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Hinter dem Verlorenen Berg: Nationalpark Ordesa in Spaniens Pyrenäen

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Von: Stefan Wieczorek

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Eine Person mit Reise-Rucksack blickt auf ein Tal in gewaltigem Gebirge.
Nationalpark Ordesa in Spaniens Pyrenäen: Heute wandeln viele Besucher auf den Spuren von Louis Ramond de Carbonnières. © Ángel García

Über ein atemberaubendes Tal zu einem neuen Blick auf die Natur. Wie Spanien dank Forschern aus Frankreich zum Vorreiter im Umweltschutz wurde. Im Anschluss an den Text: Experten-Interview zu Landflucht, Massentourismus und des Menschen angeborenem Sinn für Ökologie.

Was Louis Ramond de Carbonnières wohl dachte, als er auf der Spitze des Berges stand, den seine Forscherkollegen nur „Mont Perdu“, Verlorener Berg, nannten? Denn von den französischen Tälern aus war der 3355 Meter hohe Koloss nicht zu sehen. Anders auf der anderen Seite. Ramond blickte in ein riesiges, bogenförmiges Tal, bis ganz unten, und sah dort, zwischen gestuften Felswänden den Fluss, Bäume und Wiesen. Da auf dem Berg stehend, 1802, setzte Ramond den Anfang einer Begeisterung, die im August 1918 in der Gründung von Spaniens Nationalpark „Valle de Ordesa y Monte Perdido“ gipfelte.

Nationalpark Ordesa y Monte Perdido in Spaniens Pyrenäen

Wohlgemerkt ist das der heutige Name des in der aragonesischen Provinz Huesca gelegenen Geländes in den spanischen Pyrenäen. Erst 1982 wurde bei der Vergrößerung des Nationalparks auf 15.600 Hektar das Massiv des Monte Perdido mit eingefügt. Der erste auf dem Berg war Ramond de Carbonnières sicher nicht. Zuvor wird sich manch Bauer oder Hirte auf die Spitze gewagt haben. Doch nicht angetrieben durch einen Wettlauf der Forschung, der ab dem 18. Jahrhundert Franzosen und Engländer durch Europa bis nach Spanien trieb. Sondern vielmehr aus einer Notwendigkeit oder einfach Neugier im heimischen Land, zu dem die Pyrenäen Ende des Jahrhunderts auch für Ramond wurden.

„Wie oft fühlte ich mich, entzückt auf der Weide liegend, müde vom irdischen Dasein, wiederbegegnet mit mir selbst vor diesem Palast der Natur – wie im Schoße Gottes!“

Lucien Briet (1860-1921), Fotograf und Autor, über das Tal Ordesa

Denn als Aristokrat und politischer Gegner der gewaltsamen Pariser Herrschaft nach dem 1789er Umsturz wäre der Wissenschaftler in seiner Heimat Frankreich fast geköpft worden. Er floh in die Berge an der spanischen Grenze, wo er die Aufklärung auf seine Weise vorantrieb. Studien der Botanik machten den rationalen Denker zum „ersten Pyrenäisten“. Die Romantik indes ließ ihn die Natur als Vision einer heilen Welt erkennen – und spornte ihn zu immer gewagteren Expeditionen an. Louis Ramond de Carbonnières kam dem Mont Perdu näher und dem Gebiet im Herzen der Pyrenäen, das über Jahrhunderte eine ganz eigene Geschichte geschrieben hatte.

Abseits der Weltgeschichte: Inspiriert von Yellowstone

Während Frankreich und Spanien Könige und Kriege erlebten, kultivierten die Bewohner der natürlichen Grenze, als Nachbarn lebend, ihre Gebiete, bauten Hütten, Pfade und feilschten miteinander um Felder für ihr Vieh. Eine solche Welt war noch ganz intakt auf der Seite des verlorenen Berges, in die Louis Ramond de Carbonnières im Jahr 1802 herabschaute. Denn das bäuerliche Spanien wusste mit der Aufklärung jenseits dieser Grenze, über der der Monte Perdido throhnte, noch wenig anzufangen. So ist der Einfluss der Franzosen im Ordesa-Tal bis heute sichtbar, mit Namen in der Sprache Ramonds, der dort selbst in der Blume Ramonda myconi und dem Berg Soum de Ramond weiterlebt.

Landsmann Lucien Briet, ein Fotograf und Autor, setzte Ende des 19. Jahrhunderts für das Reich des Verlorenen Berges den nächsten großen Schritt. Briet hatte Ramond de Carbonnières gelesen und verlor sein Herz an Ordesa. „Wie oft fühlte ich mich, entzückt auf der Weide liegend, müde vom irdischen Dasein, wiederbegegnet mit mir selbst vor diesem Palast der Natur – wie im Schoße Gottes!“ schrieb er. Briets Fotos wurden später zu entscheidenden Dokumente für die Erklärung des Tals von Ordesa zu Spaniens Nationalpark. Lucien Briet erlebte, wie 1872 in den USA mit Yellowstone der erste und Yosemite der zweite Nationalpark der Welt entstanden.

Eine Art Denkmalschutz: Täler, Schluchten und Gipfel

„For the benefit and enjoyment of the people“, lautete das neue Motto der öffentlichen Naturerfahrung. Geologe Juan Vilanova war der erste Spanier, der beim König für das Prinzip der neuen Nationalparks plädierte. Pedro Pidal, Marquis, Politiker und Visionär, setzte das Vorhaben um. Ursprünglich begeisterter Jäger, überzeugte ihn eine Reise in die US-Parks. „Wenn der Staat für den Schutz von Kunst Nationale Denkmäler schafft, muss er, um die Natur zu schützen, Nationalparks schaffen“, erklärte er. Denn trotz fortschreitender Abholzung hätte sich das Tal noch seine „Jungfräulichkeit“ bewahrt. Nachdem 1916 ein Gesetz den Weg dafür freimachte, gründete Spanien 1918 mit Pidal als zuständiger Generalkommissar die ersten zwei Nationalparks:

Mit diesen ersten Nationalparks wurde Spanien in Europa zum Vorreiter, denn nur Schweden und die Schweiz hatten zuvor Naturschätze mit dem grünen Denkmalschutz versehen. Mit seiner Optik wird das Valle de Ordesa bis heute oft mit Yosemite verglichen, obgleich das Gestein aus Kalk ein anderes ist. Doch umringt den Monte Perdido ein ähnliches Geflecht aus je zwei Tälern – Ordesa und Pineta – und Canyons – Escuain und Añisclo – die vor Jahrtausenden von Gletschern als heutiges Bett für vier Flüsse geformt wurden. Der Nationalpark besticht dank seiner Täler – der tiefste Punkt in der Añisclo–Schlucht liegt 750 Meter tief – und Gipfel – 22 sind über 3.000 Meter hoch – durch Höhenunterschiede.

Vielzahl der Ebenen: Widerstand gegen die Industrie

Diese Differenzen legen einerseits die Sicht auf eindrucksvolle Formationen des Gesteins frei, solche wie das „Gemäuer“ des Berges Mondaruego, die am Eingang ins Ordesa-Tal an ein offenes Buch erinnert, oder die Spalte des Rolands im Bergkamm des Monte Perdido. Doch die Vielzahl der Ebenen dieser „architektonischen“ Struktur, wie Louis Ramond de Carbonnières einmal schrieb, eröffnet auch den Lebensraum für eine besonders reiche Flora und Fauna. Mit 1.400 Arten ist die Hälfte der Pflanzen der Pyrenäen im Nationalpark Ordesa beheimatet, wo auch seltene Tierarten das Wasser, Land und die Luft bevölkern. Das Tal war das letzte, in der der Pyrenäensteinbock lebte, bevor er 2000 endgültig ausstarb.

Auf einem Schwarzweißbild sitzt ein Mann auf einem Baumstamm vor gewaltigem Gebirge und Tal
Valle de Ordesa y Monte Perdido: Fotos von Lucien Briet dienten als Dokumente für Nationalpark-Erklärung © Valle de Ordesa y Monte Perdido

380 Kilometer von Wegen locken jährlich mittlerweile 600.000 Besucher an. Die meisten kommen ins Tal von Ordesa im Sommer, doch auch der Herbst mit seinen Farben auf der riesigen natürlichen Leinwand lockt Besucher in den Nationalpark. Der touristische Ansturm ist ein der Hauptgrund dafür, dass spanische Naturschutzvereine wie zuletzt „Ecologistas en Acción“ die Erweiterung der, inklusive Peripherien, 19.000 geschützten Hektar des Ordesa-Parks forderten. Doch dazu tragen auch die Erfahrungen mit der immer wieder in den Park eindringen wollenden Industrie bei.

Noch zu Pedro Pidals Zeiten wurde 1921 ein Wasserkraftwerk im Tal von Ordesa verhindert, 1970 ein Staudamm im Añisclo–Canyon. Wie jedoch im Rahmen des Jubiläums der Vorsitzende des Parque Nacional, Manuel Montes, versicherte, funktioniere der Naturschutz auf dem Gelände bestens. „Der Nationalpark hat drei Hauptziele: Die Konservierung der Natur, die Versorgung der Touristen und die Förderung der Umgebung“, erklärte Montes. fügte aber hinzu: „Beim dritten Ziel haben wir die Einheimischen nicht genug eingebunden“. Beinahe hätte ausgerechnet das am hundertsten Jahrestag zum Eklat geführt. Angestellte des Parks kündigten im August 2018 einen Streik an, wovon sie nur durch eine Erweiterung ihrer Zeitverträge abgehalten werden konnten.

Der Mensch war eigentlich jederzeit in der Lage zu erkennen, dass die Natur etwas Wertvolles ist.

Carlos Cortés, Geograph für die Förderung des ländlichen Raums

„Benidormisierung“ der Berge: Nur noch sportliche Rekorde

Manuel Montes versprach, den spanischen Nationalpark in den Pyrenäen außerhalb des Sommers als Touristenziel zu fördern – auch, um dem zunehmenden Bevölkerungsschwund zu begegnen. Denn von 22.000 Bewohnern des Landkreises Sobrarbe im Jahr 1900 ist nur noch ein Drittel übrig. Kein Wunder, dass prominente Liebhaber wie Geograph Eduardo Martínez de Pisón gegen die Entwicklungen im 1997 zum Unesco-Weltkulturerbe erklärten Valle de Ordesa poltern – und vor einer „Benidormisierung“ des Tals warnten. Von einer transzendenten „Kultur der Berge“, wie sie Briet oder Pidal pflegten, sei heute nichts übrig, kritisierte de Pisón. Besucher interessierten sich nicht mehr für Idealismus und Würde, sondern nur noch für sportliche Rekorde.

Fest steht, dass Ramond de Carbonnières auf dem Gipfel des Monte Perdido stehend kein Handy zückte, um online ein Foto zu teilen. Doch vielleicht finden auch heute noch Besucher des verlorenen Berges heraus, was der aufgeklärt-romantische Franzose 1802 auf dessen Spitze empfand. Als ein „Bauwerk in Ruinen“ beschrieb der vor blutiger Verfolgung geflohene Forscher in einem Werk die Gestalt des Ordesa-Gebiets. Doch in den Spalten der Felslandschaft erkannte er, auch aus der Höhe von 2.600 Metern, auf dem Boden des Tals sprudelndes Quellwasser sowie Weiden, Bäume und Blumen.

Ein Bergsteiger kniet vor einem schneebedeckten Berg auf Gestein.
Nationalpark Ordesa: Carlos Cortés auf dem Gipfel des Cilindro de Marboré (3325 Meter), dahinter der Monte Perdido © Carlos Cortés

Interview mit Carlos Cortés, Kartograph und Ordesa-Experte

Carlos Cortés ist an der Universität von Alicante (UA) Geograph für die Förderung des ländlichen Raums, Kartograph und ein Kenner des Ordesa-Tals. Mit Costa Nachrichten sprach der Bergsportler über Herausforderungen und Perspektiven des Nationalparks.

costanachrichten.com: Waren Sie auf dem Monte Perdido?

Einmal. Leider war es bewölkt, und auf besseres Wetter warten ging nicht. Doch ich kenne die Aussicht von den benachbarten Gipfeln, von wo man den Monte Perdido bewundern kann.

Hat der Berg in Zeiten von Apps und Co. die Aura verloren?

Ich glaube nein. Er ist ja nach wie vor nicht einfach für jeden zu erschließen. Ich war dort mit meinem Bruder, ein Bergsteiger. Wir mussten die „escupidera“, „Spuckschlucht“ , bewältigen, wo immer Schnee liegt. Rutscht man ab, wird man hundert Meter abwärts „gespuckt“. Also, selbst wenn man oben 20 Andere trifft, nimmt es dem Moment nicht die Magie.

Wird das Tal von Ordesa mittlerweile überrannt?

Nicht unbedingt. Die Massen füllen nur über kurze Zeit die bekannte Zone bis zum Wasserfall Cola de Caballo. Im anderen Tal des Parks, Pineta, ist es auch im Sommer ruhig. Klar ist der Parkplatz in Torla, wo alle ankommen, aggressiv in die Landschaft eingebaut, doch er ist für die Regulierung des Tourismusverkehrs notwendig.

Hat die Entvölkerung mit dem Tourismus zu tun?

So einfach kann man das nicht sagen. Ein Supermarkt im Touristengebiet muss nicht mehr kosten als normal. Schwieriger ist es mit den Mieten. Generell ist der Tourismus in Torla spürbar, das einer Kirmes gleicht. Doch in anderen Dörfern, Fanlo oder Bielsa, wo maximal ein Gasthaus steht, stirbt die Bevölkerung auch aus.

Was kann man dagegen tun?

Das Wichtigste ist, vor Ort Bedingungen zum Leben zu schaffen. In Torla ist der Tourismussektor saisonal, weshalb keiner extra dahin zieht. Aber es gibt andere Einnahmequellen, zum Beispiel Lebensmittel. Bio-Käse aus den Pyrenäen wäre in Spanien gefragt. Auch Dienste wie Bergtaxis können gut laufen. Nur müssen solchen Unternehmen Wege erleichtert werden.

Lässt sich der Trend der Entvölkerung umkehren?

Das glaube ich leider nicht. Ob aus Lust oder Zwang, wir wollen alle in die Stadt. Denn hier sind die Bedingungen zum Arbeiten da, was sich im aktuellen System nicht ändern wird. So dass nur diejenigen, die genug von diesem System haben, in die Dörfer ziehen werden.

Spielt das für die Zukunft des Nationalparks eine Rolle?

Sicher. Den Rang als Weltkulturerbe hat er für den menschlichen Beitrag erhalten. Jahrhundertelang kultivierten Bewohner mit der Viehwirtschaft die Natur. Fällt das weg, kehrt sie in den Urzustand zurück. Ich habe hier nur einen Viehhirten gesehen. Er kam von der französischen Seite, pfiff die Herde an, ein toller Moment. Übrigens floss in die Unesco-Erklärung ein, dass in Ordesa sich Spanier und Franzosen schon friedlich Gebiete teilten, als im Rest Europas Kriege tobten.

Hat der Nationalpark also auch einen ideellen Wert?

Natürlich. Vor allem für Spanien, von dem es oft heißt, es sei in Sachen Umwelt ein einziges Desaster. 1918 war man mit dem Nationalpark Vorreiter in Europa.

Wie erklären Sie sich das?

Natürlich war es das gewachsene Forscherinteresse, doch der unmittelbare Anlass war die gesteigerte Entwaldung. Man sieht also, dass nicht unbedingt eine ökologische Bewegung nötig ist, um die Natur zu schützen. Schon 1400 verhinderte ein Gesetz die Abholzung im Naturpark Font Rotja bei Alcoy. Der Mensch war eigentlich jederzeit in der Lage zu erkennen, dass die Natur etwas Wertvolles ist.

Welche Stelle im Ordesa-Park beeindruckt Sie besonders?

Die Brecha de Rolando, wo man in 2.800 Metern Höhe nach Frankreich sieht. Der Fels sieht wie ein riesiges Schiff aus Stein aus. Das hat mich umgehauen.

Macht das digitale Zeitalter solche Erlebnisse seltener?

Blogs oder Apps eröffnen Menschen Möglichkeiten, sich für den Ort zu interessieren, was gut ist, denn ein Nationalpark ist ja für alle gedacht. Negativ ist natürlich, wenn man sich nur aufs Smartphone verlässt, dauernd fotografiert, GPS anhat, den Akku aufbraucht und aufgeschmissen ist. Ich persönlich bin ein Fan von Karten aus Papier, sammle sie und sehe sie mir noch zu Hause an.

Haben Sie einen Tipp für eine gute Publikation aus Papier über das Ordesa-Tal?

Das Buch des Verlags Alpina mit großartigen Karten und Routen. Das gibt es auch auf Englisch.

Weitere spanische Nationalparks, über die Sie auf unseren Seiten lesen:

Doñana in Andalusien - bedrohtes Naturparadies

Sierra de las Nieves - Nationalpark in Málaga

Unter unseren schönsten Dörfern in Spaniens Hinterland befindet sich zudem eines in der Nähe des Nationalparks von Ordesa.

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