Sexuelle Diversität

LGBT in Madrid: Als schwuler Christ im katholischen Spanien - Interview

  • Stefan Wieczorek
    vonStefan Wieczorek
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Homosexuelle oder transsexuelle Christen kämpfen in Spaniens LGBT-Kollektiv und in der Kirche um ihren Platz. Wie, erzählt in Madrid ihr Koordinator Óscar Escolano. Von Pilgern auf der regenbogenfarbenen Route.

Madrid - Am Montag bekräftigte der Vatikan, Homo-Paare nicht einmal segnen zu wollen. „Sie verstoßen gegen das natürliche Gesetz.“ „Sie sind in keinem Fall zu billigen.“ Das sagt noch heute der katholische Katechismus über homosexuelle Beziehungen. Betroffenen sei zwar mit „Achtung, Mitleid und Takt“ zu begegnen. Man solle sie „in keiner Weise zurücksetzen“. Doch der Graben zwischen Kirche und Welt wird gerade in Sachen LGBT - Kurzform von LGBTIQ+ - immer tiefer. Immer mehr Menschen mit diverser Orientierung kehren der Kirche den Rücken – und damit dem Glauben insgesamt. So auch der schwule Óscar Escolano – zunächst. Doch dann kam es anders. Er wurde zum Brückenbauer, der zum Thema Glaube und LGBT bereits mit Medien wie „El País“ sprach. Auch costanachrichten.com wagte sich auf seinen regenbogenbunten Steg zwischen Gott und dem Spanien des 21. Jahrhunderts.

MadridHauptstadt von Spanien
Höhe: 667 m
Bevölkerung: 6,642 Millionen (2019)

LGBT in Madrid: Schwuler Christ fordert katholisches Spanien heraus - Interview

costanachrichten.com: Stellen Sie sich vor und beschreiben Ihren Weg zum christlichen LGTBI-Aktivisten.

Óscar Escolano: Ich bin 40 und arbeite in einem internationalen Großunternehmen in Madrid. Mit 20, ich lebte in Alicante, outete ich mich als schwul. Es war die Halbzeit meines bisherigen Lebens (lacht) und auch die Abkehr von der katholischen Kirche. 2004 stieß ich auf eine Gruppe von LGBT-Christen, die sich zum gemeinsamen Beten oder zu Gesprächen über den Glauben traf. Die Gruppe gibt es in Alicante leider nicht mehr. 2006 zog ich nach Madrid und traf auf Crismhom, eine Stiftung für gläubige Homo- oder Transsexuelle, in der ich heimisch wurde. Dadurch wurde ich auch zum Koordinator der Gruppe „Fe y Espiritualidad“ (Glaube und Spiritualität) für Menschen verschiedener Glaubensrichtungen im staatlichen Verband FELGTB in Spanien.

costanachrichten.com: Was machen diese christlichen LGBT-Gruppen jeweils?

Óscar Escolano: Crismhom funktioniert wie eine christliche Gemeinde. Wir treffen uns in Chueca, dem Gay-Viertel von Madrid, um zu beten oder zu zelebrieren. Es ist eine sichere Zuflucht für gläubige Homo- und Transsexuelle. Unser Ziel ist, solche Menschen in Spanien sichtbar zu machen. Wir wollen Teil der Kirche sein. „Fe y Espiritualidad“ repräsentiert die Religion in der LGBT-Szene. Hier wurden gläubige Menschen lange diskriminiert. Nun sind sie integriert. Die Gruppe vereint verschiedene Religionen, aber die meisten sind Christen. Wir kritisieren die katholischen Kirche und ihre offizielle Botschaft zur Homosexualität, die nicht übereinstimmt mit der Lebensrealität vieler Pfarreien.

costanachrichten.com: In der Kirche sucht man vergeblich nach Sphären für LGBT-Christen. Warum ist die katholische Lehre da so streng?

Óscar Escolano: Wegen einer fehlerhaften Übersetzung der Bibel. Wörter werden als „homosexuell“ gedeutet, obwohl der Begriff erst im 19. Jahrhundert erstmals verwendet wurde. Auf Aramäisch kann er überhaupt nicht genannt worden sein. Nehmen wir das Kapitel über Sodom und Gomorra im Buch Genesis. Dort wird nicht der gleichgeschlechtliche Akt gegeißelt, sondern sexuelle Gewalt. Im Buch Levitikus steht: Du darfst nicht mit einem Mann schlafen, doch das bezog sich im historischen Kontext auf die Prostitution.

costanachrichten.com: Was ist mit Adam und Eva? Im Buch Genesis erschafft Gott den Menschen doch „als Mann und Frau“.

Óscar Escolano: Auch diese Schöpfungserzählung ist kein Bericht, sondern ein Mythos, wie es sie in vielen Kulturen gibt. Adam ist zunächst ja auch ein Geschöpf ohne Geschlecht, der erst später die Komplementarität von zwei Personen annimmt.

costanachrichten.com: Hat die katholische Kirche noch andere LGBT-feindliche Quellen?

Óscar Escolano: Da wären die Theologen des Mittelalters. Ab dem 10. Jahrhundert strömt in die Theologie der Platonismus. Die Seele wird über den Körper erhoben. Dadurch wird jeder physische Genuss für schlecht erklärt. Nur Fortpflanzung ist noch gut, alles andere Sünde. Aber das war in den ersten Jahrhunderten den Christentums anders. Sogar Bilder gleichgeschlechtlicher Paare gab es in der christlichen Welt, und sie wurden nicht verteufelt.

LGBT in Madrid: Divers liebende Christen aus Spanien, Pilger auf Regenbogenroute.

LGBT in Madrid: Als schwuler Christ im katholischen Spanien - Papst-Aussagen „Anekdoten“

costanachrichten.com: Hat denn Papst Franziskus nicht Ende 2020 durch Aussagen in einem Dokumentarfilm die kirchliche Lehre verändert?

Óscar Escolano: Nein. Papst Franziskus′ Äußerungen zu LGBT sehe ich am ehesten als Anekdoten. Sie regen Medien für eine Weile auf, dann passiert nichts. Keine Änderungen in der offiziellen, homophoben Lehre. Ich glaube ja, dass der Papst einen guten Willen hat. Aber es gibt einfach zu viele Menschen in der Kirche, die hier keinen Wandel wollen.

costanachrichten.com: Denken Sie da auch an den jungen Teil der Kirche, etwa Afrika, wo LGBT undenkbar ist?

Óscar Escolano: Zum Beispiel. Hier können wir uns schon freuen, wenn in einigen Ländern Homosexualität aufhört, eine Straftat zu sein.

Ich denke, wenn man das Herz des Menschen anschaut, sieht man, was ihn wirklich antreibt. Ja, man sollte jede Lebensgeschichte einzeln betrachten.

Óscar Escolano, schwuler Christ aus Madrid

costanachrichten.com: Gibt es in Spanien eine spezielle Phobie gegen LGBT-Christen wie Sie?

Es existiert zumindest eine besondere LGBT-Phonie innerhalb der offiziellen Katholischen Kirche, die das Geschlecht nur nach körperlichen Merkmalen definiert und nicht nach der Entwicklung der persönlichen Identität. Diese LGBT-Phobie ist öffentlich gut sichtbar und überdeckt die Arbeit, die viele andere christliche Gruppen tun, um uns zu integrieren.

costanachrichten.com: Wird die katholische Kirche sich in Sachen LGBT bewegen?

Óscar Escolano: Ich glaube, ich werde es nicht erleben. Die Katholische Kirche bewegt sich sehr, sehr langsam. Und es gibt viele Menschen, die noch vor uns dran wären. Allen voran die Frauen, die in der Kirche noch lange nicht gleichwertig sind. Und nach ihr die geschiedenen Wiederverheirateten.

costanachrichten.com: Liegen denn im christlichen LGBT-Kollektiv alle Gruppen gleichauf?

Óscar Escolano: Es ist derselbe Kampf. Aber etwa den transsexuellen Menschen geht es oft noch schlechter als uns. Gerade, was die Diskriminierung in der Arbeit betrifft. Ja, wir sind da eng vereint.

costanachrichten.com: Sollte die Kirche das LGBT-Kollektiv als etwas Bereicherndes erkennen?

Óscar Escolano: Ja, denn Gott schuf die Vielfalt. Und wir haben ein besonderes Charisma zu bieten, die die Kirche reicher, inklusiver machen würde.

costanachrichten.com: Ist die Kritik an der Promiskuität in der LGBT-Welt berechtigt?

Óscar Escolano: Das wird der Gay-Szene nachgesagt. Es mag sein, dass einige Homosexuelle die Liebe suchen, indem sie den Sexualpartner ständig wechseln, und sich dabei auch ein Stück weit verirren. Aber das gibt es unter Heterosexuellen, wie ich bei Freunden sehe, genauso. Ich denke, wenn man das Herz des Menschen anschaut, sieht man, was ihn wirklich antreibt. Ja, man sollte jede Lebensgeschichte einzeln betrachten. Ich selbst habe derzeit keinen Freund, aber in jeder Beziehung, die ich hatte, waren wir uns treu.

LGBT in Madrid: „Als ich den Schrank verließ, war ich zunächst wütend auf Gott“, sagt Óscar Escolano.

LGBT in Madrid: Als schwuler Christ im katholischen Spanien - Menschen auf derselben Suche

costanachrichten.com: In katholischen Kreisen hört man von homosexuellen Menschen, die in ein heterosexuelles Leben wechseln. Wie finden Sie das?

Óscar Escolano: Vorab: Die „Heilung“ von Homosexuellen ist in Spanien gesetzlich verboten. Ich kenne zwar Menschen, die von LGBT in die Heterosexualität gewechselt sind. Aber für mich sind es Personen, die eine innere Homophobie in sich tragen. Sich also nicht voll akzeptieren.

costanachrichten.com: Warum sind Sie noch Katholik?

Óscar Escolano: Ich sehe mich als Christ, nicht mehr als Katholik. In die katholische Kirche gehe ich hin und wieder in meinem Viertel, mein Haus ist aber die Gemeinde Crismhom. Hier sind die Priester oder Ordensfrauen, die uns begleiten, aber zum Großteil katholisch. Doch ich gehe auch gern in reformierte Kirchen. Wir LGBT-Christen fühlen uns als Teil des Volkes Gottes, und die Kirche ist das Haus Gottes. Wir wollen, dass die Kirche, wird, wie Jesus sie wollte: Eine große Gemeinschaft, die dafür arbeitet, das Reich Gottes auf Erden zu bringen. Wir wissen, dass wenn die offizielle Kirche uns die Tür zumacht, wir durch die Fenster reingehen müssen. Wenn wir die Kirche verändern wollen, müssen wir es von innen her tun.

costanachrichten.com: Anders gefragt: Wie kamen Sie darauf, dass der Graben zwischen LGBT und dem christlichen Glauben überwindbar ist?

Óscar Escolano: Als ich „den Schrank verließ“ (sich als homosexuell outen, Anm. d. Red.), war ich zunächst wütend auf Gott. Ich dachte: „Wie kann er mir das nur antun?“ Aber nach einer Zeit der Abkehr kam ich zum Nachdenken. Ich begegnete Menschen, die auf derselben Suche waren wie ich, betete und sprach mit ihnen. Und dadurch sprach auch Gott zu mir und zeigte mir, wie ich zu ihm zurückkehren konnte.

Rubriklistenbild: © Stefan Wieczorek

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