Vor einem historischen Gebäude ist horizontal eine Weltraumraumrakete platziert.
+
Spaniens erste Weltkraumrakete: Miura 1 wurde in Madrid vorgestellt.

Spanische Raumfahrt

Spaniens erste Weltraumrakete: An Costa Blanca gebaut, Start 2022 in Huelva - Satelliten zu Weihnachten?

  • Stefan Wieczorek
    VonStefan Wieczorek
    schließen

Das Start-up-Unternehmen PLD Space aus Elche entwickelt in Spanien umweltfreundliche Transportraketen, die Satelliten ins All befördern sollen. Der Countdown für den Testflug läuft. Gelingt der 2022 in Andalusien geplante Start?

Elche - Ein kleiner Flug zurück in die 90er Jahre. Der 3D-Pionierfilm „Toy Story“ erobert Kinderherzen. Gebannt hört ein Neunjähriger von der Costa Blanca zu, als Buzz Lightyear den Satz ausruft: „Bis zur Unendlichkeit und noch viel weiter!“ Der Junge, sein Name ist Rául Torres, schwärmt vom All, fernen Planeten und baut Raketen aus alten Flaschen. Irgendwann würden auch seine Fluggeräte in unbekannten Galaxien Leben aufspüren, träumt er. Heute ist der 34-Jährige Direktor von PLD Space. Die Raumfahrttechnik-Firma hat soeben Spaniens erste Weltraumrakete gebaut. Ihr Start soll 2022 in Huelva in Andalusien erfolgen.

Costa BlancaKüstenabschnitt in Spanien
Provinz Alicante
Autonome RegionComunidad Valenciana

Spaniens erste Weltraumrakete: Miura 1 in Madrid vorgestellt

November im Jahr 2021: Über 10.000 Augenpaare voller Sternenglitzern bewundern im nationalen Wissenschaftsmuseum in Madrid ein besonderes Ausstellungsobjekt: Kein abstraktes Modell, kein legendäres spanisches U-Boot oder altes Radio, das in der Vergangenheit mal bahnbrechend war. Nein, hier ist eine Rakete zu sehen, die die spanische Raumfahrt in der nahen Zukunft in neue Sphären befördern soll: Miura 1, Spaniens erste Weltraumrakete und das erste umweltfreundliche, in Europa hergestellte kosmische Gefährt. Gebaut haben das technische Meisterwerk Uni-Absolventen aus Elche an der Costa Blanca.

Den meisten der Gleichaltrigen von Raúl Torres sind die „Toy Story“-Träume irgendwann abhanden gekommen. Schule, Ausbildung, Studium und Beruf lenkten ihr Leben auf ganz und gar irdische Bahnen. Der Spanier jedoch ist drauf und dran, sich gemeinsam mit seinen Kollegen von PLD Space Kindheitsträume zu erfüllen. Und das mit einer Erfindung, die die europäische Raumfahrt auch in Sachen Nachhaltigkeit voranbringen dürfte. Miura 1, entwickelt von den Wissenschaftlern von der Costa Blanca, ist eine mit Flüssigbrennstoff betriebene und wiederverwendbare Transportrakete.

PLD Space baut Weltraumrakete: In den Top-10 spanischer Start-ups

2021 feiert PLD Space nicht nur den nahenden Start von Miura 1. Sondern auch ein Firmenjubiläum. Das Start-up-Unternehmen der Universität Miguel Hernández (UMH) von Elche entstand 2011. An die 50 Firmen dieser Art wenden mittlerweile wissenschaftliche Erkenntnisse aus der universitären UMH-Forschung kommerziell an. Doch PLD Space hob ab wie keine andere und etablierte sich in den vergangenen Jahren in den Top-10 der spanischen Start-ups. Mit Sitz im Industriepark Torrellano – nahe des Flughafens „Miguel Hernández“ von Alicante-Elche – zählt die Firma mittlerweile über 60 Angestellte.

Dank PLD Space kehrte Raúl Torres in die Heimatgalaxie Elche zurück, der er für das Studium eigentlich den Rücken gekehrt hatte. Die Abschlussarbeit seines Biologiestudiums absolvierte der Wissenschafler aus Spanien am Centro de Astrobiología in Madrid. „Die Suche nach Leben im All hatte ich im Studium aber immer im Hinterkopf“, berichtet Raúl Torres bei unserem Besuch in der Firmenzentrale an der Costa Blanca. Für die Beendigung eines zweiten Studiums der Luft- und Raumfahrttechnik in Valencia fehlte dem jungen Wissenschaftler 2011 ein Semester. Inzwischen war es mit PLD Space losgegangen.

Weltraumcowboys in der Wüste von Almería

Beteiligt an der Gründung des Weltraum-Start-ups war ein anderer Raúl aus Elche, Raúl Verdú. Den heute 33-jährigen UMH-Industrietechniker lernte Raúl Torres zufällig kennen. Schnell fiel ihnen die Vereinbarkeit ihrer Interessen auf: Torres‘ Traum vom All und Verdús Faszination für den Bau von Raketenmotoren. Für ihr Geschäftskonzept gewannen sie den Wettbewerb für Start-up-Firmen „49K“. Und begaben sich zwischendurch in die Hollywood-Wüste von Almería. Wie zwei Weltraumcowboys testeten die Wissenschaftler von der Costa Blanca dort Triebwerke und schossen mit selbstgebauten Raketen um sich.

Deren Prototypen posieren in einer Reihe vor der großen Fotowand, einer Erde aus der Sicht eines Raumfahrers, im Firmensitz in Elche. Wie kleine Feuerwerksraketen wirken sie aber im Vergleich zu dem zwölf Meter langen Geschoss, das mehrere Träger stemmen: Miura 1. Jene Rakete, die schon vor dem Start nicht nur in Elche für kometenhafte Schlagzeilen sorgt. Als kostengünstige und umweltfreundliche Variante soll sie Forschungsgeräte auf die Höhe annähernder Schwerelosigkeit bringen. Beispielsweise können so Medikamentenhersteller für die Raumfahrt die Mikrogravitation testen , erklärt Raúl Torres.

Miura 1 sei für suborbitale Flüge konzipiert, erreiche also auf 150 Kilometern die Sphäre unmittelbar vor der erdnahen Umlaufbahn. Die Mission der Weltraumrakete, die 100-Kilo-Pakete tragen und 2022 im andalusischen Huelva erstmals abheben soll, ist zunächst als Testflug gedacht. Noch höher hinaus soll das Zukunftsprojekt Miura 5, das für die Beförderung von Satelliten in die Umlaufbahn gedacht ist. 2024 soll dieses Transportgefährt vom Weltraumbahnhof Kourou in Französisch-Guayana starten und ab dann regelmäßig bis zu 450 Kilo schwere Satelliten an die Schwelle des Weltalls transportieren.

„Vielleicht verschenkt man dann zu Weihnachten Satelliten.“

Raúl Verdú, Weltraumraketen-Entwickler von PLD Space

Öko-Rakete aus Spanien: Kein Weltraummüll - Für Militär zu langsam

An Anfragen mangele es den jungen Weltraumraketen-Entwicklern von der Costa Blanca nicht. 36 Millionen Euro kostete die Herstellung von Miura 1. 2022, im Jahr des erhofften ersten Testflugs, erwarten die Unternehmer Subventionen von weiteren 100 Millionen Euro. Astronomische Summen für die jungen Unternehmer aus Elche. Jedoch Peanuts in der internationalen Raumfahrt. Mittendrin in der Branche ist nun PLD Space, das bislang sechs Abkommen mit europäischen Raumfahrtagenturen abschloss und auch dadurch millionenschwere Zuschüsse - vor allem aus privaten Quellen - erzielte.

Dabei ist es das kostengünstige Angebot, mit dem PLD Space die übermächtige Konkurrenz im Raumfahrtgewerbe ausstechen will. „Unsere Rakete verwendet Flüssigbrennstoff, was für diese Art von Raketen nicht typisch ist. Er ist aber billiger als Festbrennstoff“, erläutert Raúl Verdú. Auch durch die Bauweise spare die aus Aluminium und Kohlefaser bestehende Rakete Geld. Vor allem aber ist sie wiederverwendbar. Miura 1 besteht aus einem einzigen Stück und kommt zu 70 Prozent wieder auf die Erde zurück. Dazu notwendig sei ihr Flugverhalten an der Grenze der Erdatmosphäre.

In Madrid konnten Besucher sich Spaniens erste Weltraumrakete aus der Nähe ansehen.

„So wenig wie möglich leiden“ müsse die Rakete von PLD Space, erklären die Entwickler von der Costa Blanca. Für militärische Zwecke sei sie unbrauchbar, da zu langsam. Aber auch das senke den Preis. Vom späteren Modell Miura 5 sollen bei der Rückkehr immerhin eine von drei Stufen überleben, was 40 Prozent der Rakete ausmache. „Da die abgeworfenen Stücke in der Atmosphäre verglühen, produzieren wir zudem keinen Weltraummüll“, versichert Entwickler Raúl Torres. Damit der Start gelingt, lassen die Techniker die Triebwerke auf ihrem Testgelände – ein Seitenbereich des Flughafens von Teruel – bereits heiß laufen.

Spanien ohne Kontinuität: „Nur Bedienstete“ im Weltall

Die Probe eines solchen Düsenantriebs zeigen die Weltraumraketen-Entwickler uns im Video: . „Ein unvorstellbarer Lärm, und die Erde bebt“, beschreibt Raúl Torres das Geschehen mit leuchtenden Augen. Noch mehr Begeisterung bescherte ihm ein Anruf aus Köln Ende des Jahres 2015. Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) war auf die Triebwerkstests von PLD Space in Spanien aufmerksam geworden. „Deren Übungsstationen waren gerade alle belegt, da fanden sie unsere im Internet“, erzählt Raúl Verdú. Das DLR fragte an, über die Firma aus Elche Flüssigtriebwerke testen zu können.

Für PLD Space war der Vertrag mit dem DLR ein Durchbruch. Nun zog das Start-up in einen neuen Firmensitz um und wuchs von zunächst fünf auf 20 Angestellte an. „Es kommen immer viele Lebensläufe herein“, berichtet Raúl Torres, „wir brauchen Ingenieure, Telekommunikationstechniker, Monteure, auch mal Betriebswissenschaftler“. Gern gesehen seien Fachleute aus Deutschland, deren duale Ausbildung der Firmendirektor in höchsten Tönen lobt. Doch vor allem seinem Land will er bei der Raumfahrt auf die Sprünge helfen. „In Europa ist Spanien nur Bediensteter“, beschwert er sich.

Und auch Europa hinke den Größen der Weltraumtechnik hinterher: Allein die USA gebe das Fünffache für den Sektor Raumfahrt aus. Asien sei stark im Kommen, China habe Russland überholt. In Spanien fehle hingegen ein klarer Plan, allem voran eine eigene Raumfahrtagentur. Schuld daran, so Raúl Torres: „Die bekannten politischen Unstimmigkeiten im Land. Die machen Kontinuität unmöglich.“ Zielgerichtet und ehrgeizig wollen die Raúls aus Elche dagegenhalten. Verdú würde gerne im nächsten Jahrzehnt regelmäßige Starts in den Weltraum durchführen.

Entwickler von Spaniens erster Weltraumrakete: Raúl Torres (r.) und Raúl Verdú von PLD Space aus Elche.

Vom Wunderpferd zum spanischen Stier: Am liebsten die Erdkugel

Der Traum der Start-Up-Unternehmer vom All: Endlich scheint er real zu werden. Immer wieder mussten sie die 2016 oder 2018 geplanten Starts ihrer Weltraumraketen verschieben. Doch entmutigen ließen sich Raúl Verdú, Raúl Torres und Firmenpräsident Ezequiel Sánchez nie. Auch deshalb benannten die Entwickler ihre Raketen um: Den früheren Namen Arion änderte PLD Space in Miura. Aus einem Wunderpferd der griechischen Mythologie wurde ein spanischer Stier – voller „Kraft, Ausdauer und Energie“, wie die Unternehmer begründen. Im nächsten Jahrzehnt wollen sie regelmäßige Starts in den Weltraum durchführen.

„Vielleicht verschenkt man dann zu Weihnachten Satelliten“, sagt Raúl Verdú mit durchaus ernster Miene. Auch Raúl Torres äußert einen Traum: „Mit einer Rakete PLD Space würde ich zwei Raumfahrer ins All befördern.“ Ob diese Verdú und Torres heißen würden? Der Raketen-Entwickler lacht. Sie sollten zumindest aus Europa kommen, sagt der Wissenschaftler. Mit zukünftigen Weltraumraketen seines Unternehmens würde er gern bis zum Mond fliegen.

Welche Fahne er denn bei der Landung aufstellen würde? Längst ist bei diesen Fragen der kleine Junge im Gesicht des 34-Jährigen aufgeblitzt. Raúl Torres überlegt. Eine Flagge mit der Dame von Elche vielleicht, oder die rot-gold-rote Spanien-Flagge? „Ich glaube, ich hätte eine blaue Flagge mit einem Emblem der Erdkugel dabei“, sagt der Weltraumraketenbauer schließlich.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare