Auf einem historischen Foto sind mehrere Arbeiter in einem Steinbruch in Amerika abgebildet.
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Emigration aus Spanien: Valencianer in einem Steinbruch in Amerika um 1912.

Emigration aus Spanien

Raus aus der Misere: Als Valencianos ihr Glück in Amerika suchten

  • Anne Thesing
    VonAnne Thesing
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Anfang des 20. Jahrhunderts verließen mehr als 15.000 Valencianer ihr Land, um in Nordamerika ihr Glück zu suchen. Durch die Emigration hofften sie, in kurzer Zeit genug Geld verdienen zu können, mit dem sie sich in Spanien ein würdiges Leben aufbauen wollten.

Pego - Juli Esteve hat im Laufe seiner Recherchen die unterschiedlichsten Emigrations-Geschichten zu hören bekommen. Zum Beispiel die von Remei Sendra aus Pego im Hinterland der Costa Blanca. Sie war eine der rund 15.000 Valencianerinnen und Valencianer, davon 986 aus Pego, die zwischen 1906 und 1920 aus Spanien nach Nord-Amerika emigrierten – eine Entwicklung, die der Journalist vom Dokumentarfilmproduzenten „Info TV“ in seinem aktuellen valencianischen Buch „L’Emigració valenciana als Estats Units i el Canadà“ unter die Lupe genommen hat.

Remei Sendra war, wie damals 83 Prozent der Pegoliner Bevölkerung, Analphabetin. Diese waren in Amerika nicht gerne gesehen, weshalb man die Neuankömmlinge aus Spanien einer Leseprobe unterzog. Doch der Text, den sie lesen sollten, sprach sich unter den Valencianern herum, auch Remei kannte ihn auswendig – hatte jedoch das Pech, dass er just ausgetauscht wurde, als sie an der Reihe war. Sie scheiterte beim Vorlesen, kehrte gezwungenermaßen nach Pego zurück, machte sich dort aber innerhalb von nur sechs Monaten so sehr mit Buchstaben vertraut, dass sie bei ihrem zweiten Emigrations-Versuch angenommen wurde.

Emigration aus Spanien: Amerika lockte Valencianer mit hohen Löhnen

Eine Anekdote von vielen aus einer Zeit, in der Spanien nicht wie heute Einwanderungsland sondern Auswanderungsland war. Remei Sendra war eine Person von mindestens 15.000. Was sie antrieb, ihre Heimat zu verlassen und die Emigration zu wagen, war vor allem die soziale Situation, geprägt von Armut und Abhängigkeit. „Das Land war im Besitz sehr weniger, bearbeitet wurde es von Tagelöhnern. Es gab viel Missbrauch, und die Löhne waren gering“, sagt Esteve. Eine Pesete oder weniger am Tag gab es etwa in der Marina Alta, und nicht an allen Tagen gab es für die Valencianer Beschäftigung.

Dazu kamen die Auswirkungen der Reblaus-Plage, die ab 1904 auch in der Marina Alta innerhalb von vier bis fünf Jahren das gesamte, zuvor boomende Rosinen-Geschäft lahmlegte. Was den Wunsch, das Glück woanders zu suchen, noch verstärkte. Zuerst führte die Emigration die Valencianer nach Kanada, dann auch in die USA. „Zehn Personen aus Orba machten den Anfang“, sagt Esteve. Sie kamen nach Spanien zurück, mit Geld, und lösten eine Welle aus. Allein in Orba machte sich fast die Hälfte der damaligen Bevölkerung auf den Weg nach Amerika.

Kein Wunder. Kamen die Valencianer in Spanien auf nur 150 Peseten im Jahr, hatten sie diesen Betrag in Amerika schon nach einer Woche im Geldbeutel. „In einem Jahr verdienten sie dort, wofür sie hier 50 Jahre hätten arbeiten müssen“, sagt Esteve. Und so verließen sie ihr Dorf, die meisten mit der Idee, nach zwei bis fünf Jahren zurückzukehren.

Emigration aus Spanien: Valencianer, hier aus Tàrbena, wurden in Amerika zu reichen Männern.

Emigration nach Amerika: Junge Valencianer sparen für Spanien

Die am häufigsten aufgesuchten Emigrations-Ziele waren Montreal in Kanada, New York, Connecticut, Pennsylvania, Ohio und Michigan. „Anfangs wurden die Spanier vor allem im Eisenbahnbau eingesetzt, später kam Fabrikarbeit dazu.“ Auch Frauen – sie machten sieben Prozent der valencianischen Emigranten aus und durften nur in Begleitung von Männern reisen – kamen in Amerika in Fabriken unter, andere arbeiteten als Haushälterinnen oder Ammen. „Bei den meisten Emigranten aus Spanien handelte es sich um junge, unverheiratete Männer zwischen 18 und 22 Jahren. Ihr Ziel war zu sparen, um sich in der Heimat Land und ein Haus kaufen zu können und nicht mehr abhängig zu sein.“

Bis 1920 ging das gut, dann änderten sich nicht nur die amerikanischen Einwanderungsgesetze, auch ließ eine Wirtschaftskrise die Nachfrage nach Arbeitskräften sinken. „Es kam zu massiven Entlassungen und Rückreiseaktionen.“

Emigration aus Spanien nach Amerika: Autor Juli Esteve sprach mit vielen Valencianern.

Valencianer in Amerika: Spaniens Traum vom Geldsegen

Ein Jahr lang hat Juli Esteve für das Buch und vier Dokumentarfilme recherchiert. „Ich bin alle Passagierlisten von Schiffen aus Spanien, die im Rahmen der Emigration in Amerika ankamen, durchgegangen.“ Mit 700 Nachfahren aus 70 valencianischen Orten habe er gesprochen, dazu mit den Familien von Valencianern, die in Amerika geblieben sind.

„Eine Frau aus Vall d‘Ebo berichtete mir von ihrer Großmutter“, holt er eine zweite Anekdote aus seinem Forschungsrepertoire. Sie wollte sich auf den Weg jenseits des Atlantiks machen, um dort als Amme fremde Kinder zu stillen. Damit ihre eigene Milch während der Anreise, die auch mal einen Monat dauern konnte, nicht versiegte, „nahm sie Welpen mit, um sie unterwegs zu stillen“, erzählt Esteve. Manchmal habe auch der eigene Ehemann an die Brust gemusst, Hauptsache die Milch überstand die Reise – und der Traum vom amerikanischen Geldsegen konnte verwirklicht werden.

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