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Weizen und Co. an der Costa Blanca: Mühlen erinnern an produktivere Zeiten

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Von: Anne Thesing

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Ein älterer Mann dreht das Rad einer in einer Halle stehenden Mühle aus Holz.
Auch Johannisbrot-Mehl wurde an der Costa Blanca gemahlen: Fernando Ceresola an Pegos Mühle. © Ángel García

Stillstehende Mühlen an der Costa Blanca erinnern an Zeiten, in denen hier eigenes Mehl, zum Beispiel aus Weizen, produziert wurde. Ein Dorf knüpft an diese Zeiten an - und lässt die Mühle wieder rattern.

Teulada-Moraira/Pego/Jesús Pobre - Irene Pérez öffnet einen der Holzschächte, durch den bis vor 35 Jahren noch das Weizen-Mehl hinuntersauste und unten von einem Sack aufgefangen wurde. Der letzte Schritt eines ausgeklügelten Prozesses, von dem verschiedene Bestandteile der fast komplett aus Holz gebauten Getreide-Mühle – Schächte, Trichter, Siebe, Seile und Räder – zeugen, die sich auf zwei Etagen eines Dorfhauses mitten in Teulada, im Norden der Costa Blanca, befinden. Erstaunt zieht sie eine alte Pfeife aus dem Schacht. „Die muss mein Großvater hier versteckt haben“, sagt sie lachend. „Meine Großmutter wollte nicht, dass er raucht, also hat er es hier heimlich getan.“

Während sie erzählt und sich höchstens noch ein paar Spinnen an der verstaubten, heruntergekommenen Mühle bewegen, kann man ihn sich in dieser Kulisse bestens vorstellen, den Großvater, wie er heimlich rauchend in einer Ecke steht, während das Getriebe der Mühle ächzend rattert, Getreide-Körner in einen Schacht rieseln und das Weizen-Mehl abgepackt wird. „Es gab damals etwas Probleme mit den Nachbarn, wegen des Lärms“, weiß Irene Pérez, die sich noch daran erinnert, mit ihren Freundinnen gemahlenes Getreide für das an der Costa Blanca bekannte Mehlfest „Farinada“ aus der Mühle ihrer Familie „abgestaubt“ zu haben.

Erst Wind, dann Strom: Mühlen für Weizen an der Costa Blanca

Die Getreide-Mühle in Teulada war eine der ersten elektrisch betriebenen Mühlen in der Marina Alta, wo es eigentlich eher die imposant auf den Bergen thronenden, ebenfalls längst stillstehenden Windmühlen sind, die für Begeisterung bei Historikern und Liebhabern alter Gemäuer sorgen. 49 dieser Windmühlen zählt das Land Valencia, im 19. Jahrhundert sollen es noch 88 gewesen sein. Die älteste ging im 14. Jahrhundert in Betrieb, die meisten folgten in späteren Jahrhunderten. Als Anfang des 20. Jahrhunderts neue eStromquellen die heute wieder als fortschrittlich, da ökologisch, geltende Windenergie ablösten, bedeutete das auch für die letzten ihrer Vertreter an der Costa Blanca das Aus.

Geblieben sind steinerne Zeitzeugen, deren Nachfolger, die elektrisch betriebenen Mühlen, von Historikern und Restauratoren weit weniger hofiert wurden. Ihren Reiz haben sie trotzdem, auch wenn sie weniger sichtbar sind, verstecken sie sich doch in von außen eher unauffällig wirkenden Hallen oder Häusern. Einer ihrer großen Vorteile: Anders als die abgelegenen, nur schwer zugänglichen Windmühlen holten sie das Mahlen mitten ins Dorf. Auch von ihnen sind die meisten heute nicht mehr in Betrieb. Nicht weil sie irgendwann den Geist aufgegeben hätten, sondern weil ihr „Futter“, also Getreide wie Weizen oder Reis oder, wenn auch seltener, Johannisbrotsamen, kein rentables Anbauprodukt mehr war. Weil Tourismus und Bauboom attraktivere Geldquellen wurden als die Landwirtschaft. Oder auch weil sie gegenüber größeren, industriellen Mehl-Betrieben klein beigeben mussten.

Kein Weizen mehr: Mühlen an der Costa Blanca wurden überflüssig

In der Marina Alta zum Beispiel bedeutete das Ende des zuvor boomenden Weizen-Anbaus spätestens in den 1980er Jahren auch das Ende der meisten elektrisch betriebenen Weizenkorn-Mühlen. Leider, wie man gerade in der aktuellen Situation sagen muss, in der sich wegen Lieferengpässen auch an der Costa Blanca die Mehlregale leeren und die Abkehr von der heimischen Produktion immer mehr in Frage gestellt wird. Schade also, dass die Teuladiner Mühle stillsteht. Kein Rattern, kein heimliches Rauchen, kein Mehl aus regionalem Anbau.

Dabei hätte die Urenkelin ihres ersten Besitzers ganz gerne wieder ein bisschen Lärm in der Halle. „Man müsste die Mühle eben nur zu bestimmten Zeiten und in Absprache mit den Nachbarn laufen lassen“, sagt die junge Künstlerin, als sie für einige Monate zu Besuch in ihrem Heimatort an der Costa Blanca ist. Eigentlich wohnt sie im Schwarzwald, wo sie eine Kunst-Residenz betreut. Kunst in Form von Ausstellungen und Projekten möchte sie auch nach Teulada bringen, in das an die Mühle benachbarte Haus, das ebenfalls ihrer Familie gehört. Nebenan könnte die Mühle entweder als Museumsstück pädagogischen Wert haben oder sogar richtig in Betrieb gehen, Mehl produzieren und so bei einem möglichen Wiederaufbau des längst verlorengegangenen Weizen-Sektors helfen.

Eine Frau blickt auf das Holzgestell einer alten Getreidemühle.
Stillstehende Weizen-Mühle an der Costa Blanca: Irene Pérez hofft auf Restaurierung. © Anne Thesing

Mühle an der Costa Blanca verfällt

Doch all das geht nur, wenn die Maschine umfassend und vor allem schnellstmöglich restauriert wird. Ein Loch im Boden des oberen Stockwerks zeigt die Brüchigkeit der gesamten Anlage. Auch das Dach ist einsturzgefährdet, vor allem aber hat der Holzwurm deutliche Spuren hinterlassen. Ihr Urgroßvater habe die ehemals als Rosinenlager dienende Halle und das benachbarte frühere Hostal gekauft und die Mühle in den 1920er Jahren bauen lassen, erzählt Irene Pérez. Am meisten Mehl sei hier in den 60er Jahren produziert worden. Bis Ende der 80er Jahre, damals bereits unter ihrem Großvater, sei die Mühle an der Costa Blanca in Betrieb gewesen. Das endgültige Aus kam mit dem letzten Weizen-Korn, das in Teulada angebaut wurde. Immerhin, ein jüngst auf Drängen von Pérez erstelltes Gutachten des Rathauses bescheinigt der Mühle ihre Restaurationsbedürftigkeit. „Auch die Menschen aus dem Dorf wollen, dass die Mühle restauriert und öffentlich zugänglich wird. Eventuell auch als Museum“, sagt sie und denkt dabei an ähnliche Projekte mit alten, wieder hergerichteten Mühlen im Schwarzwald.

Im nicht weit entfernten Pego, ebenfalls an der Costa Blanca, öffnet Fernando Ceresola das Tor zu einer großen, von außen etwas heruntergekommenen Halle. „Alle, die hier hineinschauen, sind überwältigt“, sagt er und zeigt auf die imposante Holzmühle. Auch hier wurde Mehl gemahlen, sogar noch bis ins Jahr 2014. Nicht Weizen wurde hier in die Trichter geschüttet, sondern Johannisbrotsamen – noch so ein Produkt, dass zwar seine besten Zeiten hinter sich hat, langsam aber wieder wertgeschätzt wird. Die Mahltechnik ist die gleiche wie beim Weizen, die Mühle ähnelt der in Teulada, ist allerdings besser erhalten. Fernando Ceresola war hier von Anfang an, also seit Ende der 50er Jahre, der Müller. Bis zu seiner Rente, wenige Jahre, bevor die Mühle dichtmachen musste.

Die Hand eines Mannes nimmt ein paar Samen, die auf dem Sieb einer Mühle liegen und weiter zu Mehl verarbeitet werden.
Zu immer feinerem Mehl wurden die Johannisbrotsamen gemahlen. © Ángel García

Vom Samen zum Mehl: Mühle für Johannisbrot an der Costa Blanca

„Ich habe den Beruf überhaupt nicht gemocht“, sagt er überraschenderweise und trübt damit ein wenig die Begeisterung, die einen erfasst beim Blick auf die beeindruckende Holzkonstruktion – deren Funktionen kaum jemand besser beschreiben könnte als der ehemalige Pegoliner Müller. Er geht zum ersten Trichter, hier wurden die angelieferten Johannisbrotsamen, die schon mit einer anderen Mühle aus ihrer Schote geschält worden waren, hineingefüllt, gingen dann durch drei Zerkleinerungsmaschinen und weiter zur den Mühlsteinen der Steinmühle. „Der untere Stein ist fest angebracht, der obere drehte sich“, sagt Ceresol. Das Problem: Johannisbrotsamen sind keine Weizen-Körner, sie sind härter, widerstandsfähiger – und entsprechend schnell nutzte der Mahlstein ab. „Drei Mal schneller als bei Getreide“, weiß Ceresola. Nach 20.000 Kilogramm zu Mehl verarbeiteten Samen musste der Stein aus der Mühle gewuchtet und mit einer Art Hammer aufgerauht werden. Keine leichte Angelegenheit, schon allein wegen des Gewichts. „Es gibt nur noch wenige, die diese Arbeit beherrschen“ sagt der Ex-Müller – an der Costa Blanca sei er einer von ihnen.

Doch weiter zur Mühle. Nach dem Mahlen zwischen den beiden Steinen war das Ergebnis noch nicht fein genug für den Handel, weshalb eine nächste, auf einer Anhöhe stehende Maschine zum Einsatz kam, von der aus es durch verschiedene Siebe, Unterlagen, Röhren und Trichter schließlich runter zu den elektrischen Eisenmühlen ging. Dort wurde das Mehl so fein gemahlen, wie es der damalige Hauptkunde, Jesus Navarro S.A., besser bekannt als Carmencita, haben wollte, um damit seinen Nachtisch, den klassischen Flan Chino Mandarin, andicken zu können.

Es sei eine von insgesamt nur vier Johannisbrot-Mühlen in Spanien gewesen, sagt Ceresola. Im Vergleich zu anderen, zum Beispiel der im valencianischen Silla, war sie klein, und als 2014 mit dem Flan Chino Mandarin ihr Hauptkunde von einem anderen Unternehmen aufgekauft wurde, das auf industriellere Dickungsmittel setzte, musste die Mühle schließen.

Ein Mann kippt Weizenkörner in den Trichter einer Getreidemühle aus Holz.
Funktionierende Mühle an der Costa Blanca: In Jesús Pobre wird wieder Weizen-Mehl gemahlen. © Anne Thesing

Wo an der Costa Blanca Weizen wieder zu Mehl wird: Mühle in Jesús Pobre

Diesem Schicksal, das viele traditionell hergestellte Produkte ereilte, will man im wieder nur wenige Kilometer entfernten Jesús Pobre entgegenwirken. Auch hier steht in einem Dorfhaus eine, wenn auch im Vergleich zu ihren wuchtigen Kollegen aus Teulada und Pego kleine, elektrisch betriebene Holzmühle. Doch hier ist es höchstens der Staub von frisch gemahlenem Mehl, der sich auf die noch neu wirkende Mühle legt. Statt Stillstand und Verfall sieht man hier ratternde Räder, Siebe drehen Runden, Weizenkörner werden in den Trichter gekippt, das fertige Mehl strömt in Eimer und wird für den Verkauf abgepackt. „Das System ist das gleiche wie bei den alten Mühlen“, sagt Josep Gordillo, einer der Freiwilligen des Projekts „Blat de la Marina“ (Weizen aus der Marina), das seit einigen Jahren verlassene Felder im Norden der Costa Blanca mit vier heimischen, schon fast in Vergessenheit geratenen Weizensorten, füllt.

„Das hier ist eher ein soziales Projekt, davon leben können wir nicht, wir alle haben noch einen Beruf“, betont er. Ist doch auch das Ergebnis kein Massen-, sondern ein exklusives Produkt, das an der Costa Blanca vor allem unter ausgesuchten Restaurants oder auch Bäckereien, die schon etwas Besonderes bieten müssen, um überleben zu können, Kunden findet. Aber immerhin: 10.000 Kilo mahlt die Mühle mittlerweile im Jahr, und zwar traditionell mit dem Stein. „Bei dieser Methode ist der Eingriff minimal, alle Inhaltsstoffe des Korns bleiben erhalten. Deshalb ist das auf Steinen gemahlene Mehl auch dunkler als das industrielle“, sagt Gordillo, während Juan Signes, der freiwillige Müller von „Blat de la Marina“, einen weiteren Eimer Weizen-Körner in den Trichter füllt und es erneut zu rattern beginnt. Nach all den Industrieleichen tut es gut, eine Mühle in Betrieb zu sehen – so wie es sich Irene Pérez für ihre Mühle in Teulada wünscht.

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