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Ostern in Spanien 2022: Tradition, Tourismus und eine Trendwende + CN-Osterbeilage

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Von: Marco Schicker

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Antonio Banderas bei der Semana Santa in Malaga.
Auch Antonio Banderas schreitet bei der Semana Santa in Málaga an der Seite der Jungfrau. © Daniel Pérez/EFE

Zwischen Kreuz und Kommerz feiert Spaniens Semana Santa 2022 seine „Auferstehung“ praktisch ohne Corona-Restriktionen. Gleichzeitig fallen immer mehr Spanier endgültig vom Glauben ab. Der Osterfreude macht das wenig aus. Weil sie im Grunde weltlich ist.

Madrid – „Genauso wie 2019“. „Mehr als vor der Pandemie“. „Normale Osterwoche“. Jubelmeldungen, die in spanischen Nachrichten für die Osterfeiertage inflationär benutzt werden. 57.000 Flüge von und nach Spanien während der Semana Santa und der drangehängten Ferienwoche, dazu 3,5 Millionen Zugreisende und 15 Millionen Autos auf Fahrten oder im Stau von Madrid an die Küsten und – häufiger als vor der Pandemie – auch ins Inland.

Kaum eine spanische Ferienregion, die nicht schon vor Beginn der Heiligen Woche 80 Prozent und mehr Hotel- und Quartierauslastung melden konnte. 70 Prozent Spanier, 30 Prozent Ausländer reservierten. Für Reisen nach Spanien gibt es praktisch keine Auflagen mehr. Nach zwei Jahren. Wenn wir dieses Aufkommen als „normal“ empfinden möchten, dann ist der ganz normale Wahnsinn wahrlich zurück. Genauer gesagt, zu 90 Prozent, wie die Tourismusmanager wissen wollen. Restriktionsfrei.

Ostern in Spanien: Die Fusion aus Kreuz und Kommerz

Prozession der Pollinica-Bruderschaft auf Mallorca
Die Türen der Kirchen öffnen sich, die Herzen der spanischen Jugendlichen bleiben für Religionen immer häufiger geschlossen. © Jesus Merida/dpa

Umweltfreundlicher als die Urlaubsprozessionen sind hingegen schon stets die wirklichen Osterprozessionen in Spanien gewesen, die nach zwei Jahren Corona-Pause auf Straßen und Gassen von Valencia, Cartagena, Sevilla zurückkehren können. Manche Bruderschaften hatten Probleme damit, genügend Träger zu finden, vor allem in kleinen Orten mussten manche Umgänge deswegen abgesagt werden.

Anderswo gibt es einen regelrechten Ansturm und auch wieder Inbrunst, manchmal Frömmelei bis zur Hysterie. Da drängen sich Menschen tränenüberströmt um die Heiligenfiguren, sind von ihrer eigenen Rührung überwältigt, während die Mehrheit die Osterbräuche und Kapuzenmänner doch schon lange als traditionelle Folklore lebt und erlebt, als buntes Rahmenprogramm für Urlaub und Fiesta. Spanische Ostern, das ist die lebendige Symbiose zwischen Kreuz und Kommerz.

"Reise nach Jerusalem": Wirte sollen Platz für Prozessionen machen

Manchmal kommen sich beide in die Haare. Auch das ein Zeichen der alten neuen Normalität. In Málaga rannten hunderte Wirte dem Bürgermeister die Türen ein, weil der angeordnet hatte, dass sie bis zur Hälfte ihrer Terrassentische wegen der Prozessionen abzubauen hätten, „selbst da, wo gar keine stattfinden“, beklagen sich die Wirte. Sie hätten aber, als Opfer der Pandemie, alles Recht der Welt, an Jesu Auferstehung monetär beteiligt zu werden. 300 Lokale seien von der unfreiwilligen „Reise nach Jerusalem“ betroffen. Dass sie in der Öffnung nach den Lockdowns ihre Terrassen vergrößern durften, das verschweigen sie geflissentlich, pochen auf Gewohnheitsrecht, nach zwei Saisons. Sie gewannen.

Termine für Osterprozessionen an der Costa Blanca.

Wer Spaniens Semana Santa oder die Zahl der Taufscheine für bare Münze nimmt, könnte glauben, er sei in einem tief religiösen, fast fanatisch frommen Land. Das ist er nicht. Er ist in Europa, er ist im Jahr 2022. Meistens. Die spanische Gesellschaft ist eine moderne, offene: Leben und leben lassen hat längst das alte „Plus ultra“ ersetzt und nagt auch am „Amen“. Es ist nicht so sehr, dass der Katholischen Kirche die Gläubigen weglaufen würden. Das tun sie auch, motiviert durch einen Klerus, der sich nicht nur weigert, seine pädophilen Straftäter der weltlichen Justiz auszuliefern, sondern sogar interne Ermittlungen im Rahmen der eigenen Disziplinarhoheit ablehnte. Trotz mahnender Papstworte.

Eine Kirche, die jeden Fortschritt bremst, sich in Lebenswelten und -weisen mit dem großen Zeigefinger und der Höllendrohung einmischt, von denen sie nicht den Hauch einer Ahnung hat. Eine Kirche, der ihre eigene Geschichte zu Kopf gestiegen ist. Menschen, die von solcher Performance enttäuscht sind, könnten ihren Glauben schließlich anderswo ausleben. Was in Spaniens Gesellschaft aber zunimmt, ist der Abfall vom Glauben, vom Christentum, von Religionen insgesamt.

Religiosität in Spanien nimmt massiv ab: Mehrheit der Jugend bereits ungläubig

Seit 2019 stieg die Zahl jener, die angeben, „nicht gläubig“ zu sein, so stark wie nie zuvor, von 27 auf 37 Prozent. Noch vor 20 Jahren gaben das gar nur 13 Prozent an. Die Stiftung Francisco Ferrer Guardia vertieft diese Zahlen gemeinsam mit dem staatlichen Institut CIS durch eine repräsentative Umfrage.

Danach ist der Anteil der „Ungläubigen“ bei der Gruppe der über 65-Jährigen mit 21 Prozent am geringsten, während 63,5 Prozent der Jugendlichen zwischen 18 und 24 angeben, „keine Art von religiösem Glauben“ zu haben. Und das, obwohl sie fast alle getauft wurden, ihre Schulen nach Heiligen benannt sind. Oder vielleicht genau deswegen? Haben sie es satt, dass ihnen alte weiße Männer noch ältere Weisheiten und Verhaltensregeln undiskutierbar vorsetzen, die den Realitätstest nicht bestehen?

Es ist die gleiche Gruppe, in der jeder Dritte keinen Job und nur wenige eine Aussicht auf einen hat, der zu mehr taugt als zum schieren Überleben. Es ist die erste Generation seit langem, die es einmal schlechter haben wird als ihre Eltern. Auch bei den 25- bis 34-Jährigen haben Nichtgläubige und Agnostiker die absolute Mehrheit mit 56,2 Prozent. Nicht, dass sie der Kirche die Schuld für ihre Misere geben würden, doch haben sie wohl erkannt, dass Beten, Dulden, Schuldkomplexe, Heilsversprechen für nach dem Tod sie auch nicht aus dem irdischen Jammertal holen können. Und wenn nichts mehr hilft, schießt sich die Jugend lieber mit härterem Stoff als Weihrauch ab.

Ungläubige Jugend in Spanien: Religion nur noch für die Abinote

Der Laizismus – also Verlagerung der Religionen in den privaten Raum – erreicht dabei nur sehr allmählich die Schulen. Spanienweit wählen zwischen 35 und 40 Prozent der Schüler Religion ab und entscheiden sich für alternative Angebote, im Baskenland sind das bereits 58 Prozent. Doch die PP, die wichtigste Lobbypartei des spanischen Katholizismus, sorgte mit einem Trick bei der Bildungsreform 2013 dafür, dass viel mehr Kids „Religion“ durchziehen als gläubig sind. Denn die Note zählt für den Notenschnitt des Abiturs.

Die Costanachrichten-Osterbeilage als PDF.

Diese sich beschleunigende Abwendung von Heilslehren mit überirdischem Personal hat weitere Auswirkungen: 2020 wurden nur noch 10,5 Prozent aller Ehen kirchlich geschlossen, 2008 war es noch die Hälfte. 1998 kreuzten noch 36,6 Prozent der Steuerpflichtigen das Kästchen an, das einen Teil ihrer Abgaben der katholischen Kirche zuschlägt, 2020 waren es 10,8 Prozent. Gleichzeitig stieg der Anteil jener, die ihren Obulus für „sonstige soziale Zwecke“ entrichteten fast in gleichem Maße. Nächstenliebe ist konfessionslos.

Palmsonntagsprozession in Antequera, Andalusien
Palmsonntagsprozession in Antequera, Andalusien. © Marco Schicker

Interessanterweise sammelt die Kirche dennoch jedes Jahr mehr Geld über das Finanzamt ein, weil „jene, die die Kirche als Begünstigten ankreuzen, immer reicher werden“, so die Stiftung. Auch darüber könnte die Kirche jenes Propheten einmal nachdenken, der einst am Tempel die Wechsler vermöbelte. Heute sind sie seine Sponsoren.

Noch immer ist der Staat katholischer als sein Volk: Sowohl symbolisch, wenn reguläre Armeeteile wie die spanische Fremdenlegion zum Kreuzgang abkommandiert werden, als auch ganz praktisch als Staat im Staate, für den weder das Steuer- noch das Strafrecht bindend ist. Der Semana Santa kann der Bewusstseinswandel der Menschen nichts anhaben, auch wenn sich das Fest von Leiden, Sterben und Auferstehung Jesu immer mehr entkirchlicht. Ob es nun ein kirchliches Fest mit heidnischen Elementen bleibt oder irgendwann wieder ein heidnisches Fest mit kirchlichen Wurzeln wird, tut für das Feiergeschehen und die Emotionen nichts zur Sache.

Dass sich einer für uns geopfert hat und man ihn dafür feiert, das können Menschen, ob gläubig oder nicht, nach wie vor würdigen. Auch ohne Auferstehungsmärchen. Einen Allmächtigen und dessen weltliche Partyplaner brauchen sie dazu immer weniger, zumal die Throne der Heiligen schon immer auf den Schultern von Laien, einfachen, sterblichen Menschen ruhten, – wie alle Lasten dieser Welt.

Zum Thema: Der ewige Kreuzzug - Zur Geschichte der katholischen Kirche in Spanien.

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