Ein Kind aus Afrika lacht im Regen.
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Frauen-NGO aus Madrid gegen Hunger der Welt: Plakat 2021 „Stecke mit Solidarität an“

Spanien und die Welt

Madrid: Frauen-NGO gegen den Welthunger - Manos Unidas, mit bloßen Frauenhänden

  • Stefan Wieczorek
    vonStefan Wieczorek
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Wie christliche Aktivistinnen aus Madrid dem Hunger den Krieg erklärten. Manos Unidas entstand vor 60 Jahren in Spanien. Ein Porträt zum internationalen Tag der Frau.

Madrid - „Stecke mit Solidarität an, um den Hunger zu beenden“ lautet das Motto der Hilfskampagne 2021 von Manos Unidas. Die christliche NGO aus Spanien spielt bewusst aufs Coronavirus an. Denn kaum eine Zahl verfolgt die Welt gebannter, als die Zahl der Angesteckten. Doch es gibt andere tragische Zahlen: 800 Millionen Menschen leiden an Hunger. Aus den 1,3 Milliarden in Armut könnten dieses Jahr 1,8 Milliarden werden - wegen der Pandemie, mahnt Manos Unidas. Zum Tag der Frau stellen wir ein in unserer Printausgabe erschienenes Porträt der NGO vor, mit der Frauen aus Madrid vor 60 Jahren dem Welthunger den Kampf ansagten.

Manos Unidaskatholische Hilfsorganisation
Sitz:Madrid
Gründung: 1960, Spanien

Frauen-NGO aus Madrid sagt Welthunger Kampf an - Manos Unidas zeigt „Frau des 21. Jahrhunderts“

Worauf fällt das Auge beim Ansehen der Frau auf dem Foto, das an das Cover einer Zeitschrift erinnert? Auf dem Ganzkörperbild trägt sie lediglich ein asiatisches Tuch, das ihre schlanken Formen erkennen lässt. Die exotische Frau tritt dem Betrachter entgegen, ihm tief in die Augen blickend. Was ist es für ein Blick? Kein verführerischer, vielmehr ein entschlossener.

Die dunklen Augen der Frau sind nicht das Ende der Reise. Ein weiteres Körperteil fällt auf: ihre Hände. Frauenhände? Ja, kräftige, dreckige Hände einer Arbeiterin. Hände der „Frau des 21. Jahrhunderts“, sagt das Poster der NGO-Manos Unidas. Das spanische Hilfswerk aus Madrid wird 60 Jahre alt und widmet das Jubiläum dem Kampf für die Frau in Entwicklungsländern.

Am 2. Juli 1955 signierte eine Gruppe katholischer Frauen in Spanien ein Manifest, in dem sie einen Krieg erklärten – den „einzigen gerechten“, wie sie meinten: den Krieg gegen den Welthunger. 1959 gründeten die Aktivistinnen der Vereinigung Acción Católica, die die christliche Nächstenliebe „weiterdenken“ wollten, Manos Unidas. 60 Jahre später stillt die christliche NGO aus Madrid - immer noch mit Frauenhänden - den Hunger der Armen in 59 Ländern der Welt.

Den Hunger nach Brot – aber auch nach Würde. Dass dieser Hunger desto größer ist, je kleiner und minderwertiger der Mensch ist, glaubt Manos Unidas. So ist es kein Zufall, dass die anonyme Botschafterin der Jubiläumskampagne eine Frau aus Indien ist, dem Land der Kasten. „Sehen Sie sie an, die Frau des 21. Jahrhundert,“ sagt Charo Martínez, Leiterin von Manos Unidas in Alicante.

Manos Unidas, „vereinte Hände“ gegen Welthunger: NGO voller weiblicher Ämter

„Die Frau auf dem Plakat gehört vielleicht nicht einmal der Paria, der untersten Kaste an. Sie hat nichts, keine Stimme, keine Identität. Doch sie zieht ihren Sari an und ist voller Würde“, sagt Aktivistin Charo Martínez von Manos Unidas. Dass in armen Ländern vor allem Frauen die Benachteiligten sind, habe die Kampagne für die Frau angestoßen. „Doch sie soll auch an unsere Gründerinnen erinnern.“

Bis heute liegt die Leitung der „vereinten Hände“, dies bedeutet Manos Unidas, in Händen von Frauen. Von der Zentrale in Madrid bis zu den Delegationen in ganz Spanien. Es ist in den Statuten der Organisation so festgelegt. Begriffe wie „Vorsitzender“ oder „Vertreter“ sucht man darin vergeblich. Verwendet werden nur weibliche Formen wie „presidenta“ oder „delegada“.

Manos Unidas war nicht nur damit im erzkatholischen Franco-Spanien der Zeit voraus. Die Frauen um Pilar Bellosillo waren Laiinnen, keine Geistlichen, und diese nahm in der katholischen Kirche erst später das Zweite Vatikanische Konzil wirklich ernst. Zudem hatte sie kein religiöser Aufruf zum Handeln motiviert, sondern das SOS zum Welthunger der säkularen Ernährungs- und Agrarorganisation FAO im Jahr 1945.

Frauen aus Madrid gegen Hunger der Welt: Manos Unidas, die Gründerinnen

Die ersten Aktionen der NGO aus Madrid galten Indien und Afrika. Manos Unidas erfand sogenannte „cenas de hambre“, übersetzt Hungerabendessen. „Mit der Einsicht, dass viele Menschen wenig zu Essen haben, gibt es dabei nur schlichtes Brot mit Olivenöl, und Geld wird gesammelt“, erklärt Aktivistin Martínez.

„Immer noch leiden 815 Millionen Menschen an Hunger, jeder Dritte ist unterernährt. Zwei Millionen stecken sich jährlich mit HIV an, 18.000 Menschen sterben an der Umweltverschmutzung. 263 Millionen Kinder gehen nicht zur Schule. 24 Menschen pro Minute müssen ihr Zuhause aufzugeben“, war im Heft zur Kampagne 2019 zu lesen. „Neben dem Sammeln von Spenden ist die Sichtbarmachung der Bedürfnisse der armen Regionen unsere Aufgabe hier in Spanien“, erklärt Charo Martínez.

Plakate wie das mit der Inderin mit den kräftigen Händen hängt Manos Unidas seit 60 Jahren auf. Neben dem Bild steht jeweils ein Text, der zum Nachdenken anregt. Ohne religiöse Sprache, berufen sich die Kampagnen lieber auf „derechos humanos“, Menschenrechte, sagen dem Welthunger den Kampf an, fordern „igualdad“, Gleichheit und verurteilen „indiferencia“, Gleichgültigkeit, und eben keine Sünden. Das sorgt in konservativen Kirchenkreisen für Kritik an der katholischen Frauen-NGO.

„Die Zellen waren wie Käfige, die Frauen hatten nicht einmal ein Klo. Es war das Schlimmste, was ich in meinem Leben gesehen habe.“

Aktivistin Charo Martínez beschreibt ein Frauengefängnis in Madagaskar.

Frauenhände von Manos Unidas: Zwischen Glaube und Welt

Etwa als Manos Unidas 2018 die Ziele stärker auf Umwelt, Wasserversorgung und Frauenrechte schärfte, „um neuen Ansprüchen zu entsprechen“, warfen manche Katholiken ihr vor, eher den Zeitgeist oder die Natur anzubeten statt Gott. Doch im Spannungsfeld zwischen Glaube und Welt arbeitet Manos Unidas bewusst mit NGOs wie Oxfam und Ärzte ohne Grenzen zusammen. Mission, so Aktivistin Charo Martínez, bedeute nicht, Bedürftige zu bekehren oder von oben herab zu belehren. Es bedeute vielmehr „das Zusammenleben und gemeinsame Arbeit mit Muslimen, Hindus und Menschen anderer Ansichten“.

Eine Mission von Manos Unidas - so Aktivistin Martínez - sei erfolgreich, wenn ein nachhaltiges Förderprojekt entstehe – ein Brunnen, eine Schule, ein Frauenhaus. Nachhaltig bedeute, dass es von Einheimischen fortgesetzt werden könne – und die NGO der christlichen Frauen unnötig werde. „Daher haben wir 134 angestellte Entwicklungs- und Finanzexperten, die jedes Projekt studieren, bevor es beginnt“, sagt Martínez, eine von 6.000 Ehrenamtlichen, wie jede Vorsitzende der 72 lokalen Delegationen. Ein just erfolgreich beendetes Projekt sei die Schaffung von 27 Agrargemeinschaften in Senegal.

Manos Unidas aus Madrid stärkt Frauen im Senegal.

700 Frauen produzieren und verarbeiten nun Gemüse für eigenen Gebrauch oder den Verkauf auf lokalen Märkten. Bei dem Projekt, das auf Lebensmittelsicherheit von Frauen und Kindern abzielt, arbeitete Manos Unidas mit zwei säkularen Vereinen zusammen und nutzte Gelder der EU. Die neue Kampagne sieht 600 Projekte im Wert von 38 Millionen Euro vor.

Frauen aus Spanien gegen Hunger: Frauen in Not, „Lösungen für das Leben“

Wie unterscheidet sich die religiöse NGO von einer weltlichen? An den Glauben gekoppelt sei die Hilfe nicht, versichert Aktivistin Martínez. Doch Manos Unidas hat zwar ein weniger dogmatisches, aber dennoch klares katholisches Profil.

Zum einen sind Geistliche in den Missionen tätig, feiern Gottesdienste, spenden Sakramente, lehren die Bibel. Ferner eckt die Organisation mit den Frauenhänden in ethischen Fragen an, wie sie es bereits 1957 bei den Vereinten Nationen tat. Damals stellten die späteren Gründerinnen von Manos Unidas die „Limitierung von Geburten“ in eine Linie mit dem Krieg, und geißelten sie als „faule und kriminelle Lösungen“ für die Hungersnot.

Es gebe immer „Lösungen für das Leben“, sagten sie. So sollte auch heute nicht erwartet werden, dass die NGO in Entwicklungsländern etwa die Abtreibung fördern würde. Dagegen steht ihre Idee, dass allen Menschen dieselbe Würde zukomme – gerade den Kleinsten im Mutterleib. Als Lösung im Sinn von Manos Unidas kann die Rettung von Patricia Águilar aus Elche gesehen werden, die in Peru in die Fänge einer Sekte geraten war.

Der nun in Haft sitzende Sektenführer hatte ein Baby mit ihr gezeugt. Mit dem Kind ist Aguilar nun wohlauf in Spanien. Zwischendurch wurde sie im Frauenhaus, das Manos Unidas in Lima betreibt, versorgt. „Solche Fälle sind medienwirksam, doch wir erleben noch schlimmere“, sagte die dort tätige Psychologin Desirée Bozzeta bei einem Vortrag zum Manos-Unidas-Jubiläum in Spanien.

90 Prozent der betreuten Opfer seien ungebildete, „in machistischer Hierarchie“ aufgewachsene Mädchen, die in Prostitution und Menschenhandel geraten seien, sagte Bozzeta. 2015 öffnete die Casa Santa María Micaela für zwölf 18- bis 25-Jährige – „doch die Lage veranlasste uns, auch Jüngere zu akzeptieren.“ 52 Frauen erhalten nun Bildung dank des Frauenhauses und hoffen auf Arbeit.

Frauenhände aus Madrid: Hilfe für Frauen im Gefängnis in Madagaskar.

Frauenhände aus Madrid gegen Not von Frauen: Das Gefängnis in Madagaskar

Aktivistin Desirée Bozzeta: „Wir werden die Prostitution nicht ausrotten, aber können Freier wissen lassen, dass jedes Mal, wenn sie den Körper einer Frau kaufen, es die größte Form der Gewalt gegen Frauen ist.“ Abgründe der Verachtung sah auch Charo Martínez aus Alicante mit eigenen Augen – wenn auch in einem anderen Erdteil, Madagaskar. „Ich besuchte 2016 in der Hauptstadt ein Gefängnis. Da wirst du eingesperrt, wenn du nur um einen Apfel bettelst. Die Zellen waren wie Käfige, die Frauen schliefen übereinander auf Regalen – ohne Toilette, nicht einmal ein Loch im Boden.“

Es sei das „Schlimmste, was ich in meinem Leben gesehen habe“, sagt die Aktivistin von Manos Unidas aus Alicante. In Madagaskar leitet Manos Unidas das Projekt Lamina, wobei der ländlichen Bevölkerung juristische Hilfe zukommt, um Ansprüche für Grundstücke anzumelden. Die Korruption in dem Land mit äußerster Armut macht das kompliziert, und Konflikte zwischen Landbesitzern führen zu Rodungen großer Waldgebiete. Gewalt und Intrigen sind auch hier starker Männerhand geschuldet.

Manos Unidas aus Madrid: Nicht nur Frauenhände - „Kur der Demut“

Doch es gibt nicht nur Frauenhände, sondern auch männliche Hände – selbst im weiblichen Universum von Manos Unidas. Ein solches ist der spanische Olympionike Saúl Craviotto, Botschafter für die weibliche NGO. Der 33-jährige Kanute holte in Peking, London und Rio de Janeiro vier olympische Medaillen – zwei aus Gold –, doch der Aufenthalt in der Region Amatongas in Mosambik, wo Manos Unidas eine Schule für 1.200 Kinder unterhält, gab ihm die „Kur der Demut“.

Das sagte er, nachdem er die Region besucht hatte, die kurz danach der Tropensturm „Idai“ heimsuchte. Auf Fotos mit den lachenden Kindern und Jugendlichen fällt der hellhäutige Craviotto von weitem auf. Wenn man ehrlich ist, fiele er auch bei den meisten Charity-Märkten oder Hungerabendessen von Manos Unidas in Madrid und Spanien aus der Reihe. Dort sind eben nicht mehr junge Frauen-Gesichter, die ihrer Zeit weit voraus zu sein scheinen, am Hebel, sondern eher wackere Seniorinnen.

Frauenhände aus Madrid gegen Hunger der Welt: Poster „Frau des 21. Jahrhunderts“

Die Damen jenseits der 60 halten die Stellung und die weibliche NGO fest in ihren nicht mehr ganz glatten Frauenhänden. Vielleicht wählten sie deshalb die anonyme Feldarbeiterin als Bild der 60 Jahre alten, aber immer gen Zukunft gerichteten kirchlichen Hilfsorganisation. Die Inderin, die so entschlossen nach vorne schaut. Mit dem Blick und der Haltung einer Kriegerin, als Waffe zwar nichts als ihre bloßen, starken Hände, doch bereit für den „einzigen gerechten Krieg“.

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