kickender Carrús-Bürger geblieben, wenn da nicht ein Trainer gewesen wäre, der ihm eines Tages sagte: „Nimm den Fußball doch mal ernst. Aus dir kann was werden.“

Aus mir? Diese unerwarteten Worte des Trainers gruben sich tief im jungen Auswanderer ein. Abde gab Gas, wechselte zu Hércules Alicante und wurde innnerhalb von einigen Monaten zum gefeierten Youngster des Teams von der Costa Blanca. Bald schon klingelte das Telefon. Eine Nummer aus Katalonien: Der große FC Barcelona wollte ihn. Das große Barça, in dem Neymar getrickst hatte. Abdes Traumverein! Zum Thema Islamische Tafel aus Carrús rettet Armen Weihnachtsessen

Zwei Männer in Pulli und in Sakko, einer hält kleine Figur.
Empfang nach Fußball-WM: Der junge Migrant (links) wurde mit kleiner Dama de Elche geehrt. © Rathaus Elche

Nicht irgendwann, sondern jetzt: Die richtige Entscheidung

Nun ging es für den kickenden Migranten von der Costa Blanca Schlag auf Schlag. Vom Jugendteam rückte Abde zu den Barcelona-Profis auf und schoss bald sein erstes Liga-Tor. Es war ein toller Volley-Treffer gegen den CA Osasuna, also den Club, bei dem er sich aktuell auf Leihbasis weiterentwickelt. Doch dann war da noch eine große Entscheidung zu treffen: Das Nationalteam. Abde unterhielt eigentlich gute Kontakte zu Spaniens U21, die damals von Luis de la Fuente trainiert wurde, dem neuen Coach der spanischen A-Mannschaft. Doch ehe Abde zum Fußballstar der Spanier wurde, rief ein gewisser Walid Regragui bei ihm an. Willst du zur WM fahren?, fragte Marokkos Nationaltrainer.

Nein, nicht zu einer Fußball-Weltmeisterschaft irgendwann, in ferner Zukunft. Sondern jetzt, Ende 2022, in Katar. Es war eine Perspektive, die Abdessamad Ezzalzouli, genannt Abde, nicht ausschlagen konnte. Der Rest ist Geschichte. Und der junge Migrant, der mit vier Jahren für ein besseres Leben nach Spanien gezogen war, ist nun einer von Marokkos WM-Fußballstars. Dass der langjährige Carrús-Bewohner mit der Nationalmannschaft die richtige Wahl getroffen hat, wird spürbar, wenn er beim Erzählen von „meinem Land“ spricht, und Marokko meint. Dieselbe Vertrautheit jedoch erklingt, wenn er mit leuchtenden Augen und der kleinen iberischen Büste in den Händen über Elche sagt: „meine Stadt“.

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