Wanderin auf einem Wanderweg vor einem kleinen, ehemaligen Eisebahntunnel.
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Wandern an der Costa Blanca: Die Vías Verdes in Spanien sind zu Wanderwegen umfunktionierte ehemalige Eisenbahnlinien.

Untwerweg an der Costa Blanca

Wandern an der Costa Blanca: Zwischen Schlucht und Tunnel auf der Vía Verde

  • VonHella Horstendahl
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Grün, Grüner, Vía Verde: Auf den „grünen Wanderpfaden“ an der Costa Blanca können Naturliebhaber die Strecke von alten Eisenbahnen ablaufen und sich auch noch im Herbst an der bunten Farbenvielfalt des spanischen Hinterlandes erfreuen.

Villalonga - Das Rauschen des Flusses, der Duft von frischen Kräutern und Bäumen, die Finsternis der Tunnel. Auf der Vía Verde del Serpis im Hinterland von Spanien werden wieder die eigenen Sinne geschärft und mit neuen Eindrücken überrascht. Dieser Wander- und Radweg im Racó del Duc, oder auch Barranco del Infierno genannt, lässt sowohl in die Historie der Costa Blanca als auch in die Schönheit der Landschaft eintauchen.

Vía Verde del SerpisNaturweg zum Wandern und Radfahren
OrtZwischen Muro und Gandía
ProvinzValencia
Länge40 Kilometer
GeschichteEhemalige Eisenbahnlinie

Wandern an der Costa Blanca: 40 Kilometer auf der Vía Verde del Serpis direkt am Fluss

An der Grenze zwischen den beiden Provinzen Alicante und Valencia im Südosten von Spanien hat der Fluss Serpis sich im Laufe von Abermillionen Jahren eine eigene spektakuläre Schlucht gegraben. Er ist der einzige permanente Wasserlauf in den Grenzregionen und insgesamt der wasserreichste Fluss in der Provinz Alicante. Die Vía Verde del Serpis (Grüner Weg des Serpis) ist ein überwiegend nicht asphaltierter Naturweg, der eine große Bedeutung für die Wirtschaft der Region hat. Er verläuft zwischen den Städten Muro und Gandía auf einer Strecke von 40 Kilometern, größtenteils direkt am Ufer des Serpis entlang. Die heutige 13 Kilometer lange Strecke (6,5 Kilometer hin und 6,5 Kilometer zurück) ist von ökologischem sowie historischem Wert geprägt. Der Schwierigkeitsgrad der Wanderung ist auf leicht bis mittelschwer einzuschätzen, da der Weg größtenteils ebenerdig und gerade verläuft. Die längere Dauer von dreieinhalb Stunden wird durch die einzigartige Schönheit des Barranco del Infierno wieder wettgemacht. Solche einzigartigen Wanderwege sind an der ganzen Costa Blanca zu finden.

Wandern an der Costa Blanca: Auf der Vía Verde del Serpis durch Spaniens Geschichte auf Schienen

Im Jahr 1892 wurde die Eisenbahnlinie zwischen den Städten Alcoy und Gandía eingeweiht, die mit dem Ziel gebaut wurde, die florierende Industrie der Regionen l’Alcoià und El Comtat mit dem nächstgelegenen Hafen in Gandía zu verbinden. Ende des 19. Jahrhunderts stand Alcoy an der Spitze der industriellen Revolution in der Region Valencia. Der Zug transportierte ursprünglich Rohstoffe wie Mehl, Wein und Öl sowie Industrieprodukte, beispielsweise Textilien, Eisen und Stahl. Außerdem wurde Kohle für die Industrie nach Alcoy befördert, ein wichtiger Brennstoff für die Dampfmaschinen. Die Bahn war 76 Jahre lang in Betrieb, bis sie 1969 aufgrund ihrer geringen Rentabilität stillgelegt wurde. Die mit dem Bau und der Verwaltung der Eisenbahn beauftragte Gesellschaft war die „Alcoy and Gandia Railway and Harbour Company Limited“ mit englischen Investoren. Aus diesem Grund wurde die Strecke, die heute als Wanderroute umfunktioniert wurde, „el tren dels anglesos“ (der englische Zug) genannt.

Der Weg startet in einem ländlichen Teil von Villalonga zwischen einer Vielzahl von Orangen- und Avocadoplantagen. Schon hier fasziniert der Blick auf die hohen Berge, die übersäht mit Kiefernbäumen sind. Zuerst muss eine kleine Fußgängerbrücke über den Fluss Serpis überquert werden, um auf die Vía Verde zu gelangen. Die Brücke besteht aus einem einfachen Rohr mit einem kleinen Betonweg, ist aber gut begehbar und sehr stabil. Wer aber unter Höhenangst oder Schwindelgefühl leidet, sollte diese Brücke meiden, die an den Seiten nur mit einem niedrigen Netz gesichert ist.

Vía Verde del Serpis an der Costa Blanca: Der Wasserfall Sorollosa schlängelt sich seinen Weg durch die Kalkberge.

Wandern auf der Vía Verde del Serpis an der Costa Blanca: Von wegen trister Herbst in Spanien

Nach dem Überqueren des Flusses führt ein Pfad bergauf zu einer asphaltierten Straße. Nachdem man rechts abgebogen ist, eröffnet sich ein kleiner gerader Weg direkt am Ufer des Serpis entlang, an dem man an einigen Stellen sogar angeln kann. Hier sprießt die Natur in allen erdenklichen Grüntönen und verleiht der Wanderstrecke seinen verdienten Namen: Vía Verde (Grüner Weg). Schon von Weitem ist das Rauschen des Wasserfalls Sorollosa aus den Kalkbergen zu hören, der Blick auf das hinunter prasselnde Nass wird teilweise von Johannisbrotbäumen und Kiefern verdeckt.

Entlang des Weges halten einige Stellen zum Staunen und Bewundern an. Informationstafeln geben Auskunft über die Flora und Fauna des Racó del Duc, die aufgrund der besonderen Beschaffenheit der Umgebung und seines Mikroklimas einzigartig sind. Die auch noch im November grüne, blühende Landschaft lässt die vielleicht schon aufgekommene Weihnachts- und Winterstimmung wieder in den Hintergrund rücken. Die Vía Verde del Serpis ist mit Ruinen, zum Teil Trümmern von alten Wasserkraftwerken oder Mühlen, gespickt. Die Mare de Déu-Fabrik ist eine dieser Ruinen, in deren Nähe ein gleichnamiges Denkmal, kurz vor dem Eingang in den ersten Tunnel, steht. Dieses kleine Monument wurde zur Erinnerung an die Entdeckung des Bildes der Mare de Déu (Gottesmutter, Schutzpatronin von Villalonga) durch den Holzfäller Senent Pla errichtet. Der Überlieferung nach fand er sie in einer Kiste, als er gegen die Strömung des Serpis flussaufwärts fuhr.

Wandern auf der Vía Verde del Serpis: Kleine Staudämme leiten das Wasser des Flusses für die Kraftwerke um.

Wandern an der Costa Blanca: Jetzt wird es dunkel auf der Vía Verde del Serpis

Die damaligen Eisenbahntunnel, die nun zu Fuß oder auf dem Drahtesel durchquert werden können, sind mal kürzer, mal länger, versetzen Besucher aber durch historische Elemente, wie kaputte Lampen an den Eingängen, sofort in die damalige Zeit. Beim Betreten ist die Hand vor den eigenen Augen nicht mehr erkennbar. Stockfinster. Gruselfaktor hoch zehn. Der 250 Meter lange Túnel de La Mina Larga (langer Minenstollen) eröffnet zwar einige Seitenausgänge mit Blick auf die wunderschöne Landschaft, eine Taschen- oder Stirnlampe ist aber bei dieser völligen Dunkelheit definitiv zu empfehlen. Hinter einer alten Haltestelle der Eisenbahn steht ein kleiner Assut, ein Staudamm, der einen Teil oder den gesamten Abfluss eines Flusses von seinem natürlichen Verlauf ableitet. Diese wurden gebaut, um Mühlen am Flussufer zu versorgen oder Wasser in das Netz der Bewässerungskanäle zu speisen.

Wandern an der Costa Blanca: Am Picknickplatz auf der Vía Verde del Serpis kann neue Energie getankt werden

Vía Verde del Serpis an der Costa Blanca: Das alte Wasserkraftwerk Fábrica del Infierno an dem Fluss Serpis ist heute nicht mehr in Betrieb.

Auf der Hälfte des Weges begrüßt ein kleiner Picknickplatz mit Bänken und Tischen den Wanderer, der sich schon nach einer Verschnaufpause gesehnt hat. Hier können wieder Kräfte gesammelt und die Füße hochgelegt werden. Wen im Sommer die Lust auf eine Abkühlung reizt, kann hier oder auch an anderen Stellen entlang des Serpis ein erfrischendes Bad nehmen und den heiß gelaufenen Fußsohlen im kühlenden Nass wieder Leben einhauchen. Das Gebäude, das auf einer Empore über dem Fluss am Picknickplatz ragt, ist die Fábrica del Infierno. Es ist ein Wasserkraftwerk, das im Jahr 1895 errichtet wurde und die Strömung des Serpis nutzte, um so kostbare Elektrizität zu erzeugen. Nachdem es durch die Hände verschiedener Unternehmen ging, wurde das Werk 1987 unter dem Namen „Central Hidroeléctrica Lorcha“ wiedereröffnet. Mit der Einführung des Monopols der Stromkonzerne wurde es endgültig geschlossen. Nun wird umgedreht und der Weg führt zwischen den tiefen Schluchten, entlang der grünen Bäume und durch die dunklen Eisenbahntunnel zurück zum Startpunkt.

Somit können Ausflügler auf der Vía Verde del Serpis sowohl die atemberaubende Schönheit der Landschaft genießen als auch etwas über die Historie der Region Valencia lernen. Ein einzigartiger Kompromiss, den Besucher gerne eingehen dürften.

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