Ein Kind von hinten, schaut sich Fussballfeld mit Kindern und Trainer an.
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Wie sicher sind Kinder im Sport? Spaniens Aufklärung von Missbrauch kommt nur langsam voran.

Aufarbeitung von Gewalt

Missbrauch von Kindern im Sport: Spaniens langsame Aufklärung

  • Stefan Wieczorek
    VonStefan Wieczorek
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Eine europäische Studie zu Gewalt im Sport, an der sich spanische und deutsche Forscher beteiligten, liefert alarmierende Zahlen. Übergriffe werden laut Experten gezielt tabuisiert. Die Leidtragenden sind die Opfer - in einer nicht überschaubaren Vielzahl.

Ein massives, bisher ungelöstes Problem hat der Sport – auch in Spanien – mit dem Missbrauch von Kindern und Jugendlichen. Das ergibt eine aktuelle Studie von sieben europäischen Universitäten, darunter die spanische Universitat Central de Catalunya. Befragt wurden 10.302 Menschen im Alter von 18 bis 35 nach ihren Erfahrungen im Sport als Minderjährige. 35 Prozent gaben an, sexuelle Gewalt erlitten zu haben. 65 Prozent beklagten psychische Gewalt. Zahlen aus sechs Ländern, darunter Deutschland und Spanien, bot die mit EU-Geldern des „Erasmus+“-Programms finanzierte Studie „Child Abuse in Sport: European Statistics (CASES)“ des Briten Mike Hartill, die diese Woche die spanische Zeitung „El País“ groß thematisierte.

Spanien und der Missbrauch im Sport: Langsame Aufklärung

Zum internationalen Team des sportsoziologischen Projekts gehörten mehrere deutsche und österreichische Forscher wie Bettina Rulofs von der BU Wuppertal. Aus Spanien nahmen unter anderem Dr. Montserrat Martín und Eva Cirera von oben genannter Universität aus der Region Barcelona teil. Nur langsam nähere sich Spanien laut der Fachleute einer Aufarbeitung des Missbrauchs im Sport an. Ein Fall, der in jüngerer Vergangenheit für besondere Aufmerksamkeit sorgte, war der des spanischen Turn-Trainers Carlos Franch. Zwei Jahrzehnte lang missbrauchte der Spanier im Ort Betxí in der valencianischen Provinz Castellón mindestens zwölf Mädchen, eine davon erwiesenermaßen jünger als 13 Jahre. Erst 2020 wurde Franch zu 15,5 Jahren Haft verurteilt.

Wie konnte der Trainer im 5.700-Seelen-Ort in der Region Valencia so lange sein Unwesen treiben? Offenbar hatte Carlos Franch sich eine privilegierte Stellung erarbeitet - als sympathischer Trainer und Hauswart der Sportanlage -, die ihn vor der Aufklärung seiner Übergriffe schützte. Regelmäßig brachte er Mädchen dazu, sich von ihm massieren zu lassen. Dabei berührte er mit ihren Körperteilen sein Geschlechtsteil und befriedigte sich sexuell. Über Generationen war das bekannt. Niemand tat etwas dagegen. Erst eine Anzeige bei der Guardia Civil, aus der letztendlich zwölf wurden, entlarvte ihn nach 20 Jahren. Drei dieser Anzeigen führten zur Haftstrafe wegen der sexuellen Missbräuche. Der Rest der angezeigten Fälle war bereits verjährt.

Immer schärfere Gesetze - aber kaum Reaktionen im Umfeld

Zuvor hatten weder Spaniens noch Valencias Turnbund Verfahren gegen den Trainer eingeleitet. Dazu waren sie laut der 2013 aktualisierten Weisungen gegen sexuellen Missbrauch des Obersten Spanischen Sportrats CSD verpflichtet. Zuletzt erneuerte der CSD seinen Aufruf an Sportverbände, die vorgeschriebenen Protokolle gegen Sexualdelikte anzuwenden und Opfern Betreuung zu garantieren. Auch im neuen spanischen Sportgesetz, dessen Entwurf die Regierung kürzlich verabschiedete, sollen gezielt sexuelle oder psychische Übergriffe im Sport angegangen werden. Doch zu oft geschieht es, dass - wegen fehlender Reaktionen im Umfeld der Taten - selbst die vorgeschriebenen Regeln und Protokolle nicht greifen.

„Sie glauben, dass es das eigene Nest beschmutzt, und sie glauben, dass es nicht wichtig ist. Weil die Sportwelt ja humanistisch, cool ist und den Kindern hilft, sich zu entwickeln. Und plötzlich sagen wir, dass es eben nicht immer so ist. 

Dr. Montserrat Martín, Sportsoziologin

Ebenfalls über 15 Jahre ins Gefängnis muss Miguel Ángel Millán aus Murcia. Der frühere Leichtathletik-Nationaltrainer von Spanien hatte sich an mindestens zwei Mädchen vergriffen. Elf Zeugen und Opfer sagten gegen ihn aus. 2020 erfolgte die Verurteilung. Der bisher letzte größere Fall, der in ganz Spanien bekannt wurde, betrifft Albert Benaiges. Bis Ende 2021 noch als Fußball-Nachwuchskoordinator beim FC Barcelona tätig, missbrauchte der Sportlehrer und Trainer offenbar zahlreiche Kinder in verschiedenen Ländern der Welt. Die ersten Verdachtsfälle gehen auf die 80er und 90er Jahre zurück, als Benaiges an einer Schule in Barcelona Sport unterrichtete. Erst im Dezember 2021 erstattete eine damalige Schülerin die erste Anzeige.

Im Mexiko gefeuert, in Barcelona Nachwuchskoordinator

60 Schüler berichteten der Zeitung „El Periódico de Catalunya“ anschließend von Übergriffen durch Albert Benaiges. Die öffentliche Grundschule Escola Barcelona im Bezirk Les Corts habe damals keinerlei Schritte gegen den Sportlehrer unternommen. Von 1991 wirkte er beim FC Barcelona als Jugendtrainer, zog nach Dubai und dann nach Mexiko. Beim dortigen Club Chivas wurde Benaiges wegen Verdachts auf pädophile Fälle gefeuert. Bald heuerte der Spanier jedoch bei einem Club in der Dominikanischen Republik an und landete über die Station Japan als Nachwuchskoordinator beim FC Barcelona. Auf sein Urteil wegen der sexuellen Missbräuche wartet er noch. Wie viele Kinder insgesamt psychische Schäden davontrugen, wird wohl unbekannt bleiben.

Laut Spaniens Oberstem Sportrat CSD sei eine veränderte Haltung vor allem seitens Institutionen und Verbänden vonnöten. „Sie müssen sich daran gewöhnen, im Kampf gegen sexuellen Missbrauch mit Spezialisten zusammenzuarbeiten“, fordert Joaquín de Arístegui, Generaldirektor des CSD. Durch „gute Beispiele“ sollen zudem Betroffene Hemmungen vor einer Anzeige verlieren. Viel zu oft geschieht das eben nicht. Ein Opfer sexuellen Missbrauchs wird von Schamgefühlen umgarnt und isoliert. Zudem sorgen Täter meist für eine Umgebung, die sie schützt. Das zeigen gerade auch die kleinen Fälle, wie neulich an der Costa Blanca.

Missbrauch von Mädchen: Verhafteter war mit Eltern befreundet

Ein Judolehrer aus Elche sitzt seit September 2021 in Haft. Der 60-Jährige von der Costa Blanca soll jahrelang Mädchen im Alter von acht bis 13 Jahren sexuell missbraucht, sich vor ihnen entblößt und masturbiert haben. Erst als Erwachsene zeigten ihn nun zunächst zwei Betroffene an. Die Polizei fand zehn weitere. Zwei Opfer erhielten wegen der Vorfälle bereits psychologische Betreuung. Der Sportclub des Lehrers im Viertel Carrús wurde geschlossen. Erschwert wurde die Polizeiarbeit durch die Beliebtheit des erfolgreichen Trainers. Die Eltern einer Betroffenen waren sogar mit ihm befreundet. Der Verhaftete verneint die Taten. Die Ermittler vermuten allerdings, dass es sogar mehr Opfer gibt.

Laut Autoren der internationalen Studie zu Gewalt im Sport ist das Problem von Missbrauch „schwerwiegend und generalisiert“. Dabei nahmen sie allerdings auch eine aktualisierte Definition von Gewalt vor. Nicht erst nur körperliche Verletzungen wurden aufgenommen, sondern auch solche, die sich ohne physischen Kontakt vollzogen. Im sexuellen Bereich handelte es sich um Kommentare, Blicke, sich Entblößen bis zum Zeigen von Porno-Bildern. 35 Prozent der Befragten gaben an, als Kinder oder Jugendliche diese Art von sexuellem Missbrauch im Sport erlitten zu haben. Alledings nahmen mit 20 Prozent auch körperliche Sexualdelikte einen alarmierenden Anteil ein: Von Küssen, Berühren bis Oralverkehr und Penetration.

„Schande überwinden“: Wenn Missbrauchsfälle ans Licht kommen

Ein großes Hindernis bei der Bewältigung des Missbrauchs im Sport benennt Sportsoziologin Dr. Montserrat Martín aus Spanien. Die Gesellschaft betrachte Übergriffe im sportlichen Bereich immer noch als so gut wie inexistent. Und wenn sie eintreten, werden sie höchstens als Einzelfälle gedeutet. Das jedoch führe zu einem Teufelskreis: Nur wenige Opfer suchten Hilfe auf (laut Studie nur acht Prozent der Betroffenen aus Spanien) oder trauten sich zu einer Anzeige. Sportverbände dagegen seien höchstens bereit, Geld für Präventionskampagnen zu zahlen. Aber von gezielten Studien, die längere Zeitabschnitte untersuchten, nähmen sie Abstand. Zu heikel sei es, dem Ruf von Verbänden, Vereinen oder des Sports zu schaden.

König Fußball: In Spanien nimmt der Sport einen enorm hohen Rang ein.

„Sie glauben, dass es sie stigmatisiert“, glaubt Forscherin Montserrat Martín. „Sie glauben, dass es das eigene Nest beschmutzt, und sie glauben, dass es nicht wichtig ist. Weil die Sportwelt ja humanistisch, cool ist, den Kindern hilft, sich zu entwickeln. Und plötzlich sagen wir, dass es eben nicht immer so ist. Und das passt ihnen gar nicht“, erklärt die Expertin aus Spanien in der Zeitung „El País“. Die spanische Sportwelt müsse „die Schande und das Stigma, wenn in deinem Sportclub Fälle von Missbrauch ans Licht gekommen sind“, überwinden. Auch müsse die Gesellschaft unbedingt verinnerlichen, dass Gewalt - auch psychischer Art - keineswegs „die Norm“ sei. Das glaubten bis heute selbst viele Betroffene, warnt die Forscherin.

„Missbrauch ist Missbrauch, auch wenn du es als etwas Normales bezeichnest“

Zu oft blieben Missbräuche im Sport unsichtbar. Doch dank aktualisierter Definitionen von Gewalt und dem Mut von Forschern und Betroffenen, an die Öffentlichkeit zu gehen, werden sie langsam stärker wahrgenommen. Spaniens Fußball etwa wurde zuletzt durch die Enthüllungen rund um Ignacio Quereda erschüttert. 27 Jahre lang trainierte der Spanier bis 2015 die spanische Frauen-Nationalmannschaft. Dabei - so die Darstellung von immer mehr damaligen Spielerinnen - habe er regelmäßigen Psycho-Terror betrieben. Beleidigungen, Kränkungen und Drohungen seien an der Tagesordnung gewesen. Auch Vero Boquete gehörte zu den Opfern. Die Ergebnisse der europäischen Studie zum Missbrauch im Sport hätten die Fußballerin nicht überrascht.

Auch Claudia Jaimez nicht. Die rhythmische Sportgymnastin zeigte vergangenes Jahr ihre einstige Trainerin Ruth Fernández im Zentrum für Leistungssport (CAR) in León an - wegen regelmäßiger Aggressionen und Beleidigungen. „Missbrauch ist Missbrauch, auch wenn du es als etwas Normales bezeichnest, weil du als Kind nichts anderes bekommen hast“, sagte die betroffene Sportlerin. Eine rettende Basis habe ihr die eigene Erziehung mitgegeben. „Meine Mutter hat mich nie angeschrien, nie die Hand gegen mich erhoben. Auch die Trainerin in meinem Heimatclub nicht.“ Fußballerin Vero Boquete fügt an: „Viele Menschen haben im Sport Positionen inne, zu denen sie nicht befähigt sind.“

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