Durch ein Tor scheint Licht, dahinter Felsen und Säulen.
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Im San Juan de la Peña schließen mozarabische, romanische und gotische Einflüsse einen Bund mit der Architektur des Berges.

Spuren des Heiligen Grals

Felsenkloster in Spaniens Pyrenäen: Festung des ewigen Lebens

  • Stefan Wieczorek
    VonStefan Wieczorek
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Aus einer Höhle verfolgter Christen wurde das Versteck eines heiligen Kelches und die Wiege eines neuen Königreichs. Ein Stopp voller Mystik auf der Reise vom Letzten Abendmahl nach Valencia.

Jaca - Vielleicht nicht gleich um den Kelch der Unsterblichkeit. Aber zumindest um eine wundersame Unversehrtheit. Darum dürften viele Bewohner der Pyrenäen gebetet haben, als die Invasoren ihre Heimat erreichten. Aus dem Süden waren sie nach Spanien gekommen: Ein kriegerisches Volk, das im Namen eines unbekannten heiligen Buches Gemetzel anrichtete, Häuser und Tempel niederriss. In Höhlen flohen die Einheimischen und wurden fortan zu Fremden im eigenen Land. Aber nicht für die Ewigkeit. Ein neues Königreich entstand, das die Wende bringen würde. Zu seiner Festung wurde eine der alten Grotten: Das Versteck des Kelches oder auch Heiligen Grals, der laut Überlieferung das ewige Leben enthielt.

Kloster San Juan de la Peña
Adresse: A-1603, s/n, 22711 Jaca, Huesca
Telefon: 974 35 51 19

Felsenkloster in Spaniens Pyrenäen: Versteck des heiligen Grals von Valencia

Unsere 1.300 Jahre reichende Reise führt in Spaniens vordere Pyrenäen vor Jaca. Inmitten einer Gegend, die für Fauna und Flora der Wälder und Felsen reserviert zu sein scheint, trifft der Besucher auf das Unerwartete: Aus dem Fuße einer gen Norden gewandten, bedrohlich gebeugten Schlucht erwächst eine Anlage mit romanischen und gotischen Formen. Es ist ein Kloster: San Juan de la Peña. Einmalig in seiner Art, ja ein Wunder, ist es bereits von der Bauart. An einer schwer zugänglichen Stelle treffen wir auf das tief in den roten Fels integrierte Herz des aragonesischen Christen- und Königtums. Teile der Stätte reichen in mozarabische Zeiten zurück. Im Mausoleum ruhen große Monarchen der ersten Stunde Aragóns.

Eine kleine Quelle, die noch sprudelt, lockte offenbar die ersten Einsiedler her. Noch vor dem Eindringen der Mauren im 8. Jahrhundert – davon war am Anfang die Rede – soll ein gewisser Juan de Atarés eine Klause am Fels errichtet haben. Eine bekannte Erzählung besagt, dass um das Jahr 700 der Edelmann Voto nach einem Beinahe-Absturz mit dem Pferd die Überreste des Einsiedlers fand. So friedlich lag der Tote da, als wäre er in eine heilsame Ewigkeit entrückt. In der zauberhaften Gegend machte das so einen Eindruck auf den jungen Ritter, dass er sich dazu entschloss, die Einsiedelei von Johannes dem Täufer (nach ihm hatte de Atarés sie benannt) als religiöse Gemeinschaft fortzuführen.

Von natürlicher Mystik: Aus Zuflucht wird Ort der Wissenschaft

Als bald die arabische Fremdherrschaft einbrach, war das christliche Leben – trotz Phasen religiöser Toleranz – dazu gezwungen, sich vorwiegend im Untergrund zu entfalten. Dazu eignete sich die verborgene, mit bemerkenswerter natürlicher Mystik versehene Stätte in den Bergen besonders gut. Zwar gelangen den Mauren im 8. Jahrhundert einige Zerstörungen in der Anlage. Aber sie schafften es nicht, zu verhindern, dass sich eine Kloster-Gemeinschaft bildete. Deren große spirituelle Kraft ist im San Juan de la Peña in Stein gehauen. Ein massives Gewölbe ist im Untergeschoss des Komplexes die 1.100 Jahre alte Kirche.

Mächtige Säulen und Bögen schaffen hier einen zweischiffigen Gottesdienstraum mit reduzierter Sicht vom einen in den anderen Bereich. Es ist der Ausdruck des von den alten Christen gefeierten mozarabischen Ritus, in dem die heiligsten Handlungen verdeckt bleiben mussten. Ein Erlebnis ist das geruhsame Umhergehen in diesem wenig beleuchteten Säulenraum, in dem romanische Malereien erhalten geblieben sind. Lange schon blickten die Könige in Pamplona mit Bewunderung auf die Stätte, die sich vom strategischen und spirituellen Rückzugsort in den Bergen nach und nach in ein geistig-wissenschaftliches Zentrum wandelte.

Zu großen Förderern dieser Entwicklung wurden Aragóns erste Könige, Ramiro und Sancho I., die im Kloster begraben wurden. Wo sonst, als in dieser mystischen Stätte – so dachten sie – würde der Eintritt in das ewige Leben besonders direkt verlaufen? Sancho I. stiftete 1028 das Johannes dem Täufer geweihte Benediktinerkloster, das die erneuerte Regel des französischen Cluny annahm. Als die Kirche 1071 den römischen Ritus einführte, war das Felsenkloster der erste Ort in Spanien, wo das umgesetzt wurde. Für Historiker ist das der Beweis für das enorme auch kulturelle Gewicht des damaligen San Juan de la Peña.

Felsenkloster in Spaniens Pyrenäen: Aus dem Versteck verfolgter Christen wurde die Wiege des Königreichs Aragón.

Gefäß aus rotbraunem Karneol: Objekt voller Sprengkraft

Famos war das Skriptorium der Bergmönche, wo etwa Aragóns älteste Abschrift der Bibel entstand. Neue, kunstvolle Anbauten, erst die Johannes geweihte Oberkirche, dann der emblematische Kreuzgang unter der fast waagerechten Felsendecke, ließen das Kloster wachsen. Es schien, als ob ein lange in den Untergrund gedrängter Geist aus der Höhle in die Freiheit drängte. Doch in dieser beeindruckenden Evolution gab es noch einen besonderen, spirituellen Motor: Ein Gefäß aus rotbraunem Karneol, über 1000 Jahre zuvor im Nahen Osten gefertigt. Die Schale, die heute als heiliger Kelch in Valencia ausgestellt ist. Über 300 Jahre lang weilte die als Heiliger Gral verehrte Reliquie im San Juan de la Peña.

Das Felsenkloster wurde über Jahrhunderte zu ihrem Versteck. Die islamischen Machthaber hätten den Becher mit Sicherheit zerstört. Denn für Christen ist das Letzte Abendmahl, das Jesus mit dem heiligen Becher feierte, Ausdruck des Neuen Bundes, den Gott – durch das Blut seines menschgewordenen Sohnes (Lukas 22) – mit den Menschen schloss. Für den Islam aber ist der Glaube an einen Gott, der auf Erden wandelt, aus Kelchen trinkt und sich für Menschen opfert, ungeheuerlich. Warum weilte ein Objekt mit solch religiöser Sprengkraft – wenn es denn das Original ist – ausgerechnet in Spaniens Pyrenäen?

Lorenzo fiel nur ein sicherer Hort ein: Das Haus seiner Eltern

Das lässt sich nur anhand der Überlieferung beantworten. Der erste schriftliche Nachweis für den Kelch ist 1399 die Forderung des Königs, die Reliquie nach Zaragoza zu schaffen. Dem Wunsch kamen San Juans Mönche nach. Nach über drei Jahrhunderten verließ der Becher Jesu die Stätte, die er längst nicht mehr als Versteck brauchte. Nicht mehr vor Feinden zu fliehen, war etwas Neues für das als Heiliger Gral verehrte Gefäß. Eine blutige Verfolgung der Christen in Rom, so die verbreitete Sicht, habe den Kelch nach Spanien gebracht. Im Jahr 256 bat demnach Papst Sixtus seinen Kardinal Lorenzo, einen sicheren Hort für den Abendmahlsbecher zu finden. Für Lorenzo, der aus Huesca stammte, kam nur eines in Frage: das Haus seiner Eltern.

Kopie des Grals im Felsenkloster: Die eigentlich simple Schale aus dem Orient wurde im 14. Jahrhundert mit goldenen Griffen und einem Fuß voller Perlen bestückt.

Zunächst landete das heilige Objekt also dort, bevor es sich auf Reisen quer durch die spanische Pyrenäen-Region begab. Unter anderem gilt die Kathedrale von Jaca als eine seiner Stationen. Die im Vergleich zur Stadt viel zu großen Maße der Kirche sprechen laut Forschern dafür, dass sie als Hüterin von etwas ganz Besonderem erbaut wurde. Der Aufenthalt in San Juan de la Peña dagegen spiegelt sich in mehreren mittelalterlichen Legenden wieder. So soll die Gralsburg in Wolfram von Eschenbachs „Parzival“ (1200) topographische Verweise auf das Felsenkloster erhalten.

Spuren des Felsenklosters: Ein Königreich im Becher

Aber auch noch in der wohl bekanntesten Grals-Sage unserer Ära, im Film „Indiana Jones und der letzte Kreuzzug“ (1989), weilt der Kelch zwar nicht in Spanien, aber im sagenhaften, in den Fels gehauenen königlichen Mausoleum von Petra. Mit dem Wegzug des Grals verlor San Juan de la Peña dann irgendwie an Kraft. Statt weiter mit großer Naturmystik zu punkten, galt die Stätte zusehends als unpraktisch. Nach zwei fatalen Bränden zogen die Mönche im 17. Jahrhundert endgültig aus, in einen Barockbau auf einer Ebene 100 Meter höher. Aber schon im 19. Jahrhundert bereiteten der Krieg und die Enteignungen allem religiösen Treiben ein Ende. Doch San Juan de la Peña gelang es immerhin noch, sich auf dem heute in Valencia bewunderten Kelch zu verewigen.

Denn in den letzten Jahren des Aufenthalts im Felsenkloster versahen Goldschmiede die Schale mit ihren heutigen Erkennungszeichen: den Griffen aus Gold, dem Fuß voller Perlen. Eine Verstümmelung des eigentlich simplen Gefäßes, vor der selbst der „Indy“-Film warnte. Doch war die Vergoldung ganz passend zur Kirche in Spanien, die sich mittlerweile von einer Gruppe der Verfolgten zu einer überaus irdischen Macht entwickelt hatte. Allzu oft wurden die, die sich auf den heiligen Gral beriefen, in der Folge selbst zu grausamen Verfolgern. Ob bei der Vertreibung der Mauren, während der Inquisition oder später aufseiten des nationalkatholischen Lagers in Spaniens Bürgerkrieg und in der Diktatur.

Felsenkloster in Spaniens Pyrenäen: Besucher im Jahrhundert des Coronavirus - Die Suche nach dem Gral geht weiter.

Ganz wie sie, all die Großinquisitoren und Gotteskrieger, sieht sich noch heute ein Tyrann in Moskau als Festung einer goldenen Christenheit, während Menschen in Kellern um ihr Leben beten. Zumindest eine Zuflucht ist denen, die kein Felsenkloster oder sogar keine Höhle haben, in der großen Drangsal geblieben. Ein Menschensohn, ohne Waffen, ohne Panzer. Nur mit einem simplen Becher, mit dem er bei seinem letzen Abendmahl vor dem nahenden Kreuzestod ein neues, ewiges Königreich ausrief.

Für San Juan de la Peña sollte man sich einen Tag Zeit nehmen. Geparkt werden kann bequem oben an der Barockanlage. Busse fahren Besucher zum Felsenkloster herab. Bei der Rückkehr sollte oben das anschauliche Museum zur Geschichte des Klosters sowie das Interpretationszentrum über die Natur besichtigt werden. Ferner locken Plätze zum Picknicken im Wald. San Juan de la Peña ist der Startpunkt der neuen Grals-Route „Ruta del Grial“ nach Valencia.

Hintergrund: Der Heilige Gral von Valencia - ist es der echte?

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