Ein Mann betrachtet getrocknete Pflanzen, die er in Mappen in einem Aktenschrank hinter sich aufbewahrt.
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Spaniens Klimawandel-Forschung in Kleinstarbeit: Jaume Soler und seine Pflanzensammlung.

Spaniens Natur

Pflanzen in Aufruhr: Wie der Klimawandel Spaniens Flora beeinflusst

  • Anne Thesing
    VonAnne Thesing
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Der Klimawandel hat nicht nur unübersehbare Phänomene wie Überschwemmungen und Dürre zur Folge. Wie er sich in Spanien auch im Kleinen auswirkt - nämlich auf Bäume, Sträucher und Co. - erforschen Botaniker in detailliertester Feinarbeit.

Jaume Soler öffnet einen riesigen Wandschrank. Auf den Regalbrettern liegt eine Pappmappe über der anderen. Langweilig, ist der erste Eindruck. Bis er eine der Mappen herauszieht und öffnet. Ein getrocknetes Pflänzlein kommt zum Vorschein. Das dazugehörige Karteikärtchen verrät, dass es sich um die Blätter einer Europäischen Eiche, Taxus baccata, handelt. Gefunden am 14. Mai 1995 in der Sierra d’Aixorta in Castell de Castells, auf felsigem Untergrund. Dazu stehen auf dem Kärtchen noch einige für Außenstehende unverständliche Verweise und Abkürzungen, unter anderem zum exakten Standort. „14.000 getrocknete Pflanzen bewahre ich hier auf“, sagt der Botaniker aus der Marina Alta – und schnell wird klar, dass es sich bei dem Aktenschrank nicht um ein verstaubtes Stück Bürokratie handelt, sondern um ein in Spanien seltenes Kuriosum von unschätzbarem Wert.

Marina AltaComarca in der Provinz Alicante
Fläche758 km²
Bevölkerung175.156 (2019)
ProvinzProvinz Alicante

Klimawandel in Spanien: Pflanzen katalogisieren und vergleichen

Was die Pflanzensammlung mit dem Klimawandel zu tun hat, dem eigentlichen Thema des Interviews mit dem Botaniker? „Das hier ist eine wichtige Basis, um die Auswirkungen des Klimawandels auf die Pflanzenwelt zu studieren“, sagt Soler. Nur wenn die Vegetation regelmäßig katalogisiert werde, könne man vergleichen – und erfassen, was sich in der Pflanzenwelt, vermutlich vor allem durch eben diesen Klimawandel, verändert. Wofür Jaume Soler seine Pflanzenstudien aus Spanien mit Wissenschaftlern auf der ganzen Welt austauscht und damit ein Glied in der Kette all derer ist, deren Aufzeichnungen von heute künftigen Generationen zeigen sollen, was wo wann auf der Erde wuchs und gedieh.

Dabei ist Solers „Aktenschrank“ nur eine von vielen Studien, die Daten über den aktuellen Status Quo der mediterranen Flora liefern. An seinem Computer öffnet der Botaniker ein Programm nach dem anderen und zeigt, welche anderen Methoden angewandt werden, um zu erforschen, was bei uns gerade aus der Erde sprießt. Da gibt es zum Beispiel die Kartographie der Europäischen Union über Wälder, die schon jetzt zeigt, wie sich die Wälder Südeuropas nach Zentraleuropa verschieben. „Die Rotbuchen zum Beispiel, die in Zentral- und Südeuropa wuchsen, sind hier immer weniger zu finden“, nennt Soler ein Beispiel aus dem Ökosystem, das innerhalb der Pflanzenwelt mit am meisten unter dem Klimawandel zu leiden hat: der mediterrane Wald. So sind die Pflanzen, deren Bestand sich laut einer Studie der Botanik-Abteilung der Autonomen Universität von Madrid am meisten in Spanien reduzieren wird, Weißtannen, Waldkiefern, Schwarzkiefern, Rotbuchen, Traubeneichen und Pyrenäeneichen.

Besonders betroffen vom Pflanzensterben ist derselben Studie zufolge die nicht nur bei Skifans beliebte Sierra Nevada, in der man von fast 200 Arten weiß, die nur dort wachsen – und umso stärker vom Klimawandel bedroht werden. Die „Estrella de Nieve“ (Schneestern) etwa oder die „Manzanilla de Sierra Nevada“ (Kamille der Sierra Nevada).

„Viele heute in Europa heimische Pflanzen besitzen nicht die genetischen Voraussetzungen zum Überleben“, resümiert ein internationales Forscherteam des Max-Planck-Instituts für Entwicklungsbiologie. Auf ihre Anpassungsfähigkeit an Hitze und Trockenheit hin untersuchten sie Populationen der kleinen Ackerschmalwand. Das Ergebnis: Die meisten Exemplare werden die durch den Klimawandel für 2050 prognostizierte Trockenheit in Spanien nicht überstehen, stattdessen werden sich gegenüber Klima-Extremen widerstandsfähigere Mutationen bilden. Ein Phänomen, das sich vermutlich auch auf andere Pflanzen übertragen lässt.

Klimawandel in Spanien: Veränderung in Pflanzenwelt kurzfristig zu spüren

Jaume Soler lässt die Maus weiter über seinen Computer fahren und öffnet eine weitere Kartographie. Diesmal die des Landes Valencia, die die Lebensräume bestimmter Pflanzengruppen in der Region erfasst. Soler selbst arbeitete 2009 bis 2019 an dieser Kartographie mit – indem er rausging in die Natur und notierte, welche Flora ihm wo begegnete. Außerdem ist da noch die vor acht Jahren begonnene spanienweite Untersuchung der spanischen Gesellschaft für Biologie und Erhalt der Pflanzen, Sebicop. „Die Stellen, an denen bestimmte Pflanzen wuchsen, wurden vor Ort in mühsamer Arbeit markiert“, sagt Jaume Soler und nennt den in Berglandschaften heimischen Mediterranen Ahorn (Acer granatense) oder die in der Marina Alta gedeihende Behaarte Spatzenzunge (Thymelaea hirsuta) als Beispiele. Auch hier gelte es abzuwarten. „Die Markierungen sind gesetzt, in 15 bis 20 Jahren muss man wieder schauen, um die Entwicklung und damit die Auswirkungen des Klimawandels zu verfolgen.“

„Klimaveränderungen gab es schon immer“, kommt Soler zum Anlass all dieser Studien zurück. „Doch die Veränderungen vollzogen sich sonst nur alle 10.000 Jahre, beim Übergang zu Eis- oder Warmzeiten.“ Eine langfristige Angelegenheit also, von der im Laufe eines im Vergleich dazu verschwindend kurzen Menschenlebens nichts zu merken war. Anders als jetzt. „Wir Menschen verursachen seit zirka 50 Jahren einen unnormal schnellen Temperaturanstieg“, sagt er. Doch es sind nicht nur die großen, wuchtigen Folgen, wie der Verlust von Küstengebieten durch den Anstieg des Meeresspiegels oder die wachsenden Wüstenlandschaften, die spätestens von der kommenden Generation live erlebt werden und Spanien besonders hart treffen. Auch beim Blick aufs Kleine hinterlässt der Klimawandel seine Spuren. Zum Beispiel bei den Pflänzchen, die Soler in seinem Schrank aufbewahrt. „Es sind direkte Veränderungen“, sagt er. Mit direkten Folgen. Siehe Rotbuche und Co.

Jaume Soler lebt in der Marina Alta, im Norden der Costa Blanca. Es ist nicht unbedingt ein typisches Gebiet für den Klimawandel, denn die Marina Alta mit ihren nah am Meer gelegenen Bergen leidet (noch) nicht, wie viele andere Regionen Spaniens, unter einer Verwüstung. „Die Natur ist sogar grüner als sie einmal war, alles wächst schneller“, sagt Soler. Es regne hier nicht weniger als früher, dafür aber anders. „Es gibt zwar insgesamt weniger Regentage, aber die Liter sind die gleichen“, sagt er. Sprich: Mehr Starkregen, mehr schwere Unwetter. Es wuchert mehr – und es brennt auch mehr. Dazu kommen auch hier die steigenden Temperaturen, vor allem nachts. „Wir haben hier viel mehr tropische Nächte als früher“, sagt der Botaniker. Worauf viele Pflanzen nicht vorbereitet sind.

Pflanzen mit neuen Gewohnheiten: Klimawandel in Spanien beeinflusst Landwirtschaft

Beispiel Landwirtschaft – einer der Bereiche, der sich auch in Spanien in den kommenden Jahren wohl am meisten aufgrund des Klimawandels wird umstellen müssen. „Der Regen wurde früher besser verteilt“, kommt Soler auf die Marina Alta zurück. „Jetzt kann es sein, dass es im April 300 Liter regnet und bis Oktober gar nicht mehr.“ Die Berglandschaft könne das aushalten, der landwirtschaftliche Trockenanbau, der ohne künstliche Bewässerung auskommt und in der Marina Alta wegen des auf das ganze Jahr verteilten Regens traditionell beste Voraussetzungen fand, nicht. „Seit Jahren beobachten wir zum Beispiel im Weinanbau, dass vor allem ältere Weinstöcke in jedem Jahr weniger Trauben produzieren“, sagt Soler. Ähnlich gehe es anderen Pflanzen des Trockenanbaus, zum Beispiel Oliven- und Mandelbäumen.

Doch mehr noch. Es ist ein regelrechtes Durcheinander, das der Klimawandel in der Landwirtschaft hervorzurufen scheint. „Tomaten kann man mittlerweile fast bis Weihnachten ernten und wenn genug Wasser vorhanden wäre und mit einer entsprechenden Portion Chemie, wären bei immer mehr Produkten zwei Ernten pro Jahr möglich“, sagt Soler. Was in warmen Regionen auch für den Wein gilt, wie eine jüngst im „Vitis Journal of Grapevine Resarch“ veröffentlichte Studie zeigt.

Apropos Wein: Bei seinen Reben, die er auf verschiedenen Feldern in der Marina Alta bearbeitet, beobachtet Jaume Soler noch ein anderes Klimawandel-Phänomen. Einige der Pflanzen sehen keinen Anlass mehr dazu, im Herbst ihre Blätter abzuwerfen. „Pflanzen verlieren ihre Blätter, sobald es nicht mehr warm und hell genug für eine Photosynthese ist“, sagt Soler. Dank steigender Temperaturen sei diese jedoch jetzt in Spanien auch noch im September und Oktober möglich. Die Folge konnte Soler im Oktober auch direkt in seinem Innenhof, wo eine Weinrebe aus dem Boden wächst, sehen. „Statt dass ihre Blätter braun wurden und abfielen, wuchsen neue“, sagt er. Auch bei Mandelbäumen sei das zu sehen, sogar eine zweite Mandelblüte im Herbst habe er schon beobachtet. Ist doch schön, könnte man meinen. „Nein, die meisten Pflanzen schwächt dieser zweite Frühling“, erwidert Soler.

Auch die Pflanzen in den in Spanien wachsenden Wälder beeinflusst der Klimawandel.

Pflanzen leiden unter Plagen: Klimawandel in Spanien zieht ungebetene Gäste an

Und da ist noch etwas, was sie schwächt und, wieder einmal, besonders der Landwirtschaft zu schaffen macht: Plagegeister aus anderen Regionen der Welt. Dass sie sich mit Menschen und Produkten ungewollt mit auf Reise begaben, das gab es schon immer. Doch dass sie sich an ihrem Reiseziel so wohlfühlen, dass sie bleiben und sich ausbreiten, das ist neu. „Schädlinge aus anderen Breitengraden genießen die lauen Nächte, die sie jetzt auch hier in Spanien vorfinden“, beschreibt Soler. Die Folge: Sie befallen Pflanzen und verursachen Plagen, unter denen mittlerweile fast alle Bäume in Spanien mehr oder weniger leiden. „Früher hieß es unter Landwirten, dass Frost das beste Insektizid ist“, sagt der Botaniker. Doch der wird immer seltener.

Übrigens nicht nur zur Freude der auswärtigen Insekten, sondern auch der auswärtigen Pflanzen. „Die steigenden Temperaturen in Folge des Klimawandels bieten invasiven Pflanzen immer bessere Wachstumsvoraussetzungen“, sagt Soler. Aus anderen Kontinenten nach Spanien hergebracht werden die Exoten zum Beispiel für die Verzierung in private Gärten. „Zehn Prozent dieser Pflanzen springen auf die Berglandschaft über, davon wiederum werden zehn Prozent zu invasiven Gewächsen“, rechnet der Botaniker vor. Sprich: Sie breiten sich ungehemmt im hiesigen Ökosystem aus und verdrängen ihre heimischen Konkurrenten. „Früher konnten diese Pflanzen hier schon allein wegen des Nachtfrosts nicht überleben.“ Jetzt genießen auch sie die lauen Nächte – und bleiben.

Pflanzen im Klimawandel: Von Andalusien nach ganz Spanien

„Die eigentlich in Australien beheimatete Blaue Akazie zum Beispiel wächst an unzähligen Wegen, wird teilweise zur Gefahr, und das Entfernen verursacht enorme Kosten.“ Zielsicher greift Jaume Soler zu einem seiner unzähligen Bücher und zeigt auf einer Karte, wo dieser Baum 2004 in Spanien verbreitet war. Nur in Andalusien. „Jetzt gibt es ihn auch in Valencia in Massen.“ Auch das hübsche Wandelröschen zählt übrigens zu den 100 weltweit schädlichsten exotischen invasiven Pflanzen. „Wenn sie sich in den Weinreben breitmacht, ist sie kaum daraus zu entfernen“, sagt der Botaniker und zieht noch eine Pappmappe aus dem Aktenschrank. Darin verborgen sind Blätter des Granada Ahorns, acer granatense, gefunden am 23. Juni 1991 in der bei Wanderern so beliebten Sierra Bernia in Benissa. Ob er auch heute noch dort wächst oder bereits Opfer des Klimawandels geworden ist?

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